Die Unordentliche

Nach einer schnellen Marihuana-Lolle am Stromverteilerkasten verabschiedete sich Karlos in den Spätbus nach Haan, während ich ins Mumms zurückkehrte. Bekifft am Tresen stehen hatte einen Vorteil, das Bier lief besser. Was auch gleichzeitig der Nachteil war: Es dauerte nicht lange, und man war besoffen und bekifft. Jetzt ging gar nichts mehr.

Ich döste im Stehen vor mich hin, inmitten einer Geräuschkulisse aus Gläserklirren und dunklem Geraune. Erst als der Zapfer den Gong schlug und die Sperrstunde ausrief, “DEFINITIV LETZTE RUNDE!”, schreckte ich hoch. Ich schüttelte mich wie ein nasser Hund. Dann alarmierte ich den Kellner.

„Noch ‘n Kölsch, Hoffi.“

Der hatte mitgedacht und setzte bereits das letzte Bier vor mir ab.

„Eine letzte Kaltschale, der Herr. Darf ich auch gleich abkassieren?“

Es bereitete ihm ein Heidenvergnügen, betont höflich und akzentuiert aufzutreten, wie in einem Etablissement an der Düsseldorfer Kö, wo man Gefahr lief in einen Nerzmantel reinzulaufen, sobald man den Puff verließ. Hoffi kannte ich noch aus alten Schultagen. In der elften Klasse hatten wir gemeinsam den Deutsch-Leistungskurs bei Lehrer Sackmann besucht, eine halbe Saison lang, bevor ich entnervt das Handtuch warf. Alles fit, Antigone? grüßte er gern, wenn ich das Mumms betrat.

Hoffi addierte die Striche auf meinem Deckel.

„Sechsundzwanzig.. vierzig, der Herr.“

Mit seiner knielangen dunkelroten Kellnerschürze und den weißen Clogs erinnerte er an eine hünenhafte Weinkönigin. Ich legte drei Zehner auf den Tresen. Am Tisch gegenüber, der wie ein erhöhtes Eisenbahnabteil gestaltet war, saß die Unordentliche und grinste mich an. Richtig frech grinste sie rüber, frech und herausfordernd, ein überreifer Pickel, der nur darauf wartete, ausgequetscht zu werden. Ich kannte ihren wirklichen Namen nicht, niemand kannte ihren wirklichen Namen, selbst die Kellner nannten sie bloß die Unordentliche.

Wenn man sie so ansah, hörte man im Hintergrund förmlich das Gezeter ihrer Mutter, nun sei doch mal ein ordentliches Mädchen – vergeblich. Ständig war ihre Bluse verknöpft, war das Haar ein Hühnerhaufen, ihr Gebiss ein schiefes Durcheinander. Und die Manteltasche, ursprünglich auf rechts gedreht, um kurz die Krümel auszuschütteln, blieb den ganzen Winter umgestülpt und hing wie ein Waschlappen aus ihrem Mantel, eine schmuddelige Stones-Zunge.

Die Unordentliche zählte nicht gerade zum Stammpublikum, sie tauchte eher am Wochenende auf, nach Mitternacht, auf einen letzten Schoppen Wein.

Und schon stand sie neben mir. Ich war überrascht, fast überrumpelt. Wir kannten uns bloß vom Sehen, hatten nie ein Wort miteinander gewechselt – die gekünstelt wirkende, hart an der Grenze zur Hysterie agierende Unordentliche, für die Freud sich abgearbeitet hätte, und ich, der Trinker, der Kiffkopf, der sich fürs Leben warmlief, der in den Startblöcken ausharrte, seit er denken konnte.

„Hast du Lust, mit zu mir zu kommen?“ gurrte sie.

Ich starrte sie an. Sie war nicht gerade eine Schönheit. Hässlich aber auch nicht. Sie hatte etwas Grundtrauriges im Gesicht, wie eine Terpentinschnüfflerin, die ihrer Sucht noch nicht erlegen war, noch nicht ganz. Es war noch ein bisschen was zu machen. Ich sah die Blicke von Hoffi, dem Zapfer, sein dämliches Gegrinse.

„Behalt dein scheiß Wechselgeld“, sagte ich, und er steckte die Münzen zurück in den Galoppwechsler.

