Der Bettfrisör

Kaum hatte sie ein bißchen zugenommen, äußerte sie den Verdacht, ich würde ihr nachts heimlich Cremetörtchen in die Hüfte spritzen. Na schön, sie war prämens, von prämenstruell, kurz vor der Periode, dieser katholischen Frechheit, wo sie immer etwas empfindlich ist, wobei: das Wort prämens gibt es ja gar nicht. Nicht im Fremdwörter-, nicht im Slang-Buch. Ich kenne das Kurzwort prämens überhaupt nur von ihr und ihrer besten Freundin, mit der sie früher gern reiten gegangen ist. Sie ist dann immer sehr empfindlich, (nicht wenn sie reiten gegangen ist), wenn sie prämens ist, die Gräfin.

Eine Prinzessin auf der Erbse.

„Du meinst, eine Prinzessin auf der DNS einer Erbse“, stellt sie klar.

*

Früh am Morgen hörte ich einen verzweifelten Aufschrei aus dem Bad, ein Aufschrei, der mir bekannt vorkam..

“WAS IST DAS DENN..?! HAB ICH UNTERM ELEKTROZAUN GEPENNT?! DAS SIND DOCH KEINE HAARE, DAS IST EIN UNFALLGESCHEHEN, DAS IST EIN BLECHSCHADEN AUF DER A3, DAS IST..“

Klare Sache: Der Bettfrisör war dagewesen. Immer, wenn der Bettfrisör über Nacht zu Besuch kam, erwachte sie mit einer Frisur „wie eine verdammte Kathedrale!“ Oder als wären da „überall Butterhörnchen auf dem Kopf!“

Einmal verpasste er ihr gar ein Kurzhaar-Toupet.

„Guten Morgen, der Herr“, grüßte ich erstaunt, als ein Fremder die Küche betrat, „kann ich Ihnen weiterhelfen?“

„Blödmann“, zischelte sie, und da der Bettfrisör zwar in die Frisur reinpfuschte, aber nicht in die Stimme, erkannte ich umgehend meinen Lapsus:

die Blaublütige!

„Steht Ihnen ganz hervorragend, der neue Europa-Schnitt, gnä’ Frau.“

„Europa-Schnitt??! Was redest du da? Guck mal, wie ich aussehe! Wie ein wild gewordener Handfeger!“

„Der Bettfrisör!“ schimpfte ich. „Den hole ich mir!“

Natürlich war er längst über alle Berge.

*

Selbst, als sie das Haar kurz trug, erwachte sie oft mit einem Gefühl, als wäre auf ihrem Kopf ein Riesendurcheinander.

„Andere Leute fahren Achterbahn, ich muss bloß wach werden.“

Verdächtigte sie früher den Bettfrisör, dass er über Nacht schräge Schnittmuster an ihr ausprobierte, so war sie nun davon überzeugt, dass lauter kleine Schlangenbeschwörer unter ihrer Schädeldecke hausten und ihre Haarwurzeln stimulierten. Mein Einwand, ihr Haar sei nun mal von Wirbeln bestimmt, egal, ob sie es kurz oder lang trug, wurde pro forma ins Protokoll aufgenommen, aber nicht weiter verfolgt.

Schön, ich weiß, das klingt alles ein bißchen nach Bollywood, was ich hier erzähle, zumal sie damals alle 2 Tage ein Maharadja-Vollbad nahm und unser Haus mit Jasmindüften flutete, aber was soll ich sagen – so war das damals, ungefähr 2004/2005 herum, in der Ecke. Als wir unser zurückgezogenes kleines kubanisches Leben lebten, mitten in Deutschland, und ab und an ergraute ihr Haar über Nacht und die Kopfhaut juckte wie Sau.

„DAS SIND ALL DIE WIDRIGKEITEN DES LEBENS, DIE SICH IN MEINEM SCHOPF VERKRALLT HABEN!“

*

Ich erwischte ihn nie, den Bettfrisör, also gewöhnte ich mich daran, morgens ihre entsetzten Aufschreie aus dem Bad zu hören..

„HIMMEL! WIE SEH ICH DENN AUS!? WIE EINE LACHSALVE!!“

„Ein Kopfpudel!“

„Ne triefäugige Frauenkolumne!“

„Ein überhitzter Senioren-Pumuckel!“

„Als hätte ich Maultaschen an den Seiten hängen.“

Dann aber, eines Tages, ganz plötzlich, war er fort. Der Bettfrisör verschwand, wie er gekommen war, über Nacht. Vielleicht fühlte er sich der überbordenden Mähne der Gräfin auf Dauer nicht gewachsen, denn Dinge, die bereits in Unordnung sind, noch mehr durcheinanderbringen, das schien selbst einen alten Hasen wie den Bettfrisör zu überfordern.

So ging denn eine Weile alles seinen Weg. Die Gräfin wurde wach, betrachtete sich im Spiegel, gähnte zufrieden. Keine besonderen Wirrnisse über Nacht.

