Ringo Schätzchen – Dein 10. Todestag

 

„Junge, Junge, was ich in meinem Leben alles geklaut, gefilzt und abgegriffen habe, ich lande garantiert in der Hölle, wenn ich tot bin, und da darf ich dann alles abarbeiten für die Tengelmann Group.“

Ringo (1961 – 2007)

*

Ringo starb in den Morgenstunden des 23. Oktober 2007, unter dubiosen Umständen. Man hatte ihn spätabends vor den Türen des Landeskrankenhauses abgewiesen, man wollte ihn nicht aufnehmen in der Suchtabteilung, aus welchen Gründen auch immer. Er muss in einem solch erbärmlichen Zustand gewesen sein, dass er auf Strümpfen (!) in den Nachtbus nach Solingen stieg und nach Hause fuhr, obwohl er sich kaum noch auf den Beinen halten konnte. Am Morgen fand ihn seine Freundin leblos im Bett. Sie hatte sich gewundert, warum es so kalt war neben ihr. Er wurde 46 Jahre alt. Seine letzten Worte, am Vorabend des Todes:

„Ich bin müde..“

*

„Er war ein Lieber, aber er war ein Armer“, so Ringos Mutter.

Mütter dürfen so etwas sagen. Mütter müssen so etwas sagen dürfen.

*

Das letzte Mal ab und an eine Nase gezogen hab ich zu einer Zeit, als Ringo noch lebte, vor zehn Jahren also, damals schon eine sporadische Geschichte. Die eigentliche Party war längst vorüber. Im Jahre 2007 eine Line ziehen war schon die After-Show der After-Show, es waren die letzten Züge der zweiten Hälfte der Verlängerung. Heroin hatte seine Funktion verloren. Statt zu entspannen deprimierte mich das Pulver nur noch. Ich fühlte mich elend, wenn die Wirkung einsetzte, wie in finsterer Umklammerung. Im Nachhinein weiß ich: Es waren die Vorboten der Depression, die mich Jahre später einholen sollte und die einem alle Helligkeit nimmt. Damals dachte ich noch, okay, Glumm, dann kannst du das auch ganz sein lassen mit dem Stoff, wenn er dich nur noch deprimiert. Lass es einfach sein. (Sofern man bei bestehender Methadonabhängigkeit von Einfach-Seinlassen reden kann.)

*

2007 jobbte ich in der Bibliothek des Design-Instituts am alten Hauptbahnhof. Ringo wohnte im selben weitverzweigten, restaurierten Gebäude. So nah, ich konnte Steinchen an sein Küchenfenster werfen, das nach hinten rausging. Manchmal hörte ich lautstarke Streitereien, wenn er mit seinem aktuellen Morphin-Flittchen Mary wieder im Clinch lag und es beschuldigte, heimlich von seinem Pulver genascht zu haben, du linke Tante! Hör auf, mich zu beklauen! Aber die beiden hatten sich gern, sie blieben bis zum Schluss zusammen. Ringo war insgesamt ein höflicher Mensch. Noch im gröbsten Dilemma behielt er sein Mitgefühl für die Welt, wie sie war.

Als er aber wenig später alle viere von sich streckte – ein Tod, von dem ich erst eine Woche später erfuhr, durch einen Telefonanruf – da war der ganze Spaß endgültig Geschichte für mich.

Sofern man bei bestehender Methadonabhängigkeit von Endgültig-Geschichte-Sein reden kann.

*

Die Botschaft erreichte uns spät am Abend, ein Anruf auf dem AB. Eine Bekannte, mit Grabesstimme.

„Ich weiß nicht, ob ihr schon Bescheid wisst.. Ringo ist tot…“

Wenn man die Nachricht vom Tod eines Freundes erst über eine Woche später erhält, fasst man sich an den Kopf und denkt, wie zum Himmel konnte ich tagelang weiterleben, als wäre nichts geschehen? Wieso habe ich nichts gespürt? War ich schon so tumb geworden, dass ich nicht mal mehr intuitiv fühlte, wenn ein alter Freund seinen letzten Atemzug tat und nicht mehr in der Welt war? Es war die zweite Todesnachricht innerhalb weniger Tage, die die Gräfin und mich erreichte, und während wir Kerrys Tod beinah schon kaltschnäuzig hingenommen hatten, („war ja klar..“,  „musste ja kommen..“), warf uns die Nachricht von Ringos Tod aus der Bahn. Obwohl es bei Ringos Lebenswandel nicht weniger klar gewesen war, dass es so enden musste.

Organversagen.

Zweimal noch reanimiert, verstarb er auf dem Weg zur Intensivstation.