Wie immer, wenn ich betrunken war, hatte ich keine Lust nach Hause zu gehen. Wenn im Mumms die letzte Runde aufgerufen wurde, wollte ich weiterfeiern. Noch nicht ins Bett jedenfalls, erst recht nicht allein. Das war Gesetz. Aber die Unordentliche? Ich hatte sie noch nie so offensiv erlebt. Dass sie mich überhaupt angesprochen hatte, passte schon nicht ins Bild. In der Regel saß sie allein am Tisch und führte Selbstgespräche, soweit ich das beurteilen konnte.

Erst im Taxi bekam ich mit, was los war. Dass ich nicht der einzige war, den sie abschleppte. Der lange dünne Picard stieg ebenso zu wie ein ehemaliger Arbeitskollege von ihm, ein namenloser Säufer, mit dem er den halben Abend am Tresen gestanden und sich den Kopf heißgeredet hatte. Picard war ein Quatschkopf und Graswurzel-Kommunist vom alten Schlag. Er hatte lange elastische Beine wie Paulchen Panther und ein Grinsen im Gesicht, das von jahrzehntelangem Einwirken eines trockenen Humor zeugte. Er wohnte im gleichen Haus wie ich, einem Doppelhaus, aber in der anderen Haushälfte, die einen eigenen Eingang hatte.

Eine Weile bezog der lange Picard Strom von uns, weil er Schulden hatte bei den Stadtwerken und sein Strom abgesperrt war. Er tat uns leid, der Gräfin und mir, also durfte er eine Steckdose benutzen, an der sein gesamter Stromverbrauch hing. Hinterm Haus lief ein Verlängerungskabel der Hauswand entlang, vom Fenster unserer Erdgeschoßwohnung unten links bis hinauf zum Fenster seiner Dachgeschoßbude oben rechts. Dumm nur: nach einer Weile hatte Picard Schulden bei den Stadtwerken und bei uns.

Wir hatten eine Vereinbarung getroffen. Alles, was bei der Heizkosten-Endabrechnung über unserem sonstigen Jahresverbrauch lag, ging auf seine Kappe. Dafür sollte er jeden Monat 100 Mark rüberwachsen lassen, als Vorauszahlung. Wenn Picard zum vereinbarten Zeitpunkt nicht mit der Kohle rüberkam, mit der nächsten Rate sozusagen, zog ich ihm einfach den Stecker raus. Dann wartete ich. Wenn er zu Hause war dauerte es in der Regel keine fünf Minuten und er stand hektisch klingelnd auf der Matte. Entweder mit der fälligen Kohle oder mit einer blöden Ausrede. Einer Vertröstung „bis Montag, dann hast du dein Geld, hundertpro!“

Einmal wurde er sogar ein bisschen aufsässig.

„Mann, ich komm nach Hause, ist kein Strom in der Bude! Wie würdest du das denn finden!?“

Ich sagte gar nichts. Er wusste genau, was ich sagen würde, hätte ich Lust gehabt zu reden. Der Satz wäre gewesen: Wie würdest du es denn finden, wenn ich deinen Strom verbrauchte ohne dafür zu zahlen? Aber den Satz konnte ich mir schenken. Es reichte, den Stecker zu ziehen. Einmal war ich sogar ein kleines bisschen verärgert, weil er den Hunni pünktlich bezahlt hatte und ich den Stecker nicht rausziehen durfte. (Der Mensch neigt zum Diabolischen wie zum Großen Latinum.)

Ein anderes Mal duckte er sich unter dem Türrahmen in unsere Küche hinein. (Picard war zwei Meter lang.) Er hatte 180 Mark Schulden bei mir. Er zog einen Hundertmarkschein und zwei Fuffis aus der Innentasche seiner dünnen Windjacke. Er trug immer dünne Sachen, auch im Winter, und er fror wie ein Schneider. Wenn er nirgendwoher Strom bezog, wärmten ihn seine Katzen. Er hatte vier Katzen.

„Kannst du mir zwanzig Mark zurückgeben?“ fragte er.

Nein. Konnte ich nicht. Ich wartete seit zwei Monaten auf sein Geld. Ich wollte einfach nur noch die Marie sehen. Ich hatte keine Geduld mehr mit Picard. Er setzte sich an den Tisch, legte den Hunderter und einen Fünfziger hin. Den zweiten Fünfziger nahm er wieder an sich.

„Die dreißig Mark stecke ich dir gleich in den Briefkasten“, sagte er. „Ich muss noch was einkaufen für die Katzen. Da wechsle ich den Fuffie.“

Gut, sagte ich.

