Brieftaschen

*

Mitte der Neunziger wurde ich wach und stellte überrascht fest: ich war heroinsüchtig. Dabei hatte ich das Pulver über Jahre hinweg bloß geschnupft oder geraucht, niemals intravenös zu mir genommen – ich hatte psychotische Angst vor Spritzen – und dann trotzdem einen Affen nach dem Aufwachen?

So was.

Ich war nicht der einzige Kandidat, der abgerutscht war, in relativ hohem Alter. Mit über Dreißig. „Und was macht das Hobby?“ fragte Hacki, wenn wir uns über den Weg liefen. Hacki, der für sich Anspruch nahm, das Copyright auf schwere Seufzer zu halten, tief aus den Knien heraus. Ich kannte ihn vom Tresen, wir hatten die 80er zusammen vertrunken. Jetzt war sein Hobby Heroin.

Ich erinnere mich an eine laue Sommernacht, als wir von der Kühlerhaube seines Cabrios eine Nase ziehen wollten. Hacki hatte zwei schöne Straßen gelegt, klein gehäckselt auf rotem Lack (mit Perleffekt), richtig professionell aufbereitet, das Auge snieft auch mit, doch in dem Moment, wo wir ziehen wollten, kam eine Brise auf und wehte das Pulver in alle Richtungen.

Auch mein alter Schulkamerad Ringo hatte das Pferd gewechselt, vom Gelegenheitskokser zum Fulltime-Junkie. Um seine Sucht zu finanzieren begann er zu dealen. Was nichts daran änderte, dass er ein gutes Herz hatte. Einmal saß die Frau eines Stammkunden weinend auf seinem Sofa, sie war verzweifelt. Ihr Mann setzte sämtliches Haushaltsgeld in Pulver um, die Kinder hatten nichts mehr zu fressen zu Hause. Ringo schenkte ihr 100 Euro, streute ihr eine dicke fette Nase und schickte sie zum Einkaufen in den Lebensmittelmarkt. Dass sie auf dem Weg dorthin die Hälfte der Kohle bei einem anderen Dealer umsetzte – geschenkt.

„So eine Schlampe“, schnarrte Ringo.

*

Ich hatte diese Faustregel: Für jeden Tag, an dem ich Heroin schnupfte, war ein Tag Pause fällig. War ich zwei Tage breit, waren zwei Tage Pause fällig, und so weiter. Auf diese Weise schlich ich um die Sucht herum wie um den heißen Brei, auch wenn das ganze nichts als Selbstbetrug war. Zwar brauchte ich das Pulver noch nicht, um aus dem Bett zu kommen und arbeiten zu gehen, es ging zur Not auch ohne, aber es fiel immer schwerer.

Die meisten Leute wissen gar nicht, was Sucht für eine Arbeit bedeutet. Das ständige Geldauftreiben, das Auf-Achse-sein und irgendwelchen Leuten hinterhertelefonieren, das ständige Warten und Abgezogenwerden und die Leute selber abziehen – und das alles nur, damit man nicht am helllichten Tag vom Fleisch fällt.

Die Vereinbarung, die ich mit mir selbst getroffen hatte, jeden Tag Heroin mit einem Ruhetag auszugleichen, stand bereits auf der Kippe, wenn ich mal drei Tage hintereinander breit war. Nach drei Tagen Heroin am vierten nicht zum Dealer zu rennen, war ein Kraftakt und nur schwer durchzuhalten. Drei Tage Entzug bedeuteten drei schier endlose Tage im Bett mit dürren Träumen und literweise Nachtschweiß. Von der extrem miesen Laune und Maulfaulheit gar nicht zu reden.

„Du verpestest die ganze Bude mit deiner Passivität!“ schrie die Gräfin.

Sie hätte es nicht schöner schreien können.

*

Wenn es mir nach drei Tagen Cleansein am vierten Tag endlich besser ging und ich wieder halbwegs auf den Beinen war, hatte ich sofort wieder Hummeln im Hintern. Ich konnte es kaum abwarten, diesen vierten Tag hinter mich zu bringen, damit ich an Tag 5 wieder bei null anfangen konnte. Nach vier Tagen kräftezehrendem Cleansein hatte ich das Easy Listening-Klingeln schon im Ohr, das mein Dealer hören würde, wenn ich das verabredete Zeichen anschlug.

