Ein blasser Herr mit Himbeeraugen

Sie findet ihn am Gartentor. Er sitzt unter einem Strauch und klappt seine Flügel auf und zu, als klatsche er stoisch Beifall, doch er kommt augenscheinlich nicht vom Fleck.

„Der kriegt den Hintern nicht mehr hoch“, sag ich.

„Der ist in den letzten Zügen“, vermutet sie.

Tatsächlich macht er einen ausgepumpten Eindruck. Wir gehen in die Hocke und betrachten seine vergeblichen Anstrengungen, den Erdboden zu verlassen. Er gibt nicht auf, ist geduldig, wie Tiere nun mal veranlagt sind. Tiere jammern nicht, Tiere stellen sich auf die Umstände ein und machen das Beste draus. Flattern im Stehen, wirbeln Staub auf, wollen aufsteigen, Ground Control to Major Tom. Doch es ist nichts zu machen.

Es ist September.

„Ein vornehmer Herr irgendwie“, sag ich.

„Vielleicht ein bisschen blass“, sagt sie. „Siehst du sein Muster, die schönen Himbeeraugen auf den Flügeln?“

Sie hält ihm die Hand hin und lässt ihn aufsteigen. Auf die Handinnenfläche.

„Das ist zu kalt auf dem Boden für den armen Kerl, das ist viel zu feucht. Der holt sich ja den Tod.“

Sobald der Schmetterling in ihrer Hand ist und die Haut spürt, wird er die Ruhe selbst. Sitzt da, beide Flügel weit ausgefahren, ganz still. Ein Flieger im Hangar, während der Wartungsarbeiten. Monteure pflegen ihn, Klemmbrett vor der Brust. Ruh dich aus, kleiner Schmetterling. Erhole dich.

„Der hat bestimmt Hunger, was meinst du?“ sagt sie. „Was fressen Schmetterlinge?“

„Gehacktes“, sag ich.

Ihre Hände sind warm noch, beinahe heiß, vom Malen. Wenn sie abends aus dem Atelier kommt, brutzeln ihre Hände wie kleine Pfannen, in denen Butter zerläuft. Das zischt richtig. Der Schmetterling hat das gespürt, beim Aufsteigen. Er tankt die Glut der Malerin. Es ist das perfekte Zwei-Flügel-Gemisch für einen maladen Falter. Ich laufe hoch in die Wohnung und hole die alte Sucherkamera, nicht die Digicam.

„Da sind noch zwei oder drei Aufnahmen drauf, dann können wir den Film wegbringen.“

Sie wartet unten im Garten.

„Aber mach hin, der wird unruhig… Ich glaube, der macht sich schon startfein. Gleich ist er weg.“

Ich schaffe zwei Fotos. Eins davon mit Blitz, weil ein Büffel daherkommt in Gestalt einer Wolke und den Himmel verdunkelt. In diesem Augenblick reibt sich der blasse Herr mit den Himbeeraugen (blitzsynchron) mit dem Fühler übers Näschen und hebt so galant ab, als wäre es nie anders gewesen. Als hätte er nie erschöpft am Gartentörchen gesessen, als hätte er nie den Akku aufladen müssen. Kurz unterbricht er die Flugshow und pausiert an der Hauswand der No. 59, doch man ahnt schon, gleich nimmt er wieder Fahrt auf. Im zweiten Stockwerk, in Höhe von Lesters Fenster zum Hof, scheucht er im wilden Zickzack einen von Seinesgleichen auf, zu zweit brausen die Buttervögel über die Dächer davon.

„Gerettet“, sagt sie.

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2 Gedanken zu „Ein blasser Herr mit Himbeeraugen

  1. Hast Du die Sommerpause vielleicht so verbracht: flügelschlagend unter einem Strauch, darauf hoffend, dass eine Muse vorbeikommt und Dich auflädt?😉
    Schöne, anrührende Miniatur jedenfalls. Bekommen wir das Foto noch zu sehen?
    Gruß Uwe

    • So hätte ich das machen sollen, flügelschlagend unterm Strauch…. auf die Muse warten. Tatsächlich ist die Geschichte aus 2009, und die Kamera war leider kaputt, wie ich später feststellte.

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