Natürlich passierte nichts. Weder an diesem noch am nächsten noch am übernächsten Tag. Normale Post im Briefkasten: ja, Kohle von Picard: nein. Mittwochmorgen hatte ich seine Spielchen satt. Ich riss das Stromkabel aus der Steckdose, warf es aus dem Fenster und ließ es an der Hauswand hin- und herbaumeln, wie ein Schiffstau. Zusätzlich steckte ich Picard eine kurze Notiz in den Briefkasten, in der ich ihm eine endgültige Liefersperre aussprach. Damit war meine Karriere als privater Stromanbieter beendet. Scheiß auf die 30 Mark. Dachte ich. Dann kam die Endabrechnung der Stadtwerke. Nachzahlung: 1.980 Mark.

Wir waren in sonstigen Jahren stets bei plus minus null rausgekommen, bis auf ein paar Mark vielleicht. Das bedeutete, Picard musste den ganzen Winter eine teure Elektro-Heizung betrieben haben, obwohl er das stets bestritten hatte. Ich ging zu ihm rüber, dampfend vor Wut. Er war nicht da. Komm mal rüber, hinterließ ich eine Nachricht. Als er später am Tag klingelte und ich öffnete, war ich so geladen, dass, so die Gräfin später, sämtliches Blut aus seinem Gesicht wich.

„Ich dachte, der kippt gleich um.“

Keine Ahnung, wie er es hinkriegte, keine vierzehn Tage später hatte ich die Kohle. Die ganzen 1.980 Mark.

Der lange Picard. Wenn er nicht gerade im Mumms herumlungerte und von Industrierobotern und ihrer fatalen Auswirkung auf die Psyche der deutschen Arbeiterschaft schwadronierte, lag er daheim auf der Couch und wärmte sich an seinen Katzen, weil die Stadtwerke mal wieder den Strom abgestellt hatten.

Er ist schon lange tot. Er kam eines Nachts aus dem Mumms getorkelt. Es lag Schnee auf der Fahrbahn. Er rutschte aus, ein Bus fuhr ihn an und, so erzählte man es sich, überrollte ihn. Von diesem Unfall erholte er sich nie mehr. Die letzten Jahre verbrachte er im Heim. Wenn wir uns ab und zu in der Stadt über den Weg liefen, grüßten wir uns nicht mal mehr. Es gibt Dinge, die enden einfach nur traurig, und jeder trägt seinen Anteil an der Schuld. Oder niemand.

(Wenn ich unterwegs bin und mir so die Gesichter anschaue, die einem begegnen, sehe ich nichts als Angst. Die Leute haben eine Angst, als drohten sie jeden Moment zu ertrinken. Da draußen ist die totale Evolution in Gange. Da draußen liebt dich niemand.)

Das Taxi brachte uns in eines der besseren Viertel am Stadtrand. Ein reines Villenviertel gab es in der Stadt nicht. Es gab vereinzelte Reiche-Leute-Spots mit seltenen Rosenstöcken im Vorgarten, doch spätestens hundert Meter weiter hatten die Stadtplaner siebenstöckige Neue Heimat-Klötze hingesetzt, mit eingedrückter Klingelleiste und asozialem Geschrei und Boxereien in der Nacht. Es gab dieser Stadt so etwas wie Gerechtigkeit. Wir waren alles Gefangene der späten Achtzigerjahre, keinem ging es wirklich besser. Residenzen und Neue Heimat, Rosenstöcke und Boxereien, Männer, Frauen, Süchtige.

“Meine Eltern sind über alle.. hi hi.. Berge”, schnatterte die Unordentliche, als wir den Familiensitz betraten. Ich schätzte sie auf Ende zwanzig, mit ihrem schiefen Gebiss, dem Hühnerhaufen-Haar, den Augen einer Eule. „Im Tessin.“

Eigentlich ist sie ja doch hässlich, dachte ich. Vulgär auf Abiturniveau. Eher ein Fall für Ringo. Ja, Ringo hätte bestimmt seinen Spaß an ihr gehabt, ganz bestimmt sogar. Ringo, der alte Messie, stand auf Frauen mit einem gewissen Schlampenfaktor. Es faszinierte ihn, wenn das Strumpfband speckig war, wenn der Lippenstift krümelte und das Gehirn verrutscht war vom vielen Geschnatter. Doch Ringo war nicht da. Ich war da. Das war der Unterschied in dieser Nacht. Andererseits, war ich jemals richtig da, war ich jemals wirklich irgendwo? Ich war immer woanders, selbst wenn ich irgendwo war. Gab es mich überhaupt? Oder hatte ich mich schon zur eigenen Fata Morgana herabgewirtschaftet?