Dass die Gräfin in dieser Zeit nicht weggelaufen ist, ist mir bis heute schleierhaft. Wie oft kam ich nach Hause und es dauerte keine zehn Minuten und eine Ketchupflasche verfehlte mich nur knapp und zerschellte an der Küchenwand, weil sie meine winzigen Pupillen nicht mehr sehen konnte.

„ICH ERTRAGE DIESE OPIUMAUGEN NICHT MEHR!!“

Ich war ständig pleite. Wo andere Leute meines Alters, besonders ehemalige Mitschüler am Gymnasium, längst Karriere machten und einen eigenen Finanzdistrikt angelegt hatten, lebte ich mein privates kleines Lower Eastside-Leben, wo selbst vollgeschissene Dixie-Klos fest im Boden verschraubt waren, damit sie nicht geklaut wurden. Aber ich wollte es nicht anders. Es war genau das, was ich wollte – ich wollte süchtig sein. Sucht war mein Weltkrieg, den ich gegen mich selbst führte. Ich versuchte mit aller Macht, mich klein zu kriegen. Warum? Woher soll ich das wissen.

Frag mal die großen Kriegsherren, warum sie Krieg geführt haben.

*

War sonst schon ein Tag wie der andere, so legte die Nachtdienstwoche im Turm-Hotel noch eine Schippe drauf. Jeden Abend Punkt um halb zehn ging ich frisch geduscht aus dem Haus. Ohne Dusche war ich unfähig, das Haus zu verlassen. Ich gierte nicht nur nach Heroin, ich war ebenso süchtig nach Wasser, das meinen Leib erfrischte.

Ich brauchte zwanzig Minuten bis in die Innenstadt. Am Ende der Wupperstraße angekommen, gegenüber vom Finanzamt, stand diese Telefonzelle, ein altmodisches gelbes Teil, auf dessen Rückseite ein Posthorn abgebildet war, weil es da mal Briefmarken zu ziehen gab.

Die Telefonzelle war jeden Abend hellerleuchtet, niemals erlebte ich, dass das Licht defekt gewesen wäre. Ich öffnete die Tür und warf einen Blick hinein, auf die Ablage des Münzfernsprechers, auf den gefliesten Boden. Jeden Abend, zehn vor zehn. Immer dieselbe Zeit, immer der gleiche umherschweifende forschende Blick, vom ewigen Flutlicht begünstigt. Ich konnte nicht mehr anders, es war ein echter Spleen geworden: Ich wartete auf den Tag, an dem dort eine Brieftasche liegen würde. Von einem armen Tropf vergessen, nach einem zornigen Telefonat.

Oben auf dem Fernsprecher vielleicht, dessen Oberfläche glatt poliert war von unzähligen Münzen, die der Apparat nicht angenommen hatte. Die durchgefallen waren und im Rückgabeschacht landeten und die man dann oben auf dem Fernsprecher reiben musste, bis die Münzen sich aufluden mit Magie und Magnetismus und man einen weiteren Versuch starten konnte.

Dann, eines Tages, war es soweit. Ich fand tatsächlich eine dicke fette, eine vergessene Brieftasche. Allerdings ganz woanders.

In einer Bankfiliale am Stadtrand.

*

Ich war eher zufällig in die Geschichte geraten. Nun gerät man immer eher zufällig in Geschichten, besonders in die wichtigen, aber meist hat es doch eine innere Logik, warum man an einem bestimmten Zeitpunkt einen bestimmten Ort in der Welt aufsucht, wo die Geschichte ihren Anfang nimmt – aber manchmal eben auch nicht. Manchmal fragt man sich noch Jahre später, warum man ausgerechnet an diesem Tag diese bestimmte Bankfiliale am südlichen Stadtrand betreten musste, die man höchstens alle zwei Jahre mal betrat – wenn überhaupt.

Ich hatte mir beim Doc um die Ecke ein Privatrezept auf eine 20er Schachtel Codeintabletten ausstellen lassen und in der Apotheke eingelöst.

