DIE ELVIS-UHR VON DEN BAHAMAS

Mit Fünfzig hat man morgens dicke Ränder unter den Augen, so die Gräfin. Aber nicht vom Saufen, sondern vom Durchschlafen.

Mittwochs muss sie früh raus. Sie hat zu arbeiten. Nach dem Frühstück steht sie im Bad, unzufrieden mit ihrer Frisur.

„Die brauchen noch mal richtig Seeluft, die Haare! Hier werden die niemals so schön wie am Meer – niemals!“

Ich liege im Bett und schaue Morgenmagazin, beiße gelegentlich in eine Scheibe dramatisch süßen Honig-Semmel und teile ihr die aktuelle Uhrzeit mit.

„26!“ rufe ich beispielsweise, wenn es 7 Uhr und 26 Minuten ist. Vier Minuten noch, dann muss sie los.

Oha.

Das wird eng.

„Wie spät?!“ ruft sie.

„28!“

„Du Scheiße! Jeden Mittwoch dasselbe!“ Sie grummelt vor sich hin. „Ich müsste am Meer leben, schon wegen der Haare. Ich seh aus wie ein wildgewordener Handfeger! Damit kann man doch nicht unter die Leute..!“

„29!“ rufe ich. „Noch eine Minute!“

Manchmal ruft sie um 29 verärgert zurück: „NICHT SO SCHNELL, DU WAHNSINNIGER! ICH BIN DOCH NICHT IM RENNVEREIN!“ Jedenfalls war das bisher so, Mittwochmorgens. Hat sich leider eine Menge geändert, seit sie diese Elvis-Uhr am Arm trägt. So ein billiges Teil aus dem Internetkatalog, in irgendeinem Hinterzimmer auf den Bahamas zusammengekocht. Nun bin ich prinzipiell nicht gerade begeistert, wenn es um Billig-Importe aus Taiwan geht oder woher auch immer, es sei denn, ich werde dabei begünstigt, dann kann man schon mal ein Auge zudrücken. Mein spezielles Problem mit der Elvis-Armbanduhr von den Bahamas: das Teil zeigt wirklich die Uhrzeit an! Pünktlich! Und der Minuten-Zeiger ist sogar eine echte! Elvis-Gitarre! Seither fragt die Gräfin nämlich nicht mehr nach der Uhrzeit, Mittwochmorgens. Hat sie nicht mehr nötig. Hat ja jetzt eine eigene Uhr. Seither bin ich ein Batzen Luft für sie, der früh am Tag im Bett herumlümmelt und fernsieht, während sie Vorbereitungen trifft für einen langen schweren Arbeitstag.

(Ich sehe das kleine Mädchen vor mir, das sie einmal gewesen ist und von dem sie so viel erzählt hat, ein kleines Mädchen, das barfuß über Stoppelfelder rannte. „Das hat richtig gebrannt an den Füßen, wenn wir uns abends waschen mussten.“

„Sie war immer in ihrem Element, wenn sie ne Menge Kinder um sich hatte, die nach ihrer Pfeife tanzten“, fügte ihre Mutter hinzu. „Dann war sie glücklich.“)

Gut. Heute morgen, es ist Mittwoch, steht sie im Bad. Sie hat es eilig, und die Haare sitzen schlecht.

„Das ist ein Gefühl beim Kämmen, als würde alles hochgehen!! Wie unter einer blöden Elektrohaube. Ich seh aus wie der letzte Heinz, echt eh! Richtige Hochhäuser sind das da oben! Ich sollte El Kaida beauftragen, dass die mir diese scheiß Zwilingstürme abschießen!“

„26!“ werfe ich ein, wie nebenbei.

„Dabei sind das alles nur meine Elektronen, die spielen verrückt..! Die drehen durch.“

„27!“

„Wie.. 27? Das weiß ich doch. Ich hab jetzt selber eine Uhr, Schätzchen.“

Eine Minute später.

„28..“

Keine Reaktion. Mein Plan: ich erspare ihr den Blick auf die verfluchte Armbanduhr. Kostet ja auch Zeit. Und Zeit ist knapp Mittwochmorgen. Zeit ist ein Vermögen Mittwochsmorgen. Mit der Zeit, die man einspart, hat man mehr vom Morgen. Da kann man richtig auf die Kacke hauen, da kann man prassen mit den Sekunden. Da ist plötzlich Extra-Zeit für ein halbes Dinkelbrötchen.

Wieder zwei Minuten später. Die Saat geht auf.

„Wie spät?!“ ruft sie.

„30!!!“ ruf ich.

„Mist! Ich muss los! Jeden Mittwoch dasselbe!“

Ja, genau! Ich mein, ich lass mich hier doch nicht so einfach wegrationalisieren, hör mal!

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3 Gedanken zu „DIE ELVIS-UHR VON DEN BAHAMAS

  1. Ich verstehe Dich gut, finde es auch immer dramatisch, wenn liebe gewordene Gewohnheiten plötzlich überflüssig geworden sind. Mit den Haaren hat sie recht, am Meer sind meine Haare auch nie elektrisch.

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