(Das schlimmste, was einem im Leben passieren kann, ist nicht nicht anwesend zu sein oder keine Träume mehr zu haben, die kommen wieder, kräftiger als zuvor, das schlimmste ist sein Geheimnis einzubüßen. Zu viel preiszugeben. Den anderen kein Rätsel mehr zu sein, nicht mal sich selbst. Ein Geheimnis, einmal in der Welt, bringt alle zum Lachen und erfüllt den ganzen Kosmos mit Scham.)

Ich saß im Taxi, bekifft, betrunken, eingerahmt von Picard und seinem ehemaligen Arbeitskollegen, und beobachtete die Unordentliche, die sich auf dem Beifahrersitz niederließ und den Fahrer Instruktionen gab. Natürlich gab es auch andere Frauen, die sich betont unmodisch gaben, die sich ihr Make-up dick wie Straßenmalkreide ins Gesicht malten und schrille Klamotten kauften, um aus der Reihe zu fallen, doch die Unordentliche war anders, ein seltenes Gewächs. Unordentlichkeit war sozusagen ihre Natur, sie konnte gar nicht anders. Dafür sorgte schon die Reihe schief stehender Vorderzähne, ein kubistisches Häusermeer, das sich gegenseitig stützte, damit einzelne Häuschen nicht umkippten und durch den Kiefer purzelten. Mit solchen Zähnen, wenn man sie denn nicht richten ließ, war man sozusagen automatisch raus aus jeder Ordnung. Und drin im Anderssein. Willkommen in meiner Welt, dachte ich. Willkommen in meiner Welt, dachte der lange Picard.

Angekommen.

Wir ließen uns im gut gepolsterten Salon nieder, den sie, die Unordentliche, die Hausherrin, unser Living-Room Desaster nannte. Mit wahnhaftem Gackern zauberte sie vier Weingläser auf den Tisch und füllte sie mit einem ausgesuchten, ja erlesenen französischen Tröpfchen, wie sie dreimal hintereinander ungefragt versicherte, wobei sie ihr beknacktes unordentliches Haar, das mittlerweile zum Dutt gebändigt war, in den Nacken warf.

“Dieses Jahr Heiligabend”, überschlug sie sich vor Freude, “war ich glücklich.. so glücklich und happy WIE NOCH NIE..! Soo hap-py! Ich hatte das Gefühl, die ganze große Welt wäre mit mir.. im Freudentaumel! Ja, im Freudentaumel.. Kinder! Die ganze Welt war üüü-ber-glück-lich!”

Ihre hysterisch hohe Stimme, ihr “Hach, Kinder, wie bezaubernd ist die Welt doch wieder einmal!” zerrte an den Nerven, zumal alles so beschissen war wie immer, und alle wussten es.

Sie erwähnte einen Freund aus fernen Kindertagen, den sie zwischen den Feiertagen zufällig wiedergetroffen hatte.

„Das war früüüher ein ganz Süüüßer, der Christian. Der hat doch glatt mal..“ Bla bla hatte der glatt mal. Interessierte doch keinen, was der mal.. wer war schon Christian.

Der lange Picard und sein Kollege stierten ratlos in ihre Weingläser. Nachdem die beiden gemerkt hatten, in welchem Höllenpfuhl sie gelandet waren, stürzten sie das edle Tröpfchen auf ex runter und füllten sofort nach. Wir drei Männer schauten uns an. Wir hatten einen schlimmen Fehler gemacht, wir hätten niemals in dieses Taxi steigen dürfen, dafür mussten wir jetzt blechen, dafür mussten wir bluten und blechen und Wein saufen, den niemand mochte, weil wir Bierkinder waren. Wir waren Kinder des Biers. Niemand wusste, wie er mit der Situation umgehen sollte. Die Unordentliche hatte offensichtlich einen viel größeren Knall als angenommen. Sie hörte nicht auf, ihr neues Leben zu feiern.

