1989

Geschichten sind alles, was wir haben. Mit dem Erzählen von Geschichten versichern wir uns gegenseitig unsere zufällige Existenz. Erst unsere Geschichten verleihen dem Dasein die Struktur, die wir benötigen, um wenigstens halbwegs so aus der Nummer herauszukommen, als wäre alles so geplant gewesen, wie es gekommen ist.  Als hätte es niemals, niemals anders kommen können. Als hätte unser Leben:

Sinn.

*

Heroin ist eine dieser Geschichten, wo du ziemlich genau weißt, wie es endet, wenn du damit anfängst, und du tust es trotzdem. Eine Weile zierst du dich vielleicht, du nimmst das Pulver nur, wenn dir jemand ein Näschen ausgibt, du suchst nicht aktiv nach dem Gift, lässt die Dinge auf dich zukommen, und doch – wie groß ist die Freude, wenn man seiner Gier endlich nachgibt. Wenn du dich deiner Sucht hingibst, mit diesem höhnischen Gefühl, ihr könnt mich alle mal, ich geh jetzt zu meiner Geliebten, und da könnt ihr tausend Mal sagen, die tut dir nicht gut, die führt dich in den Ruin. Die zieht dich ab, das ist ne linke Tante. Zehntausend Mal. Dein Blut, ausstaffiert mit frischem Stoff, rauscht süßer als jeder Einwand.

Und dass Heroin unecht ist, bloß gestohlener Mut, das allerdings geht einem erst später auf.

Ich hielt mich stets für was Besonderes. Einfach, weil ich mich gut fand, wie ich war, bis ich anfing, Heroin zu nehmen und süchtig wurde. Die Droge zeigt einem, wie gewöhnlich man ist. Die Droge zeigt dir deine andere Seite. Gar nicht mal so übel, so gesehen. Für den einen oder anderen sogar lebensnotwendige Korrektur. Das Problem ist die Dauer der Sucht. Ein paar Jahre kann jeder ab. Darüber hinaus zählt jede Minute.

Es begann im Frühsommer 1989 mit einem Telefonanruf. Die meisten Dinge beginnen mit einem Telefonanruf. Ein Telefonanruf ist so lapidar, dass man gar nicht auf die Idee kommt, damit würde eine neue Ära eingeläutet. Und dann nimmt das Gespräch an und die Sache geht ihren Weg. Ich bin seither extrem vorsichtig geworden mit der Entgegennahme von Telefonaten. Wenn auf dem Display eine Nummer erscheint, die ich nicht kenne, lasse ich erstmal die Mailbox ihrer automatischen Arbeit nachgehen, bevor ich in die Kommunikation einsteige.

Der Anruf 1989 kam vom schönen Dirk. Mit seiner energischen Kinnpartie und der germanischen Haarpracht wirkte er wie eine Palastwache, Oder zum Höfling emporgestiegen. Er starb in den frühen Neunzigern an einem Hirnschlag, ohne dass irgendwer davon etwas mitgekriegt hätte. Zwar war mir aufgefallen, dass die Schlagläden seiner Etagenwohnung jedes Mal geschlossen waren, wenn wir am Vogelsang entlangfuhren, doch ich unternahm nichts, ich war nicht um Aufklärung bemüht, ich wunderte mich nur. Vielleicht war er ja in Urlaub. Oder er war bei Mannesmann neuerdings im Nachtdienst und legte sich tagsüber aufs Ohr.

Ich weiß noch, dass ich irgendwann zu Karlos sagte, Mensch, der schöne Dirk hat aber einen gesegneten Schlaf, bei dem sind immer die Schlagläden zu, und wie entgeistert Karlos mich anguckte, so viel kann man doch gar nicht pennen. Erst als seine Schwester die Polizei informierte, weil sie seit Wochen nichts von ihrem Bruder gehört hatte, brach man die Wohnung auf und fand seinen Leichnam, halb im Bett sitzend, das Gesicht von Maden untertunnelt. Andere Reste seines Körpers mussten von Spezialkräften mit dem Löffel vom Bettlaken gekratzt werden, erzählte man sich, bevor der schöne Dirk im Zinksarg seine letzte Ruhe fand.