Codein war ein übles Zeug, ich bin nie richtig darauf klargekommen. Es war das einzige Ersatzgift, das niedrigschwellig verschrieben wurde und an das man schnell herankam, wenn es einem schlecht ging. Natürlich hätte ich es damals schon mit Methadon versuchen können, doch das hätte gleich ein strenges Substitutions-Programm bedeutet, mit regelmäßigem Arztbesuch und Urinkontrollen, so abhängig war ich noch nicht. Codein dagegen konnte man sich verschreiben lassen, wann immer einem danach war. Es gab kein Programm, keine Verpflichtungen, Codein war für Gelegenheitsjunkies. Codein war für die Glücklichen. Die Halbglücklichen. Die noch nicht ganz Durchgeknallten. Ich besorgte es mir, wenn ich einige Nächte hintereinander Heroin geschnupft und keinen Nerv auf Entzug hatte, auf dumm im Bett rumwälzen und nicht einschlafen können.

Es war stets die gleiche Rechnung, die ich beim Anbruch einer 20er Packung Codein aufmachte: Ich beginne

  • am ersten Tag mit 5 Retard- Kapseln
  • nehme am zweiten Tag 4
  • am dritten 3
  • am vierten 2
  • und bin am fünften Tag bei 1 Kapsel und hab noch 5 übrig. Ganz easy. Es funktionierte nie. Nicht ein einziges Mal. Am ersten Tag fühlte ich mich meist so hundsmiserabel, dass ich direkt zehn Pillen auf einmal in mich reinschüttete und schon war die ganze Rechnung hinüber.

Die Schachtel Remedacen in der Brusttasche meines Hemdes überquerte ich den sonnigen Marktplatz und schaute kurz bei der kleinen Bankfiliale rein, um meinen Kontostand abzurufen. Das machte eigentlich wenig Sinn, so kurz vor Monatsende und den Dispokredit ausgereizt bis zum letzten Pfennig, aber eine Menge Sachen machten keinen Sinn und ich tat sie trotzdem, da kam es auf eine Sache mehr oder weniger auch nicht an.

Es war kaum was los in der Filiale. Drei, vier Kunden vielleicht. Ich wollte die Bankkarte gerade in den Schlitz des Kontoauszugdruckers schieben, da fiel sie mir ins Auge, nebenan auf dem Stehpult, an dem gewöhnlich Verrechnungsschecks und Überweisungen geschrieben werden, Formulare, Spenden-Vordrucke: eine prall gefüllte herrenlose Brieftasche. Was ein Riesending. Ein Ufo. Ich sah Banknoten hervorquellen, Fünfziger, Hunderter, ganze Packen, noch ofenwarm. Es war, als hätte ein generöser Big Mac-Kellner soeben den Raum verlassen, mit einem Tablett voll herrenloser Big Macs, und diesen einen für mich hinterlegt. Den dicksten für mich.

Das Monster.

Hier war sie, die Erfüllung eines lange gehegten, absolut dämlichen Traums.

Steck ein, durchfuhr es mich. Steck ein, und dann nichts wie weg. Die Entscheidung hatte im Bruchteil einer Sekunde zu fallen. Sehr viel mehr Zeit, um ungeschoren davon zu kommen, würde nicht bleiben. Sobald jemand bemerkte, dass seine Geldbörse nicht an dem Ort war, wo er sie vermutete, mit all den brandneuen, gerade vom Konto abgehobenen Banknoten, würde es in Nullkommanichts einen Riesenaufstand geben.

Niemand verlässt den Saal! Frau Schöller, Sie rufen die Kripo! Taschenpfändung!! 

Noch bewegte ich mich in diesem Sekundenbruchteil, einem animalisch engen hochbrisanten Raum, groß genug für eine Million Fehlentscheidungen. Ich nahm das Plastikkärtchen aus dem Schlitz des Kontoauszugsdruckers, gerade noch rechtzeitig, bevor die Maschine die Daten einlesen konnte und ich im Nachhinein zu identifizieren gewesen wäre.

Eine halbe Sekunde war vergangen, seit ich die Brieftasche entdeckt hatte. Aus den Augenwinkeln beobachtete ich den Kassierer an Kasse 1, er unterhielt sich mit einem Kunden, der mit dem Rücken zu mir stand und dem Kassierer die Sicht versperrte. Die beiden Männer schienen sich zu kennen, sie gingen vertraut miteinander um.

„Du doch nicht“, hörte ich ein Frotzeln, dann ein Männerlachen.

