Wer kennt das Buch?

 

Rennende Henne, Susanne Eggert

*

Ich hab mal ein Buch mit nach Hause gebracht, es stand unter Neuerscheinungen. Ich weiß nicht mehr, wie es hieß, ich habe den Namen des Autors vergessen, ich weiß nicht mal mehr, worum es in dem Buch genau ging, ich weiß nur noch, es hatte ein hellblaues Cover und spielte in Lateinamerika. In Uruguay, Montevideo, genauer gesagt. Ein Roman aus der Großstadt, eine verhängnisvolle Liebe zwischen Mann und Frau.

Einmal angefangen, konnte ich das Buch nicht mehr weglegen, und als ich den letzten Absatz erreicht hatte, die letzte Zeile, das letzte Wort gelesen, da nahm ich das Buch und pfefferte es mit aller Kraft und Vehemenz gegen die Zimmerwand, Tränen in den Augen. Weil am Ende alles so gekommen war, wie man es befürchten musste als Leser: mit dem Tod eines der beiden Protagonisten. Ein tolles Buch, eine traurige Geschichte, und ich habe alles vergessen. Es kam in den frühen Achtzigern auf Deutsch heraus. Es hatte ein hellblaues Cover.

In etwa wie der Himmel um den zehnten Mai herum.

*

Nach dem Spaziergang verkroch sich der Hund unterm Schreibtisch und wärmte mir die Füße. Später fand ich diese dicke Zecke auf dem Teppichboden. Erst dachte ich, es wäre ein Steinchen, das dem Hund aus dem Pelz gefallen war, doch es fühlte sich nicht an wie ein Steinchen, eher wie eine dicke graue Bohne, noch warm und ein bisschen taumelig, fast wie besoffen. Es war, als hätte ich einen Anruf aus der Kneipe gekriegt, „He! Ihre kleine Frau liegt betrunken unterm Tresen und streckt alle viere von sich“, und nun war ich gekommen, um sie einzusammeln. Na ja, so ähnlich. Gut. Ich nahm ein Taschentuch, wickelte die graue Milbe darin ein, und schmiss sie in den Mülleimer.

Abends erzählte ich der Gräfin davon, und von diesem Moment an hatte sie keine ruhige Sekunde mehr. Nicht etwa, weil dem Hund eine Zecke aus dem Fell gefallen war und die Anti-Zecken-Lotion damit grob versagt hatte, sondern weil ich die Zecke einfach in den Müll gegeben hatte, so mir nichts, dir nichts.

„Und wenn die da wieder rauskrabbelt?“ sagte sie.

„Wie soll die denn da rauskrabbeln..?! Die kann doch gar nicht mehr krabbeln, so pappsatt und kugelrund wie die ist..“

„Weißt du, wozu Zecken alles fähig sind?? Das sind Überlebenskünstler. Das sind Strategen. Die hängen zwanzig Jahre wie tot am Strauch, dann kommt ein Hund mit wuscheligem Fell daher und schwupp – schmeißen sie sich ran und zecken sich fest.“

„Ja, wenn sie hungrig sind, klar, wenn sie zwanzig Jahre lang kein Blut gefressen haben. Aber die Zecke unterm Schreibtisch war so pappensatt, bei der müsste man erstmal Blut absaugen, bevor sie aktiv werden kann.“

„Dafür findet sich auch noch ein Kollege, der das macht. Der ihr das Blut absaugt. Eine andere Zecke, mein ich. Sogar im Mülleimer, jede Wette. Das sind Kannibalen.“

In diesem Moment wurde auch ich unsicher. Wer weiß schon genau, was man alles im Hausmüll hat. Ich ging also zum Mülleiner und fischte das zusammengeknüllte Taschentuch heraus, ging mit einem Feuerzeug vor die Tür und fackelte es auf dem Pflaster ab. Es knisterte wie eine kleine graue Texaspfanne.

Danach war Ruhe im Bau.

*

Schlangen waren mir von klein auf suspekt. Keine Arme, keine Beine. Nicht mal ein Hintern. An der Hasseldelle gab es eine hohe Wiese, die niemals gemäht wurde, die Schlangenwiese. Hohes Gras. Kein Baum. Abschüssig. Einmal spielten wir Verstecken, obwohl die Schlangenwiese tabu war für Spiele. An diesem Tag nicht. Viele fremde Kinder waren da.

An Ostern.

..neun, zehn! Ich komme!

Keinen halben Meter von mir entfernt, plötzlich ein Zischeln. Es raschelte.

„Eine Schlange!“ schrie Patrizia, die ein Sommerkleidchen trug und immer die Knie blutig hatte. Alles flüchtete. Rannte um sein Leben. Durchs Schlangengras. Kroch etwas. Durchs hohe glitschige Gras. In kurzen Lederhosen rempelte ich jemanden an, am Boden eine hechelnde Bewegung, ein Hinschnappen. Ein Züngeln! Störrische Halme knickten beim Laufen, Gräser rissen, Schürfwunden –

Natterngetrappel.

Ich war der erste, der die Straße erreichte.

Advertisements

7 Gedanken zu „Wer kennt das Buch?

  1. SOLLTE es in diesem Buch auch um das exzessive Trinken von Genever gegangen sein, die Rückkehr vom/in den Dschungel, irgendwelche inzestuösen oder pädophile Ahnungen und womöglich um einen Priester, der seinen Glauben verliert… hm. Dann kann ich Dich beruhigen, Andreas. Es ist genau das Buch, das ich seit Jahren suche. Mein Suchtext entspricht ansonsten weitgehend dem Deinen.
    So. Das hilft jetzt bestimmt.

    Gefällt 1 Person

  2. doch sekunde
    ich habs.warte …..
    das einzig hellblaue war von Joseph Conrad , son schinken aufem Meer
    was ich mal hatte
    den title ist mir grad auch entwischt

    in solchen momenten hör ich den willlie Dixon
    dann
    später.

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.