Alles bloss Botenstoffe, alles bloss Hormone, alles bloss Chemie

Ich werde immer misstrauisch bei Leuten, die im Internet Schimpfworte nicht ausschreiben. Die zum Beispiel „das find ich sch…“ schreiben. Dieser ganze altmodische Pünktchen-Pünktchen-Pünktchen-Mist. Das macht mich ganz krank. Entweder ich schreibe es aus oder ich lasse es sein. Entweder oder. Natürlich gibt es Ausnahmen. Es gibt immer Ausnahmen. Die Welt ist voll davon. Schon unser Planet ist eine einzige beschissene Ausnahme.

Vielleicht.

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Wenn die Maschinen eines Tages die Macht endgültig an sich reißen, was bleibt dann dem Mensch? Zuschauen, wie die Maschinen unser Leben leben, 192 Stunden am Tag?

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„Man kann vor alles und jedem flüchten in der Welt, aber nicht vor sich selbst. Man muss schon damit klarkommen, wie man ist“, sagt die Gräfin.

Manchmal tut es einfach gut, gewisse Dinge zu hören. Es müssen nicht immer die innovativsten Gedanken sein. Im Gegenteil.

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„Jeder Mensch, der richtig zu Schotter kommt, verändert sich, dagegen kann man nichts machen. Selbst wir würden uns verändern, mit ein paar plötzlichen Millionen im Rücken. Man fliegt ein bisschen, wenn man reich ist, man hat keine große Lust mehr auf gewöhnliches Fußvolk.“

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„Mit einem umtriebigen Geist wie meinem gibt es nichts Schöneres, als am frühen Nachmittag auf dem Bett zu liegen und dem Universum zu lauschen, dem Wind, dem bimmelnden Eiswagen. Das ist die totale Entspannung. Weißt du, was die eigentliche Vertreibung aus dem Paradies ist? Unser Nicht-Entspannen-Können in der Welt.“

– Die Gräfin –

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Ich kenne keinen, der sich so vehement gegen Veränderungen sträubt wie du, sagt sie.

„Als würde hinter der nächsten Straßenecke die große Veränderungsschlange warten, die dir in den Schwanz beißt“, sagt sie.

Stimmt ja auch! Alles könnte in großen Schmerzen enden!

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„Dabei sind das alles bloß Botenstoffe, das sind alles bloß Hormone, das ist alles bloß Chemie“, sagt sie.

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Die Welt ist ganz warm heute.
Sie muss sich ein wenig ausruhen.
Es sieht nach Regen aus.

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„Heut Nacht habe ich von Bruce Willis geträumt. Er hat sich bei mir entschuldigt. Er wäre verheiratet. Er wäre glücklich verheiratet.“

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„Weißt du, in welchem Zeitalter wir leben?“ fragt sie später beim Abendbrot. „In dem Zeitalter, wo die Reichen den Himmel gekauft haben und ein Kamel durchs Nadelöhr spaziert.“

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In Wahrheit sieht niemand so aus wie das Gesicht, das er dem anderen zeigt.

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Wie alt ich mittlerweile geworden bin, zeigt sich, als ich die Meldung lese, dass David Cassidy an Altersdemenz leidet. Ich meine, David Cassidy! Den haben die Mädels meiner Generation vergöttert, David Cassidy. Und Donny Osmond natürlich auch, von den Osmonds, die 1971 diesen wunderbaren Reißer Crazy Horses einspielten, und die Welt stand Kopf, wg. verrücktem Pferd. Und dann vergisst David Cassidy (66) auf der Bühne die Texte seiner Songs, die er seit 40 Jahren singt, auf Rummelplätzen und Supermarkteröffnungen. Das ist, mit Verlaub, David Cassidy, auch für mich niederschmetternd.

 

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„Ich habe einen Hunger heute, ich könnte ein Hochhaus bauen aus Nudeln in meinem Bauch.“

– Die Gräfin –

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Ich liebe es, wenn sie aus ihren Jugendtagen erzählt. Als ihre Klasse zur Abschlussfahrt in London war, und wie sie auf der Portobello Road ein neues, indisch anmutendes Kleid kaufte, in dem sie noch am selben Nachmittag mit ihrer Busenfreundin Pia im Hyde-Park zur Gitarre aufspielte. Catch the wind von Donovan. Irgendwas von Crosby, Stills, Nash and Young.

„In einem neuen Kleid in einer großen Stadt.“

Danach war mein Leben irgendwie zu Ende, sagt sie.

 

 

In der drallen Mittagssonne gingen wir der Goerdeler Straße entlang. Die wird zweispurig befahren.  Es war heiß und laut.

„Was macht der denn da..!? Ist der gestürzt?“

Mitten auf dem Bürgersteig lag ein Mann, gleich unterhalb der Clemens-Kirche.

„Weiss nicht. Komm, wir gucken mal.“

„Vielleicht ist der kollabiert, in der Hitze.“

Der Mann, ganz in schwarzen Klamotten, lag auf der Seite, die Beine angewinkelt. Je näher wir ihm kamen, von hinten, desto sicherer war ich, ihn zu kennen. Mit seinem strähnigen grauen Haar und dem langen grauen Bart stromerte er durch die Stadt und schnorrte Bier und Zigaretten, eine dieser mühsam von Chemie zusammengehaltenen Figuren. Die immerzu rauchen müssen.

Als wir ihn erreichten, bemerkte es die Gräfin zuerst.

„Moment, der liest ja!“

Den Kopf auf den Arm gestützt hatte er es sich auf den Gehwegplatten gemütlich gemacht und schmökerte in einem Buch, das sich als Reise-Bibel entpuppte, in einem verschließbaren Plastik-Etui. Damit nichts drankommt, wenn es regnet.

„Alles klar, Meister?“ beugte ich mich über ihn.

„Zieharette, Zieharette“, gestikulierte er.

Weil ich mir gerade eine gedreht hatte, im Gehen, reichte ich ihm die Zigarette runter. Feuer hatte er selbst. Die Schrift in der Bibel kam mir viel zu eng vor, besonders im Mittagslicht.

Das siebte Buch Mose.

Wie ein Feuerspucker warf er den Kopf in den Nacken und stieß den Rauch zum Himmel, als wir uns über den Zebrastreifen entfernten, und als die Gräfin sich noch einmal umschaute, winkte der Mann zurück, der mitten auf dem Gehweg lag, unterhalb der Clemens-Kirche, und las.

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9 Gedanken zu „Alles bloss Botenstoffe, alles bloss Hormone, alles bloss Chemie

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