Bis ich sie eines Morgens wieder jammern hörte.

„Nein!! Was ist das denn..? Ich werd bekloppt!“

Und da ich in der Regel stets das Schlimmste befürchte, wenn ich höre, dass jemand bekloppt wird, stürzte ich ins Badezimmer, um nach dem rechten zu sehen.

„Wo isser?“

„Wer?“

„Na, der Bettfrisör!“

„Der Bettfrisör? Was redest du da!?? Nicht der Bettfrisör! DER SPECKMONTEUR WAR DA!“

„DER SPECKMONTEUR??“

„HIMMEL, JA!“ Ein ganzes Kilogramm hatte er ihr angeblich an den Bauch gepappt, über Nacht. „Sieh mal, wie das hier schwabbelt, iihh! Das ist der Thunfisch-Auflauf von gestern Abend! Ich hab so zugenommen über Nacht, ich kann schon eine Führung anbieten durch mein Bauchfett!“

Wovon redete sie da? Es war überhaupt nichts zu sehen.

„Pah, Männer! Ihr habt keinen Blick dafür! Ein Kilogramm hab ich zugenommen seit gestern Abend! Ich hab kolossale Fettschmerzen!“

Natürlich war mir der Speckmonteur nicht unbekannt, so wie der Speckmonteur allen Ehemännern, Lebensgefährten und ständigen Begleitern und Komplizen nicht unbekannt ist. Der Speckmonteur, der Bettfrisör und der berüchtigte Christopher Cellulite, Boss der riesigen Orangenhaut-Anbaugebiete Po-Ebene und Oberschenkel, bilden ein Trio, das seit geraumer Zeit ganze Arbeit leistet und Frauen in aller Welt in Angst und Schrecken versetzt.

Hinzu kam, dass eine eingebildete Bindegewebsschwäche der Gräfin an diesem Tag massiv aufs Zungenbein drückte und dafür sorgte, dass eine Kanonade an Hassgesängen niederging, Hassgesänge auf alle Speckmonteure, Bettfrisöre und Cellulites dieser Welt. Und hat die Gräfin ihre Kodderschnauze erst einmal aktiviert, wechseln selbst Rammstein schamvoll die Straßenseite.

„Ein Kilo über Nacht? Die Schweine! Es reicht! Jetzt wird gefastet“, jammerte sie. „Ich faste, bis ich wieder in mein Kommunionsröckchen reinpasse! Und diesmal gibt es keine Bum-Bum-Bratwurst-Diät, wo es vierzehn Tage lang nur Bratwurst und Speiseeis gibt, jetzt wird richtig gefastet: Ich geh auf Null-Diät!“ So weit, so gut. Nun war sie aber der Überzeugung, dass es verdammt öde sei, tagelang nur den eigenen Geschmack im Mund zu haben, denn das wäre das eigentliche Problem beim Fasten.

„Dass man tagelang keinen anderen Geschmack auf der Zunge hat.“

Also unterbreitete sie mir folgenden Vorschlag: „Ich koche dir jeden Abend eine Mahlzeit, und wenn du brav aufgegessen hast, darf ich dir eine Runde durchs Maul lutschen.“

„Nur für den Geschmack“, fügte sie hinzu, weil ich skeptisch dreinschaute.

Na schön. Da ich ja, was das Kochen anging, eh in einem Abhängigkeitsverhältnis erstarrt war, schlug ich ein. Aber erst mal gab es ein ordentliches Frühstück: NUDELN FÜR ALLE! Danach schneide ich mir die Fußnägel, dachte ich. Die sind so happig geworden, die Fußnägel, die ziehen schon Blicke im Sommer. Nichts gegen Blicke, aber wenn die ständig und ausschliesslich auf die Füße zielen, das verunsichert schon sehr. Ich meine, Füße sind ja ein bißchen wie Zähne, nur untenrum: Jeder achtet beim anderen darauf, wie sie in Schuss sind. Da muss man schon ein Auge drauf haben.

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4 Gedanken zu „Der Bettfrisör

  1. Einfälle und Worte, wie wenn einer in ein Fass springt und die Niagaras runter will. Klasse!
    Meine „prämens“ früher ließ mich auch fast die Wände hochgehen, immer dieses Rumpelstilzchengefühl kurz vorher…

  2. In der Tat, lieber Herr Glumm, an den Füssen erkennt man den wahrhaft gepflegten Menschen. Die darf man nie aus den Augen verlieren. Wenn doch, ist das der Anfang vom Ende. Hat meine Tante Else immer gesagt.

  3. na ja also so ,,dieser Guru oder yogi der alles wachsen liess was wachsen kann
    kam auf die Idee
    ab heute schneid ich mir nix mehr ab
    die fingernägel brachten es auf stolze 1,5 meter pro Hand ,was ja auch wiegt nee
    die fussnägel waren noch länger
    sah cool aus
    hinunwider stellte ihm jemand einen Napf hin

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