„… hi hi, hach, der süüße Chrisssstiaan.. neieinn..! Und ich war soooo gut drauf Heiligabend, ich hab den Heiland gesehen, er trug…“

Ich bediente mich aus einer offenen Karaffe, die auf dem Tisch stand, und kippte etwas von der darin enthaltenen Flüssigkeit, die ich für Campari hielt, zu meinem erlesenen Weißwein hinzu. Einfach so, aus Verzweiflung. Immer rein damit.

“Na, mag da jemand schon venezianisch Frühstücken…?”, kiekste die Unordentliche. „Um diese Uhrzeit…?“

Sie lachte, sie hörte gar nicht mehr auf zu lachen. Ich wusste überhaupt nicht, was los war. Was daran lustig sein sollte. Das, was ich für Campari gehalten hatte, entpuppte sich als Sirup. Ich hatte etwas Sirup in meinem Weißwein geschüttet, na und. Ich hatte die Nase voll.

“Ich hau mich aufs Ohr”, sagte ich. “Ich bin erledigt.”

Das war alles, was ich von dieser Nacht noch erwartete. In irgendein Bett fallen und wegpennen, und mich am nächsten Morgen so früh wie möglich vom Acker machen.

“Bedien dich, Cherie”, flötete die Unordentliche, “im ganzen Desaster-House stehen genug leere Betten. Suche dir einfach eins aus.. à la vôtre!”

Ich verabschiedete mich vom langen Picard und seinem Kumpel, indem ich kurz die rechte Hand an die Stirn schlug, eine militärische Geste, Jungs, schlagt euch in den Urwald, ihr macht das schon, bloß raus hier. Ich steuerte das nächstbeste Zimmer an und knallte mich aufs Bett. Auf dem Nachttisch fand ich einen großen braunen Welt-Atlas, der mir aus der Schulzeit bekannt vorkam, und eine Schachtel Pralinen.

Ich riss das Zellophan von der Packung, stopfte mir nacheinander ein paar Schokoböhnchen in den Mund, die Finger der anderen Hand im aufgeschlagenen Atlas. Es war der gleiche Atlas, den wir in der Schule gehabt hatten, der große braune Diercke. Ich tastete die Südspitze von Südamerika ab. Feuerland. Ahoi, Kapitän. Die Tür ging auf. Die Unordentliche. Als sie mich sah, musste sie erst lachen, doch schnell schlug ihre Stimmung um. Sie wurde aggressiv, ja richtiggehend böse. Sie schrie mich an.

„Glaubst du, du bist hier bei Rockefellers?!“

Ich verstand nicht. “Was ist denn mit dir los..?”

“Na, was würdest du sagen, wenn ich das Bett deiner Eltern einsauen würde??”

Ihr Gesicht nahm gefährlich zickige Züge an, sie warf ihr Rosshaar in den Nacken.

“Ich kann auch woanders hin“, entgegnete ich hochmütig. „Kein Problem. Bin schon weg.”

Ich schnappte meine Klamotten, die Schachtel Pralinen und den Atlas und verschwand eine Tür weiter, in eines der Gästezimmer. Die zweckmäßige Möblierung kam mir auf Anhieb bekannt vor: Interlübke. Meine Eltern hatten lange darauf gespart, bis sie sich solch ein Kompaktschlafzimmer leisten konnten. Als es endlich aufgebaut vor ihnen stand, Herbst 1969, soll Mutter vor Freude geweint haben. So die Familienchronik. Ja, hier war ich richtig. Ich warf den Atlas aufs Bett und mich gleich hinterher.

Irgendwann in der Nacht hörte ich das Schlagen von Autotüren, Stimmengewirr und einen Dieselmotor. Ich sah aus dem Fenster und beobachtete, wie der lange Picard und sein Kollege in ein Großraum-Taxi stiegen und abdampften.

Am Morgen erwachte ich mit der Nasenspitze vor Kap Hoorn.

Das Bett war übersät mit Konfektpapier. Ich sichtete eine Schokoladenspur auf dem Spannlaken und versuchte sie zu entfernen, verwischte stattdessen alles nur und machte es noch schlimmer. Jetzt sah es aus, als hätte ich die halbe Nacht mit nacktem Hintern im Bett gesessen. Scheiße. Ich blickte mich um. Was in der Nacht Kompaktmöbel gewesen waren, wirkte bei Tageslicht wie ein Nähzimmer. Es gab sogar eine altertümliche Nähmaschine, und der englische Kleiderschrank aus Mahagoni hatte einen prächtigen ovalen Spiegel.

