Herr Langsamstift an den Buchstaben

Es gibt Dinge auf Erden, die sollten einem klar sein: Wer sich selbst nicht sonderlich mag, der nimmt andere zu wichtig.

*

Im Grunde bin ich immer ein bisschen versteckt, ein bisschen heimlich – so ist meine Natur. In meiner Kindheit, wenn wir in den Sommerferien auf langen Autoreisen zum Gardasee unterwegs waren und in der Ferne glitten die Berghänge und Pinienwälder vorüber, sehnte ich mich dorthin, auf die Bergkuppen, ins grüne Dickicht – dieses ganze Gestrüpp zog mich magisch an. Um mich verstecken zu können. Zu verbergen. Um ich selbst sein zu können.

Dieses Hinwünschen in fremde Wälder, das bin ich.

*

Das Schicksal ist wie ein kräftiges Gummiband, das einem mal hierhin, mal dorthin Auslauf gestattet und in einem gewissen Rahmen ausbüxen lässt, doch am Ende gibt es einen trockenen kurzen Ruck und du schnackst zurück zum Ort deiner Bestimmung.

Du kannst deinem Schicksal nicht entgehen – es ist ja deins.

*

Als vor Jahren die ersten Freisprecheinrichtungen aufkamen, hatte ich davon zunächst nichts mitbekommen. Ich wunderte mich nur, warum mir zunehmend Leute begegneten, die augenscheinlich Selbstgespräche führten, ja, die dauerhaft und lustvoll monologisierten, ohne sich dafür auch nur im geringsten zu schämen. Im Gegenteil, sie schienen sogar stolz darauf zu sein, im Gehen mit sich selbst zu quatschen. Eine neue Angewohnheit, die Mut machte. Wenn es immer mehr Menschen nichts ausmachte, ungewöhnlich aufzutreten in aller Öffentlichkeit, war das ein Anlass für vorsichtigen Optimismus.

Als mir nach und nach der Hintergrund klar wurde, war ich enttäuscht. Mal wieder hatte sich die Menschheit nicht geändert, es war nur ein neuer technischer Kniff hinzugekommen.

Es dauerte seine Zeit, bis ich erkannte, dass solche Freisprecheinrichtungen auch für einen Nicht-User wie mich gewisse Vorteile boten. Plötzlich war es nicht mehr nötig, schnell wegzublicken, wenn man beim Singen von Liedern von einem anderen Planeten ertappt wurde am helllichten Tag in der Innenstadt.

Ich telefonierte ja nur.

*

„Wie die alle damit rumlaufen den ganzen Tag und aufs Display starren und Strippen im Ohr, als würden sie künstlich ernährt. Das ist pathologisch, die Handysucht.“

– Die Gräfin –

*

Ach wo, das ist überhaupt kein Telefon, was die Leute da in ihrer Hand halten! Das ist ein Handspiegel! Die Leute kontrollieren unentwegt ihre eigene Fresse! Die gucken sich an, ob sie sexy genug sind für die Welt, die tun nur so, als drückten sie irgendwelche geheimnisvollen Tasten oder riefen Whatsapp-Videos ab!

*

Ich habe in der Nacht zufällig einen schönen iranischen Spielfilm gesehen, „Das Lied der Sperlinge“ aus dem Jahre 2008. Es war wie im Märchen, die Bilder aus der Großstadt Teheran, wo Zehntausende von Motorradfahren in den Straßen unterwegs sind, ohne Helm, mit flatternden Hemden. Bilder, wie es sie hierzulande noch in den Siebzigern gab. In Belgien sogar noch 2007. Hab ich genau gesehen, aus dem Auto heraus, in einem kleinen Kaff namens Nazareth. Aber in Belgien. Flatternde adidas-Hose, dickes Moped, weit und breit kein Helm, kein Unfall.

