Können wir noch zwei Kaffee haben

Es ist kurz nach fünf, als die Bedienung des Altenheim-Cafés die Tische abwischt und darauf wartet, dass der letzte Zipfel ihrer Schicht anbricht, dass es endlich halb sechs wird und sie die Kasse machen und pünktlich nach Hause gehen kann.

Da sind zwei späte Gäste nur lästig.

“Können wir noch zwei Kaffee haben?” sag ich.

Zuerst antwortet die Mitarbeiterin gar nicht, sie stellt sich taub und fegt missmutig Krümel vom Tisch. Erst als ich mich wiederhole und dabei den stoischen Eindruck vermittle, es zur Not auch weitere 45mal zu wiederholen, ”Können wir noch zwei Kaffee haben?”, “Können wir noch zwei Kaffee haben?”, ”Können wir noch zwei Kaffee haben?”, erst da blickt sie auf. Schon reichlich angepisst. Aber was bleibt ihr anderes übrig, als mich wahrzunehmen. Schließlich steht da groß und frech Öffnungszeiten 10.00 – 17.30 Uhr. Wir haben ein Recht auf Kaffee. Wir sind in der Bundesrepublik. Es ist 17 Uhr 07.

“Jaja..”, brummt sie, “zwei Kaffee..”

Bis in den letzten Winkel ihres unglücklichen Gesichts ist ihr anzusehen, dass sie aktuell so ziemlich alles lieber täte, als für meinen alten Vater und mich zwei Becher in die Hand zu nehmen, sie unter den Einfüllstutzen des Kaffeeautomaten zu platzieren und volllaufen zu lassen. Zum Beispiel die Krümel vom Tisch fegen. Sie kann ihren Widerwillen kaum unterdrücken. Wie schön, dass sie nie Schauspielunterricht genommen hat. Am liebsten würde sie mir die Fresse polieren.

Vater hält sich konsequent in meinem Windschatten auf, beide Hände am Rollator. Er kümmert sich nicht um uns, er beobachtet die Halbtagskräfte, die aus der Heimküche kommen und die Kühlwagen mit dem Abendbrot Richtung Aufzüge bugsieren. Besonders angetan hat es ihm eine temperamentvolle türkische Reinigungskraft, die ununterbrochen in die Freisprecheinrichtung ihres Handys palavert, während ihr Red Devil-Monstersauger seine Arbeit tut.

Als es vor Jahren losging mit den Freisprecheinrichtungen blieb ich oft stehen und warf den Leuten verstohlene Blicke zu, weil ich dachte, wieso führen die alle so laute Selbstgespräche plötzlich. Wieso sind die alle so durchgeknallt.

Die türkische Putzfrau entfernt sich. Mit ihrer Pluderhose, dem Kopftuch und dem bunten Schal erinnert sie an eine arabische Ausgabe der Bezaubernden Jeannie, eine dunkelhaarige feurige Barbara Eden.

“Große Kaffee?” fragt die Bedienung.

“Ja.”

Auch ich kann knapp. Auch ich bin Militär. Ich setze mich an den Tisch. Vater bleibt unentschlossen im Gang stehen, müde von den vielen verrauchten Momenten seines Lebens, ganz mit dem Rollator verwachsen. Er blickt gelegentlich mit einer merkwürdigen Faszination auf die Gehhilfe nieder, als handele es sich um das Steuerpult eines Verkehrsleitsystems. Stellt sich die Frage, was er da so alles Aufblinken sieht an bunten Lämpchen und Querverweisen. In welcher Stadt er sich befindet.

“Komm, setz dich”, sag ich. „Kaffee kommt gleich.“

“HÄ..?!”

“Kannst dich schon mal setzen.”

“WASS!?”

“DU KANNST DICH SCHON MAL HINSETZEN! KAFFEE KOMMT GLEICH!”

“Ja, ist ja gut.. ist ja gut..“

Er bleibt dennoch stehen und weiß nicht, was los ist, was als nächstes kommt. Ob er daran beteiligt sein wird, am „Nächsten“. Es passiert immer häufiger, dass er das nicht weiß, und das ist neu. Keine Marotte, sondern das Fortschreiten der vaskulären Demenz. Der Tod reißt Stücke aus uns allen. Der Tod kommt geländegängig. Der Tod macht unsichere Kantonisten aus uns allen. Plötzlich wissen wir nicht mehr, was es als nächstes zu tun gibt, ob wir daran noch beteiligt sein werden.

