Die Schritte des Nachbarn – Zum 4. Todestag von Hase (1960-2013)

 

Wir kannten uns noch aus den Siebzigern, einer Zeit, wo die coolen Typen Motorrad fuhren ohne Helm und dabei noch Debatten führten mit dem Hintermann und die adidas-Turnhose flatterte im Wind.

Der Hase.

Jeder nannte ihn Hase, in den Geschichten hier heißt er Lester. Er war unser hauseigener Karlsson vom Dach, und das viele Jahre lang. Er hatte diese unglaubliche Matte auf dem Kopf, er sah aus wie der Vorarbeiter von Frank Zappa. Ja, er hatte Frank Zappa wirklich im Sack, Frank Zappa und Captain Beefheart, gegen Hases Matte hatten sie alle einen Pottschnitt.

Einen Sommer lang lief er mit einem Jo-Jo durch die Innenstadt, komplett in sein Spiel versponnen und ohne Blick für die Welt – von wegen. Er bekam garantiert jede Regung mit, die sich auf ihn und sein Jo-Jo-Spiel bezog. Er lebte aus den Augenwinkeln, bei 35 Grad im Schatten.

Der Hase. Ein verschwiegener Bursche. Niemand sonst hat mir je mit solch stoischem Gleichmut so regelmäßig Geld geliehen wie Hase, mit einem brüderlichen Grinsen in den Backen, wenn er die knarzende Holztreppe hinabstieg und die Brieftasche öffnete, die stets gut gefüllt war.

„Hör mal, Hase…“

Ich legte mein Pleite-Gesicht auf, da musste ich nicht viel tun und nicht viel sagen. Auch Lester blieb still, lächelte gütig und fragte „wie viel?“ und „bis wann?“ Na gut, er lächelte vielleicht nicht, schon gar nicht gütig, aber „bis wann?“, also – das war ihm schon wichtig.

Lester war der Prototyp eines Einzelgängers. Man wusste nicht viel von ihm, obwohl er fast genauso lange im Haus wohnte wie ich, mehr als zwanzig Jahre. Anfangs hörten wir ihn oft betrunken nach Hause kommen, eine Alte im Schlepptau, die sich im Treppenhaus langlegte, aber das war rasch vorbei. Das waren die frühen Neunziger.

Ich kannte sonst niemanden, der sein Leben so straight nach Plan lebte. Lester verließ jeden Morgen Punkt halb Sieben das Haus, fuhr zur Arbeit, kam gegen fünf Uhr heim. Bevor er aus dem Wagen stieg, hörte er eine Runde Sepultura, er blies sich richtig den Schädel frei. Um Sieben brach er auf in die Stadt, frisch geduscht, um bei Fredo einen Kaffee zu trinken. Spätestens eine Stunde später hörten wir seine Schritte im Treppenhaus, er war zurück. Meist waren die Schritte entspannt, manchmal zornig. An seinen Schritten konnten wir ablesen, wie es um ihn stand. Welche Vibes von ihm ausgingen. Wie der Kaffee geschmeckt hatte. Ein guter Espresso schmeckt niemals gleich.

Seine Waschmaschine lief Mittwochabend von halb sieben bis halb acht, im Sommer machte er vier Wochen Urlaub in Andalusien, wo er sich in einen Mietwagen setzte und die Gegend abklapperte.

Einmal im Monat legte ihm die Deutsche Post das alternative Musikmagazin Visions in den Briefkasten.

Lester machte keinen unglücklichen Eindruck, aber irgendwann schlichen sich Sprachfehler ein, zuletzt stotterte er gelegentlich. Er waren keine wirklichen Wortfindungsschwierigkeiten, die ihm zu schaffen machten. Es war mehr eine Unterbrechung des Satzgefüges, es war, als würde dem Satz mittenmang das Schmiermittel ausgehen, als verpasse er die Anschlussstellen. Es klang dann mitunter wie ein altmodisches Telegramm, ein fehlgeleiteter Funkspruch aus Übersee, der es nicht ganz über den großen Teich geschafft hatte.

