Großstadt-Mythos Goldhamster

Mittlerweile hat es sich herumgesprochen: Goldhamster taugen nicht als Spielkamerad für Kinder, weil sie nachtaktiv sind und tagsüber gern ihre Ruhe haben, doch in den Siebzigerjahren machte man sich darüber keine Gedanken. In den Siebzigerjahren machte man sich überhaupt keine großen Gedanken, es war das kompakte kleine Komm, wir packen noch einen drauf-Jahrzehnt. Sehr angenehm für das ein oder andere Individuum, aber nicht für jedes. Zum Beispiel nicht für Goldhamster.

Goldhamster hatten in den Siebzigerjahren keine Lobby, sie waren Auslegware in Zoofachgeschäften und Tierhandlungen. Man ging in eine Zoohandlung und wusste nicht, sind das jetzt 30 Hamster oder ist das der Teppich hier. Hat der Boden viele Buckel. Man kaufte Goldhamster zum Mitnehmen wie Doppelte Pommes und packte sie zu Hause aus und dann schnell wieder ein, weil sie undicht waren und nur am Pennen.

Siebzigerjahrehamster waren arme Schweine.

Heute ist das anders. Heute sind 2017er-Hipster arme Schweine. Äh Hamster. Auf You Tube sieht man stolze Hamsterbesitzer in Neuengland, wie sie ihren Hamstern Geschirr im Stil der US-Fahne häkeln, womit sie kleine Wagen über den Wohnzimmertisch ziehen, wie beim Großen Treck Richtung Westen. Andere Hamsterbesitzer schildern auf ihrem Hamsterblog, wie ihr Hamster ein Stück Zartbitterschokolade findet und in sich reinstopft. Die Besitzer versuchen alles, um ihm die Beute zu entreißen, doch der Nager ist eisern bis die Schokolade plötzlich schmilzt und ihm aus den Backentaschen quillt. Das läuft richtig über wie bei einer prallvollen Badewanne. Der Hamster, ein Spaßmacher, ein Schokobrunnen. Zuletzt rutscht er mit seinen Pfötchen auf der Kuvertüre aus und das total Funny Chocolate & Cappucino Golden Hamster Dancing nimmt seinen Lauf.

Es gibt auch besoffene Hamster im Internet.

Einer begeht den Fehler, an einem Hochsommertag Wassermelone zu fressen, ein Stück nur, das aber innerhalb kurzer Zeit zu gären beginnt. Zuletzt sieht man ihn durch den Käfig torkeln und wanken, ein Anblick, der fatal an den dicken Bill Haley erinnert, anno 1958 unter den Piss-Laternen von St.Pauli. Scheiße, war der damals besoffen, der Rock’n Roll. Armer besoffener Großstadt-Goldhamster.

Natürlich gibt es auch eine Engländerin (56). Sie findet ihren alten Daddy-Hamster eines Tages leblos in seinem Häuschen, bettet ihn um in eine Faltschachtel und beerdigt ihn im Garten. Am nächsten Mittag trifft sie fast der Schlag, weil der alte Gauner fröhlich durchs Haus scharwenzelt, das Fell verdreckt und um eine Nahtoderfahrung reicher, aber sonst okay. Er war kurz in eine Art Winterstarre getreten und hatte sich nach dem Aufwachen durch die aufgeweichte Pappe und das Erdreich gefressen bis er wieder an der frischen Luft war.

Die meisten Hamster-Storys im Internet enden damit, dass man dem lieben Kerl einen selbstgebauten kleinen Karlsson vom Dach-Motor auf den Rücken schnallt und unter lauten Hooray-Rufen mit Liverpooler Akzent vom Balkon eines Hochhauses auf die letzte Reise schickt. Unten angekommen rollt er sich locker auf dem Asphalt ab, verstaut den Fallschirm im Gebüsch und geht auf Wanderschaft, Richtung Panama. Immer geht es nach Panama. Sollen sie sich doch bei Janosch bedanken, die armen Panamaer. (People of Panama.)

Selbst unsere ansonsten haustierfreie Familie hatte einen Familienhamster in den frühen Siebzigern. Es gab, glaube ich, in Deutschland keine Familie in den Siebzigern ohne einen Hamster, wenn es auch nur versuchsweise für eine Viertelstunde war. Unser Hamster ging an fehlender Zuneigung ein. Außerdem war er ein verdammter Einzelgänger. Schon seine Ankunft am 17. Geburtstag meiner großen Schwester ließ nichts Gutes erwarten. Ihr Freund G. platzte ins Zimmer und überraschte meine Schwester mit einem gekonnten Hamster-Seitfallwurf, “hepp!“ Sie verfehlte den Nager nur knapp, er landete auf dem Boden und watzte verstört von einem zum anderen. (Die Clique trug Boots und Cordhose, auf dem Dual-Plattenspieler drehte sich Electric Ladyland von Jimi Hendrix, ich glaube, das Eröffnungslied mit dem Hüsteln.) Der Hamster verkrümelte sich unter dem bullernden Heizkörper. Es war November. Die Verbrennungen waren leichter Natur. Wir tauften ihn Pepsi.

