Am dicksten Geldautomaten der Stadt

Dienstagfrüh, Ende des Monats. Ich geh mal davon aus, dass der dickste Geldautomat der Stadt noch einen Hunderter in petto hat für mich, warum sollte er sonst so protzig in der Gegend rumhängen, der alte Auszahler, also gebe ich meine Geheimzahl ein sowie den Betrag und warte ab, was passiert.

Tief im Inneren des Terminals hört man ein Ächzen und Rattern, dunkel und bedrohlich, ein großspuriges Arbeitsaufkommen, als wären Ali Baba und seine vierzig Banker unterwegs zu meinem Girokonto. Das kann dauern. Da müsste Wüste sein. Ich hab Zeit. Ich bin blank. Rettet die Sahara.

Ich dreh mich zur Seite, und wer steht da, keine zwei Meter entfernt, mit Motorola-Handy und beiden Beinen fest auf der roten Demarkationslinie?

Peter Hobs.

Dass er mit Vornamen Peter hieß, wusste außerhalb der Schule kaum einer. Jedermann nannte ihn bloß Hobs. Dabei passte der Vorname ganz gut zu ihm. Ein Peter ist nie ein Normaler. Ich habe bis heute keinen Peter kennengelernt, der nicht durchgeknallt gewesen wäre. Jeder Peter hat ein Schoss raus, nicht selten steht die ganze Hütte offen.

Der alte Peter Hobs..

Wie ich ihn so dastehen sehe, in sein Mobiltelefon vertieft, muss ich an die alten Zeiten denken, als die Sesamstraße via WDR nach Deutschland schwappte, Anfang der Siebzigerjahre, noch im amerikanischen Original als Sesame Street und ohne Untertitel.. und wie klasse alle Ernie fanden, viel besser als den steifen Bert. Alle, bis auf Hobs. Peter Hobs stand auf Bert. Dabei war Bert doch nur Stichwortgeber, pure Staffage, die Gags machte Ernie. Ernie war der Coole. Erst heute ist es für mich nachvollziehbar, dass man auch Bert cool finden kann – ja, ich finde Bert mittlerweile auch besser als Ernie. Na, sagen wir, genauso gut. Oder fast so gut. Ach, Schnickschnack alles. Ernie ist immer noch der Beste!

Nachdem ich den Hunderter eingestrichen hab, den mein großer starker Geldautomat ausgespuckt hat, drücke ich mich an Hobs vorbei, der eine SMS-Nachricht liest, und grüße.

„Hallo Hobs.“

Er scheint erst nicht zu realisieren, wer da Dienstagmorgens seinen Weg kreuzt, kurz vor acht in der alten Schalterhalle am Schlagbaum, dann erkennt er mich, nickt mir pomadig zu. Mit einem Lächeln rückt er auf in der Schlange vorm zweiten Geldautomaten, „du weißt ja, die Zeit, sie drängt“, und widmet sich wieder dem Telefon.

Hobs war ein Einzelkind, seine Spielzeugeisenbahn war um einiges größer und ausgefuchster gewesen als meine, aber in seinem Zimmer roch es gewaltig nach Muff und die schweren Vorhänge waren ständig zugezogen, selbst im Sommer. Die wenigen Male, die ich bei ihm mit Eisenbahnspielen verbrachte, kamen mir vor wie Besuche in einem anderen Jahrhundert. Zu seinem elften Geburtstag lud er mich auf seine Geburtstagsfeier ein. Außer mir kamen nur Thomas H. und jemand anderes. Es gab dunklen Kuchen und Kuhmilch. Hobs stand die meiste Zeit seltsam herum, wie sein eigener dicker Butler.

Ich weiß nicht, ob er wirklich ständig diese gemütlichen Norwegerpullis trug, doch in meiner Erinnerung ist Hobs das Urbild eines Klassenkameraden, der gemütliche braune Norwegerpullover trug und ein bisschen zu langsam war für die Welt.

Hobs wohnte keine fünf Minuten Fußweg entfernt von mir, in der Papageiensiedlung, in einem hochgeschossigen Gründerzeitbau mit Erkern und Spitzgiebeln. Ein bedächtiger Typ, schlurfender Gang. Er hatte zwanzig Pfund zu viel drauf, und auf seiner Nase saß eine Hornbrille mit Gläsern dick wie Panzerglas.

Dafür war Hobs der erste in der gesamten Unterstufe, der in den Stimmbruch kam, das war ja auch was wert. Das war sogar unsere kurzfristige Leitwährung, der temporäre Superdollar in unserer Klasse, die ausnahmslos aus Jungs bestand. Höhere Bürgerschule für Jungen. Traditionsgymnasium. Keine Mädchen, dafür hundertfünfzehntausend Walter Scheels.