1989 rief er bei uns zu Hause an, weil er gutes Material auf der Tasche hatte und was verticken wollte. Karlos war nicht zu Hause. Ich fühlte mich persönlich angesprochen.

„Das ist ein Bombenmaterial, das zieht dir die Schuhe aus.“

Dirk war ein komischer Kauz. Machte gern auf dicke Hose, besonders wenn er auf Koks oder Ampf war, dabei war er im Grunde ein lieber Kerl, er hatte ein gutes Herz. Aber was sind Süchtige schon anderes als liebenswürdige Charaktere mit einem Riesenproblem am Arsch. Jedenfalls zu Beginn der Karriere. Einmal traf ich den schönen Dirk abends an der Bar. Er erzählte, dass er von seiner Großmutter kam, die ihn über alles liebte und 20 Mark geschenkt hatte, mit dem Hinweis: „Das gibt doch mit dir sowieso nix mehr, mein Junge.“

Was wir da gelacht haben.

Vielleicht sind viele Morphinisten auch im Grunde genommen nichts anderes als herzensgute Süchtige mit einem Batzen unerledigter Kindheit am Arsch. Wie oft hab ich solche Geschichten gehört, wenn man unter Süchtigen zusammensitzt und einer beginnt zu erzählen, wie der Vater früher der Mutter eins ums andere Mal einen mitgegeben hat, bis zu dem Punkt, wo man als Junge alt genug war, um dazwischen zu gehen und sich den Vater vorzuknöpfen: Wenn du Mutter noch ein einziges Mal anrührst, breche ich dir sämtliche Knochen. Womit die Geschichte in der Regel nicht beendet ist. In der Regel bricht ein gewalttätiger Vater seine Gewalttaten nicht abrupt ab, nur weil sein Jüngster plötzlich Muskeln kriegt. Die Sache ist komplizierter, nebenan in der Wirklichkeit. Sie neigt dazu, eine Kopfnuss ins Spiel zu bringen. Ein Frauenhaus vielleicht.

Hass auf ewig.

Was nun die Bombenschore anging, wir hatten uns für den Nachmittag in einem Wirtshaus in der Nordstadt verabredet. Für vier Uhr.

„Was kann ich denn Schönes für dich tun? Wieviel kann ich dir denn mitbringen?“ hatte der schöne Dirk noch am Telefon gefragt, in diesem gespielt geschäftsmäßigen Ton, als ginge es um Keramikschalen oder Rockerkutten. Irgendwas Unverfängliches, falls die Bullen sein Telefon abhörten, wovon er grundsätzlich ausging.

„Na, einen Fuffie“, antwortete ich. Was sonst. Ein Fuffie war die übliche Einheit und eigentlich zu viel für mich. Ich war ja nicht drauf. Ich genehmigte mir zwei, drei Mal im Jahr ein Pack, und damit war es dann auch ausgestanden. Nicht, dass Heroin mir nichts gegeben hätte, doch ich wäre nicht auf die Idee gekommen, dem Zeug nachzulaufen. Dafür war es mir zu stark. Es stellte alles auf den Kopf, und ich musste dauernd kotzen.

Ich hörte Dirk leise stöhnen. Ich hatte wohl das Falsche gesagt. Ich war zu deutlich geworden am Telefon. Aber wie bitteschön hätte ich „für 50 Mark“ umschreiben sollen?! Unverfänglich, für Bullenohren?

Auf dem Weg zum Date mit Dirk lief mir Kilian über den Weg, in der Fußgängerzone zwischen Woolworth und Kaufhalle.

„He“, sagte er.

„He“, sagte ich.

Kilian war ein Schreinergeselle mit wallendem Haar, von dem ich Anfang der 80er Jahre eine Weile Haschisch gekauft und den ich dann aus den Augen verloren hatte. Viele Leute, die ich kannte, arbeiteten als Schreiner oder Tischler, warum, weiß ich auch nicht. War eben so.