Es war nicht so, dass niemand Pepsi mochte, so kann man das wirklich nicht sagen, aber so ähnlich. Und niemand hatte Zeit für ihn. Er lungerte den lieben ganzen Tag im Käfig herum, unter Heu begraben. Lediglich die vibrierende Gefriertruhe in der Küche, auf dem der Käfig stand, verschaffte ihm etwas Entspannung. Selbst in der Nacht, wenn andere Nagetiere aktiv werden und ins Laufrad steigen, hörte man Pepsi nur schwermütig zum Salatnapf schlurfen. Irgendwann ging er ein, sang-und klanglos, vermutlich Fettleber, und wurde im Baumhof meiner Großeltern beigesetzt.

Wie ich höre, traf auch in der Familie der Gräfin Mitte der 70er Jahre der Familienhamster ein. Er bekam täglich Auslauf und machte sich über den Napf von Trixi her. Trixi war eine gemütliche alte Spitzdame, der alles egal war, Hauptsache, sie war dabei.

„Der Hamster hat sich mit Trixis Nassfutter so die Backentaschen vollgestopft, das war krank, das war eklig, der sah aus wie ein Breitmaulfrosch. Er konnte einfach nicht aufhören, Hundefutter zu verschlingen, dieser degenerierte Schweinepriester.“

„Wie hieß der?“

„Degenerierter Schweinepriester.“

„Nein, ich meine, hatte der keinen Namen?“

„Nah.. der hatte keinen Namen, glaub ich. Nee, hatte der nicht. Der hieß Hamster. Fertig.“

Immerhin starb der Hamster als freier Bürger. Vermutlich. So genau wusste es niemand. Er tauchte nämlich eines Tages nicht mehr auf. Und blieb einfach fort, für immer. Und da das Haus am Waldesrand stand, vermutete man den Bürger auf Wanderschaft. Ein Weltbürger? Vielleicht.

Bis zum Frühjahrsputz.

Da stieg die Mutter der Gräfin, eine energische kleine Person, die am selben Tag wie Joan Baez geboren wurde, (beiden stehen enggeschnittene Mäntel gut und ein Lächeln gegen die eigene Strenge), in den Waschkeller und öffnete die Waschmaschine – ein großes altes AEG-Gerät mit Trommel und separater Schleuder sowie jeder Menge Hohlräume zum Verstecken.

Was soll man sagen?

Erst wusste die Mutter nicht so recht, was das sein sollte, was ihr da beim Reinigen der Maschine entgegenquoll, es sah aus wie ein Haufen goldener Staub, bis ihr plötzlich aufging, um was es sich handeln könnte: Hamsterfell. Büschelweise Hamsterfell. Goldhamster. Nicht ein einziger Knochen, nicht mal ein Knöchelchen war von einem Hamster namens Hamster übriggeblieben, nur etwas Fell. Der Bursche muss bei der Buntwäsche zermahlen worden sein, mutmaßte am gleichen Abend der Familienrat.

Siebzigerjahrehamster waren ganz arme Schweine.

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3 Gedanken zu „Großstadt-Mythos Goldhamster

  1. Ja. Jede Familie.
    Ich habe die Siebziger nicht bewusst mitbekommen – aber meine Familie hatte einen Goldhamster. Ein boshaftes Tier von großem schauspielerischem Talent. Es starb – wie alle Siebzigerjahrehamster – einen grotesken und größtenteils unbetrauerten Tod. Allerdings beachtet genug, dass man mir später davon erzählte. Dichotomie der Hausnager!

  2. Wir hatten auch einen Hamster. Und mehrere Schildkröten, die den Winterschlaf niemals überlebten. Und zwei Kanarienvögel, der eine mit Hospitalismus, weswegen ich ihn an einem Sommertag in die Freiheit entliess, damit er wenigstens 30 glückliche Minuten in seinem hat (so mein Plan… Vögel einzusperren erscheint mir von allem das Abartigste, wegen ihres natürlichen Radius‘. Das ist ja so, als zwänge man mich mein Leben lang zur Unbeweglichkeit gezwungen in einen Sarg). Meiner Familie gegenüber behauptete ich, dass es ein Versehen gewesen ist.

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