Dahinter, in gebührendem Abstand, stand eine Frau an, ebenfalls mit dem Rücken zu mir. Kasse 2 war nicht besetzt. Eine weitere Kundin war am gegenüberliegenden zweiten Kontoauszugsdrucker damit beschäftigt, ihre Handtasche zu durchsuchen. Sie hatte mit mir die kleine Bankfiliale betreten, mit den Gedanken woanders. Niemand beachtete mich, niemand nahm die Brieftasche wahr, jeder war mit sich selbst oder einem anderen beschäftigt.

Ich war in einer obskuren Parallelität gefangen, wo die Dinge ohne mein Zutun geschahen. Parallelgesellschaft, Tunnelblickgesellschaft, als ich mich zur Seite drehte und wie hypnotisiert nach der Börse griff. Ich nahm sie an mich und zog den Rückzug an. Nicht zu schnell, nicht zu langsam – dem Ausgang entgegen, desinteressiert an meiner Umgebung und sämtlichen Universen, als hätte ich bloß meinen Kontostand abgerufen und zöge nun unverrichteter Dinge wieder ab, die Brieftasche vorm Bauch verborgen.

Wenn ich eines gelernt hatte im Leben und in alten mexikanischen Western: mache dich unsichtbar im richtigen Moment. Verschwinde in dir selbst, und du verschwindest für die Welt. Niemand wird sich je an dich erinnern.

*

Richtung Ausgang durchquerte ich den Zwischenraum, in dem die Schließfächer untergebracht waren. Drei, vier Schritte noch bis zur Tür. Bei jedem Aufsetzen des Schuhs erwartete ich eine zupackende Hand im Genick, STEHEN GEBLIEBEN, FREUNDCHEN, DAS IST MEIN PORTMONEE!

FRAU SCHÖLLER, DIE POLIZEI!

Ich drückte die Ausgangstür auf und befand mich plötzlich im grellen Sonnenlicht. Die Brieftasche vorm Bauch eilte ich rechts den Gehweg hinauf, vorbei am Getränkeshop, vorbei an der Grundschule. Ich wählte instinktiv den Weg, der aus dem Viertel hinausführte. Ich bewegte mich schnell, aber nicht hastig, ich mahnte mich zur Ruhe. Du hast es getan. Du. Hast.

Gestohlen.

Kopfsteinpflaster, Schulgebäude, Pausenklingeln. Gleich würde eine Horde Kinder über den Schulhof toben. Die Beute schwitzte in meiner Hand. Ich stopfte sie unter Mühen in meine Gesäßtasche, bekam sie kaum rein, so viel Kohle war drin. Für einen kurzen Moment wollte ich sie loswerden, ins Gebüsch pfeffern, nichts mehr damit zu schaffen haben. Eine Schachtel Kippen klauen war in Ordnung, das hier aber war was Anderes. Dafür ging man in den Bau, wenn man Pech hatte. Ich ging wie in Trance, den Blick stur geradeaus, blinzelnd, jederzeit eine laut zuschlagende Filialtür im Rücken, Schritte von Bankangestellten, eine erzürnte, bestohlene Stimme.

Eine Stimme, die meine gewesen wäre, hätte man mich bestohlen.

(In Trance sind Trommeln von zentraler Bedeutung. Verschiedenen Göttern sind verschiedene Rhythmen zugeordnet.)

Ich folgte einem Stichweg, der einen sachten Bogen beschrieb und hinter den Mietshäusern unversehens auf ein brach liegendes Gelände führte. Einem grünen Puffer. Wo noch die alten Rückzugs-Könige herrschen, Dornenbüsche und Karnickelbau. Ich blieb stehen, atmete durch. Denke nach, dachte ich. Was tun.

Du hast es getan.

Dass ich überhaupt so beherzt zugegriffen hatte, verdankte ich dem antrainierten Reflex, jeden Abend die Tür einer Telefonzelle aufzudrücken, auf der Suche nach Bargeld. Jeden Abend, viertel vor zehn. Ein lächerlicher, ein zwanghafter Vorgang, doch wie sonst sollte ich meinen Drogenkonsum noch finanzieren, außer mit Geld in einer Telefonzelle finden.

Es war zum Schieflachen, das ganze. Was war aus meinem großen verdorbenen Dasein geworden. Aus einem anfangs noch amüsanten Um-Viertel-vor-zehn-in-die-Telefonzelle-gucken war ein Spleen geworden, eine Manie der mickrigen Art. Warten auf Wunder. Und jetzt dieser dicke Fisch. Jeden Moment fürchtete ich Martinshörner zu hören, ich sah Streifenwagen neben mir stoppen, ein Dutzend kreiselnde Blaulichter auf dem Dach, mit Funkverbindung zum Hauptquartier: Das isser!

