Junkies

Ich war Ende dreißig und hatte zehn Jahre Heroinerfahrung, als ich im Methadonprogramm landete, wie nicht wenige meiner Kumpel. Zum Programm gehörte psychosoziale Betreuung, einmal im Monat sechzig Minuten. Es gab einen ganzen Pool an schnurrbärtigen Psychologen und Drogentherapeuten. Einer war Kettenraucher und hatte die nassesten Hände der Stadt und Mitgefühl ohne Ende, ein anderer war dafür bekannt, dass sein Interesse an Junkies zu 100 % erloschen war und er lieber ausführlich von hochalpinen Wandertouren mit Anni berichtete, einer für ihr Alter erstaunlich fitten elfjährigen Mischlingshündin.

Wenn die Sprache doch mal auf Drogensüchtige kam, machte er keinerlei Hehl aus seiner Abscheu.

„Das Gros meiner Klientel stammt aus der Unterschicht und bezieht ihr Wissen aus amerikanischen Actionserien“, höhnte er. „Das ist Hulkwissen. Das sind Polytoxikomane, die alles einwerfen, was sie in die Finger kriegen. Hauptsache, es rumst im Schädel.“

Leute wie mich dagegen, sagte er, bekäme er eher selten unter seine Fittiche. Leute, die ausschließlich Heroin konsumierten, und das auch noch mit intellektuellem Unterbau.

„Ihr seid eher.. na, wie hiessen die früher noch..? Die langhaarigen Typen in amerikanischen Romanen..“

„Hippies?“

„Ja, nicht Hippies.. literarischer..“

„Beatniks.“

„Beatniks! Genau. Euch gibt’s doch gar nicht mehr. Ich meine, euch hat’s hier nie richtig gegeben.. Vielleicht in Berlin oder in Hamburg, aber im Bergischen Land..?“

Er hatte absolut keinen Draht zu den Leuten, die jeden Tag vor ihm saßen. Dabei waren unter den Junkies von der Platte die erstaunlichsten Typen zu finden, wahre Großmeister des Überlebens, echte Könner, von denen wir uns alle noch was abgucken konnten. Becks, den Bienenkönig, hatte man in einer Frankfurter Spezialklinik nach neun Not-OP’s an der verfaulenden Wirbelsäule ins Wachkoma gelegt, weil er die Schmerzen sonst nicht überlebt hätte. „Seitdem weiss ich, was Schmerzen sind“, so Becks, als er drei Monate später wieder auf der Platte stand, mit den Bewegungen eines schlecht  programmierten Roboters. Aber er war zurück. Und jammerte nicht.

Im Gegensatz zu meinem Therapeuten. Ich mochte ihn nicht, ihm fehlte es an den wichtigsten Werkzeugen, die man in seinem Beruf mitbringen sollte, Menschlichkeit und Neugier. Andererseits war es nie verkehrt, sich Leute wie ihn warmzuhalten. Amtsinhaber brauchte man immer mal ganz plötzlich und dringend, Leute, die am Stellwerk arbeiteten, die die richtigen Kontakte hatten und ein Wort einlegen konnten zur rechten Zeit.

Und, natürlich, er hatte ja Recht. Die meisten Junkies waren linke Kimmen, deren Gedanken ständig darum kreisten, ob sich die gut gefüllte und fest auf dem Verkaufstresen der Apotheke vertäute Spendendose auch ohne Seitenschneider entwenden liess. Und wo die Kameras installiert waren.

Und was uns betraf, uns Beatniks, auch da lag er nicht falsch, es gab uns tatsächlich nicht mehr. Wir waren weg vom Fenster, wir waren im Laufe der Zeit unsichtbar geworden, wir hatten uns selbst von der Bildfläche geixt.

Hatte meinem alten Schulkameraden Ringo früher nur ein goldener Schneidezahn und ein Sombrero gefehlt und er wäre als Freischärler durchgegangen, als Guerillero, der nachts auf leuchtenden Pfaden durch die Anden reitet und den Opium-Baronen ihre Ernte klaut, so war am Ende seiner Tage aus Ringo ein lumpiger kleiner Angestellter geworden, der morgens um acht den Vorortzug nach Düsseldorf nahm, um seinem mäßig dotierten Bildschirm-Job in der Schuhbranche nachzugehen. Und da konnte ihm auf dem reservierten Sitz in der 1. Klasse noch so viel golden-brauner Heroinrotz aus der Nase laufen, die Reste seiner routinemäßigen Frühverköstigung, aus einem drogensüchtigen Freigeist war ein kleiner grauer heroinabhängiger Büroschlumpf geworden.

