Fußgängerzone 1989

Heroin ist eine dieser Geschichten, wo du ziemlich genau weißt, wie es endet, wenn du damit anfängst, und du tust es trotzdem. Du gibst dich der Sucht hin, mit diesem höhnischen Gefühl, ihr könnt mich alle mal, ich geh jetzt zu meiner Geliebten, da könnt ihr tausend Mal sagen, sie tut mir nicht gut. Die führt dich in den Ruin. Die zieht dich ab, das ist ne linke Tante. Zehntausend Mal.

Das Blut, ausstaffiert mit frischem Stoff, rauscht lauter.

Und dass Heroin unecht ist, dass Heroin nur gestohlener Mut ist, das geht einem erst später auf.

*

Ich hielt mich immer für was besonderes. Bis ich anfing, Heroin zu nehmen und süchtig wurde. Die Droge zeigt einem, wie gewöhnlich man ist.

*

Es begann mit einem Telefonanruf. Die meisten Dinge beginnen mit einem Telefonanruf. Ein Telefonanruf ist so lapidar, dass man gar nicht auf die Idee kommt, damit würde eine neue Ära eingeläutet. Und dann nimmt das Gespräch an und die Sache geht ihren Weg. Ich bin seither extrem vorsichtig geworden mit der Entgegennahme von Telefonaten. Wenn auf dem Display eine Nummer erscheint, die ich nicht kenne, lasse ich erstmal die Mailbox ihrer Arbeit nachgehen. Schon klar, nach dieser Devise handeln heutzutage viele Leute, doch die Gräfin und ich waren Vorreiter, wir schmetterten schon Anrufe ab, als es noch gar kein Display gab, die eine unbekannte Nummer hätte anzeigen können.

Der Anruf im Sommer 1989 kam vom schönen Dirk. Mit seiner energischen Kinnpartie und der germanischen Haarpracht wirkte er wie eine Palastwache. Oder zum Höfling emporgestiegen. Er ist längst tot. Er starb in den frühen Neunzigern an einem Hirnschlag, ohne dass irgendwer davon etwas mitgekriegt hätte. Zwar war mir aufgefallen, dass die Schlagläden seiner Etagenwohnung jedes Mal geschlossen waren, wenn wir am Vogelsang entlang fuhren, doch ich unternahm nichts, ich war nicht um Aufklärung bemüht, ich wunderte mich nur. Vielleicht war er ja in Urlaub. Oder er war bei Mannesmann neuerdings im Nachtdienst und legte sich tagsüber aufs Ohr. Vielleicht war es auch einfach Zufall, dass die Schlagläden ausgerechnet immer dann geschlossen waren, wenn wir am Vogelsang entlang fuhren.

Ich weiß noch, dass ich irgendwann zu Karlos sagte, Mensch, der schöne Dirk hat aber einen gesegneten Schlaf, bei dem sind immer die Schlagläden zu, und wie entgeistert Karlos mich anguckte, so viel kann man doch gar nicht pennen. Erst als seine Schwester die Polizei informierte, weil sie seit Wochen nichts von ihrem Bruder gehört hatte, brach man die Wohnung auf und fand seinen Leichnam, noch halb im Bett sitzend, das Gesicht von Maden untertunnelt. Andere Reste seines Körpers mussten von Spezialkräften mit dem Löffel vom Bettlaken gekratzt werden, so erzählte man es sich, bevor der schöne Dirk im Zinksarg seine letzte Ruhe fand.

*

Er rief damals bei uns zu Hause an, weil er gutes Material auf der Tasche hatte und was verticken wollte. Karlos war nicht da. Ich fühlte mich persönlich angesprochen.

„Das ist ein Bombenmaterial, das zieht dir die Schuhe aus.“

Dirk war ein komischer Kauz. Machte gern auf dicke Hose, besonders wenn er auf Koks oder Ampf war, dabei war er im Grunde ein lieber Kerl, er hatte ein gutes Herz. Einmal traf ich ihn abends an der Bar. Er erzählte, dass er von seiner Großmutter kam, die ihn über alles liebte und 20 Mark geschenkt hatte, mit dem Hinweis: „Mit dir gibt das sowieso nix mehr, mein Junge.“

Wie wir da gelacht haben.

Viele Morphinisten sind im Grunde genommen nichts anderes als herzensgute Süchtige mit einem Batzen unerledigter Kindheit am Arsch. Und man muss ja nicht unbedingt jeden Tag die Fresse voll kriegen, um es nicht verarbeiten zu können, es reicht schon, dabei zu sein, wie jemand die Fresse voll kriegt, jemand, den man mag. Vielleicht die Mutter.

Mehr als einmal hab ich solche Geschichten gehört, wenn man unter Süchtigen zusammensitzt und konsumiert und einer beginnt zu erzählen, wie sein Vater früher die Mutter geschlagen hat, bis zu dem Punkt, wo man als Junge alt genug war, um dazwischen zu gehen und sich den Vater vorzuknöpfen: Wenn du Mutter noch ein einziges Mal anrührst, breche ich dir das Genick. Womit die Geschichte in der Regel nicht beendet ist. In der Regel bricht ein gewalttätiger Vater seine Gewalttaten nicht abrupt ab, nur weil sein Jüngster plötzlich Muskeln kriegt. Die Sache ist komplizierter, nebenan in der Wirklichkeit. Sie neigt dazu, eine Kopfnuss ins Spiel zu bringen. Einen zweiten Bruder. Ein Frauenhaus.

