Platzwunde

Anfang Juni 2013 stürzte Vater in der Küche und zog sich eine Platzwunde am Kopf zu. Was genau passiert war blieb unklar, eins aber stand fest: Sobald er wieder auf den Beinen war, muss er das ganze Blut vom Linoleumboden aufgewischt haben, bis auf einen winzigen kreisrunden Rest in der Küchenmitte, der war ihm entgangen.

Er hatte sogar dafür gesorgt, dass nichts von der Küchenrolle zu finden war, mit der das Blut aufgewischt wurde, weder im Abfalleimer noch sonst irgendwo, er muss alles in der Toilette entsorgt haben. Bloß um den Anschein von Normalität aufrecht zu halten. Damit alles weiter seinen gewohnten Gang nahm, damit kein Mensch ins Altenheim musste.

Blut?

Was denn für ein Blut?

Es gab Überlegungen, Planspiele, Vorschläge. So hatte Vater schon bald nach Mutters Tod erste Erkundigungen eingezogen, ob wir uns eventuell vorstellen könnten, bei ihm zu wohnen und ihn mitzuversorgen, die Gräfin und ich. „Ich mach euch nicht viel Arbeit“, sagte er, und wie er das sagte, mit ebenso kleiner wie entschiedener Stimme, hatte ich dieses schummrige Gefühl im Bauch, das sich immer dann meldet, wenn Liebe zu stark zu werden droht, wenn Liebe die Perspektive mit warmer Pranke verschiebt. Wenn man kurz davor ist, eine spontane Entscheidung zu treffen, die man später eventuell bereuen wird, weil die Wirklichkeit, die folgt, eine Planierraupe ist, die sich einen Scheiß um spontane Gefühle schert.

Denn eines war klar: auch wenn die Wohnung mit knapp 90 Quadratmetern nicht klein war, für drei Leute und einen Hund war die Aufteilung der Räume zu ungünstig, das sah Vater letzten Endes auch ein. Niemand hätte je seine Ruhe gehabt. Da auch bei meinem Bruder und meiner Schwester die Verhältnisse nicht so waren, dass Vater dort einziehen konnte, mussten wir uns schnell etwas einfallen lassen. Nach dem Unfall in der Küche setzte uns Vaters behandelnde Haus-Ärztin die Pistole auf die Brust. Sie könne keine Verantwortung mehr für Vater übernehmen, solange er allein lebte und niemand ganztägig ein Auge auf ihn warf.

„Das muss sich ändern, und zwar so rasch wie möglich.“

Vermutlich hatte Vater am Abend in der Küche gesessen, ein Tomatenbrot mit Zwiebeln gegessen und war dabei vom Drehstuhl gerutscht und auf den Boden aufgeschlagen. Ob er kurzfristig ohnmächtig gewesen war, niemand konnte es sagen. Er selbst hatte keinerlei Erinnerung an den Vorfall. Sagte er. Ich glaubte ihm. Vielleicht nicht zu 100 Prozent, aber gute 95 waren drin.

Ich war gegen halb vier mit dem Hund zur Schillerstraße gekommen. Wenn ich die Wohnungstür im zweiten Stock aufschloss und nachschaute, wo Vater sich aufhielt, musste ich vorsichtig zu Werke gehen. In seiner Einsamkeit war Vater oft so tief in sich versunken, dass ihn fast der Schlag traf, wenn man plötzlich vor ihm stand und hallo sagte.

Hallo Papa.

„Junge, hast du mich erschreckt…! Ja, bist du denn verrückt!? Das kann man doch nicht machen!“

Besonders heikel war es, wenn er sich zum Mittagsschläfchen ins Esszimmer zurückgezogen hatte. Auf dem gemütlichen alten Sofa mit den beigefarbenen Bommeln schlief er so entrückt und fest, dass es kaum möglich war, ihn wach zu bekommen, und da konnte ich mich beim Betreten der Wohnung noch so forsch ankündigen, PAPA, ICH BIN’S!

Oder ich schickte gleich den Hund vor. Lauf, weck den Opa! Doch dann war die Gefahr groß, dass Vaters jähes Aufwachen mit dem Bild eines vor ihm stehenden Riesenköters zusammenfiel, und der zog die Lefzen hoch.

