Die ultimativen 5 %

Sie ist davon überzeugt, dass ich nur knapp ein Zwanzigstel von all den Dingen mitbekomme, die um mich herum geschehen. Sie nennt mich einen dickfelligen Flegel, der noch am ehesten auf seine Umwelt reagiert, wenn man ihm rechteckige Bildschirme um die Dinge herum baut, „dann guckst du hin. Das macht euch neugierig.“

Euch?

„Ja, euch Männer. Ihr braucht Monitore, um euch zu begeistern. Apparate. Grenzziehungen. Ihr seid alles dickfellige Flegel.“

Aber wieso ein Zwanzigstel? Warum nicht ein Zehntel, ein Fünfzigstel. Sie weiß es selbst nicht. Aber damit habe ich auch nicht gerechnet, dass sie das weiß. Sie ist die große Diva der Intuition. Ihren Worten liegt stets eine Wahrheit zugrunde, die von irgendwoher angeflogen kommt und sich im engmaschigen Netz weiblicher Eingebung verfängt. Welche Wahrheit das nun genau ist und woher sie stammt, worauf sie beruht, das muss man schon selbst heraustüfteln. Sie liefert sozusagen nur das fertige Werkstück.

Eine andere Meisterin der Intuition war Frau Moll, die uns leider verlassen hat. Ja, sie konnte uns sogar beim Denken zuhören. Das hängt mit den Aufgaben eines Hütehundes zusammen, der in der Lage sein muß, auch über eine Entfernung von Hunderten von Metern die Kommandopfiffe seines Hirten wahrnehmen zu können. Und ein erfahrener Hütehund wartet den Pfiff nicht erst ab, er enträtselt lieber gleich die Gedankenwelt seines Herrchens. Wenn ich am Schreibtisch saß und der Uhrzeiger auf 19 Uhr vorrückte und ich kurz davor stand, den um diese Uhrzeit üblichen Gedanken zu denken, „ist nicht langsam Zeit für die Abendrunde?“, war Frau Moll schon auf dem Weg zu mir, fiepend:

Chef, wir können!!

Aber wir waren ganz woanders, bei einem Zwanzigstel der Dinge. Eine Kennziffer, die sich zufällig mit einer eigenen Beobachtung deckt: Ich gehe schon lange davon aus, dass nur fünf Prozent aller Gedanken etwas taugen. Es ist nur eine Vermutung, klar, aber es ist eine Vermutung, die auf stabilen Beinen daherkommt, meiner lebenslangen 5%-Erfahrung.

Über die Jahre, die ich auf diesem Planeten gastiere, hat sich eine Annahme verfestigt, die als ultimative 5%-Regel Eingang in den gültigen Kosmos meiner Ideen gefunden hat. Es sind nämlich nicht nur 5 % aller Gedanken, die etwas hermachen, man kann auch lediglich mit 5% aller Leute etwas anfangen, egal, in welcher gesellschaftlichen Schicht man sich bewegt, ob unter Bankern, Strichern, Minnesängern. Stets sind es 5 %, mit denen man gut klar kommt.

Wenn man davon ausgeht, dass ein halbwegs kommunikativer Mensch in seinem Leben etwa 1000 Leute näher kennenlernt, (fragt nicht, woher ich diese Statistik habe, mein Notizbuch hat sie), bleiben nach der 5%-Regel am Ende 50 Leute übrig, mit denen man in Urlaub fahren würde. Aufs ganze Leben hochgerechnet. Wirklich für eine enge Freundschaft indes taugen von diesen 5 % wiederum nur 5%: Das macht exakt 2,5 Freunde. Wer ein bisschen Lebenserfahrung hat, wird mir zustimmen: zweieinhalb echte Freunde im Leben, das haut hin. Ist sogar eher optimistisch gerechnet. Mit altmodischem Wohlwollen.

(Alles ist gut, solange man sich nicht im Promillebereich bewegt, was Freundschaft betrifft.)