Ich stand nackt auf dem Bett, die Beine gespreizt wie ein Skispringer im Flug, und begann zu masturbieren. Ich fand mich geil im großen Spiegel – der König und sein Genital. Was kümmerte einen König anderer Leuts Genitalbereich!? Alles nur Geschmeiß! Ich brauchte nur mich, mich und mein Riesenmöbel! Mann, bist du bescheuert! Es war der Restalkohol, der mein armes krankes Hirn befeuerte. Kaum hatte ich mich wieder hingelegt und die Augen geschlossen, um noch etwas Schlaf anzubauen, hörte ich, wie die Tür einen Spalt weit geöffnet wurde. Jemand warf einen Blick ins Zimmer, dann schnappte die Tür leise zu. Ich fragte mich, was die Unordentliche wohl gesehen hatte, von dem ganzen Zinnober, den ich veranstaltet hatte. Die Vorstellung machte mich kurz geil, dann schlief ich wieder ein.

(Ich versteckte mich noch etwas im Bett. Ein Bett ist das perfekte Versteck. Ein Versteck ist das perfekte Bett.)

Der Digitalwecker zeigte exakt 12:02, als ich das zweite Mal wach wurde. Regen klimperte gegen die Fensterscheibe. Ich setzte mich auf den Bettrand und suchte meine Klamotten. Warum ich mich in der Nacht ausgezogen hatte, blieb im Dunkeln. Mir war übel, die kleinste Bewegung verursachte heftige Stiche im Schädel. Bevor ich es in meine Hose schaffte, sank ich wieder zurück ins Bett. Ich war platt von der tagelangen Sauferei. Mit Grausen dachte ich an den Tag, der vor mir lag.

Plötzlich Schritte. Die Tür ging auf. Jemand lugte ins Zimmer.

“Ich lasse mich krankschreiben”, hörte ich die Unordentliche, ohne ihr Gesicht zu zeigen. “Aber erstmal lege ich mich noch was aufs Ohr. Kaffee ist in der Küche, ein Brot kannst du dir auch schmieren, wie du magst.“ Sie kicherte. „Fühl dich einfach wie zu Hause.”

Sie schloss die Zimmertür und verschwand. Ihre überraschend warme Ansprache tat gut. Ich ging nackt ins Wohnzimmer, das mir kleiner und gedrungener vorkam als in der Nacht. Little Living Room Desaster. Ich griff mir eine Camel ohne vom Tisch und strich durchs Haus, landete in der Küche. Die Kaffeemaschine war im Stand by-Betrieb, ich goss mir eine Tasse ein. Die Brühe schmeckte so abartig, dass ich sie postwendend in den Ausguss spuckte. Ich steckte mir noch eine Camel ohne an und ging scheißen. Im Wohnzimmerschrank gab es eine Schrankbar, in der Brandy und Cognac in offenen Glaskaraffen vergammelte, wie in einer alten Derrick-Folge. Ich wusste schon immer, du bist Horst Tappert, murmelte ich.

Auf dem Sideboard, neben alten Kupferkesseln, denen es entschieden an Politur mangelte, fand ich zwei Postkarten mit Weihnachtsmotiven. Eine Karte war in der DDR abgestempelt, die andere in Braunschweig. Wieso lasst Ihr nichts mehr von Euch hören? las ich. Lebt Ihr überhaupt noch? MELDET EUCH MAL! Vergeblichkeit und Fäulnis war in der Luft, ein unsichtbares engmaschiges Netz des Todes. Ich ließ mich auf einem schaumigen Sofa nieder, neben zwei nagelneuen Porzellan-Puppen, lieblos in die Sofakissen gedrückt. Daneben, auf einem Teewagen, ein nagelneues Hochglanz-Porzellanpuppen-Bildband. Eine der abgebildeten Porzellanpuppen trug eine Art Beißring. Ich konnte die Augen nicht davonlassen. Es war wie immer nach einem versoffenen Abend. Wenn ich aufwachte, war ich geil. Es war keine wirkliche Geilheit. Geilheit ist ein wankelmütiger Diktator. An einem verkaterten Morgen war es eher wie Durst haben und rasch ein Glas Wasser runterstürzen, einen Berg Plankton auskotzen.