„Ach was! Artilleriefeuer war das!“, so hätte er es vermutlich selbst kommentiert.

*

Es ist schon erstaunlich, wie gut und wie lange man jemanden kennen und mögen kann, ohne im Ergebnis das zu sein, was man landläufig dicke Freunde nennt. Ringo und ich waren keine dicken Freunde, ja vielleicht waren wir noch nicht einmal Freunde, aber wir schätzten uns gegenseitig. Und er war vernarrt in die Gräfin. Ich glaube, er war ein bisschen in sie verliebt. Hätten wir uns nicht so lange gekannt, er hätte seine Grabbelfinger nach ihr ausgestreckt.

Ich kannte Ringo seit der Grundschule, seit der 1. Klasse. Unsere Klassenlehrerin war die blonde Frau Reinefeld. 1970 wechselten wir gemeinsam aufs Gymnasium und blieben auch da bis zum 11. Schuljahr in derselben Klasse, (wie auch der Mitsubishi Boy), und weil Ringos Nachname auch mit G begann, wurden wir beim Verkünden von Zensuren und der Rückgabe von Klassenarbeiten stets nacheinander aufgerufen:

Ringo zuerst, dann Glumm.

Ringo war sehr gut in Physik, ich war sehr gut in Sport, auch in Saufen und Drogen hatten wir beide eine 1 mit Sternchen, allerdings erst nach Beendigung der Schullaufbahn und unabhängig voneinander, in verschiedenen Szenen. Während ich zu Beginn der 80er Jahre in einem Kokon von Freunden aufgehoben war, wo hauptsächlich gekifft und gesoffen wurde, war Ringo bereits bis zum Kragen ins harte Pulvergeschäft eingestiegen, hauptsächlich Kokain. Wir verloren uns aus den Augen, wiedergetroffen hab ich ihn erst 1990.

Die Gräfin und ich besuchten eine Bekannte, die in der Nähe wohnte, (und die uns Jahre später die Todesnachricht auf den AB sprach), und da saß er plötzlich, der Ringomann, frisch aus der Kiste entlassen. Er hatte zwei Jahre absitzen müssen wegen irgendwelcher Drogengeschichten. Nun saß er da bei unserer Bekannten in der Küche, beinahe schüchtern, mit einem tiefen, tonlosen Knast-Bass. Wie jemand, der es nicht mehr gewohnt war, unter Menschen zu sein, die keine Strafe abbrummen mussten. Es war eine gespenstische Situation, und wir konnten nicht viel miteinander anfangen.

Vielleicht zwei Wochen später verließ ich abends die Wohnung, ich hatte Nachtdienst im Hotel. Ein Wagen hupte. Ringo war nebenan bei unserer gemeinsamen Bekannten gewesen, (Mutter seiner einzigen, mittlerweile längst erwachsenen Tochter), und nahm mich mit in die Stadt. Unterwegs stellten wir fest, dass wir beide das gleiche Ziel hatten: unseren gemeinsamen Bekannten Kilian. Wir brauchten beide Nachschub, ich für den Nachtdienst, den ich ohne Heroin kaum noch bewältigte. Dass Kilian auch Ringos Dealer geworden war nach seiner Entlassung aus der JVA, war mir neu.

*

Ringo war immer echt. Man hatte bei ihm nie das Gefühl, dass er einem etwas vormachte. Und er ließ sich niemals lumpen. Er war einer der ganz wenigen großzügigen Junkies. Er liebte es, großzügig zu sein. Auf alten Klassenfotos schaut er drein wie ein Bösewicht mit langen Zähnen. Noch mit Mitte vierzig zeigte sich Zahnfleisch in der Größe Flanderns und ein Satz brandneuer Teleskopzähne, wenn Ringo lachte.

„Wir sind Übriggebliebene“, sagte er einmal zu mir, als wir in der Früh mit dem Zug Richtung Düsseldorf unterwegs waren. “Ich fühle mich schon wie mein Opa, der aus dem Krieg erzählt, wenn ich bei meinem Supervisor sitze und über harte Drogen spreche.“

*

Ende der Achtzigerjahre grassierte eine neue Mode. Durch die Beigabe von Laufmitteln wurde Heroin rauch- und somit salonfähig für Leute, die sich keine Spritze in die Venen jagen wollten. Viele begannen, Heroin zu rauchen und sich die Lunge zu ruinieren. Was nicht am Stoff selbst lag, dessen Wirkstoffgehalt selten 10 % überstieg, sondern an all den Streckmitteln und der beschichteten Aluminiumfolie, auf der das Pulver erhitzt und geschmolzen wurde. Zwar flämmten die gewissenhaften unter den Süchtigen die Folie vor dem Rauchen ab, um die schädlichen Stoff so gut es ging auszumerzen, doch dazu hatten die meisten User weder Lust noch Muße. Man war zu scharf aufs Breitwerden, um zuvor eine solch umständliche Lahme Enten-Aktion einzuschieben, die womöglich eine halbe Minute und länger in Anspruch nahm. Eine halbe Minute später breit war eine halbe Minute später breit.

