Der Poller

 

Der Coppel-Park um die Ecke hat mehrere Zugänge. Einer führt von der Baumstrasse in die Anlage. Ein streng asphaltierter Pattweg, von Hecken umzäunt, an die dreißig Meter lang und gerade wie ein Lineal. Nach einigen Schritten kommt dieser Poller. Steht da plötzlich mitten im Weg. Er ist grau, wie der Asphalt. Das ist sein Trick, damit kommt er durchs Leben. Werde wie deine Umgebung und du wirst unsichtbar: das Wesen jeder Tarnung.

Warum steht der Poller da? Es weiß kein Mensch. Vielleicht um zu verhindern, dass ein Mofa verbotswidrig in den Park fährt? Nein. Haut nicht hin, denn links und rechts vom Poller ist so viel Platz, da passt locker eine doppelte Harley durch. Und für ein Auto ist der Weg insgesamt zu eng, ob nun mit oder ohne Poller. Mit anderen Worten, das Ding ist überflüssig. Könnte fort. Aber wir leben in Deutschland, der Heimat von Pfosten, die nicht abgeschafft werden, nur weil sie keinen Sinn machen. Dinge abschaffen, die Sinn machen, ja, darüber ließe sich reden. Verhandeln. Machen wir. Kein Thema. Hat sich praktisch schon erledigt. Ist schon weg, das Mistding. Aber der Poller? Der steht doch so schön da! Hat er doch schon immer getan!

Der bleibt.

Im Sommer 88 wohnte ich mit Karlos auf der anderen Seite des Parks, am Kannenhof, und auf der Baumstrasse existierte noch Kambani, unser Lieblingstürke. Eine richtig traditionelle Fetthalle, mit einem Gebläse im Hinterhof, aus dem ranzige Speiseöl-Wölkchen pufften. Unter dem Gebläse hatte jemand mit schwarzem Edding Faule Polacken an die Wand gepinnt. Nicht dick und fett, sondern in Schönschrift, drittes Schuljahr. Gaanz ausgeruht. Kein Hass. Nur eine nüchterne Feststellung: Faule Polacken. Mit einem Punkt dahinter. Jedes Mal, wenn die Gräfin und ich über die Baumstrasse schlenderten, Richtung Park, sagte sie, „komm, lass uns Polacken. gucken..“ Und dann standen wir ehrfürchtig unter dem unaufgeregten Schriftbild und küssten uns.

Ich hatte Hunger an diesem Sommerabend. Ich holte mir bei Kambani eine schöne Currywurst mit Fritten, zum Mitnehm‘. Alles in eine Zellophantüte gepackt, eilte ich die Baumstrasse runter und bog in den Weg zum Park ein, der früher mal der Botanische Garten der Stadt war. Es war halb elf durch, stockdunkel. Es waren die Tage nach Vollmond, wenn das Wetter sich ändert und in der Nacht ist kein Stern am Himmel. Man sieht die Hand vor Augen nicht. Und es gibt weit und breit keine Laterne, die den Pattweg ausleuchtet.

Nach vier, fünf Schritten wurde ich langsamer, da ich jeden Moment den Poller erwartete. Gleich kommt er, dachte ich. Gleich hat er dich. Ich ging so langsam, ich kam fast zum Stillstand. Ich tastete mit den Händen in die Nacht, als würde ich den Lichtschalter suchen. Die Zellophantüte schlockerte leise am Arm. Doch da kam nichts. Da war kein Pfosten. Nichts. Nur der Pommesgeruch war da, er stieg mir in die Nase und befeuerte meine Schritte. Karlos wartete. Für den war auch was in der Tüte, Bier. Drei Büchsen. Du hast den Poller schon hinter dir, dachte ich, und genau in dem Moment, wo ich einen Zacken zulegte, knallte ich voll vor den dämlichen Pfahl. Rapaff!! Mit den Klöten. Mitten rein. Jetzt wusste ich, was Jerry Lee Lewis mit Great balls of fire gemeint hatte: große Klötze aus Feuer!

Es summte in der Buxe.

„Mmhhh.. oppfff!!“

Dann hinkte ich heim.

Advertisements

6 Gedanken zu „Der Poller

  1. Da fehlt doch noch was 🙂
    Als geneigter, langjähriger Leser hier weiß ich um die Folgen. Neben gewissen Farbspielen war auch von einer schmerzhaften, einwöchigen Dauererektion die Rede, und dass die Gräfin mit der Gesamtsituation nicht unzufrieden war 🙂

    Grüße aus dem Tal der Wupper !

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s