Der Fernsehapparat

Guckt man aus unserem Küchenfenster scharf nach rechts, landet der Blick in einer Erdgeschoss-Wohnung, in der Tag und Nacht der Fernseher läuft, ohne jede Unterbrechung. Entfernung Luftlinie: zirka zwanzig Meter. Hausnummer 53. Mittelbare Nachbarschaft.

Pro 7 läuft, arte läuft, Phoenix, RBB, es ist alles dabei. Das Erste. Sogar QVC, der Verkaufssender, der, wenn man ihn normal und flüssig ausspricht, wie Kuh-fot-ze klingt, was ich ein starkes Stück finde.

Das Merkwürdige an der Wohnung, in der Tag und Nacht der Fernseher läuft: weder die Gräfin noch ich haben dort jemals eine Menschenseele gesichtet. Da ist niemand, der mal kurz durchs Zimmer geht und sich am Hintern kratzt, da ist niemand, der einfach mal frische Luft rein lässt, weil er sich gerade am Hintern gekratzt hat. Das Einzige, was es zu sehen gibt, und zwar ständig, ist das Flackern des Fernsehers.

„Dann wohnt der Apparat eben allein“, war die Erklärung, mit der wir ein halbes Jahr gut gelebt haben. Bis heut Nachmittag. Da ist etwas anders, da fehlt plötzlich etwas. Und wenn in dem sozialen Mosaik, das sich für jeden Einzelnen von uns Tag für Tag neu und doch vertraut zusammensetzt, plötzlich etwas fehlt, werden wir unruhig. Wenn die temperamentvolle Spanierin von der Nr. 34 seit einer Woche nicht mehr laut in ihr Handy tütet, fragen wir uns, was ist los mit ihr. Ist der Lover gone? Und wenn das düstere Fernseh-Zimmer im Haus schräg gegenüber, Luftlinie 20 Meter, Hoch-Parterre, plötzlich hell erleuchtet ist, rufe ich die Gräfin.

„Komm mal schnell!“

Sie steht in ihrem Malzimmer an der Staffelei, mit Farbe beschmiert, kommt aber sofort angelaufen. Sie erkennt schon an der Dringlichkeit in meiner Stimme, ob das Angelaufenkommen sich lohnt. Sich lohnen könnte. Eventuell.

„Ach, du Schande..“, sagt sie. „Ist denn da los..?“

Wir stehen nebeneinander, die Nasen platt an die Fensterscheibe gedrückt.

„Hoffentlich kein Todesfall.“

So schockbeleuchtet es in der Wohnung gegenüber auch zugeht, der TV-Bildschirm bleibt dunkel, dramatisch dunkel geradezu. Das ist neu. Das haben wir noch nie gesehen. Nicht in diesem Leben. Nicht in dieser Wohnung, Hoch-Parterre, Hausnummer 53. Auch als der Abend hereinbricht, ist das Bild unverändert. Die Wohnung liegt da wie ein verlassener Tatort, in verstörend hartes Licht getaucht, als wäre die Spurensicherung im Haus, von der aber nicht zu sehen ist – und das TV-Gerät? Immer noch tot. Kein fröhliches Flackern mehr, nur eine mausetote matte Fläche, mitten im Wohnzimmer, wie aufgebahrt.

Still nehmen wir Abschied.

„Waren keine schlechte Nachbarn..“

„Nein, keine schlechten..“

Nur unsichtbar.

Verständnisvoll ziehen wir uns ins Malzimmer der Gräfin zurück und sehen aus Solidarität eine Runde fern, doch wie soll da rechte Stimmung aufkommen, wenn zwanzig Meter entfernt ein verstorbener Kollege unseres Blaupunkts keine terretristischen Signale mehr empfängt.

Gegen dreiundzwanzig Uhr trete ich noch mal ans Küchenfenster. Der Vollmond sticht zwischen den Zweigen der Birke hervor wie ein Fanfarenstoß, so daß ich es erst nicht wahrnehme.

Dann seh ich es.

„DAS GIBTS DOCH NICHT! ER LEBT..!“

Als sei nichts geschehen, liegt das Zimmer abgedunkelt da, bläuliches TV-Licht kreiselt fröhlich die Wände hoch und runter, ich vermute einen Polizei-Report auf Vox. Wieder rufe ich nach der Gräfin, wir können uns nicht satt sehen am gewohnten Spektakel.

Herrliche Television.

Natürlich fragt man sich, was die ganze Veranstaltung eigentlich sollte, jetzt, wo alles wieder in Ordnung ist.

Nüchtern betrachtet: eine kleine Unterbrechung.

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7 Gedanken zu „Der Fernsehapparat

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