Einmal hatte ich Tafel-und Türdienst. Das bedeutete, die Tafel sauber halten und zu Beginn jeder Stunde bei geöffneter Klassenzimmertür auf den Lehrer warten, ihm einen guten Morgen wünschen und die Tür hinter ihm schließen.

Hobs war spät dran an diesem Morgen.

“Ich war gestern beim Arzt. Ich bin im Stimmbruch”, sprach er die historischen Worte und eilte außer Atem zu seinem Platz. Ich blickte ihm erschrocken hinterher. Jetzt, wo er es ausgesprochen hatte, hörte ich es auch. Dieser merkwürdige Aufzugsound in seiner Kehle, als würde jemand lustig hoch und runterfahren und mal mit rasselnden Stiefeln im Keller aussteigen, mal in Frauensandalen oben unterm Dach rumschlappen. Da war richtig was los in seiner Kehle.

Verdammt.

Seine wilden Jahre begannen, und wir anderen hockten noch in den Startklötzen und warteten auf den Schuss aus der Starterpistole.

„Habt ihr den Schuss nicht gehört?“ gackerten die doofen Weiber.

Im Alter von elf, zwölf Jahren nimmt man alles sehr genau. Man sucht solide Freunde, man probiert Freunde aus, man wird selber ausprobiert. Auch zum zwölften Geburtstag lud Hobs mich auf seine Party ein. Kindergeburtstag konnte man dazu ja nicht mehr sagen, Party aber auch noch nicht. Es war Nachmittag. Es gab Napfkuchen und Kakao, die schweren Vorhänge waren zugezogen. Ein paar andere Jungs waren jetzt ebenfalls im Stimmbruch und Hobs spielte Pop-Singles. Obwohl er den schwerfälligen, eher gestrigen Eindruck eines Hansels machte, der in der Schlagerrallye auf WDR2 anruft und sich Mendocino von Michael Holm wünscht, er stand auf Rockmusik. Nicht nur das, er kannte sich sogar mit US-Neuerscheinungen aus, was mir imponierte. Und schön düster war es auch in seiner Gruft..

Zum 12. Geburtstag schenkte ich ihm He’s gonna step on you again von John Kongos. Eine rockige Single, die wie Johnny Wakelings In Zaire direkt aus dem Dschungel zu kommen schien, getrieben von Buschtrommeln und einem sich wiederholenden Gitarrenriff, der wie eine scharfe Liane durch den Song schwang, wobei – die B-Seite fand ich noch besser. John Kongos an der Akustikgitarre, Sometimes it’s not enough (when you use only words).

(Mitte der 80er wurde Peter Hobs im Daddy, dem angesagtesten Soul-Club im Bergischen, als Rock & Soul-DJ (!) engagiert, und er war nicht mal übel. Ich seh mich noch auf der Tanzfläche, im weißen Hemd und mit Sonnenbrand, wir waren jung und besoffen, und Hobs spielte Billie Jean und Beat it!)

Ich wusste nicht, ob Hobs mit der Musik von John Kongos etwas anfangen konnte, denn auch wenn er Ahnung zu haben schien von der Materie, was ihm gefiel wusste ich nicht, das wusste niemand, da hielt er sich bedeckt. Aber dass ich ihm überhaupt eine 45er-Single geschenkt hatte, löste ein freudiges Funkeln in ihm aus. Von diesem Tag an waren wir eine Weile Verbündete. Wir gingen sogar gemeinsam ins Kino. “Als die Frauen noch Schwänze hatten”, “Ben Hur”, Filme, die im Roxy in der Nordstadt liefen.

Unsere Freundschaft war ein wackliges Stühlchen. Viel zu sagen hatten wir uns nicht. Mitten in der Vorstellung fiel es mir ein. Mir wurde heiß, es kam wie ein Überfallkommando. Erst war ich mir nicht sicher, ob ich das Heft wirklich liegen gelassen hatte, doch je mehr ich darüber nachdachte, desto verzweifelter wurde ich. Am liebsten wäre ich sofort aus dem Kinosessel gesprungen und nach Hause gedampft, um nachzusehen, was los war. Was ich da angerichtet hatte. Denn obwohl ich es mir wieder und wieder durch den Kopf gehen ließ, ich konnte mich nicht exakt erinnern. Ich konnte mir nicht sicher sein. So blieb ich sitzen bis zum Abspann. Gequält. Stumm. Schuldig. Ans Kreuz genagelt den Halunken! Nichts ist schlimmer als das Gefühl von Schuld, doch ich verlor kein Wort darüber, obwohl Hobs direkt neben mir war.

Aber wie hätte ich es ihm auch sagen sollen.

Es ging um ein Sex-Heft. Ich hatte es Monate zuvor im Schlafzimmer meiner Eltern gefunden, unter Stapeln frischer Wäsche. Ich weiß gar nicht, was ich dort gesucht hatte. Es war die reine Neugier.