Nein, wir waren keine Hippies mehr und Beatniks waren wir nie gewesen. Der Drogenberater hatte recht. „Da kommen die Intellektuellen!“ rief auch niemand mehr, wenn wir bekifft auf einer Party einliefen und Villons gesammelte Balladen aus unseren Manteltaschen quollen. Erstens gab es keine relevanten Partys mehr, auf denen man noch hätte einlaufen können, zweitens waren selbst die Reclamheftchen längst verschwunden, und drittens: Wer zum Henker war denn am Ende immer besoffener gewesen als der ganze bucklige Rest? Die Intellektuellen, richtig. Weshalb am Ende auch niemand mehr „Da kommen die Intellektuellen!“ rief, sondern da kommen die Trinker. Die Koksnasen. Die Polytoxikomanen. Die Multiplen. Die Mischkonsumenten. Die Crackfotzen.

*

„Ich fand uns extrem unfreundlich im Nachhinein“, so Annette Humpe, Frontfrau der Berliner Neonbabies, über unsere Generation, die um 1960 herum Geborenen. „Aber es ging nun mal nicht anders.“

Wir befanden uns in ständiger Protesthaltung, wir waren die totale Pubertät. Nicht umsonst war es unsere Generation gewesen, die Mitte der Siebzigerjahre den Punk erfunden hat. Waren unsere älteren Geschwister noch auf die Strasse gegangen, um für neue Freiheiten zu demonstrieren, so hatten wir ihren Protest mit der Brudermilch aufgenommen und waren notorisch aufsässig. Sobald irgendwo der Schwanz einer Hauskatze um die Ecke lugte, trat man kurz drauf. Nicht um der Katze weh zu tun, sondern um die Nerven der Eltern zu zerrütten. Der Kampf gegen die Autoritätshörigkeit unserer in der Nazizeit indoktrinierten Eltern setzte unserer Unfreundlichkeit die Krone auf. (Wobei wir gerne übersahen, dass unsere Eltern Kinder gewesen waren, als die Nazis an die Macht kamen.)

Da saß ich also. Es war schwülwarm im Büro der Drogenberatung. Fenster aufmachen bringt nichts, hatte der Psychotherapeut zur Begrüßung gesagt, das lassen wir besser sein, ist besser so, besser für alle Beteiligten. In diesem Sommer war es so drückend heiss, dass man durch die geschlossenen Fenster des Beratungzimmers das Blöken der Kühe hören konnte, die auf den nahen Weiden keinen Schatten fanden und sich lauthals beim Bauer beschwerten – hol uns rein, Bauer! Mach uns lecker was zu trinken! Wir haben die Nase voll!

Da saß ich also beim Drogenberater und hörte mir an, was er zu sagen hatte – tausend Mal geschwurbeltes Geschwurbel von einem Mann, dem seit Jahr und Tag die immer gleiche Mischpoke gegenübersaß, die nur eins von ihm wollte:

den Anwesenheitsstempel.

Die Bestätigung, dass man für 60 Minuten pro Monat seine psychologische Hilfe in Anspruch nahm, eiserne Voraussetzung, um ins Methadonprogramm eines niedergelassenen Arztes übernommen zu werden. Und, wichtiger noch, um dort auch bleiben zu dürfen.

Ja. Wir waren der verdammte Rest. Es gab uns nicht mehr. Es gab uns nicht mehr, weil wir genau wie die anderen geworden waren. Wir nahmen den Vorortzug morgen um acht, um zum Job zu kommen, wir waren im Laufe unserer Sucht erwachsen geworden, wir schoben unsere Probleme vor uns her wie unsere verdammten weißen Fischbäuche, die niemand sehen wollte, weil die Werbung andere Sachen zeigte, Sachen mit Muskeln und braungebranntem Teint. Wir waren Deppen geworden, Allerweltsdeppen, Allerweltsdesign.

