Ne Herde schwarze Elefanten

Früher Vormittag im Kaiser-Eck. In Vohwinkel. Frühjahr ’88. Ich bin vom Nachtdienst direkt in die Kneipe, hab keine Lust auf zu Hause. Insgesamt vier Mann am Tresen, mich eingerechnet. Kommt ein Fünfter rein, kriegt gleich sein Bierchen hingestellt.

„Von Köln bewegt sich ne dunkle Wand auf Wuppertal zu, wie ne Herde schwarze Elefanten. Hab ich eben im Wetterbericht gesehen. Morgen, Alfred.“

„Morgen.“

Kommt noch einer rein. Die Eingangstür knarzt wie ein alter Tresor.

„Fängt an zu hageln draußen! Morgen, Jungs..“

„Morgen, Günter.“

„Bist ja gar nicht am husten“, wundert sich die Wirtin.

„Doch doch.. ich hab schon gehustet. Alfred..! Morgen.“

„Morgen.“

„Ist Asthma?“

„Nee, ist anhänglich“, entgegnet Alfred.

Alle lachen auf.

„Anhänglich wie ein Popel.“

Ein älterer Herr spaziert durch die Kneipe wie durch die Fußgängerzone. Er bleibt vor mir stehen und schaut freundlich auf mein Notizbuch nieder, das ich aus der Jacke gefischt und auf den Tresen gelegt habe.

„Schularbeiten, ja..?“ fragt er.

Bevor ich nicken kann, ist er schon weiter. Vielleicht war er mal beim Ordnungsamt, in seiner aktiven Zeit. Immer unterwegs. Die erste Runde Feigling wird geordert. Die Wirtin greift nach hinten ins Regal, wo eine ganze Batterie kleiner Aperitifs aufgebaut ist. Fancy Flavours Bubble Gum.

„Fünf Wodka-Feige, Jungs?“

Sie stellt die Fläschchen auf dem Tresen ab. Die Infanterie.

„Musst du richtig kloppen, das Teil“, sagt Alfred und kloppt.

Das lässt die Wirtin so nicht gelten.

„Das kann man auch schütteln, Alfred, du musst nicht immer so einen Krach machen.“

„Doch, musst du kloppen! Damit das richtig durcheinanderwirbelt da drin! So.. verwirbelt, Charlottchen! Hier, der Likör!“

Günter stiert auf den Tresen.

„Wieviel Volt hat Wodka-Feige überhaupt?“

„Zwanzig“, meint Alfred. „Oder fünfundzwanzig, weiß ich nicht. Musst du richtig kloppen, das Teil. Prost!“

„Prost, Alfred.“

„Prost.“

„Prost, Jungs!“

Die Tür schwingt auf.

„Der Herr Sparkassendirektor, guten Morgen“, grüßt Günter. Die fünfundzwanzig Volt bringen seine Bäckchen zum Glühen. „Ist das heute ein Betrieb hier.“ Der Neuankömmling legt Mantel und Hut ab. Er hat gestern Abend Fußball geguckt, erzählt er, „aber nur eine Halbzeit lang. Dann haben wir Besuch gekriegt. Verdammte Bagage. Die kommt immer, wenn Fußball läuft. Jedes Mal. Die hat ein Näschen dafür, wann man stört, die Bagage.“ Er streift mich mit einem Seitenblick: Wem gehört der denn? Der Wohlfahrt? Der Gendarmerie? Ein Rocker? „Ist ganz schön am hageln da draußen.“

Der alte Spaziergänger hat seine Runde durchs Kaiser-Eck beendet und verschnauft einen Moment am Tresen.

„Noch ein Bierchen, Charlotte.“

„Wird gemacht, Meister.“

„Das mit dem Hagel, das ist die schwarze Wand, die kommt direkt aus Köln!“ schreit Günter, als ginge es um Tschernobyl. Er hat es die ganze Zeit gewusst. Er ist der Wettermann im Kaiser-Eck. Er kennt jeden Halbschatten, jeden Elefanten. Und er kocht gern. Wenn er Zeit hat.

„Wenn ich eins kann, dann für zwei kochen.“

„So einen hätte ich auch gern zu Hause“, seufzt die Wirtin.