Das isser! Die Beschreibung trifft zu!

Ich drückte mich eng an Häusern entlang, aus denen es nach Mittagessen roch, („gebratene Zwiebeln versöhnen einen mit dem Leben, wenn’s mal rau wird“), vorbei am Altenheim. Zur Bushaltestelle. Ich mischte mich unter die wartenden Leute. Der Wind jammerte in den hohen Bäumen. Ich beobachtete einen Jungen, der auf der anderen Straßenseite hinter seinen Eltern her stapfte, feist und tyrannisch, als würde er seine Erzeuger am liebsten aus dem Weg fressen. Ich fasste in meine Gesäßtasche. Die Beute war noch da, sie war an Ort und Stelle, doch ich fand keine Ruhe. Unruhig lief ich hinter dem Wartehäuschen hin und her.

Als der Bus kam, löste ich ein Ticket in die Innenstadt, ohne den Fahrer anzusehen, und verzog mich nach hinten, in zweiter Reihe, weg vom Fenster. Um die Uhrzeit waren nur Rentner im Bus und ein respektierter Irrenarzt, der mir knapp zunickte. Wir kannten uns vom Tresen. Aus den Achtzigern. Ich erinnerte mich an ein seltsames Gespräch mit ihm, nachdem er einen Herzinfarkt nur knapp überlebt hatte. „Ich fühle mich so nutzlos, als könnte ich nicht mal mehr für meinen eigenen Herzschlag sorgen.“ Komischer Satz. Komische Sätze bleiben schon mal hängen. Er blickte grimmig aus dem Fenster.

Ich bemühte mich neutral aus der Wäsche zu gucken. Ein Mann Mitte Dreißig, der Montagmittag den Bus nahm, von der Süd- in die Nordstadt. Der Anblick der vielen Senioren irritierte mich. Angenommen, das Geld gehörte einer alten Frau, die ihre Monatsrente abgehoben hatte. Würde die Bank für ihren Verlust aufkommen? Oder gehörte die Kohle dem Mann, der mit dem Kassierer geflachst hatte? War er der Betreiber des Getränkeshops um die Ecke der Bank? Und von wieviel Geld redeten wir überhaupt? Einem Tausender? Eins stand fest. Irgendwer würde einen Riesenschreck kriegen, sobald er feststellte, dass seine Börse weg war. Ich war der Verursacher.

Der Schuldige.

Während der Linienbus Richtung City rumpelte, saß ich auf dem Zaster, der zunehmend meiner wurde, ich spürte ihn unter meinem Hintern. Als der Bus sich leerte, holte ich die Börse aus der Hosentasche, überflog die Ränder der Banknoten mit den Fingerspitzen. Das war kein kleiner Ladendiebstahl mehr. Ich hatte eine Bank überfallen. Glummy the Kid. Ich hatte voll in die Scheiße gepackt.

Das waren fast zweitausend Mark.

Haltestelle Unionstraße. Ich stieg aus und verschwand im Bärenloch, der großzügigen Parkanlage, die um diese Uhrzeit fast menschenleer war. Lediglich auf der Hundewiese verloren sich ein junger Hund und seine Halterin. Ich nahm Platz auf einer abgelegenen Bank. In dem Moment, wo ich die Brieftasche aus der Hose zog, um die Kohle zu zählen, durchzuckte es mich: du warst in einer Bank! Eine Bank hat Überwachungskameras! Du bist gefilmt worden! DU PENNER! Der Diebstahl ist auf Video! Die Bank hat Bilder von dir, die haben alle Beweise in der Hand! Vermutlich verschickte die Kripo meine elende Visage schon an sämtliche Lokalzeitungen und regionale TV-Sender: WER KENNT DEN BLÖDMANN!?!

Ich konnte das Geld unmöglich behalten. Ich musste es zurückgeben. Vielleicht inkognito, indem ich es einfach unter der Eingangstür der Bank hindurch schob. Ich zählte meine Beute:1800 Mark, plus etwas Kleingeld. Außer dem Schotter befand sich nichts in der Börse, absolut nichts. Keine Telefonnummer, kein Foto, kein Pass, keine Scheckkarte, keine Zettel, nichts, was auf den Eigentümer schließen ließ. Nur Bargeld. Das gehörte keiner Rentnerin. Das war Businessgeld. Das gehörte einem Geschäftsmann. Sicherheitskameras?

