Ich liebe das heiße Leben

Mittags fährt das Burgfräulein nach Hause und ich geh auf eine Rindsroulade mit Salat und Kartoffeln zu meinen Eltern, dann schnell weiter ins Mumms, wo an Silvester traditionell ein Trinkaus veranstaltet wird. Zu jeder vollen Stunde wird ein Gong geschlagen und das Bier einen Groschen billiger, solange, bis alle angeschlagenen Fässer leer sind, dann ist Feierabend. Ziemlich albern das Ganze, aber die Leute hauen sich den Kanal voll, als wäre es das letzte, was sie jemals zu saufen kriegen im Leben. Wenn gegen vier Uhr der letzte Nösel Kölsch aus dem Hahn gelaufen ist und Alt und Pils schon lange leer sind, bleibt zum Schluss nur noch Guinness vom Fass übrig und alles ist am Kotzen.

Die Atmosphäre ist übel unterkühlt dieses Jahr. Selbst draußen auf dem Bürgersteig, wo wegen des Andrangs ein zusätzlicher Bierwagen aufgestellt ist sowie das blaue Dixie-Klo „Olympus“, kommt nur schleppend Stimmung auf. Gregor aus dem Kongo hat seinen kleinen Pico dabei, einen weißen Pudel-Mischling. Die beiden sind ein cooles Gespann. Schwarzer Mann, weißes Hündchen. „Ich sag immer, Pico ist kindersicher und schussfest. Der ist schon elf und kastriert. Den nehme ich sogar mit ins Büro. Der tut keinem was, nicht mal den Schuldnern.“ Wenn andere Hundebesitzer sich wundern, „das ist aber ein seltener Mischling. Was ist denn da alles drin?“, entgegnet Gregor aus dem Kongo trocken: „Blut, Muskeln, Knochen, ein Herz.“

Im Gedränge entdecke ich Karlos, er hat sich einen Platz am Tresen erkämpft. Ich wühle mich zu ihm durch. An seiner Schulter lehnt ein Besoffener mit Nickelbrille, den ich nur vom Sehen kenne. Er pennt im Stehen, trotz der lauten Musik. Typischer Fall von zu schnell zu früh zu viel, und das von allem.

„Hey Karlos“, brülle ich gegen Walk like an Egyptian an, „hast du ein neues Haustier mitgebracht? Ein schönes Vieh!“

Der Bursche schnellt hoch, richtet seine verrutschte Nickelbrille und taucht rudernd in der Menge unter.

„Na also“, meint Karlos nur, „wird auch Zeit.“

Er ist seit zwölf Uhr hier und schon reichlich abgefüllt. Er glüht im Gesicht, als habe er heiße Himbeeren direkt vom Strauch gefressen, und zwar reichlich.

„Schon was aufgetan?“ frag ich.

„Ja, hier, ne Ecke Libanesen.“ Er zeigt mir einen Brösel.

„Nee, ich meine ne Fete, keinen Brösel.“

„Ach so, ne Party, nee, keine Ahnung, ist mir auch schnuppe. Mit dem Piece in der Tasche lasse ich das Jahr ausklingen wie es war: Mit ner verschissenen Purpfeife vor der Buntkiste.“

Außerdem muss er morgen früh raus, seinen Vater vertreten. Der arbeitet als Küster an der evangelischen Stadtkirche und ist über Silvester verreist, also ist Karlos für den Neujahrs-Gottesdienst verantwortlich. Er hat die Gesangsbücher auszulegen, die Kollekte einzusammeln, Türen auf- und zuzusperren…

„Wie war das mit der Kollekte? Wo hängt der Klingelbeutel?“ scherze ich, doch Karlos ist nicht zu Scherzen aufgelegt. Er blickt mürrisch in die Runde. Wie immer an Silvester und Heiligabend ist der Laden zum Bersten voll, die Stammkundschaft aber weitgehend abgetaucht. Die meisten Gesichter sind mir unbekannt.

„Scheiße, irgendwo muss doch ne Fete sein“, sag ich. Karlos zuckt nur die Schulter. Es ist wie verhext. Die Karten für die Silvester-Partys in den Szenekneipen sind längst vergriffen, und die einzige mir bekannte Fete organisiert ausgerechnet mein alter Intimfeind Knoll, ein neureicher Wuschelkopf mit hässlicher Steckdosennase. Wir sind eine Zeitlang in dieselbe Schulklasse gegangen, doch er hat mir bis heute nicht verziehen, dass ich an einem Wintermorgen gegen seinen Porsche gerotzt habe, dummerweise genau in dem Moment, als er vom Schulhof zurückkehrte, weil er im Wagen etwas vergessen hatte. Dabei rotzte ich ihm damals jeden Morgen vor die Karre. Nicht etwa, weil er Porsche fuhr, sondern weil er ein gottverdammter Popper war. Popper sind Leute, die zwei Mal im Monat einen trinken gehen, dann gegen einen Baum fahren und mit absolut heiler Haut aus dem Wrack gekrochen kommen, mit Aktenköfferchen, Kaschmir-Schal und Föhnfrisur. Anstatt den Heldentod zu sterben. So etwas kann man nur hassen. Ich überwinde mich trotzdem und drängle mich zu ihm durch.