Zurück zu den 5 % der Gedanken, die was taugen. Recherchen in meinem Kopf ergaben, dass bei fünf Prozent aller Gedanken, die was taugen, im Laufe eines Lebens trotzdem einiges zusammen kommt, doch dazu müsste man erst mal wissen, wieviel man überhaupt so denkt, über den Tag gerechnet. Dazu nehme ich gleich nach dem Aufwachen die Gedankenzähler-App in Betrieb. (Bei jedem Gedanken wird die Strichliste aktiviert.)

Als ich abends ins Bett steige, lese ich den Zählerstand ab: 3600. Davon bilden 5 % die Crème, macht also von 3600 Gedanken 180 Gedanken. Davon wiederum sind 5% die Crème de la Crème und Think Tank-würdig = 9. Neun Gedanken am Tag, die für die Welt (eventuell) von Belang sind. Der Rest ist Füllstoff, tausend Mal gedachte Routine, Schädelknurren.

Und so geht es weiter. Egal, in welchem Lebensbereich, überall begegnen einem die 5 %. Probiert es aus. Es haut hin.
Die ultimative 5%-Regel.
Oder etwa nich?

Ich hab absolut null Ahnung!

+

Von 5800 Spielfilmen, die man durchschnittlich in seinem Leben konsumiert, gefallen einem 290 ausgenommen gut, wovon exakt 14,5 Filme private Oscar-Qualität haben.

+

Weltraumforscher gehen davon aus, dass erdähnliche Trabanten in 5 % aller Galaxien möglich sind.

+

„5% der Menschheit sind intelligent – die restlichen 95 % sind unsere Anhänger.“ (Bhagwan)

+

Würden nur 5 % aller Autos computergesteuert fahren, ließen sich die meisten Staus auf Autobahnen und Fernstraßen vermeiden, so Verkehrsforscher.

+

Hersteller von Computerspielen machen nur dann Profit, wenn ihre jugendliche Kundschaft Spielverbesserungen einkauft, um die Performance zu verbessern und in den Rankings aufzusteigen. 95 % der Spieler geben keinerlei Geld dafür aus, begnügen sich mit der Basisversion. Den Herstellern reichen aber die restlichen 5 % der Spieler, die von den Spiele-Entwicklern nur „Wale“ genannt werden. Wale wollen stets den dicksten Fang, sie geben viel Geld dafür aus. Sie machen die Hersteller reich.

+

Campino erzählt, dass es bei der letzten Produktion der Toten Hosen insgesamt 475 Versionen der 15 Songs gab, die es am Ende aufs Album schafften. Das sind zwar jetzt nicht haargenau 5 %, dann wären 23 Aufnahmen aufs Album gekommen, doch im nächsten Schritt sind wir wieder in der Reihe. 5 % von 23 = 1 Hit.

*

Die Weltgesundheitsorganisation WHO schätzt, dass knapp 5 % der Weltbevölkerung an Depressionen erkrankt ist. Na gut, aktuell geht die WHO noch von 4,4 % aus, doch es ist nur eine Frage der Zeit, bis es 5 % sind.

*

Maximal 5 % aller Leser sind gewillt, für Online-Texte Geld auszugeben.

+

„Mein Herz hat 300 Prozent.“ (Die Gräfin)

Advertisements

21 Gedanken zu „Die ultimativen 5 %

  1. Schädelknurren, wunderbar!
    Nur das mit den Weltraumforschern weiß ich besser. Erdähnliche Welten sind in so gut wie jeder Galaxie möglich, einschließlich und insbesondere natürlich unserer Milchstraße, und die allein hat ca. 300 Milliarden Sonnen, von denen sich theoretisch um jede einzelne auch erdähnliche Planeten drehen könnten.
    Aber: Ausnahmen bestätigen auch die 5%-Regel.

  2. Absolute Sahne, Andi!! Ich liebe Deinen Erzählstil ja schon ewig, aber hier hast’e noch mal einen drauf gesetzt!!👍😃 lieben Gruß, auch an Sanne! Euer Binken

  3. Dann will ich mit meinem Like mal dazu beitragen, dass dieser Beitrag die 88,25 Likes erreicht, die er bei einem Blog mit 1765 Followern benötigt.
    105-prozentige Grüße aus dem Garten 🙂

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s