“Komm”, sag ich, “ich helfe dir.”

Ich rücke Stühle beiseite, damit Vater Platz hat für seinen Rollator, den er ming Kärken nennt. Meine kleine Karre. Er kurvt ungeschickt um den Tisch herum, Verfall und Schwerhörigkeit schreiten voran. Vater ist oft nicht richtig bei der Sache, der Blick bleibt im Ungefähren hängen, er wackelt wie irgendwas viereckiges im Wind. Und dann haut er plötzlich einen Spruch raus, dass einem schwindlig wird.

“Sag mal, siehst du das auch?“ fragt er vorsichtig. „Da fliegen Vögel durch die Speichen.”

“Durch welche Speichen?”

“Da vorn, durch die Räder vom Rollstuhl, der steht doch da.. in der Ecke. Da flattern die ganze Zeit so kleine Vögelchen durch die Speichen. Hörst du das nicht?”

Er hat Halluzinationen, vermutlich von dem Dutzend Medikamente, das er täglich schluckt. Als er sich niederlässt, wird der Kaffee aufgerufen, wie auf dem Amt.

“Ihr Kaffee ist fertig!”

Steht auf der Theke, fertig zum Abholen, auf einem grauen Plastiktablett. Als wäre es hier proppenvoll, als würden hier 100 Gäste sitzen und die Bedienung hätte alle Hände voll zu tun. Was soll’s. Ist ein Selbstbedienungs-Café. Wozu noch freundlich sein zu den Menschen. Lohnt doch nicht.

“Sollen wir n’paar Plätzker eten?” meint Vater.

Plätzker eten. Das ist gehobenes Platt. N’paar Plätzker eten. Nicht Plätzchen, nein: Plätzker.

“Klar. Ich hol welche.”

An der ansonsten leeren Kuchentheke entscheide ich mich für eine Tüte Waffeln & Schokokekse, den Bahlsen-Gebäcktraum. Extra für uns muss die Mitarbeiterin die Kasse hervorholen. Sie hat bereits abgerechnet. Sonderausgaben, denk ich.

Kaum ist die Packung geöffnet, langt Vater zu und zieht sich eine Schokowaffel nach der anderen rein, er ist eine gut geölte, ausgehungerte, in sich verfallende Maschine. Die unter Alterszucker leidet, ich weiß, ich weiß, ich dürfte das hier alles gar nicht tun.. Doch wie ich höre, rauschen seine Blutzuckerwerte oft dermaßen in den Keller, dass die Pflegekräfte ihm den Traubenzucker riegelweise in den Mund schieben müssen, bis die Werte wieder stimmen. Da kann er jetzt ruhig was Naschwerk vertragen.

Vater süßt seinen Kaffee mit Natreen, ich mit raffiniertem Zucker. Dummerweise ist der Zuckerspender nicht richtig zugedreht, und so geht reichlich was daneben, als ich meinen Kaffee süße. Plötzlich ist der halbe Tisch voll mit Zucker. Nachdem ich mich absichere, dass die Bedienung mit anderen Dingen beschäftigt ist, (Kasse wieder verschließen), nehme ich das Deckchen und schüttle es überm Fußboden aus.

“Was machst du denn da?” Vater ist entsetzt.

“Da war Zucker drauf.”

“Ach sooo.”

Das Schöne am Beisammensein mit demenzkranken Menschen: ihre unvergleichliche Akzeptanz so ziemlich jeder Situation. Sie nehmen alles als gegeben hin. Oder man hat Pech und es passiert genau das Gegenteil und alles endet in einem großen Missverständnis. Man müsste es so formulieren: Das Schöne am Beisammensein mit demenzkranken Menschen ist die Überraschung, die jederzeit möglich ist.

Ja, so ist es gut.

“Probiere mal deinen Kaffee”, sag ich

“Probiere mal meine Gedanken?” versteht er.

“Den Kaffee! Probiere mal, ob er dir süß genug ist!”