Zuerst verdächtigte ich Onkel Fitting, dass er es dort deponierte. Doch wie zum Teufel sollte mein Patenonkel, dem ich sonst alles zutraute, weil er so ein lockerer Vogel war, unbemerkt ein Sexheft im Wäscheschrank meiner Eltern verstecken? Es war verwirrend, es gab keinen Sinn, wie ich es auch drehte und wendete. Und wenn es Onkel Fitting nicht gehörte, wem dann? Meinen Eltern selbst etwa? Doch was hatten Vater und Mutter mit Sex am Hut?

Es war kein richtiges Pornoheft, es war mehr ein Magazin. Der Geruch steigt mir heute noch gelegentlich in die Nase, wenn ich ein druckfrisches Hochglanzprospekt aus dem Briefkasten fische, es ist der gleiche sexy Geruch, die gleiche Verheißung. Ich ziehe ein Möbel-Prospekt aus dem Briefkasten und was rieche ich? Mösen und Möpse. Eine Foto-Story im Mittelteil drehte sich um Masturbation. Ein junges Paar aus Skandinavien schilderte, wie es sich jedes Wochenende um den Verstand wichste und dabei gegenseitig zusah.

“Zum Schluss ejakuliert Johan nur noch kleine hektische Tröpfchen”, las ich.

Na gut. Wenn ich allein in der Wohnung war, holte ich das Heft hervor. Wenn ich genug hatte, legte ich es zurück in den Schlafzimmerschrank, so, wie ich es vorgefunden hatte, in derselben Position unter dem Wäschestapel, damit bloß kein Verdacht aufkam. Dass es jemand weggenommen hatte.

An diesem Tag aber war alles schiefgelaufen. Ich hatte es eilig gehabt, ich wäre fast zu spät zum Kino gekommen, ich war mit Hobs verabredet gewesen, das Heft blieb versehentlich auf meinem Bett liegen. Das heißt, ich war mir nicht ganz sicher. Ich konnte mich nicht erinnern, ob ich es zurückgelegt hatte.. Vielleicht hatte ich es ja doch zurückgebracht. Wenn man Dinge wieder und wieder tut, immer auf die gleiche Weise, wie soll man sich da genau erinnern?

Ich hockte in meinem Kinosessel und versuchte mir den Weg vom Kinder- ins Schlafzimmer vorzustellen, wieder und wieder durchschritt ich in meiner Phantasie den langen Flur, mal mit, mal ohne Heft in der Hand.

Doch je öfter ich es durchspielte, desto sicherer schien mir, dass ich es tatsächlich auf meinem Bett vergessen hatte. Natürlich, es lag aufgeschlagen auf dem Bett im Kinderzimmer, meine Mutter war längst nach Hause gekommen und hatte es gefunden und wartete nur darauf, mit mir abrechnen zu dürfen. Das Drama hatte mich nur noch nicht erreicht, in der Sicherheit des dunklen Nordstadt-Kinos. Das Roxy hatte das härteste Gestühl aller innerstädtischen Lichtspielhäuser. Ich saß auf einer Bombe. Sie war mit Stoff überzogen.

Je länger die Ungewissheit dauerte, desto verfahrener wurde die Situation. Da gab es schließlich noch andere Optionen. Vielleicht hatte Mutter das Heft gefunden, es aber aus Scham still und heimlich an sich genommen. Vielleicht würde sie kein Wort darüber verlieren, weil es auch für sie und Vater peinlich war. Oder, schlimmer: Vielleicht hatte sie gar nichts gewusst von dem Sex-Heft. Vielleicht hatte Vater das Magazin für seinen Bruder, Onkel Fitting, in ihrem Schlafzimmer versteckt, und nun war durch meine Schusseligkeit alles ans Tageslicht gekommen und ein Riesentrara im Anmarsch.

Als ich die Wohnungstür aufschloss, war Mutter schon in der Diele und kam auf mich zugestürzt.

“Mit dir hab ich noch ein Hühnchen zu rupfen, mein Sohn” zischte sie böse und suchte meinen Blick. “Was hast du in unseren Sachen zu suchen?!”

Auch wenn ich damit gerechnet hatte, dass sie aufgebracht sein würde, nun, wo es soweit war, rutschte mir das Herz in die Hose, und andere Sachen direkt hinterher. Ich wusste kaum, was ich sagen sollte. Ich hatte ganz schlechte Karten.

Das Roxy machte wenig später dicht. Dracula jagt Mini-Mädchen war der allerletzte Film, der in der Nordstadt gezeigt wurde, aber Hobs und ich sahen ihn uns nicht an. Das ging auch gar nicht, denn ich hatte fett Stubenarrest.

Ich war mutterseelenallein in der Wohnung.

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2 Gedanken zu „Am dicksten Geldautomaten der Stadt

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