Regenschauern klatschten gegen die Panoramafenster. Der Himmel, eine Kondolenzkarte. Im Garten miaute eine fette graue Katze. Ich versuchte, die Verandatür zu öffnen, kam aber mit dem Mechanismus nicht zurecht. Die Tür knarrte und bäumte sich auf, blieb aber geschlossen. Ich fluchte, die Katze fluchte, der Regen flutete den gräulichen tiefen Rasen. Endlich funktionierte es, die Tür schnackte auf. Das Vieh musterte mich skeptisch, fluchte und drängelte sich ins Haus. Ich hockte mich nieder auf den flauschigen Teppich, der sämtliche Geräusche schluckte, und versuchte die Katze anzulocken. Nur das Ticken einer alten Wanduhr war zu hören. Es war gespenstisch. Ein Haus, in dem nichts zu hören war bis auf das Ticken einer Wanduhr, und da war dieser nackte fremde Mann, der hier nicht hingehörte.

War die Familie der Unordentlichen wirklich in Urlaub im Tessin, wie sie behauptet hatte? Lagen vielleicht Vater und Mutter, den Schädel eingetreten, in der Mansarde, dem einzigen Ort des Hauses, zu dem definitiv kein Zutritt war, wie sie uns in der Nacht mehrfach eingetrichtert hatte?

Die fette Katze schlich um mich herum. Ich holte meinen Schwanz raus und hielt ihn ihr hin, ließ sie daran schnuppern wie an einem Hähnchenbollen. Ich spürte das Schnauzhaar. Sie trollte sich. Wahrscheinlich war das gar keine Katze, sondern ein Kater, und allmählich wurde ihm die Situation unangenehm. Er war der Familienkater und ich ein einsamer Bauer in den Pyrenäen, der sich aufs Feld geschlichen hatte, um heimlich den dicken alten Familien-Esel von hinten zu nehmen. Oh verdammt. Ich saufte zu viel..! Soff! SIFF! Himmel! Ich kannte nicht einmal mehr die Vergangenheitsform von saufen, weil sich mein verfluchtes kleines Dasein ständig im Hier und Jetzt abspielte, auf dem kläglichen Transportband zwischen Gegenwart und Zukunft, ohne jegliche Reflexion. Ständig stand ich neben mir und beobachtete, was der Kerl als nächstes tat. Das war alles, wozu ich noch in der Lage war. Ich war die pure unreflektierte Gegenwart. Himmel, half!

Ich hatte sie echt nicht mehr alle.

Ich war am Ende, die Menschheit war am Ende. Irgendwann würden wir alle nach Afrika zurückkehren, dorthin, wo alles begonnen hatte. Wir würden den aufrechten Gang verlernen, den Stamm hochklettern und wieder oben in den Baumkronen leben. Nur wie wir die verfluchte Gefrierkombination da raufkriegten, stand in den Sternen. Die Katze hatte Vertrauen zu mir gefunden und drückte sich an meine nackten Beine. Sie tat mir leid. Ihr Vertrauen tat mir leid.

Es dauerte keine fünf Minuten, da hatte ich die Hose angezogen, die Schuhe geschnürt, das Haus verlassen. Ich wollte nichts mehr mit mir zu tun haben. Ich hatte hier nichts mehr zu suchen. Ich bin doch nicht bescheuert. Sex mit Haustieren.

Draußen vorm Eingang. Ein majestätisch sanfter Regen ging nieder. Ein Sound, als stünden Engel vor einem weitläufigen Urinal, sie ließen es rauschen. Ich versuchte mich zu orientieren, wo ich gelandet war, in welcher Ecke der Stadt. Ich hörte ein Schneuzen. Ich sah hoch. Im Erdgeschoß stand ein Fenster auf Kipp. Hatschi! Die Unordentliche, sie hatte sich eine Erkältung geholt. Sie sprach mit jemandem, vermutlich am Telefon. Ich knöpfte die Winterjacke zu und machte, dass ich fortkam.

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4 Gedanken zu „Die Unordentliche

  1. Wow! Diese Story habe ich nicht nur vier mal gelesen, weiß es nicht mehr wie oft, ich weiß nur, dass sie jedesmal, wenn Du sie redigiert und neu veröffentlicht hast, besser war, aber die jüngste ist eine Meisterleistung, was für eine Sprache, ich bin überwältigt, lese sie gleich erneut.

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