Vielleicht war er einsam. Ich weiß es nicht. Wir wohnten ja nur im selben Haus, wie soll man da wissen, ob jemand allein ist oder schon einsam. Die Leute reden ja nicht. Die Männer. Man muss schon sehr genau hinhören, um mitzukriegen, was wirklich los ist in einem Mann. Wie es um ihn steht. Nicht jeder hat die Möglichkeit, die Schritte seines Nachbarn im Treppenhaus auszuloten.

Mit seiner üppigen Hippie-Krause, die fast unverändert die Jahrzehnte überstand, wirkte er aus der Zeit gefallen. Vielleicht ist das der Grund, warum es mir heute noch so schwer fällt, seinen Tod zu akzeptieren. Irgendwie ist er immer noch in Ferien. Seit Jahren. Wie gehabt.

“Gewohnheit vermittelt einem die Illusion, das Leben ginge auf ewig so weiter”, so die Gräfin. “Aber so leicht lässt sich das Leben nicht austricksen.”

Noch viele Wochen, nachdem er im Sommer 2012 ausgezogen war, ein Jahr vor seinem Tod, meinten wir abends um Sieben seine federnden Schritte zu hören, wenn er sich zum Italiener aufmachte, um seinen Espresso zu trinken und Schwarzen Van Nelle zu rauchen. Und Punkt acht war er zurück, und das Abend für Abend. Man konnte die berühmte Uhr nach ihm stellen. Wenn Lester aus der Stadt heimkehrte, ging die Tagesschau los. Die man nicht unbedingt verfolgen musste, um zu wissen, was los war in der Welt. Solange Lester Punkt acht nach Hause kam, war die Welt in Ordnung.

Er starb im neuen Heim auf der Couch, beim Fernsehen. Jedenfalls lief der Fernseher, als seine Schwestern ihn tot auffanden.

Wenn man mehr als 20 Jahre im selben Haus wohnt, muss man nicht die dicksten Freunde sein, es reicht, gut miteinander auszukommen. Wir hatten in all der Zeit nie wirklich Probleme. Jeder lebte sein Leben, er seins komplett durchritualisiert, wir unseres gemäßigt rituell, und wenn wir uns im Hausflur oder vor der Tür trafen, wechselten wir nicht nur ein paar Worte, es konnte auch schon ein richtiges Gespräch daraus werden. Aber eins war Lester immer: zart wie ein Bündel Reisig. So schilderte es die Gräfin, nachdem sie ihn einmal umarmt hatte.

Er war aus eigenwilligem Blut gebaut, und er hatte die längste Matte der Nordstadt.

Als ich im Mai 2012 den Herzinfarkt hatte und einige Tage im Krankenhaus gewesen war, dauerte es zwei Wochen, bis sich das auch zu Lester herumgesprochen hatte, oben unterm Dach.

Ich traf ihn vor der Haustür.

„Stimmt das, du hast einen Herzinfarkt gehabt..?“ fragte er ebenso vorsichtig wie konsterniert.

Als ich ja sagte, das stimmt, und ein bisschen erzählte, aber nur das nötigste, trat er innerlich einen Schritt zurück, und erschrak. Ich habe vielen Leuten davon erzählt damals, meist nur das nötigste, aber nie habe ich jemanden so erschrocken erlebt wie Lester. Ich beendete meine kurze Herzschlag-Revue, und ihm fiel ein Stein vom Herzen, als er spürte, dass da nichts mehr kommen würde von mir, nicht in dieser Richtung. Davon wollte er nichts hören. Das war zu viel für ihn. Er wischte sich das Haar aus der Stirn, und machte sich auf in die Stadt.

Knapp anderthalb Jahre später starb er an einem Schlaganfall.

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5 Gedanken zu „Die Schritte des Nachbarn – Zum 4. Todestag von Hase (1960-2013)

  1. schwarzer tobaccund Kaffee
    ich kannte ihn aus der Teestube seinerzeit,immer freundlich
    ein lächeln
    aber was der so gedacht hat wüsst ich auch mal gerne
    wo er einen schritt zurückmacht
    wegen der ansteckungs Gefahr ?,er hätte dich auch umarmen können und dir
    gute Besserung wünschen können
    vanelle schwarz ist so ziemlich
    der härteste unter der sonne
    und bestimmt ohne filter
    der Mohikaner
    immer rank und schlank.

    Gefällt 1 Person

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