Noch Fragen.

Es gab die ganz ungeduldigen Blower, die sich gleich ein halbes Gramm aufs Blech packten, die richtig kleine erdbraune Hügel bauten und das Feuerzeug starteten. Sobald das Pulver sich nun auf der Alufolie verflüssigte und zur dunkelbraunen, nach bitteren Mandeln riechenden Pampe wurde, ließ der geübte Blower es heiß über die Folie hin und her rollen, vor und zurück, wie eine Schiffsschaukel auf der Kirmes, immer verfolgt vom Mundröhrchen, durch das der Heroinqualm eingesogen wurde, ein Ritual, das weltweit als “den Drachen jagen” bekannt geworden ist.

Ein Ritual, das auch schon mal daneben geht. So weiß ich von einem Blower, dem mitten im Heroinrauchen die Augen zufielen, er verfiel in einen tranceartigen Zustand, schlief ein. Dummerweise lief das erhitzte Heroin weiter über die Alufolie und ergoss sich schließlich über den Rand und tropfte ihm aufs nackte Bein. Das muss richtig gezischt haben, als sich die braune Suppe ins Fleisch fraß. Die Brandwunde ging wochenlang nicht zu.

Drachenjäger sind ungeduldige Leute, die aber Geduld haben müssen, da solch eine Prozedur seine Zeit braucht bis zuletzt nur noch ein öliger Klecks Heroin auf der Alufolie übrigbleibt, der in einer gewaltigen Orgie von Rauch aufgeht und sich in die Lunge frisst – ein wilder, zügelloser Moment, das ultimative Zumachen, das Erlegen des Opium-Drachens. Allein das Schreiben darüber und die Erinnerung daran lassen mich beinahe nach hinten wegkippen und lang aufschlagen.

Dann gab es die Punktraucher (Punktschweißer.) Punktraucher waren fleißige Wesen. Ringo war Punktraucher. Weil er keinen vernünftigen Zugang mehr finden konnte, um sich das Heroin intravenös zuzuführen, war er aufs Rauchen umgestiegen. Seit seiner Haftentlassung jobbte er in einem Elektronikfachmarkt. Er hatte was drauf, was Computer und Datenverarbeitung anging und ergatterte später einen guten Job in der IT-Branche. Dummerweise war Ringo aber auch der Ober-Süchtel aller mir bekannten Süchtel, er war unersättlich.

Wir trafen uns gelegentlich bei Kilian. Einmal, als alles schon zum Aufbruch bereit war, fiel mir eine Bahn Alufolie auf, über und über mit rußig-schwarzen, kaum nagelkopfgroßen Punkten bedeckt. Sie lag direkt vor Ringo auf dem Tisch. Es sah nach einer ungeheuren Fleißarbeit aus. Vor lauter schwarzen Punkten war kaum noch die Aluminiumfolie darunter zu erkennen.

„Was ist das denn..!?“

“Ringo ist Punktraucher”, krächzte Kilian, der Gastgeber. Er lag auf der Matratze, die er sich aus dem Schlafzimmer rübergeschoben hatte, und wartete nur noch darauf, dass wir endlich die Biege machten, er wollte allein sein. Es ging ihm nicht gut. Er war böse erkältet. Es war ein Witz: Da war Kilian ständig bis zum Kragen voll mit Morphin, fing sich aber einen gewöhnlichen Schnupfen, der ihn aus den Pantinen haute.

Ringo erklärte mir kurz das Wesen der Punktraucherei.

Man streut ein wenig Pulver aufs Blech, eine Messerspitze nur. Eine reine Vorsichtsmaßnahme. Beim Blowen größerer Mengen passiert es nämlich immer wieder, dass man den aufsteigenden Qualm nicht zu 100 % erwischt, dass etwas neben das Röhrchen gerät, wenn man den Drachen jagt. Was doppelt ärgerlich ist. Zum einen landet der Qualm nicht in den Lungenbläschen, wo er hingehört, um sich anschließend im Blutkreislauf zu verteilen, zum anderen nicht im Röhrchen, das ebenfalls aus Aluminiumfolie angefertigt wird, um das abgefangene Heroin nochmals rauchen zu können und so den Kreislauf insgesamt zu perfektionieren.

