Die Braut des Lyrikers (The Poet’s Bride)

Wenn im September in Düsseldorf die Mode-Messe auf der Agenda stand, war das Turm-Hotel restlos ausgebucht. Der Belegungsplan verzeichnete über siebzig Gäste in 44 Zimmern, darunter einen kleinen Mann aus Offenbach, der gerade angekommen war, beide Hände tief in den Hosentaschen. Ein Vertreter für Nähzubehör und Kurzwaren. Er hatte reserviert. Ich reichte ihm den Zimmerschlüssel rüber.

“Es ist verdammt schwer für einen Auswärtigen, euer Hotel zu finden“, beschwerte er sich. „Man sieht es zwar schon von weitem, ich meine, ist ja ein markantes Gebäude, aber man weiß einfach nicht, wo man reinfahren soll, zum Parken.”

“Na ja, das stimmt. Ist schlecht beschildert und ziemlich verbunkert, der ganze Komplex hier”, sagte ich.

“Verbunkert? Genau. Da sagen Sie was!” Der Mann sah sich müde um und ging in Richtung Treppenhaus. “Als hätte es hier mal einen Massenmord gegeben.”

Er zog die schwere Feuerschutztür auf und stieß beinahe mit unserem spitzbärtigen Herrn Maurits zusammen, der in diesem Moment aus dem Treppenhaus trat.

“Huh. Verzeihung..”

Maurits, ein in Solingen geborener Lyriker, logierte samt Ehefrau im zwölften Stock, Zimmer 27. Er lebte seit vielen Jahren in München, doch seine alte Heimatstadt hatte ihn nicht vergessen und ehrte ihn nun mit einem der selten verliehenen Kulturpreise. Ein feiner älterer Herr, etwas umständlich, beinah sittsam. Zum Spitzbart trug er Baskenmütze und Seidenschal. Er war nicht aus diesem Jahrhundert. Er war nicht mal von dieser Welt. Er kam aus einem sehr alten Roman, in dem ständig der Kamin prasselt und der Butler bringt den Tee, der genau die richtige Temperatur hat.

“Zimmernummer 27 bittesehr”, sagte er leise, als er am Tresen stand, um den Schlüssel abzuholen.

Vorsichtig wendete Maurits den Blick in Richtung Frühstücksraum, ein 60jähriges Reh, das Angst hat, in freier Wildbahn Aufmerksamkeit zu erregen und entdeckt zu werden. Der Mann rührte mich irgendwie, und irgendwie ging er mir auf den Nerv. Ein interessanter Mann.

“.. die 27, aber ja, weiß ich doch, Herr Maurits.”

Er hatte bislang fünf Gedichtbändchen veröffentlicht, seine Gedichte waren eher scheuer Natur. Ich hatte einige in der Zeitung gelesen. Mit was man so alles sein Geld verdienen kann in dieser Welt, war kein Gedanke, der einem automatisch bei der Lektüre seiner Werke kam, da er kein Geld damit verdiente. Zur groß angekündigten Lesung im Kammermusiksaal (“Einer der großen Lyriker unserer Zeit”) waren am Abend zuvor siebzehn zahlende Besucher erschienen, der Rest der Stuhlreihen war mit Oberstufenschülern aufgefüllt worden, die sich nicht wehren konnten, sie hatten als Leistungskurs Deutsch gewählt. Niemand in der Welt hat es schwerer als ein Dichter, der aus einem anderen Jahrhundert stammt. Das Leben geht gnadenlos weiter. Zur Stärkung wird gelegentlich ein Poem gereicht, das kaum jemand versteht. Das ist der Sinn der Sache.

“Angenehme Nacht, Herr Maurits“, wünschte ich.

Wenn das Hotel in Messezeiten bis unters Dach belegt war, glich die Atmosphäre einem Ameisenhaufen. Bis ein, zwei Uhr klingelte es unten an der Eingangstür, das Telefon stand nicht still, Messegäste trafen sich auf einen Absacker im Frühstücksraum und genossen die Aussicht über die Dächer der nächtlichen Stadt.

