Die Götter

„Der schlimmste anzunehmende Unfall ist noch gar nicht eingetreten, die Götter haben uns noch nie wirklich fallen gelassen“, so die Gräfin. „Die legen uns höchstens mal über die Knie und rütteln und schütteln uns ein bisschen durch, nur damit wir merken, wie schlimm es sein könnte, sollten sie je ernst machen, sollten wir je abrutschen, aber sonst ist noch nichts geschehen. Nein, die Götter sind uns gnädig.. bislang.“

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Auch wenn ihnen die Schlagzeilen nicht mehr gehören, den Junkies, die noch den klassischen altmodischen Junkietod sterben, die Überdosis, ja, es gibt sie noch. Von so einer Überdosis-Schote erzählt mir ein Bekannter, den ich im Bus nach Aufderhöhe treffe. Eine relativ lange Strecke, mit Haltestellen wie Jammertal, Schmalzgrube, Hoffnung. Es ist alles dabei, wenn man in Solingen den Bus nimmt: die Linie 86 Richtung Aufderhöhe.

Der Bekannte erzählt, dass ein Junkie in seiner Bude den Löffel abgegeben hat, im wortwörtlichen Sinne. Es war nicht der erste Junkie, den es bei ihm daheim getroffen hat.

In der vorletzten Wohnung in der Nordstadt starb seine Frau, mit der er fast zwanzig Jahre verheiratet war, an einer Überdosis Heroin und Benzos, als er gerade im Knast eine Geldstrafe absitzen musste, und in der letzten Bude starb sein jüngerer Bruder neben ihm im Sessel, als mein Bekannter gerade eingenickt war. Beide Male ist er kurz darauf umgezogen, er wollte an den Tod seiner Frau bzw. seines Bruders nicht ständig erinnert werden. Und jetzt stirbt wieder einer bei ihm zu Hause, zu einem Zeitpunkt, wo er sich in der neuen Bleibe gerade akklimatisiert hatte.

„Ich kann doch nicht schon wieder umziehen, nur weil einer..“

Er lässt den Satz unvollendet, und ich nicke.

Der Bekannte des Leutseligen war frisch aus der Kiste entlassen worden, wo er 18 Monate abgesessen hatte, wegen der üblichen Drogendelikte, die gar keine Delikte wären, hätten wir gerechtere Gesetze in Deutschland.

Leute, die aus dem Knast kommen, sind in der Regel relativ clean. Zwar gibt es auch im Gefängnis Drogen, wie jedes Schulkind heutzutage weiß, doch der Stoff ist so teuer, dass sich kaum ein Inhaftierter den täglichen Konsum leisten kann. Es gibt Süchtige, die sind im Bau im Methadon-Programm, aber nur dann, wenn sie einen Arzt aufweisen können, der sie nach der Haftzeit weiter substituiert. Hat man keinen Doc zur Hand, der einem das schriftlich gibt, muss man eben Heroin kaufen im Knast oder man muss kalt entziehen und geht in der Zelle die Wände hoch und macht alle Mitgefangenen verrückt.

Wie auch immer, wenn ein Junkie seine Haftzeit abgesessen hat und entlassen wird, führt ihn sein erster Weg zur Szene, um kräftig zu feiern. Dass der Körper monatelang wenig oder gar kein Gift zu sich genommen hat und daher entwöhnt ist, wird dabei unterschlagen. Der Bekannte sitzt also beim Leutseligen auf der Bude und setzt sich einen Druck, es ist alles in Ordnung.

„Junge, das knallt aber.. das hört ja gar nicht auf, hör mal..“

Der Leutselige wartet eine Viertelstunde und bricht dann zur Pommesbude auf, um ein paar Flaschen Bier und zwei Portionen Gyros zu besorgen. Um halb neun beginnt ein Fußball-Länderspiel, das man sich zu zweit ansehen will.

„Lass mir noch einen Bubble da“, bettelt der Bekannte, obwohl er bis unter die Hutschnur bedient ist, doch nach 18 Monaten Abstinenz ist er nicht so rasch zufriedenzustellen.

Er legt einen Zehner auf den Tisch.

„Nun mach mal halblang“, meint der Leutselige, „du hast doch schon genug“, zumal das Pulver ausnahmsweise von hoher Potenz ist, doch der Bekannte lässt nicht locker.

„Komm, nur einen Bubble.. bitte..“

„Ich hab ihm den kleinsten dagelassen, den ich noch hatte“, erzählt der Leutselige, als die Linie 85 den Busbahnhof Aufderhöhe erreicht. Außerdem nahm er seinem Bekannten das Versprechen ab, sich nur die Hälfte des Pulvers auf den Löffel zu packen und sich die zweite Hälfte für später aufzubewahren.

Als der Leutselige aus der Pommesbude zurückkommt, sitzt der Bekannte im Sessel und schaut fern. Der Leutselige geht in die Küche, holt Besteck, macht zwei Flaschen Bier auf, stellt alles auf den Wohnzimmertisch.

„Nimm dir was, ich geh mal eben pinkeln.“

Es dauert seine Zeit, der Leutselige hat es an der Prostata, für eine Runde Pinkeln braucht es schon mal 20, 30 Minuten, um das Geschäft erfolgreich abzuschließen. Schließlich ist er zurück an der Front. Das Spiel läuft.

„Wie steht’s?“

Erst jetzt fällt dem Leutseligen auf, dass sein Bekannter noch haargenau so dasitzt wie vor seinem Gang zum Klo. Er fasst ihn am Arm an.

Er ist schon ein bisschen kalt.

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