„Eh, Glumm!“ ruft der kleine Spanier aus der Ecke, wo der Flipperautomat steht, „ich krieg noch Kohle von dir!“

Zum Glück dröhnt gerade das unvermeidliche „Marmor, Stein und Eisen bricht“ aus den Boxen, da kann man gut so tun, als verstünde man keinen Ton. Ich arbeite mich also zur Steckdosennnase vor und tue etwas, was ich noch nie getan habe: Ich frage jemanden, ob er was dagegen hätte, wenn ich am Abend auf seiner Fete auftauchen würde – in Begleitung einer Frau, immerhin, immerhin.

„Darauf haben mich heute schon tausend Leute angesprochen“, antwortet Knoll heiser und nicht mal unfreundlich, „denen hab ich auch schon absagen müssen. Wir haben nur für sechzig Leute zu fressen und zu saufen eingekauft, und es sind jetzt schon viel mehr. Tut mir leid. Geht nicht.“

Pech gehabt, ich hake erst gar nicht nach, diese ganze Bettelei ist mir zuwider. Dass ich es überhaupt probiert habe, liegt nur an der Aussicht, Silvester mit dem Burgfräulein und Karlos daheim vor der Glotze verbringen zu müssen. Keine schöne Vorstellung.

Zwischendurch verschwinde ich mit dem Spanier eine Runde unter die überdachte Bushaltestelle, einen Stickie rauchen. Der Spanier ist ein hübscher Junge mit prächtigen schwarzen Locken, für den alle Deutschen Fische sind, obwohl er selbst auch in Deutschland geboren ist.

„Dann bist du auch ein Fisch.“

„Ja, aber ein spanischer!!“

Einmal hatte er „Ich liebe das heiße Leben!“ in mein Notizbuch gekritzelt, an einem Freitagabend im Mumms, im Gedränge, im Stehen, übers ganze Gesicht strahlend.

 

 

Ein glücklicher Bursche, eigentlich, der Spanier, wäre da nicht diese Geschichte passiert… Hätte er nicht im Übermut eine Handvoll Papers eingeworfen, auf Löschpapier geträufelte LSD-Säure. Zwei Wochen lang irrte er durch die Landschaft, ohne eine Sekunde Schlaf. Folge: eine handfeste Psychose. Mal bildete er sich ein, das gesamte TV-Programm manipulieren zu können, mal war er Jesus und lief nackig über die Autobahn, versuchte den Verkehr zu regeln. Da griff ihn die Autobahn-Polizei auf und brachte ihn nach Langenfeld. Nach Langenfeld bringen ist ein stehender Begriff in unserer Region, in Langenfeld steht ein Landeskrankenhaus. Die Auslastung der Betten, so sagt man, sei sehr gut bis ausgezeichnet. Zwei Jahre verbrachte der Spanier in der geschlossenen Abteilung, es kursierten die reinsten Schauergeschichten über seinen Zustand. Fett sei er geworden, fett und aufgequollen aufgrund der starken Medikamente, willenlos und apathisch. „Der kriegt keinen Piep mehr raus.“

Einmal half ich Freunden bei einem Umzug, da sah ich den Spanier zufällig, als er zu Besuch bei seinem Bruder war. Er tippelte auf der anderen Straßenseite über den Bürgersteig, mit winzigen Schritten schob er er sich vorwärts, wie eine gestörte Geisha. Ich winkte ihm zu, doch er erkannte mich nicht. Damals hätte niemand auch nur einen Pfifferling auf seine Genesung gesetzt. Nun ist er vor einigen Wochen aus dem LKH entlassen worden und lebt vorübergehend bei seinem Bruder. Es ist erstaunlich, er hat sich tatsächlich erholt. Er wirkt wie eh und je, ist vielleicht ein bisschen gesetzter geworden, ansonsten kifft und bumst der kleine Spanier sich wieder durch die Landschaft.

„Nur Langenfeld lasse ich aus. Da kriegt mich keiner mehr hin.“

Wir rauchen den Stick und er erzählt aus seiner Zeit in der Klapse. Ich rate ihm, mit dem Kiffen aufzupassen, „hinterher drehst du wieder ab.“

„Nee nee, ich pass schon auf.“

Halb fünf, Nachhauseweg. Karlos ist so betrunken, die ganze Oststraße runter tritt er den vorbeifahrenden Autos hinterher, „ihr verdammten Schwuchteln!“, mit allem Schwung, zu dem er noch fähig ist. Einmal trifft er sogar den Kofferraum. Der Escort-Fahrer bremst ab, sieht im Rückspiegel einen Choleriker, der wirres Zeug schreit und mit den Armen fuchtelt und scheinbar in einen Himbeerstrauch gestürzt ist, und gibt wieder Gas.

Besser so.