Scheiß drauf.

Jetzt war es mein Geld.

Zehn Minuten später stand ich an einer offenen Telefon-Station und wählte die Nummer der Unke. Ich ließ klingeln und klingeln, bis mir aufging, dass es viel zu früh war, sie war noch im Büro, da konnte man sie nicht erreichen. Ich versuchte es mit der Handynummer von Toni, einem anderen Dealer, der den Vorteil hatte, ganz in der Nähe zu wohnen. Seine Frau Gina ging ran. Toni hatte sie drei Monate zuvor aus Süditalien einfliegen lassen und geheiratet, nun lebte Gina in einem fremden kalten Land, dessen Sprache sie nicht verstand.

„Ist Toni da?“ fragte ich.

Gina nuschelte irgendetwas, keine Ahnung, ich kapierte nur so viel: Toni war nicht daheim. „Toni nis da.“

Ich wurde wütend. Ich wollte eine Nase ziehen, eine dicke fette Nase, ich hatte die Taschen voller Kohle, doch niemand war zu Hause, niemand von den relevanten Leuten.

Wo ist Toni?“

„Toniinbaus“, wiederholte Gina.

„WO!?“

„Toni in Baus!“ In Baus! Was zum Henker sollte das bedeuten?! „IN BAUS! TONI IN BAUS!“ War der Kerl etwa im Bau? Ich hatte ihn doch am Tag zuvor noch getroffen, das machte keinen Sinn. Es sei denn, man hatte ihn früh am Morgen verhaftet. Je mehr Gina sich aufregte, desto mehr schepperte es in meinem Ohr. Sie wurde fast wütend.

„IN BAUUUUUS!“

Na gut. War der alte Itakker eben im Knast. Dann konnten wir uns ja demnächst gegenseitig besuchen, beim Umschluss am Simonshöfchen. Ich wegen Fundunterschlagung, Toni wegen Dealerei. Ich wollte Gina gerade laut und vernehmlich fragen, wann ihr Toni denn zurückkäme, aus dem Baus, da fiel der Groschen. Natürlich!! Hatte Toni nicht erzählt, er wolle daheim das Bad renovieren? Und brauchte er dafür nicht jede Menge Material aus dem Baumarkt, Fliesen und solche Sachen?

„Ist Toni im Bauhaus, Gina?“

Sie schien vor Freude tot umzufallen. „IN BAUS!! SI, SI!! TONI IN BAU-AUS!!“

Na Gott sei Dank. Ich erfuhr, dass es mindestens eine Stunde dauern würde, ehe Toni zurück war, also entschloss ich mich, ausnahmsweise an Toni vorbei zu handeln und direkt von seiner neuen Lebensgefährtin zu kaufen. Mit Gina hatte ich noch nie Geschäfte gemacht, aber ich hatte keine Lust zu warten, bis Toni auftauchte.

Die Wohnung lag keine zwei Minuten entfernt.

Toni war ein schlanker hochgewachsener Knabe, stets mit einem Aktenordner unterm Arm. Er wirkte wie ein Makler auf dem Weg zum nächsten Kundentermin. Wenn er kurz stoppte und einem Bekannten auf der Straße die Hand reichte, machte sich niemand Gedanken, dass in diesem Moment Geldscheine und Drogen den Besitzer wechselten. Er benutzte diesen dummen Leitz-Ordner nur als Tarnung, so wie er eine Zeitlang als Handwerker aufgetreten war, als jemand, der den ganzen Tag im Blaumann herumlief, den Zollstock in der Hosentasche, weil er der Meinung war, Rauschgiftbullen würden nie und nimmer einen harmlosen Handwerker der Dealerei bezichtigen – er war irgendwie nicht ganz dicht, der Toni. Und seine Packs fielen ziemlich mickrig aus. Er war ein Geizkragen. Aber soll ich euch was verraten? Er war der einzige Dealer weit und breit, der niemals erwischt wurde, jedenfalls so weit ich das mitbekommen hatte. Aber ich bekam eine Menge Dinge nicht so richtig mit. Und hinterher hieß es dann, du hast Toni lange nicht gesehen, sagst du? Ist ja auch kein Wunder, der hat fünf Jahre gekriegt.