Zehn nach Zwölf klingelte wieder die Telefonanlage. Eine interne Verbindung. Auf der elektronischen Anzeigetafel leuchtete die 27 auf.

“Rezeption..?”

„Ja, Zimmer 27. Maurits. Wir haben hier ein kleines Problem. Das Radio rauscht so laut.”

„Das Radio rauscht so laut?!”

“Ja. Das Radio lässt sich nicht abstellen. Es rauscht und rauscht. Man kriegt nicht mal einen Sender rein. Wir haben schon alles probiert, aber es rauscht immer weiter. Wissen Sie, wie man Abhilfe schaffen kann?”

Im Hintergrund war tatsächlich ein Geräusch zu hören, so gewaltig, als hätte man zehn alte Mittelwellenradios zusammengebunden, auf dem Rücken eines Rodeopferds.

“Wie wär’s mit dem Aus-Knopf, Herr Maurits”, sagte ich.

“Der geht nicht. Es rauscht einfach weiter und weiter. Wären Sie vielleicht so freundlich, auf einen Sprung hochzukommen?”

“Ähem.. ja, ich komme gleich. Moment.”

„Das wäre aber furchtbar freundlich von Ihnen.”

Ich schnappte mir den roten Generalschlüssel vom Haken, den Passepartout, der mich bei jedem Gebrauch an den wunderlichen Diener aus Jules Vernes In 80  Tagen um die Welt erinnerte, und schlüpfte in die Wohlfühlsandalen meines Chefs. Öfter mal was Neues. Dass ein rauschendes Radio sich nicht abstellen ließ, hatte ich in meiner langjährigen Karriere als Nachtportier auch noch nicht erlebt.

Vielleicht ist es ja gar nicht das Radio, dachte ich, als ich den Aufzug nahm. Vielleicht hat der Dichter seinen rauschenden Gebirgsbach mitgebracht aus Bayern, zur Nervenberuhigung und um das Lampenfieber vor der Preisverleihung zu bekämpfen, und jetzt bekommt er das Wasser nicht mehr gestoppt, im zwölften Stock.

Komm, bei Lyrikern ist alles möglich.

Erzähl mir nichts.

Maurits erwartete mich bereits am Ende des Flurs. Die französische Mütze hing ihm auf dem Kopf wie Panade auf einem schiefen Schnitzel.

“Wenn Sie mal schauen möchten?”

Genervt ließ er mir den Vortritt, in den offenen Gesundheitsschlappen meines Chefs schlurfte ich ins Zimmer. Es war exakt Geisterstunde. Mitternacht im Bunker. Massenmordzeit. Meuchelminuten.

“N’abend”, sagte ich.

Frau Maurits, die auf der rechten Seite des Doppelbetts lag, die Decke hochgezogen bis unter die Nase, würdigte mich keines Blickes und starrte zur Zimmerdecke hinauf. Das Ganze schien ihr immens unangenehm zu sein.

“Guten Abend”, wimmerte sie.

Vor Ort entpuppte sich das Rauschen als schwer definierbare Mixtur aus hartem Weltraumsound und Hintergrundgeblöke. Es kam eindeutig aus dem Radio, das gleich überm Nachtschränkchen in die Wand eingelassen war. Ein Einbau-Radio.

“Bei dem Lärm kann man nicht einschlafen, beim besten Willen nicht”, meinte Maurits erregt.

“Ja, das ist richtig”, sagte ich.

Ich fummelte an den Knöpfen des Radios herum, so als wüsste ich, was ich da tat, oder als hätte ich zumindest eine Idee. Nichts passierte. Was sollte auch passieren. Ich wusste ja nicht, was ich tat. Es rauschte weiter und weiter. Nicht mal BFBS bekam ich gebacken, den Sender der britischen Rhein-Armee, der sonst in ganz NRW mit der mickrigsten Zimmerantenne zu empfangen war – es rauschte einfach in einem fort, was ich auch versuchte.