„Ich dachte, was ist das denn fürn Untier!“

Wie ich es auch drehte und wendete, das Aufwecken blieb ein Problem. Im ersten Moment, wenn er aus tiefen Traumschichten stieg und die Augen aufmachte, war ich für Vater stets ein Fremder, den er nicht kommen gehört hatte, ein Fremder, der ihn überfallen und ausrauben wollte. In Amerika, mit einer Pumpgun unterm Kopfkissen, hätte er mich locker zwanzig Mal über den Haufen geknallt.

Vater lag auf dem Sofa, unter Decken begraben. Er schlief tief und fest, ein vertrauter Anblick. Nur der Kopf war zu sehen und sein wirr abstehender weißer Haarschopf – ein Dirigent, der sich zwischen zwei Aufführungen aufs Ohr gehauen hatte, um sich zu erfrischen.

Ich stand über ihm und begutachtete seinen Schlaf. Manchmal blieb ich minutenlang so stehen, still und bewegungslos, den Blick auf den alten geschundenen Körper gerichtet. Wie ein Bussard kreiste ich über ihn und wachte über seinen Herzschlag, denn in Vaters Alter, in seinem Zustand konnte man nie ganz sicher sein, ob die Wolldecke, die sich im Rhythmus der Atemzüge hob und senkte, sich auch wirklich im Rhythmus der Atemzüge hob und senkte oder ob ich mir das nur einbildete und der Körper längst – oder unlängst – erkaltet war.

Lebte der alte Bursche noch??

(Ich war nicht nur Vaters privater Herzschlag-Bussard, ich war auch ein Luftbild-Archäologe, der aus einer gewissen Höhe Muster zu erkennen suchte, Hirnströme im Schädel des Alten, zackige Kurven.)

Oh, süße sorglose Tage, wenn ich am Sofa stand und er plötzlich und unerwartet die Augen aufriss und hellwach war!

„Ach du bist es..!“

(Manchmal hatte ich echt die Nase voll. Ich hatte alles Mögliche probiert, um ihn schonend wach zu bekommen, doch er reagierte auf nichts, auf gar nichts. Er schlief einfach weiter bis ich kurzentschlossen an seiner Schulter rüttelte wie an der bösen Stiefmutter.

„Papa!“

„JAA.. BIST DU DENN..? DES WAHNSINNS..? HAB ICH MICH VIELLEICHT ERSCHROCKEN!!“)

Er schlief immer noch. Er träumte, den Mund halb geöffnet. Ich stutzte. Da war ein dunkler Fleck an seinem Haaransatz. Ich bückte mich zu ihm hinunter. Ein Klecks Blut verklebte sein graues Haar, getrocknetes Blut. Er stöhnte leise im Schlaf. Ich ermunterte den Hund laut zu bellen, damit Vater endlich aufwachte, doch der Hund kapierte nicht, was ich wollte, blickte hilflos um sich.

Ich stand an der Couch, rief laut „Vater!“, zupfte unschlüssig an der gesteppten Decke und rüttelte erneut an seiner Schulter, was alles nichts brachte, dafür ist der Altersschlaf ein zu mächtiger Diktator, da hilft es nicht, unschlüssig an der gesteppten Decke zu zupfen und ein bisschen „Vater“ zu winseln, „du musst aufstehen, du kannst nicht den ganzen Tag schlafen.“

Ich griff zum finalen Mittel. In der Küche war ein Wasser-Boiler aus den Sechzigerjahren. Sobald das Wasser kochte, setzte ein Daueralarm ein, ein Inferno, dass dem Mietshaus fast das Dach wegflog, und tatsächlich: sofort war Vater wach, mit schreckensweit geöffneten Augen.

„WER IST.. WAS IST LOS..?!“ keuchte er, aus dem Nachmittags-Traum gerissen.

„Na, das frag ich dich..“, sagte ich.

„WAS??!“

Ich ließ ihn erstmal zu sich kommen. Er stöhnte und schmatzte. Der Hund hechelte. Nach einer Weile stieß Vater die Decke weg, streckte die Hand nach dem Hund aus.

„Da ist ja auch der Hund.. hallo Molli.“

Frau Moll schleckte genüsslich Vaters Hand, rauf und runter, wie einen dicken Fleisch-Lolli. Sie liebte die milchige, nach Aprikose duftende Creme, die der Pflegdienst bei ihm auftrug.

„Sag mal, Papa.. was hast du am Kopf gemacht..?“

„WAS??!“

„WAS DU AM KOPF GEMACHT HAST!“

Er saß jetzt halb auf dem Sofa, halb hing er durch, ein angebrochener Schiffsmast in Trainingshose. Er winkte verschlafen ab.