Gina verkaufte mir Stoff. Für hundert Mark gab es genau ein Gramm, sie rückte nicht ein Zehntel mehr heraus. Ich überlegte, ob ich noch einen Hunni draufsatteln sollte, ließ es aber sein. Kohle hatte ich zwar genug, doch der Kurs war einfach zu schlecht, und mit Gina war nicht zu handeln.

„Du nis ziehen hier“, sagte sie und öffnete die Tür zum Treppenhaus. Sie schmiss mich ganz frech raus.

„Schon okay“, sagte ich. „Hatte ich auch nicht vor.“

Als Gina aus ihrer süditalienischen Heimat in die Stadt gekommen war, war sie ein hübsches kleines Ding gewesen, unbedarft und schüchtern. Innerhalb weniger Wochen hatte das Pulver sie fertig gemacht, aus ihr war eine überschminkte Tussi geworden, die sich ungeniert die Fotze kratzte, wenn sie breit war. Der charmante Babyspeck aus ihrem Gesicht war gewichen, dunkle hohle Wangen stützten ihre Fassade. Was da vor mir stand und mich unverblümt aufforderte, die Wohnung zu verlassen, war eine verdammte Bruchbude.

„Bin schon weg“, sagte ich.

Warum sie so viel Wert darauf legte, dass ich Toni nicht in die Arme lief, konnte nur eins bedeuten: Sie wollte den Hunni für sich einsacken, er durfte nichts davon erfahren. Psst! machte sie, als ich die Wohnung verließ und dabei einen Blick ins von Toni renovierte Bad warf. Ich war überrascht: das sah tipptopp aus, Armaturen in glänzendem Chrom blinkten mich an, eine elegante Geschichte, alles finanziert von meinem sauer verdienten Geld.

Zurück ins Bärenloch. Jetzt hatte ich es wirklich eilig. Ich durchschritt die gesamte Anlage bis zum Rand der alten Mülldeponie, wo ich eine windgeschützte Mulde fand, die als Grillplatz genutzt wurde. Ich streute das Pulver auf meinem Notizbuch aus und schnupfte es in zwei Etappen weg, jedes Nasenloch bekam ein halbes Gramm, da war ich supergerecht. Da ich das Material die Tage zuvor schon gekauft hatte, kannte ich es bereits. Die Qualität war nicht berauschend.  Das reinste Chemieunglück. Und da war immer noch das Problem mit den Überwachungskameras. Ich wusste nicht, was ich machen sollte. Das Geld zurückbringen? Aber der erste Hunni war schon weg. Es ging hin und her in meinem Kopf.

Ich legte mich ins Gras und versuchte zu entspannen. Der Wind wehte Samenkapseln herüber, ich fühlte mich gut, wie auf einer Werbewiese für Butter. Bis die schlechten Gedanken zurückkehrten. Ich war kein Typ für Knast. Allein der Gedanke an Gefangenschaft schnürte mir den Hals zu. Zellentrakt, Umschluss. Dicke Scheiße.

Auf dem Heimweg nahm ich die Abkürzung über die Kullerstraße. Eine viel befahrene, viel zu laute Straße. Als ich die zurückstehende Gründerzeitvilla passierte, in der mein Großvater nach Kriegsende seine vielköpfige Familie untergebracht hatte, weil das Haus am Stöckerberg ausgebombt war, hörte ich eine wohlbekannte Stimme.

„Ach nee, isser wieder am Checken, mit Sturmschritt. Kannst du dich nicht mal besser tarnen, mit deinen blöden O-Beinen?“

Die Gräfin. In den gesamten zwei Jahren ihrer Umschulung zur Steinmetzin war sie mir kein einziges Mal über den Weg gelaufen, ausser an diesem einen Tag. Sie hatte ausgerechnet an diesem Tag hier zu tun, als Praktikantin. Sie besserten eine Treppe aus. Was machst du hier? fragte sie, und ich zeigte ihr die Brieftasche. Komm mal eben mit. Der Chef arbeitete so lange allein weiter. Sie konnte es kaum fassen.