Kilian war ein bisschen undurchsichtig. Ein freundlicher Zeitgenosse, der viel lachte, ein Hippie, aber ohne große Attitüde. Er saß mit Freunden gern im Park und ließ Frisbeescheiben hin- und her flitzen. Jetzt aber, zwischen Woolworth und Kaufhalle, im Frühjahr 1989, Monate vorm Mauerfall, war da etwas in seinem Blick, das war anders als sonst. Er taxierte mich regelrecht. Er hatte etwas auf der Seele. Dann rückte er damit raus.

„Sag mal, …du ziehst doch auch schon einmal Näschen…“, begann er zögerlich, und erst, als ich nickte, fuhr er fort. „Ich kann morgen was klarmachen. Wenn du Lust hast, meine ich… kannst du dich morgen Abend bei mir melden. Oder die Tage. Wie du willst.“

Ich war baff, dass selbst ein alter Kiffer wie Kilian jetzt mit Heroin zu tun hatte, aber es lag einfach in der Luft. Überall um mich herum begannen Leute auf harte Drogen umzusteigen, darunter einige, die davon bislang strikt die Finger gelassen hatten. Heroin, Kokain, Amphetamine, es schwappte in gewaltigen Wellen durch die Straßen, und ehe man sich versah, stand man selbst bis zum Hals im Gift.

„Mal sehen“, sagte ich. „Warum nicht.“

Dass ich gerade selbst auf dem Weg war, einen Fuffie kaufen, ein Bombenstöffchen, erwähnte ich nicht.

Der ersten Welle harter Drogen, die schon Anfang der 80er über Pepe und viele andere Bekannte zusammengeschlagen war, hatte ich noch ausweichen können. Diesmal jedoch hatte ich dazu irgendwie keine Kraft mehr. Mehr noch: ich war bereit. Mir fehlte etwas im Leben, und wenn ich heute zurückblicke und darüber nachdenke komme ich nur zu einem Schluss: es war der Erfolg, der mir fehlte. Ich hätte damals weiterschreiben sollen, wie ich es seit dem Literaturpreis getan hatte.

Der schöne Dirk wartete schon auf mich. Er hockte am Tresen, mit winzigen diamantharten Pupillen, und nuckelte am Bier. Ich bestellte ein großes Kölsch. Im gleichen Moment wollte ich die Order rückgängig machen. Ich kotze doch sowieso gleich alles wieder aus, sobald ich ein Näschen gezogen hab, dachte ich, beließ es aber bei der Bestellung.

„Alter, hast du gestern das Spiel gesehen?“ machte Dirk auf jovial, aber ich hatte keine Lust auf irgendein Fußball-Gequatsche. Ich wollte das Pack kaufen, das Bier austrinken und dann nichts wie nach Hause. Doch Dirk meinte, mir noch unbedingt einen Bären aufbinden zu müssen. Angeblich hatte er am Wochenende eine Alte mit riesigen Möpsen klargemacht. Erst hielt ich es für eins seiner typischen Märchen, doch dann kam er zu der Stelle, wo er unten lag und die Möpse über ihm wie Sturmgeläut zusammenschlugen,

„Alter, ich wusste nicht, wo ich zuerst hinpacken sollte, wie beim Jonglieren, ich schwöre!“

Er demonstrierte seine Verzweiflung, indem er einen Stapel Bierdeckel vom Tresen griff und damit wild hantierte, bis einer nach dem anderen zu Boden ging und die Bardame böse rüberblickte.

Wir tranken das Bier aus und trennten uns draußen vor dem Wirtshaus.

„Wenn nochmal was ist, ruf an“, sagte er.

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5 Gedanken zu „1989

  1. Ich finde den Text literarisch einen Deiner besten. So schonungslos, was harte Drogen betrifft, und doch nicht sentimental oder gar reumütig. Die Faszination des Stoffs wird greifbar, die Zerstörungskraft auch. Unheimlich dicht und konzentriert geschrieben, großartig!

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  2. Pingback: Heroinrauchen | glumm

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