„Ach so.. ja. Weiß auch nicht, was da passiert ist.“ Er versuchte das Thema nicht weiter zu berühren, doch ich nagelte ihn fest.

„Bist du hingefallen?“

„WAS?!“

„OB DU GESTÜRZT BIST! DU HAST DA EINE DICKE PLATZWUNDE AM KOPF! DA MÜSSEN WIR WAS MACHEN. DAS KÖNNEN WIR NICHT EINFACH SO LASSEN, PAPA! WAS HAST DU GEMACHT?“

Er nickte müde. Ja, ich weiß. Da war so was. Da ist so was.. geschehen. Unangenehme Geschichte. Scheint die Sonne..? Setzen wir uns draußen auf den Balkon? Ja? Komm, wir gehen auf den Balkon. Wir können zwei Stück Apfelkuchen auftauen.

Seine Augen, rot und todmüde, wie die Scheinwerfer eines betagten Doppeldeckers, der den Himmel schon so oft abgeflogen war, dass er jeden kleinen Winkel kannte, jedes noch so kleine feindliche Luftschiff, jeden Luftzug.

Lass mich einfach in Ruhe, sagten diese Augen.

„Was ist passiert, Papa?“

Nein, er konnte sich nicht erinnern. Ich schaute mir die blutverschmierte, verklebte Wunde aus der Nähe an. Es war nicht zu erkennen, was darunter los war. Vielleicht hatte er eine Gehirnerschütterung. Zum Glück war ihm nicht übel, er hatte kein Kopfweh, und schwindelig war ihm sowieso ständig. Das kam vom Zucker. Um rekonstruieren zu können, was geschehen war, klapperte ich die Wohnung ab, ich suchte nach Indizien und fand schließlich den kreisrunden Fleck Blut auf dem Küchenboden.

„Du bist in der Küche gestürzt“, sagte ich, holte eine Schüssel voll warmen Wasser und einen Waschlappen. Vater versank auf dem Sofa, ein Häufchen Elend. Er blickte mich aus großen ängstlichen Peter Lorre-Augen an.

„Ich weiß, ja. Was machst du da…?“

„Ich versuch das Blut abzutupfen.“

„WAS?“

„ICH VERSUCH DAS BLUT ABZUWASCHEN.“

Es war aussichtslos. Das Blut war bereits eingetrocknet. Es gelang mir lediglich, die Kruste etwas aufzuweichen, worauf die Wunde wieder leicht zu bluten begann. Es war halb sechs. Der Pflegedienst konnte jeden Moment einfliegen. Vielleicht reichte es, wenn die Pflegerin einen Blick auf die Wunde warf. Vielleicht auch nicht. Ich suchte die Telefonnummer des Pflegedienstes raus, entschied mich aber dafür, lieber bei der Hausärztin anzurufen, deren Praxis um die Ecke lag, keine dreihundert Schritte entfernt. Machen Sie sich sofort auf die Socken. Wir haben bis 18 Uhr geöffnet. Ich legte auf und rief ein Taxi. Zu Fuß schaffte Vater es nicht.

Ich half ihm beim Anziehen, was nicht so einfach war, da er es hasste, gleich nach dem Aufwachen in eine hastige Aktion verstrickt zu werden. Und was sollte ich mit dem Hund machen? Allein lassen in Vaters Wohnung würde nicht funktionieren, dann bellte Frau Moll die ganze Hausgemeinschaft in Schutt und Asche. Also mitnehmen den Hund. Im Taxi?! Frau Moll spürte, dass die Situation brenzlig zu werden versprach, sie dackelte die ganze Zeit hinter mir her. Da die Gräfin sie tags zuvor stundenlang gebürstet hatte, sah sie aus wie ein Riesenstofftier von der Kirmes. Vater und ich lachten kurz auf.

Um zehn vor sechs war das Taxi da. Für eine Fahrt von 300 Metern. Da hilft nur üppig Trinkgeld, sonst hast du schnell ein Messer zwischen den Rippen. Der Fahrer, ein mürrischer Türke, kam die Treppe hoch. Wir nahmen Vater in die Mitte und führten ihn durchs Treppenhaus runter zum Wagen, wobei ich mit der freien Hand noch die Hundeleine halten musste, weil Frau Moll uns sonst zwischen den Beinen hin- und her gewuselt wäre. Ich kam mir vor wie ein Marionettenspieler, der Mühe hatte, die Fäden seiner beiden Puppen auseinander zu halten.