Ergiebiger als der Termin beim Psycho-Doc war da schon der wöchentliche Termin beim Hausarzt, Doc Hilten, der das Methadonrezept ausstellte, um das sich alles drehte. Doc Hilten war ein desillusionierter, vom Leben enttäuschter Mann Mitte Fünfzig, der lieber Lufthansa-Pilot geworden wäre statt Drogen-Doc. Er sagte manchmal Dinge, mit denen man als Patient durchaus was anfangen konnte, echte Perlen sprudelten aus ihm heraus, ärztliche Wahrheiten im Grenzgebiet zur gesamtmenschlichen Weisheit, doch da musste man schon sehr genau hinhören, um sie nicht zu verpassen, die Wahrheiten, in dem Wust an medizinischem Ritual-Rhabarber, das er besonders dann gern und oft bemühte, wenn er sich sicher sein konnte, dass sein Gegenüber kein Wort kapierte. Ein Umstand, aus dem er seltsamerweise seine ganze ärztliche Autorität abzuleiten schien. Keine Ahnung, warum. Ich verstand den Mann nicht.

Er konnte stundenlang salbadern, es nahm kein Ende, er redete und redete, er suhlte sich in Fachwissen und seltenen Doktorsachen und Fremdworten, wohlwissend, dass kein Junkie je kapierte, was er meinte, dass jeder das Interesse verlor, weil er so schnell voranmarschierte und Rückfragen überhörte – ein durch und durch lächerlicher, ein komplett gescheiterter Mann. Ein Trump. Der aber das Rezept ausstellte. Der an die Macht gekommen war. Nein. Wir kamen nicht zusammen, Doc Hilten und ich. Wir blieben uns fremd.

(Wobei, so übel war er gar nicht. Aber er konnte übel sein. Das war das Dumme.)

Was nun das Entwöhnen von Methadon betraf, beziehungsweise Polamidon, der rechtsdrehenden Variante des Ersatzgifts, so schien auch Doc Hilten kein anderes Rezept zu kennen, als die tägliche Menge langsam aber sicher runterzudosieren, so wie es die meisten seiner Kollegen versuchten. Im Schnitt sollte die tägliche Dosis alle vier Wochen um einen halben Milliliter verringert werden.

„.. irgendwann bist du auf Null, ohne es wirklich gemerkt zu haben. Und zum Schluss verschreibe ich dir leichte Beruhigungsmittel.. Zusätzlich können wir Bio-Energetik machen, wenn du meinst, dass du das brauchst. Dann bist du clean. Dann hast du es geschafft. Dann hast du dein Leben zurück. Dann spielst du wieder Bundesliga.“

Süchtige waren für ihn Kreisklasse. Hilten war ein massiger Mann, der seine Drogenpatienten mal duzte, mal siezte, gerade so, wie es ihm in den Kram passte, und der definitiv zuviel Nahrung in sich hinein stopfte. Einmal hatte ein Unbekannter Hilten du alter Fress-Buddha an die Backsteinmauer seiner Praxis gesprüht. Schon nach zwei Tagen war es überpinselt.

„Mit Bio-Energetik hast du in einer Viertelstunde keine Angst mehr. Vor gar nichts. Auch nicht vor einem cleanen Leben.“

„Tz, als wäre das so einfach, Doc.“

„Es ist so einfach“, antwortete Hilten mit fester Bauchstimme. Er holte sie von ganz unten herauf, wie ein erfahrener alter Kohlenschlepper.“Du musst es nur wollen.“

Genau das war die Krux. Die meisten Junkies wollen nicht clean werden, jedenfalls nicht so rasch und umfassend, wie die Leute, die sich theoretisch mit Drogensucht beschäftigten, es gern gesehen hätten. Junkies waren aus vielerlei Gründen im Substitutionsprogramm eines niedergelassenen Arztes gelandet und nahmen Methadon ein, eines aber war ihnen allen gemein: sie hatten die Nase voll vom täglichen Rattenrennen ums Heroin.

„Der Teufel hat da draussen die Hosen an, Doc!“

Wenn Heroin der Jumbo-Jet unter den harten Drogen ist, dann ist Methadon abgesichertes Fliegen. Mit Methadon befindet sich der Abhängige sozusagen im Simulator eines Verkehrsflugzeugs, der einem die Lust am Fliegen nehmen soll. Was die Suchtproblematik an sich betrifft, die Ursache, die Wurzel der Sucht, ist das ganze nicht mehr als sinnlose Verlagerung, die aber einige handfeste Vorteile bietet. Im Gegensatz zum üblichen Straßen-Heroin ist Methadon sauber, bleibt bis zu 36 Stunden im Blut und, im übrigen: Man muss ja nur genug von der in einer gelben Trägerflüssigkeit servierten Lösung nehmen, schon sitzt es sich im Simulator des Jets fast so gemütlich und kommod wie im Jet selbst. Und selbst der Kontinent, den man als Junkie überfliegt, kommt einem erstaunlich bekannt vor.