*

Da war dieses Blumenkind mit langem dünnen blonden Haar, das ich 1976 aus der Teestube an der Kasernenstraße kannte. Ein ungemein blasses Geschöpf, nahe am Albino, und sehr streng. Sie hatte einen Freund, der war ziemlich klein und stämmig, er hatte ebenso langes dünnes Haar, aber pechschwarz, er fuhr Moped. Ich weiß gar nicht, ob er wirklich Füße hatte zum Gehen, ich kannte ihn nicht zu Fuß, ich kannte ihn nur auf dem Moped und hinten drauf das blasse platinblonde weibliche Geschöpf. Er also vorn auf dem Bock mit dem flatternden dunklen Haar, sie auf dem Sozius mit dem flatternden blonden Haar und einem flatternden Maxi-Rock. Die vielen langen Haare bauschten auf wie Seidenvorhänge im Wind, beide Rücken waren gerade durchgedrückt, die Matten geapfelshampoot.

1976.

*

Was auch immer in meinem Leben geschehen war, es trat mit Verzögerung ein. Wenn Eric Clapton der Mister Slowhand des britischen Bluesrock war, war ich der Herr Langsamstift an den Buchstaben.

„Red nicht. Du bist das Faultier unter den Schreibkräften“, sagte sie.

*

Worte wie Modul und Cluster gehen mir auf den Nerv, Worte, denen eine gewisse Coolness anhaftet und die doch nichts bedeuten, die keinen Inhalt haben, nicht wirklich jedenfalls, die irgendwann gegen die Wand fahren, deren Mindesthaltbarkeitsdatum abgelaufen ist, Worte, wie in den Nullkorridor der deutschen Sprache gedrückt. Da lobe ich mir doch die guten alten deutschen Worte wie Apfelbettelmann, Sackgasse, Feldwebel. Oder auch Elektrofachverkäufer. Die deutsche Sprache ist recht blumig in ihrer Nüchternheit.

*

„Scheiße, wie heißt das noch mal..?“

„Was meinst du..? Wie heißt was?“

„Na ja, was die meisten Menschen haben.. also eigentlich alle.. wir alle haben doch eine… eine…. na, wie nennt man das noch mal.. diese Memoryschleife, in der wir Menschen stecken, also alles, was bisher geschah?“

„Hm..? Meinst du eine Vergangenheit?“

„Genau! Eine Vergangenheit!!!“

*

Samstagabend, es ist schon dunkel. Auf dem Spielplatz sitzt ein einsamer Teenager auf der Schaukel und schaukelt. Es hat sein Handy an, und das bläuliche Licht des Displays schwingt in der Finsternis vor und zurück wie ein betont höfliches UFO.

*

Es gibt Dinge auf Erden, die sollten einem klar sein. Etwa die Tatsache, dass auch das teuerste und exklusivste Captains Dinner der Welt nichts anderes ist als der Vorläufer eines dicken Kackhaufens.

*

Die Heizperiode geht los. In den Heizkörpern grollt und bläst die Luft, wie im Straflager. Allerdings nicht in unseren. Der Heizkessel ist nämlich kaputt. Er gibt keinen Mucks mehr von sich. Ein neuer muss eingebaut werden. Das geht natürlich nicht von heute auf morgen. „Wir haben brutal viel zu tun“, stöhnt der zuständige Klempnermeister. Der Schornsteinfeger ist auch involviert. Er hat gute Zähne. Vielleicht fällt das Weiß seiner Zähne auch nur so brutal gut auf, weil alles andere an ihm kohlrabenschwarz ist. Ein cleveres Bürschchen.

*

Ich: „He! Es ist schon viertel vor zehn!“

Sie: „Bei dir vielleicht.“

Advertisements

6 Gedanken zu „Herr Langsamstift an den Buchstaben

  1. Ein Literaturnobelpreisträger meinte einmal in einem seiner Bücher: Schriftsteller seien Menschen, denen das Schreiben schwerer falle als allen anderen Leuten.
    Du bist also in guter Gesellschaft und darfst hoffen.
    Ohnehin zählt, was hinten rauskommt. Und das ist allemal viel und gut, gerade in den für Dich so typischen prosaischen Portionspackungen.
    Gruß Uwe

    Gefällt 1 Person

    • Da könnte was dran sein, was der Nobelpreisträger sagt. Für mich ist Schreiben stets ein Kampf, zur Einfachheit durchzudringen, und da denke ich auch oft, das würde anderen Leuten sicherlich leichter fallen. Entscheidend ist der Wille zu schreiben.

      Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.