Das Leben läuft ja nicht weg

Das Leben läuft ja nicht weg, sagte ich, außer volles Rohr und um die nächste Ecke.

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„Ich war vierzehn, als Elvis im Sommer 1977 starb“, erzählt sie. „Ich spielte den ganzen Tag meine einzige Elvis-Single In the Ghetto, und weinte. Und weisst du was? Als Elvis fett geworden war und nicht mehr loderte, als das Feuer in ihm unter hunderttausend Cheeseburgern und in Honig gebackenen Bananen begraben lag und keine Nahrung mehr fand, da, in diesem Moment, da war Elvis gestorben, er war schon lange tot, er war für uns alle gestorben, für das Amüsement der ganzen Welt. Elvis war der Jesus von Las Vegas und Memphis, von Braunschweig und von Tupelo.“

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Solange der Mensch lebt, produziert er Vergangenheit. Und je mehr Menschen auf der Erde leben, desto mehr Vergangenheit ist in der Welt. Eine mächtige Überproduktion. Man weiss gar nicht wohin mit der vielen Vergangenheit. Damalsdeponien, groß wie Kontinente, bedecken die Kontinente: ÜBERALL VER-GAN-GEN-HEIT!

Ein Maximum an früher.

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Es wird Abend. Der Mond knüllt durch die Zweige der hohen Birke und erscheint am Firmament als überbelichtete Cashew-Nuss. Uns überfällt dieses archaische Gefühl, wenn man voller Erregung aus dem Schutz des Waldes hinaustritt aufs offene Feld. In die Savanne. Wie schon unsere Urväter, Urmütter, Urhunde. Wir sind angekommen.

Wir sind da.

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Manchmal ist es diffizil. Die Frage etwa, ob die Form des Stuhlgangs (wie der Stuhl also beschaffen ist, der sich dir in der Porzellanschüssel präsentiert), ob dieser Stuhl also die Quintessenz der vergangenen Tage darstellt oder doch eher als Fingerzeig zu verstehen ist auf das Kommende. Vergangenheit oder Zukunft. Früher oder später.

„Ich hab heut morgen ein Segelschiffchen gekackt! Boh, war das klein! Ne Jolle!“

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Geschichten sind alles, was wir haben. Wir sind dazu verdonnert, zu erzählen. Mit dem Erzählen von Geschichten versichern wir uns gegenseitig unsere zufällige Existenz. 

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Erst mit dem Erzählen fängt man die Vergangenheit ein und leitet sie um in die Gegenwart, wo alle Zeitebenen ihr großes gruseliges Fest feiern, wo immerzu alles möglich ist: neue Liebschaft, alte Kriegsfanfaren – weil wir Menschen sind, die böse Dinge denken, und keine gutartigen Maschinen.

Wir sind das Nachglühen der brutalen ersten Sekunde.

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Benzini fuhr Auto, als hätte er ein Military-Pferd unterm Hintern: vor ihm tiefes Geläuf und nur noch wenige Minuten bis zum Zieleinlauf. Er fuhr Auto, wie er lebte, als wären Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft nichts als ein Hütchenspiel, mit dem wir auf Trab gehalten werden. Jederzeit konnte man all sein Geld aufs falsche Hütchen setzen und als Bankrotteur enden.

Der weiße Prinz 

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Man erzählt sich Geschichten, weil man nicht mehr genau weiß, was los war, als wir jung waren.

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Ich mag dieses unbestimmte, niemals verstummende Gefühl von Weltende, das mich schon als Teenager im Griff hatte, wenn ich die Schule schwänzte, im Stonns Fuot am Tresen hockte und mit meiner Zeit nichts anzufangen wusste, ausser am Tresen sitzen und darauf warten, dass die Welt untergeht.

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„Ich will nicht immer nur ich sein müssen! Ich will als jemand sterben, der auch die andere Seite kennt..!“

(Die Gräfin)

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Angenommen, die Sonne explodiert, dann dauert es genau 8 Minuten bis die Auswirkungen die Erde erreichen und das Licht wegbricht. 8 Minuten, Zeit für eine letzte Photosynthese, ein letztes Mal Chlorophyll und dann ab ins Bett, es wird eine bange und unruhige Nacht.

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„Immer, wenn ich mich bücke und Blut läuft in meinen Schädel, werde ich ganz still, Herr Doktor!“

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Nein, sie hat keine Angst vor der Zukunft, sagt sie, und nein, „ich hab auch keine Angst vor der Gegenwart. Ich hab nur Angst vor meiner Vergangenheit.” Ich schreibe den Satz auf. Es sind drei Sätze. Was meint sie damit? Ich weiß es nicht genau. Sie hat es schon mal gesagt.

Lassen wie es doch so stehen.

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“Wenn man in der Stadt unterwegs ist und in die Gesichter blickt, sieht man überall Angst und Erschöpfung. Die Leute haben alle eine Angst, als drohten sie jeden Moment zu ertrinken. Da draussen ist voll die Evolution in Gange.”

– Die Gräfin –

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Gestern vor 5 Jahren, am 10. Mai 2012, streckte mich mein 3facher Herzinfarkt nieder, ganz in der Nähe der Stadtkirche, im Bannkreis der lustig-bunten Fenster und Gebete. Ich winkte schon mit der weißen Fahne und lag auf dem Boden, aber ich knirschte noch mit den Bronchien.

Ich spreche schon von „meinem“ Herzinfarkt. Mein 3facher Herzinfarkt. Ich hab ihn in meine Biographie integriert wie ein triumphales Intermezzo, einen auf mich zugeschnittenen guten alten Kameraden, ein Looping. Dabei ist das beste, was ich darüber sagen kann, ich habe es überlebt. Vorläufig. Das ist das vorläufig beste, was ich darüber sagen kann. So ein Herzinfarkt ist ein Ereignis, ein Gewitter, das uns einen kurzen Einblick erlaubt in die Gewalttätigkeit des Universums.

Sie gratuliert mir zum 5ten Geburtstag.

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„Ich bin träge. Ich bin eine ganz schwere Kugel, die rollt in einem Jahr vielleicht 1 Zentimeter vorwärts. Mehr schafft die nicht. Da kann ich mich grün anmalen und bellen – mehr geht nicht.“

(Wir beide)

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3 Gedanken zu „Das Leben läuft ja nicht weg

  1. so ein Foto hab ich noch nie gesehen
    nichmal .
    hätte ich zum Foto des Jahrhunderts vorgeschlagen
    ein alter fetter nixnutz setzt sich danieder und sitzt etwas schräg
    aber erst nachdem er sich aufgeladen hat auf seiner lieblingsspezialplatzbank mit Kriechstrom
    ha!

  2. Ein Bankdrücker eben! –
    Ansonsten gefällt mir an dieser Collage die Melancholie, welche die Texte grundiert: Man spürt die Vergeblichkeit und zugleich den Versuch, ihr mit einer Folge von Worten etwas entgegen zu halten.
    „Freude am Schreiben.
    Möglichkeit des Erhaltens.
    Vergeltung der sterblichen Hand.“
    (Wislawa Szymborska)

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