“Ja, die schmecken gut. Schön frisch sind die Plätzker.“

Ich werde jedes Mal ein bisschen trauriger, wenn ich ihn besuche. Es ist nicht mehr das gleiche, er verändert sich. Auch wenn das Kaffeetrinken im Altenheim mit der Zeit rituellen Charakter erhält, allein durch die schiere Wiederholung, es reicht nicht an die Zeit nach Mutters Tod heran, als Vater und ich zum ersten Mal so etwas wie eine Beziehung zueinander aufbauten.

Nach ihrem Tod schnappte ich mir alle zwei Tage den Hund und besuchte meinen alten Vater, der jetzt allein in der großen Wohnung lebte. Schon wenn ich anrief, um mein Kommen anzukündigen, fragte er, ob er Apfelkuchen auftauen sollte. Zwei Stückchen. So entsteht Brauchtum unter Vätern und Söhnen. Und da ist es auch nicht weiter von Belang, wenn der Apfelkuchen nach Zwiebeln schmeckt, weil der Backofen nach Mutters Tod nicht mehr so penibel gereinigt wurde wie zu ihren Lebzeiten. Er wurde überhaupt nicht mehr gereinigt, weil sich niemand dafür zuständig fühlte. Und wir hatten aufgewärmten Zwiebelkuchen auf dem Teller, mit leichtem Apfelaroma.

„Halb so schlimm“, sagte ich.

„Ja, aber auch nur halb so lecker“, sagte Vater.

 

Meist blieb ich den ganzen Nachmittag. Wir zerrten den Diaprojektor aus den Tiefen des Wohnzimmerschranks, fanden eine aus Japan importierte winzige Spezialbirne, damit der Projektor genug Licht hatte, und schauten alte Dias. Nur wir beide. Was früher ein von Schreien und Kichern begleiteter Dia-Abend im Kreise der ganzen Familie war, inklusive Tanten und Onkel und Cousins und Cousinen, besorgten wir nun zu zweit, plus Hund. Der vertrödelte die Zeit auf dem Teppich und schnorchelte zufrieden vor sich hin.

Statt umständlich eine Leinwand aufzubauen, verdunkelten wir das Esszimmer und projizierten die Fotos einfach an die Wand. Fotos aus Kindertagen, von Ausflügen in den Benrather Schlosspark und Bootstouren auf der Diepentalsperre, Ferienbilder vom Lago di Garda. Am liebsten aber waren mir die Dias, die meine Mutter in jungen Jahren zeigten. Wie sie, kaum volljährig und im feschen Badeanzug, mit Vaters Plattenkamera flirtete. Eine junge Frau, die sich ihrer Schönheit bewusst war, ohne arrogant zu wirken, grandiose Bilder, auch wenn wir sie mit schwerem Herzen betrachteten.

Vater fallen die Augen zu. Es ist gleich halb sechs. Wieder laufen die Halbtagskräfte ein, mit Supersaugern und einem quäkenden Handy.

“Was ist denn da los..?! Kommt die Eisenbahn??” schreckt Vater hoch.

“Das ist die Putzfrau”, sag ich, und nachdem er realisiert hat, was los ist, nickt er.

“Die kenn ich. Die ist in Ordnung.”

Er nimmt das letzte Gebäckstück aus der Kekspackung. Die Schokolade ist schon leicht angeschmolzen von der Wärme im Café. Nicht nur seine Finger sind plötzlich voller Schokolade, das ganze Gesicht enthält Spuren von Kakao.

“Na, Zuckerschnute”, sag ich.

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4 Gedanken zu „Können wir noch zwei Kaffee haben

  1. …zum Vater erstmalig so etwas wie eine Beziehung.
    Meine Eltern leben noch, hoch betagt. Illusionen mache ich mir keine.
    Wer weiß.

    Berührt mich sehr, was Du hier schreibst.
    Lieben Gruß.

  2. Wohl dem, der den allmählichen Selbstverlust eines dementen Angehörigen mit Humor und Empathie begleiten und zugleich in solch dichten Prosaminiaturen einfangen kann. Letzteres kommt dann, vielleicht, einer Art von Weiterleben gleich, vor allem auch dann, wenn der Text O-Töne und sprechende Details enthält, die die Person vergegenwärtigen.
    Gruß Uwe

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