Nachdem Vater im Taxi verstaut war, schickte ich den Wagen voraus und folgte zu Fuß mit dem Hund zur Vereinsstraße. Alles sehr umständlich. Da die behandelnde Haus-Ärztin nicht im Haus war, musste sich ein anderer Arzt aus der Gemeinschaftspraxis um die Wunde kümmern. Während Vater, der sehr schwach und unkonzentriert wirkte, im Sprechzimmer auf den Doc wartete, trudelten ständig weitere Patienten ein, obwohl die Sechs Uhr-Deadline längst überschritten war.

Ich hatte andere Probleme. Wohin mit dem Hund? Ich konnte Frau Moll schlecht mit in die Praxis nehmen, also leinte ich sie im Hausflur am Geländer an, das war okay für sie. Es ließ sich aber nicht vermeiden, dass Nachbarn, die in die oberen Etagen wollten oder von dort kamen, über den Hund hinweg steigen mussten, eine Konstellation, die Frau Moll auf den Tod nicht ausstehen konnte. Dabei geriet sie schnell in Stress und verlor jegliche Contenance und Beißhemmung, auch wenn es bloß ein Beißen in die Luft war. Ein Warnbeißen. Doch was sollte ich tun? Den Hund mit in die Praxis nehmen, verbot schon die Front der Arzthelferinnen, ein Trio blutjunger türkischer Frauen mit und ohne Kopftuch. Da konnte ich mir jegliche Diskussion ersparen.

Ich teilte mich auf. Fand mich für einige Minuten im Sprechzimmer ein, wo ich Vater Gesellschaft leistete beim Warten auf den Arzt, dann war ich zurück im Flur und kraulte den am Geländer angeleinten Hund, um ihn zu besänftigen. Irgendwann rief der Doktor mich zu sich, ein jovial auftretender Mann, leger gekleidet wie für den Everyday Award, der im Gespräch ständig zwischen Du und Sie lavierte und unentschlossen wirkte, wie er mit Vater verfahren sollte.

„Mir fehlen hier die Gerätschaften, um festzustellen, ob Ihr Vater eine Gehirnerschütterung erlitten hat. Er kann sich ja nicht einmal erinnern, was überhaupt passiert ist. Vielleicht war er unterzuckert und ist eine Weile ohnmächtig gewesen, wer weiß.“

Da Vater Diabetes hatte, war der Verdacht einer kurzen Ohnmacht durchaus begründet, er bekam seit einiger Zeit Insulin gespritzt. Der Doktor tendierte dazu, Vater übers Wochenende ins Klinikum einweisen zu wollen, nur zur Beobachtung, „dann sind wir auf der sicheren Seite. Wenn Sie mir jetzt natürlich versprechen, ich schlafe heut Nacht bei meinem alten Dad und pass auf ihn auf, dann können Sie ihn mitnehmen.“

„Dann machen wir das so“, sagte ich, obwohl ich keine große Lust hatte, im ex-Ehebett meiner Eltern zu übernachten, aber darüber war das letzte Wort noch nicht gesprochen. Hauptsache, er musste nicht ins Krankenhaus, wo übers Wochenende eh keine Untersuchung stattfand. Er bekam eine Tetanusspritze, die Wunde wurde gereinigt und desinfiziert, wobei sich herausstellte, dass es sich weniger um eine echte Platzwunde handelte, sondern eher um einen Riss, aus dem aber schon seit vergangener Nacht kein Blut mehr gesickert war.

Genau in dem Moment, als der Doc „Das ist doch mal eine gute Nachricht“ sagte, hörte ich plötzlich lautes Gebell und Gepolter aus dem Treppenhaus.

„WEM GEHÖRT DER SCHEISS KÖTER HIER!??“

Mit einem vage unguten Gefühl stürzte ich durch die sich leerende Praxis Richtung Ausgang und stieß die Tür zum Treppenhaus auf.

„Der Hund gehört mir. Wieso?“

Frau Moll saß aufrecht auf dem untersten Treppenabsatz und hechelte gestresst, während ein Mann in meinem Alter etwas abseits im Flur stand, er war kaum zu bändigen.

„DER ALTE BOBTAIL DA WOLLTE MEINEN SOHN BEISSEN!“

Ich blickte mich um. Ich sah keinen alten Bobtail, ich sah kein Blut, keine ausgebissenen Fleischstücke, nichts war zu sehen oder zu beanstanden, nicht mal ein vereinzelter loser Milchzahn. Ja, da war nicht mal ein Sohn zu sehen. Ich beschloss Ruhe zu bewahren. Alles andere machte keinen Sinn.