“Komisch”, sagte ich, während Herr Maurits, das 60jährge Vers-Wild, mich unentwegt beäugte.

“So ein Abenteuer”, schien es zu denken. “Muss das sein? Ist das nötig? Ich habe morgen einen schweren Tag vor mir.”

Ich wusste nicht, was ich tun sollte. Maurits forderte ein anderes, ein ruhiges Zimmer, da das Hotel aber ausgebucht war, konnte ich kein Ersatz-Zimmer anbieten. Was blieb mir übrig – zur Not musste ich das defekte Radio im Klump treten, in den offenen Schlappen meines Chefs, damit es Ruhe gab. Damit diese elende Rauscherei aufhörte, die sich niemand erklären konnte, weder der Lyriker, noch das Weib des Lyrikers, noch der Nachtportier, die sich alle drei nichts sehnlicher wünschten als ihre verdammte Nachtruhe.

Vielleicht lag die Sache auch ganz einfach. Vielleicht existierte irgendwo ein Stecker, den man nur aus der Steckdose ziehen musste und schon war Stille. Fußten die meisten Lösungen nicht auf eher schlichten Überlegungen? Ich rückte das Nachtschränkchen zur Seite, das direkt unterhalb des in der Wand eingelassenen Radios stand, doch Maurits winkte enttäuscht ab.

“Aber nein, haben wir alles schon probiert. Es gibt nirgends einen Stecker, den man rausziehen kann und das Rauschen hört auf.”

Ach so.

Na, dann nicht.

Seine Frau starrte die ganze Zeit angestrengt zur Decke und gab keinen Mucks von sich, während das Radio munter weiterrauschte, wie ein Massenmord auf Mittelwelle. Dann aber, als ich das Nachtschränkchen wieder nach rechts an seinen ursprünglichen Ort zurückschob, rückte auch der Massenmord nach rechts. Was sollte das? Das gab doch keinen Sinn. Und dann passierte es gleichzeitig: Ich dachte gerade noch, “wieso rauscht das Nachtschränkchen!?“, da rief der Dichter schon: “Aber ja doch!! Das gibt es doch nicht! Das ist mein.. Rasierapparat, der da rauscht!”

Er griff nach dem schwarzen Kulturbeutel, der oben auf dem Nachtschränkchen lag, und öffnete den Reißverschluss.

“Hörst du, Schatz, das ist mein.. Rasierapparat!!”

Seltsamerweise holte er den Apparat aber nicht heraus, um ihn abzustellen. Im Gegenteil. Er ließ ihn im Kulturbeutel, wo er weiterblökte.

“Sind Sie sicher, dass es daran liegt?” fragte ich noch, doch Maurits strahlte wie ein Dadaist, der sich ins Bauerntheater verirrt hat und nun froh ist, endlich den Ausgang zu entdecken. ”Aber natürlich bin ich sicher, der Herr!”

Erleichtert entschuldigte er sich, dass ich mich ganz umsonst herauf bemüht habe, und begleitete mich eilig zur Zimmertür.

“Och, macht nichts”, sagte ich heilfroh, dass die Sache sich geklärt hatte. “Und ich dachte schon, Ihr Nachtschränkchen rauscht, ha-ha!”

Nur die Braut blieb erstaunlich still, die Bettdecke bis unter die Nasenspitze hochgezogen. Erst als ich das Zimmer verließ, hörte ich, bereits auf dem Gang, ihr plötzlich recht forsches Stimmchen.

“Na hoffentlich ist die Batterie nicht leer.”

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6 Gedanken zu „Die Braut des Lyrikers (The Poet’s Bride)

  1. Dazu fiel mir spontan die Liedzeile ein:
    Everything I think I know is just static on the radio (Jim White)
    Ein grandioser Song übrigens.

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