Ich habe Karlos selten so aggressiv erlebt wie an diesem Tag. Er schenkt sogar am Straßenrand abgestellten Autos einen Tritt ein, „ihr verdammten Arschkisten!“, er läuft pinkelnd um eine Litfaß-Säule herum, damit auch ja jeder sieht, dass er sogar im Gehen pissen kann, ohne sich einzusauen, obwohl er stratzevoll ist. Wäre ich nicht so genervt, ich würde applaudieren. Bei Wassilij, der griechischen Pommesbude an der Wupperstraße, versorgen wir uns mit einer 2-Liter-Bombe zuckersüßem Likörwein.

Kaum zu Hause, schmeißt Karlos sich vor die Glotze und stopft die erste Purpfeife des Abends. Es ist halb acht. Um acht will das Burgfräulein kommen. Ich kriege langsam schlechte Laune. Denke an Flucht. Doch wohin? Kneipen und Bars haben dicht, mit Party ist Essig. Ich höre das aufgebrachte Schnattern der Enten im nahen Coppel-Park, es klingt wie eine ganze Hundertschaft.

Jahresende 1986 – alle drehen durch.

„Was ist mit Schore?“ frag ich Karlos. „Was meinst du? Keinen Bock?“

Er guckt mich an, als würde er gleich wieder um sich treten. „Ruf an.“

Anrufen, schön, aber wen? Ich probiere es mit Fleschkönigs. Vielleicht haben wir Glück und er ist zu Hause. Er ist tatsächlich da. Ob er was parat habe für uns zwei Hübschen, frage ich.

„Wer isn da?“

„Ich.“

„Wer isn ich?“

„Locke“, sag ich.

„Locke..?“ Einen Moment Stille. Dann ein Lacher. „Ach so. Okay. Ich komm vorbei. Halbe Stunde.“

Dauert keine zehn Minuten, schon fährt Flesch im Leichenwagen vor, den er einem pleitegegangenen Bestattungsunternehmer für kleines Geld abgeluchst hat.

„Ich bin heute nur am Ausliefern, Jungs. Jeder will auf den letzten Drücker was checken. Ich könnt ein Schore-Taxi aufmachen und mir ne goldene Nase verdienen.“

Der Fuffie geht in Ordnung, Menge und Qualität sind top, Karlos und ich ziehen jeder eine fette Line vom Handspiegel. Das Burgfräulein kommt pünktlich um acht mit einer Flasche Moselwein. Sie steht da wie die Unschuld vom Lande, rosa Wangen, frisch geduscht, duftend, während Karlos und ich immer bräsiger werden. Das Pulver geht auf die Knochen und die Kifferei tut ihr übriges. Sie hat natürlich keinen Schimmer, was Karlos und ich intus haben, wundert sich aber, warum wir so wenig trinken.

„So kenne ich euch ja gar nicht.“

Um zehn Uhr schalten wir einen alten Louis de Funes-Schinken ein, der ist aber nicht lustig. Auf dem Küchentisch machen wir Platz für eine Partie Malefiz, die sich bis weit nach Mitternacht streckt. Als um zwölf das Feuerwerk startet, bin ich gerade mit Würfeln an der Reihe. Den Kopf müde aufgestützt murmle ich „ein frohes neues“, Karlos reagiert überhaupt nicht, das Burgfräulein knufft mich freundlich in die Seite.

In einem Anfall von Übermut reiße ich das Fenster auf, „nich so‘ Krach da draußen, ich ruf die Bullen! Ruhestörung!“, und werfe den obligatorischen China-Kracher in den Hinterhof, wie jedes Jahr Silvester. Bevor er auf dem feuchten Rasen landet, ist die Zündschnur schon in der Luft erloschen.

„Verreck doch“, brüllt Karlos dem verhinderten Böller hinterher, Silvesterraketen peitschen durch die Siedlung, piff paff. Ist das aufregend.

Römischer Regen.

Um halb eins bringt die ARD einen Monty Python-Film. Karlos setzt einen Riesenpott Spaghetti auf. Mit Butter. Und, wer will, Maggi. Als der Film aus ist (und der Pott noch dreiviertelvoll), verzieht er sich auf sein Zimmer, auch das Burgfräulein und ich gehen ins Bett. Langsamer, gut durchbluteter Heroinfick. Der beste Start ins neue Jahr seit langem.

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4 Gedanken zu „Ich liebe das heiße Leben

  1. weihnachten, Geburtstag oder erst sylvester dann Geburtstag
    usw. oder so ähnlich
    man muss sich entscheiden
    die ganze feierei wo bin ich..
    also sylvester knicken und ne rakete sparen
    oder aufheben..hihi
    naja
    jedem seins

    Gefällt 1 Person

  2. „Sätze haben etwas rührendes, wenn sie zur Welt kommen in der richtigen Umgebung“ – und der Satz des Spaniers kommt in Deinem Notizbuch sozusagen zur Welt und kehrt in diese Miniatur ein, als Motto und Titel. Literatur als Konservierung.
    Gruß Uwe

    Gefällt 1 Person

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