Ich kannte ihn nicht

Nach dem Nachtdienst, es war noch dunkel, stand ich vorm Kiosk am Mühlenplatz, wo ich nicht gerade Stammkunde war, und holte mir die Zeitung und ein Päckchen Tabak.

„Ist schon wieder einer tot“, sagte die Büdchentante.

Ich verstand sie nicht richtig, der Straßenverkehr war zu laut. Ich beugte mich ein Stück vor in ihren warmen hellen Kiosk.

„Hm..? Was ist?“

„Ist wieder einer tot. Schlimm ist das. Dabei sah der gar nicht so aus. Das war doch ein ganz Lieber..“

Ich wusste nicht, von wem sie sprach. Wer war tot? Ich nickte zur Treppe vorm Kaufhof, wo die Junkies und Punks tagsüber herumhingen, mit ihren Zahnlücken.

„Sie meinen einen von denen..?“

„Nein, keiner von denen. Der hatte doch ein Zuhause. Der sah gar nicht so aus, als würde er Drogen nehmen.“ Ihre Augen klimperten. „Ist schon komisch heutzutage. Man sieht das den Leuten gar nicht mehr an. Früher wusste man genau, wer Drogen nimmt und wer nicht. Aber heutzutage.. wer weiss das schon.“

Die Büdchentante, eine kleine Person mit schiefem Mund, der merkwürdig unbeteiligt blieb während sie redete, zählte das Wechselgeld auf dem Teller ab.

„Und woher wissen Sie das?“ fragte ich.

„Na, ich wohne doch da, am Grünewald. Um halb drei heut Nacht haben sie ihn gefunden. War überall Blaulicht auf der Strasse und ein Ambulanzwagen. Er hatte auch wieder Arbeit als Masseur und war so froh, dass er die kleine Wohnung übernehmen konnte.“

Am Grünewald.. In mir arbeitete es, welchen Junkie ich kannte, der am Grünewald wohnte, aber mir fiel niemand ein. Der kleine Twing hatte mal auf der Neustrasse gewohnt, direkt über einer Kneipe, aber das war lange her, außerdem war der Twing kein Masseur, nein, das haute nicht hin.

„Da denkt man immer, die Stadt wäre so harmlos“, fuhr sie fort, „und jetzt ist schon wieder einer tot. Dabei sah der gar nicht so aus.“

„Wie alt war der denn?“ fragte ich. „Noch jung?“

Sie nickte.

„Zwanzig, vielleicht zweiundzwanzig.. Tut mir richtig leid um den Jungen. Letztens hat er noch bei mir geklingelt, ob ich eine Kopfschmerztablette für ihn hätte.“

Wenn der Kerl so jung gestorben war, kannte ich ihn nicht. Mit 20, 22 gehörte er zur nächsten Generation.

Jede Generation hat ihre eigenen Toten.

Die Büdchentante starrte an mir vorbei, auf einen fernen unbestimmten Punkt im Frühverkehr, ich hörte Lastwagen brummen, ein Taxi hupte. So blieben wir stehen, vielleicht eine viertel Schweigeminute lang, bevor ich unbeholfen „tja..“ sagte, und weiter ging.

Ich kannte ihn nicht.

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