„Das ist kein Bobtail, das ist ein Hütehundmischling“, stellte ich klar. „Und wo ist denn ihr Sohn?“

„DER IST DRAUSSEN, SO EINE ANGST HAT DER GEKRIEGT! DER IST RAUSGERANNT! DER KÖTER WOLLTE MEINEN SOHN KILLEN!“

Ich fragte, was genau passiert war. Als ich hörte, was passiert war, entschuldigte ich mich. Ich sagte, dass ich als Junge ebenfalls Schiss vor Hunden gehabt hätte, dass ich das gut nachvollziehen könne, dass es mir leidtäte und dass der Hund niemals wirklich zubeißen würde, dass er das noch nie getan hätte, er würde nur in die Luft schnappen zur Warnung, wenn man über ihn hinweg zu steigen versuchte, und dass man das als Junge natürlich als Biss wahrnehmen würde etc. etc. Ich nahm allen Wind aus den Segeln. Ich hielt den Ball flach. Es war nichts passiert, und ich hatte andere Sorgen.

Während Vater mit versorgter Wunde in der Praxis saß, warteten Frau Moll und ich im Hausflur aufs Taxi, das uns wieder nach Hause bringen sollte. 300 Meter, fett Trinkgeld. Ich kraulte Frau Moll das Fell, damit sie sich beruhigte. Ganz kleinlaut lag sie da, mit vom Durchzug umgeklappten hellrosa Öhrchen.

Baby, kurz vorm Vollmond hält man die Füße still, flüsterte ich. Weiß doch jeder.
Sie hatte nach dem Jungen geschnappt, der im Treppenhaus auf dem Weg nach unten über sie hinweg gestiegen war, und ihn dabei kurz in den Arm gekniffen. Der Vater des Jungen, alarmiert von dem Geschrei, war aus der Wohnung im zweiten Stock gestürzt, um nachzusehen, was los war. Ich hatte mich dafür entschuldigt. Vater und Sohn waren daraufhin nach oben gegangen, zurück in die Wohnung. Dachte ich jedenfalls. Bis ich im Hausflur ein Flüstern wahrnahm, von oben, ein lautes genervtes Flüstern.

„Jetzt haben wir uns auch noch ausgesperrt, Vati..“

In dem ganzen Tohuwabohu hatte der Vater den Schlüssel in der Wohnung vergessen, und beim Durchzug war die Tür zugeschlagen. Jetzt blieb ihnen nichts anderes übrig, als auf die ältere Tochter zu warten, die hatte einen Ersatzschlüssel, wie ich heraushörte. Ich verhielt mich mucksmäuschenstill, schließlich lag das ganze Schlamassel im Schwenkbereich meiner Schuld. Das alles wäre nicht passiert, hätte ich den Hund nicht im Flur angeleint, wäre der Junge nicht über den Hund gestiegen, hätte mein alter Vater nicht zum Arzt gemusst, wäre er nicht vom Stuhl gerutscht und auf den Schädel geknallt, wäre Mutter nicht zwei Jahre zuvor gestorben, womit die ganze Malaise ihren Anfang nahm. Die Malaise begann stets mit irgendjemandes Tod. Ich fand den Tod nicht gut, ich fand die ganze Veranstaltung Tod zunehmend unpassend.

Endlich kam das Taxi. Ich holte Vater aus der Praxis. Zum Glück war es derselbe Fahrer wie auf der Hinfahrt, ich musste nicht viel erklären. Er guckte auch so schon ziemlich doof aus der Wäsche. Schon wieder wir. Die Mini-Tour.

Bloß raus hier, dachte ich. Bevor noch ein Unglück geschieht.

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7 Gedanken zu „Platzwunde

  1. Ach du jeh, da kommen Erinnerungen hoch!
    Der Sturz meiner Mutter in der Küche war der Sturz in den Abgrund einer einjährigen Odysee durch Pflegeheime und Krankenhäuser. Demenz und damit verbundene Wesensveränderung. Ich hatte damals ein beinahe zwanghaftes Bedürfnis danach entwickelt, mein eigenes Leben weiter zu führen, um Gottes willen den Humor nicht zu verlieren und all dem Drama doch noch ein Quentchen Lebenserfahrung abzugewinnen .

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