„Du wolltest mich ja nie“, schreit Günter.

„Musst du immer so einen Krach machen?“

„Charlotte, zartes Wesen! Ein Helles“, ordert der Sparkassendirektor, ganz der Galan, „und einen Kurzen.“

„Ne Lokalrunde?“ fragt Alfred listig.

„Ne Runde, pft. Bin ich Rockefeller?!“

„Ja sicher! Sparkassendirektor, oder nicht?!“

„Ein Helles, ein Kurzer“, wiederholt die Wirtin. „Kommt sofort, Herr Direktor.“

Sie zapft, sie spült, sie telefoniert, sie hat immer was zu tun, während die Männer nur dasitzen und quasseln und auf den nächsten Kurzen warten. Oder Langen. Egal. So lange es nur der nächste ist.

„Sag mal, dein Mann kommt ja gar nicht mehr zurück“, meint Alfred.

„Nee, dem war nicht gut“, sagt die Wirtin. „Der ist nach Hause.“

„Müssen wir ihm ein Ölfläschchen besorgen“, schlägt Alfred vor. „Die letzte Ölung?“

„Oder ne Schere“, meint Günter.

„Wie, ne Schere?“

„Na ja, ne Schere eben.. Für hinten.“

Ratloses Schweigen. Damit kann niemand etwas anfangen. Ne Schere.

„Blödsinn. Mein Mann ist Einkaufen“, beendet die Wirtin die Debatte.

„Ach soo.“

„Ist klar.“

„Haben die Geschäfte denn schon auf?“

„Ja, sicher! Ist schon halb zehn durch!“ Sparkassendirektoren kennen die Uhrzeit am besten.

„Oha!! Schon halb zehn durch! Du kriegst die Motten!“

Alle zwei oder drei Minuten rumpelt die Schwebebahn an der Eckkneipe vorüber. Vohwinkel ist Endstation. Oder der Anfang. Wie man’s nimmt. Die Schwebebahn vibriert von Vohwinkel bis Unterbarmen durchs Tal der Wupper. Durch den Nebelkessel. Durchs düster-bergische San Francisco. Wo die Cable Car auf Stelzen gebaut ist und Schwebebahn heißt, aber eigentlich ein Stelzbock ist, der quietscht und rattert und schreit, und zwar bis tief in die Nacht. Von wegen Schwebebahn. Schreibahn. Ratterbahn, Quietschebahn.

Günter kommt erfrischt vom Klo.

„Sag mal, Charlottchen, hast du neue Toilettensteine? Das müffelt so schön nach Waldmeister da unten.“

„So, noch ein Bierchen und dann ab nach Hause, was tun“, meint Alfred.

Die Mehrheit ist sich einig: Es gibt doch überhaupt nichts, was Alfred daheim tun könnte. Er ist Witwer und lebt allein, er hat kein Hobby. Er redet irr. Er bleibt noch ein bisschen.

„Was machen die Hühneraugen?“ fragt er die Wirtin.

„Die wachsen und gedeihen“, antwortet der Sparkassendirektor.

„Da kommt vom vielen Rumstehen“, meint Charlotte

„Ach, Pflaster drauf und fertig!“ schreit Günter.

Alfred dreht sich zu mir um.

„Ich hab noch nie Hühneraugen gehabt. Du?“ Er guckt auf mein Notizbuch, schert sich aber nicht weiter darum. „Gute Schuhe sind das A und O im Leben. Am besten Lederschuhe. Ist doch egal, wie die aussehen. Ich mein, was nützen mir die schönsten Schuhe, wenn die billig verarbeitet sind und sofort aus dem Leim gehen, wenn es mal nieselt. Oder, junger Mann?“

Weil ich für kurze Zeit im Mittelpunkt stehe, sogar der Spaziergänger wird auf mich aufmerksam und bleibt kurz stehen, werde ich nervös und der Kugelschreiber springt mir aus der Hand, im hohen Bogen über den Tresen. Wie beim Stabhochsprung.

„Huch!“ ruft Alfred. „Dolle Nummer.“ Er bückt sich nach dem Stift und reicht ihn mir.

„Danke“, sag ich.