Als sie mich auf der Straße erblickt hatte, war ich gerade an dem Punkt angelangt, wo ich das Geld zurückgeben wollte, doch die Gräfin war strikt dagegen. Auch das Problem mit der Überwachungskamera beeindruckte sie nicht. Die haben keine Kameras. So ne winzige Filiale. Die machen sowieso bald dicht, hab ich gelesen. Sie war scharf auf die Kohle. Falsch. Sie war scharf auf Urlaub. Tatsächlich ging die Beute im Sommer für vierzehn Tage Südholland drauf.

Die ganze Zeit schien die Sonne.

*

Zwei Jahre später. Ich hatte die Sache längst vergessen, als ich an der alten Bullenwache vor der Fußgängerampel stand und grün anforderte. Während ich wartete, rauschte der Verkehr vierspurig vorüber. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite wartete ein Pulk Leute. Es wurde grün, ich überquerte den Zebrastreifen. Mir entging nicht, dass ein Mann stehengeblieben war, er hatte sich nicht vom Fleck gerührt. Er fixierte mich regelrecht. Ich hielt auf ihn zu, mir noch nichts dabei denkend, doch als ich den Bürgersteig erreichte und ihm ausweichen wollte, stellte er sich in den Weg und zeigte seine Dienstmarke.

„Würden Sie mich bitte ins Präsidium begleiten?“

Ich war völlig perplex. Eine staubige High Noon-Situation. Er zeigte sein Waffenholster. Ich hielt ihn für jemand vom Rauschgiftdezernat, aber ich hatte nichts auf der Tasche. Ich hatte nichts zu befürchten.

„Warum sollte ich das tun, mitkommen..?!“ fragte ich.

„Tja, warum.“

Sein Gesicht war voller Ecken und Schrunden. Er sah aus wie jemand, der viel gesehen hatte im Leben, aber nichts erzählen durfte. Der alles für sich behalten musste. Ein verbautes buschiges Gesicht, hochintelligent – ein finsterer Inspektor. Er fragte, ob ich in einer bestimmten Bankfiliale am Stadtrand jemals „Geldgeschäfte“ getätigt hätte. Genauer gesagt, im Sommer vor zwei Jahren.

Nee, sagte ich trotzig, hab ich nicht, aber mir war schon schummrig zumute.

Wir haben aber Beweise, sagte er. Beweise? Ja, Beweise. Fotos. Fotos, die genau zeigen, dass sie ein Portmonee an sich genommen haben, das Ihnen nicht gehörte. Dass sie es gestohlen haben.

Sie sind ein Dieb.

Auf dem Revier, keine vierzig Schritte entfernt, kamen wir uns näher. Er zeigte mir die Akte, die er persönlich angefertigt hatte, inclusive der vergrößerten Fotoaufnahmen aus der kleinen Bankfiliale. So richtig gut war ich darauf nicht zu erkennen, meiner Meinung nach, ich wunderte mich, dass er mich in der Stadt auf Anhieb wiedererkannt hatte.

„Das liegt an Ihren Obeinen. Ihre Obeine sind unverwechselbar. Die hab ich mir gut eingeprägt. Diesen fliegenden Gang.“

Er war eigentlich ganz nett. An Ihrer Stelle hätte ich nicht anders gehandelt, sagte er.

Der Strafbefehl kam drei Monate später.

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11 Gedanken zu „Brieftaschen

  1. der tag hatte es in sich
    irgendwann kütt dieser tag mit den vielen zufällen
    plötzlich is mann mittendrinne-
    will aber nich
    peng!
    der Rentner war doch ein bulle

    sehr schöh!-n.

  2. Ich mag Ihre Texte. Ich schaue fasziniert aus der Perspektive des Spießbürgers darauf. Sie schaffen mir ein Fenster in einen anderen Teil der Realität.

    Was ich bisher nie verstanden habe, warum zur Hölle man irgenderwas nimmt um an den Synapsen herum zu manilupieren. Verstehen Sie es nicht als Wertung. Es ist etwas, wofür ich nie eine Antwort gefunden habe.

  3. Erst habe ich ja „Bierflaschen“ gelesen und war anfangs ein bisschen enttäuscht. War dann aber doch gut.

    Frage: Wie hoch war der Strafbefehl und musstest du das ganze Geld zurückgeben?

      • achso-die haben die brietasche als köder benutzt und
        um 800 okken einzukassieren
        schlau!

      • ..deswegen stecken die uns auch immer in die tasche, weil die so schlau sind. übrigens, nicht dass du einen schreck kriegst: wir haben kein festnetztelefon mehr!! nur mobil ab jetzt..

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