„DA UNTEN HAB ICH LANGE GEWOHNT! SIEHST DU DAS HAUS DA VORN? DA UNTEN, RECHTS!! UND DA, DIE PLATTE! DA HAB ICH IMMER RUMGESTANDEN! HE, SCHAUT MAL, DER TYP MIT DEM KÄPPI, DAS IST DER KLEINE WIEGAND..! ICH WERD VERRÜCKT! STEHT DER IMMER NOCH DA RUM!“

„Nächsten Monat“, versprach ich Doktor Hilten jeden Monat, weil er es nun mal hören wollte, dass ich das sagte, „nächsten Monat geh ich einen halben Milliliter runter“, worauf er mich anglotzte wie ein Bergführer, dem niemand mehr folgte, dem nie jemand gefolgt war und dem plötzlich klar wurde, dass sich daran auch niemals etwas ändern würde.

*

Manchmal hielt ich inne in dem täglichen Trott aus Methadonvergabe und Warten auf die Wirkung und fragte mich, was ich in den vergangenen Jahren eigentlich erlebt hatte an nennenswerten Dingen, abgesehen von toxischen Knüllern und Schmuggelfahrten über die holländische Grenze. Andererseits, erlebten gewöhnliche Leute denn so viel mehr..? Gewöhnliche Leute, die süchtig waren nach Shoppen und Fressen, nach Nimbus, Überstunden und dicken Motorrädern? Hatten die am Ende des Tages mehr zu erzählen als Drogensüchtige?

Nicht, dass es irgendwen wirklich interessierte, wer mehr zu erzählen hatte am Ende des Tages, aber es waren ja genau diese gewöhnlichen Leute, die ihren legalen Süchten nachgingen und hasserfüllt auf Junkies niederblickten, die sich an ihrer illegalen Sucht abarbeiteten. Die sich so viel besser fühlten, so überlegen, nur weil ihnen nicht gleich der Arsch auf Grundeis ging, wenn sie ihren Stoff mal einen halben Tag lang nicht zu Gesicht bekamen. (Was ja auch wirklich nicht schlecht ist, verdammt.)

Ich erlebte Heroin als Sniefer, als Blower, nicht ein einziges Mal in meiner gesamten Laufbahn hab ich eine Spritze angepackt. Allein das Aufziehen der Pumpe schreckte mich ab, es war mir zu technisch, zu kalt und zu umständlich. Eine Menge Leute aus dem inneren Zirkel waren süchtig oder wenigstens zeitweise drauf, der dicke Hansen, Pepe, Karlos, Ringo, der es am ärgsten trieb und clean gar nicht mehr vorstellbar war. Dann waren da die zahllosen Süchtigen, die man automatisch kennenlernt, wenn man sich auf der Szene bewegt, Menschen, die allein und unsichtbar für die normale Welt auf ihrer vom Amt finanzierten Bude hängen, in der unentwegt der Fernsehapparat plärrt. Und wenn es doch mal klingelt und es kommt Besuch, dann ist es garantiert Besuch aus der Szene und es wird getratscht und hergezogen über andere Junkies.

Deutsche Junkies sind Petzliesen.

Wer von wem um wie viel abgezockt wurde, wer schmal und fertig aussieht, wer auf den Strich geht trotz Hepatitis, wer Leberwerte um die Tausend hat, wer seine Alte beklaut, wer bei den Bullen ausgepackt hat, selbst wer sich mit einer schlimmen Verstopfung, „drei Wochen hab ich nicht mehr geschissen, ungelogen!“, durch seine faden, verhärteten Tage schleppt, findet Erwähnung. Wer im Knast sitzt, wer wieder draußen ist, auf zwei Drittel, wer gutes Kokain vertickt, kaum verschnitten, direkt aus Panama und kein verdammtes polnisches Arbeiterkoks.

„Rachel vertickt Coke..?! Die Rachel? Die fertige Rachel..?? Hast du ihre Nummer?“

„Hm.. schon. Aber von mir hast du die nicht!“

„Nee. Is klar.“

Wer tot ist und so weiter.

(FORTSETZ.)

*

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