Wir hatten uns für den Nachmittag in einem Wirtshaus in der Nordstadt verabredet. Für vier Uhr.

„Was kann ich denn schönes für dich tun? Wieviel kann ich dir denn mitbringen?“ hatte der schöne Dirk noch gefragt, in diesem gespielt geschäftsmäßigen Ton, als ginge es um Keramikschalen oder Rockerkutten. Irgendwas unverfängliches, falls die Bullen sein Telefon abhörten.

„Na, einen Fuffie“, antwortete ich. Was sonst. Ein Fuffie war die übliche Einheit und eigentlich zu viel für mich. Ich war ja nicht drauf. Ich genehmigte mir zwei, drei Mal im Jahr ein Pack, damit war es dann auch ausgestanden. Nicht, dass Heroin mir nichts gegeben hätte, doch ich wäre nicht auf die Idee gekommen, dem Zeug nachzulaufen. Dafür war es mir zu stark. Es stellte alles auf den Kopf, und ich musste dauernd kotzen.

Ich hörte Dirk leise stöhnen. Ich hatte wohl das Falsche gesagt. Ich war zu deutlich geworden. Aber wie bitteschön hätte ich „für 50 Mark“ umschreiben sollen?! Unverfänglich, für Bullenohren?

Auf dem Weg zum Date mit Dirk lief mir Kilian über den Weg, in der Fußgängerzone zwischen Woolworth und Kaufhalle.

„He“, sagte er.

„He“, sagte ich.

Kilian war ein Schreinergeselle mit wallendem Haar, von dem ich Anfang der 80er Jahre eine Weile Haschisch gekauft und den ich dann aus den Augen verloren hatte. Viele Leute, die ich kannte, arbeiteten als Schreiner oder Tischler. Kilian war ein bisschen undurchsichtig. Ein freundlicher Zeitgenosse, der viel lachte, ein Hippie, aber ohne große Attitüde. Er saß mit Freunden gern im Park und ließ Frisbeescheiben hin- und her flitzen. Jetzt aber, zwischen Woolworth und Kaufhalle, im Frühjahr 1989, Monate vorm Mauerfall, war da etwas in seinem Blick, das war anders als früher. Er taxierte mich regelrecht. Er hatte etwas auf der Seele. Dann rückte er damit raus.

„Du ziehst doch auch schon einmal Näschen..“, begann er zögerlich, und erst, als ich nickte, fuhr er fort. „Ich kann morgen was klarmachen. Wenn du Lust hast, meine ich.. kannst du dich morgen Abend bei mir melden.. Oder die Tage.“

Ich war ein bisschen baff, dass selbst ein alter Kiffer wie Kilian jetzt mit Schore zu tun hatte, aber es lag einfach in der Luft. Überall um mich herum begannen Leute auf harte Drogen umzusteigen, darunter auch einige, die bislang strikt die Finger davon gelassen hatten. Heroin, Kokain und Amphetamine schwappten in gewaltigen Wellen durch die Straßen, und ehe man sich versah, stand man selbst bis zum Hals im Gift.

„Mal sehen“, sagte ich. „Warum nicht.“

Dass ich gerade auf dem Weg war, einen Fuffie kaufen, erwähnte ich nicht.

Der ersten Welle harter Drogen, die Anfang der 80er über die Stadt zusammengeschlagen war und Pepe und andere Bekannte mitgespült und getötet hatte, hatte ich noch ausweichen können. Diesmal fehlte mir die Kraft. Mehr noch: ich war bereit.

Dirk wartete schon auf mich. Er hockte am Tresen, mit winzigen diamantharten Pupillen, und nuckelte am Bier. Ich bestellte ein großes Kölsch. Im gleichen Moment wollte ich die Bestellung rückgängig machen. Ich kotz doch sowieso gleich alles wieder aus, sobald ich ein Näschen gezogen hab, dachte ich, beliess es aber bei der Bestellung.

„Alter, hast du gestern das Spiel gesehen?“ machte Dirk auf jovial, ich hatte keine Lust auf Gequatsche. Ich wollte das Pack kaufen, das Bier austrinken, dann nichts wie nach Hause. Doch Dirk meinte, mir noch unbedingt einen Bären aufbinden zu müssen. Angeblich hatte er am Wochenende eine Alte mit riesigen Möpsen klargemacht. Erst hielt ich es für eins seiner typischen Märchen, doch dann kam er zu der Stelle, wo er unten lag und die Möpse über ihm waren wie Sturmgeläut, „Alter, ich wusste nicht, wo ich zuerst hinpacken sollte, wie beim Jonglieren, ich schwöre!“

Er demonstrierte seine Verzweiflung, indem er einen Stapel Bierdeckel vom Tresen griff und damit wild hantierte, bis einer nach dem anderen zu Boden ging. „Alter!“ Wir tranken das Bier aus und trennten uns draußen vor dem Wirtshaus.

„Wenn nochmal was ist, ruf an“, sagte er.

Advertisements

4 Gedanken zu „Fußgängerzone 1989

  1. Ich finde den Text literarisch einen Deiner besten. So schonungslos, was harte Drogen betrifft, und doch nicht sentimental oder gar reumütig. Die Faszination des Stoffs wird greifbar, die Zerstörungskraft auch. Unheimlich dicht und konzentriert geschrieben, großartig!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s