„Hat noch zwei Wurf, der junge Mann!“ schreit Günter.

Die Wirtin stellt mir ein Kölsch hin. Ich schätze sie auf Anfang Fünfzig. Mit kleinen blonden Zähnchen, wie Stina von Saltkrokan. Nur zehn Mal so alt. Die nächste Schwebebahn läuft in den Bahnhof Vohwinkel ein, bremst mit einem Kreischen ab, als würde ein Arbeitselefant mit dem Bauch über heißes Metall rutschen. Das bergische Muttertier kommt schwerfällig zum Stehen.

„Mein Enkel ist zweieinhalb“, meint der Sparkassendirektor. „Dem hab ich gestern einen Osterhasen geschenkt.“

„Wieso, ist doch noch gar kein Ostern“, murmelt Alfred.

Der Direktor winkt ab. „Aber bald, Alfred.“

„Is wahr?“

„Sicher. Freitag is Karfreitag.“

„Hm. Oh.“

Am Ende des Tresens hockt der schweigsame BILD-Leser. Man hört nur gelegentlich das Knistern der Zeitung, wenn er umblättert.

„Unser Hund kann futtern, was er will“, wirft Günter in die Runde. „Der kann fressen wie ein Schwein, der wird nicht dick.“

Charlotte zündet sich eine Zigarette an.

„Würde ich auch gern mal sagen.“

„Ja, aber wisst ihr auch warum? Weil der so viel kläfft. Der kläfft sich die Kalorien wieder raus! Ist doch so. Der ist clever. Erst fressen, dann kläffen. Den ganzen Tag, immer in der Reihenfolge. Der ist ein Genie, der Hund.“

„Soll ich etwa auch kläffen, wenn ich abnehmen will?“

Der Leser hat die Zeitung aus. Sie ist noch in seiner Hand, er liest aber nicht mehr. Er hält sie nur fest.

„Das ganze Leben lang haben sie mir gesagt, dagegen kann man nix machen, das ist so, damit müssen Sie sich abfinden, und jetzt krieg ich hinten so ein Röhrchen, so’n Stäbchen reingepflanzt, so implantiert, wisst ihr, damit ich beweglich bleib. Irgendwas muss man ja machen, woll?“

„Ja, warum nicht“, sagt Charlotte, aber ich hab nicht den Eindruck, als wüsste sie, wovon der Leser spricht. Niemand scheint zu wissen, wovon der Mann spricht. Es ist zum ersten Mal still im Kaiser-Eck. Man hört das Bier rauschen in der Leitung, wenn die Wirtin die Gläser auffüllt. Nachdem Alfred sich schließlich doch verabschiedet hat, „Bis morgen, Fußsoldaten“, wendet sich Günter mir zu. Er wird schnell intim.

„Ich hab einen Neffen, hör mal, ich glaub, der ist am Kiffen. Der fährt immer nach Holland. Da kauft der Hasch im Hasch-Shop und verkauft es hier in Vohwinkel für fünf Mark den Joint. Ist das nicht gefährlich? Sag mal. Ist doch gefährlich, oder?!“

„Geht so“, sag ich.

„Is nich gefährlich?“

„Nee. Is nich gefährlich. Kiffen is nich gefährlich. Also.. nich so gefährlich.“

Als ich kurz darauf zahle und gehen will, ich bin schon halb zur Tür raus, ruft mich die Wirtin zurück.

„He, hiergeblieben! Dein Notizbuch!“

In jedem Leben gibt es Momente, gibt es ein, zwei Stunden am Stück, die könnte man eins zu eins in einen Film Noir übernehmen und auf die Leinwand bringen. Wohl dem, der dann ein bisschen Originalton mitgeschrieben hat. Soundtrack drunter, Stimme aus dem Off drüber, paar schwarze Elefanten, 1 Million Dollar, unterzeichnen Sie bitte hier.

„Danke!“ sag ich.

 

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3 Gedanken zu „Ne Herde schwarze Elefanten

  1. das war die Frühschicht
    da haut noch keiner auf die tasten
    selbst der flipper und Spielautomat bleiben stromfrei
    hanni bleibt achtsam
    wos denn hier kippenautomat?

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