Die Punktraucherei war eine anstrengende Geschichte. Anstatt die Schore auf dem Blech fröhlich vor und zurück laufen zu lassen, hieß es beim Punktrauchen immer wieder von Neuem beginnen, die nächste Messerspitze auflegen. Es war die reinste Fließbandarbeit. Etwas für Stoiker. Tatsächlich war Ringo der einzige konsequente Punktraucher, der mir je unter die Augen gekommen ist, und selbst er gab das Schweißen nach einer Weile auf. Genau wie ich stieg er aufs altbewährte Schnupfen von Heroin um. Sniefen hat den Nachteil, dass die Schleimhäute das Material erst verarbeiten und weiterreichen müssen, bis es endlich im Zentrum der Sucht andockt, und bis dahin vergehen gut und gern zwanzig Minuten. Sniefen ist eine langsame, eine eher altmodische Angelegenheit, die aber einen entscheidenden Vorteil bietet: die Wirkung hält länger an als beim Blowen. Wenn die Raucher schon wieder an ihren Vorrat müssen, hängen die Sniefer noch entspannt im Sessel. Hach, ja, Kinder – ist Sniefen nicht eine herrliche Angelegenheit? Das leckere Nasengetreide und das alles. Schade, dass ich es alles kotzeleid bin und schon vor Jahren aufgegeben habe.

Sofern man.

*

Ich hab in all den Jahren der Sucht niemanden kennengelernt, der so hochgradig süchtig war und dabei so sehr er selbst geblieben ist, ohne Abstriche.

Ringo war Ringo war Ringo. Durchgeknallt und stolz, hochgewachsen und hager, eine Stimme wie im Bergbau. Ringo war der Prinz, der fesch auf seinem Ross sitzt und auf die Prinzessin wartet, auf dass sie dahergeritten kömmet, und kömmet sie nicht, so greife ich zum Schnaps! zum Pulver! zum anderen Pulver! dem weißen! und noch ne Pulle! logisch!

Er gefiel sich in seiner Rolle als unrasierter Schmuggler, im Winter stets in einen dunklen Business-Mantel mit Stehkragen gehüllt, wenn er in den Eilzug nach Düsseldorf stieg. Er verdiente gut, und er investierte alles in sein Hobby, wie er es nannte.

*

In den mittleren Neunzigern, die uns alle ruinierten, kokste er sich beinahe um den Verstand. Kokain ist hinterhältig. Natürlich sind alle Drogen falsche Bräute, jede einzelne Droge hat ihr spezifisches Link-Gewicht, mit dem es dich hinters Licht führt, doch Kokain hat eine Besonderheit: Es hält mit der Falschheit nicht sehr lange hinterm Berg. Das hat das weiße Pulver gar nicht nötig. Schon vom ersten majestätischen Moment an, wenn der Stoff seine Schwingen ausfährt, lauert im Hintergrund schon das Runterkommen, der Beigeschmack der Depression, diese allen Drogen eigene verfluchte Vergeblichkeit. Es dauert keine zwanzig Minuten, und alle anwesenden Koksraucher sammeln sich ungeduldig an der Pfeife, um nachzulegen: Nu macht hin, ich bin Erster! Willst du den totalen Kindergarten? Dann nimm Kokain.

Besonders hart ging das Basen, das Kokainrauchen, Ringo an. Mit nicht mal Mitte dreißig war er ein Greis geworden, dem die Haut in Lappen vom Leib hing, weil er im Koksrausch nicht aufhören konnte sich zu kratzen, und er fing sich erst wieder, als er das Basen sein ließ. Es war dieses ständige Nachlegenmüssen, das ihn so fertig machte. Dieses nicht aufhören können, bis der Stoff alle ist. Ringo setzte allem die Krone auf, in seinen zeremoniellen Ego-Nächten. Nichts durfte ihn stören, nichts dazwischen kommen in seinen Nächten, die er ganz allein in seiner kleinen Wohnung unterm Dach beging und die gerne mal einen Tausender kosteten. Wenn ihm der Kokainrauch tief durch die Glieder strömte und ihn aufpumpte, wenn er  überglücklich im weißen Sein der nächsten Explosion entgegenarbeitete, bis zuletzt, in den Morgenstunden, die Handpuppen, die in der Küche von der Decke baumelten, ihn anblafften:

„JA HÖRT MICH DENN NIEMAND!?“

*

Einmal half er mir mit Heroin aus der gröbsten Scheiße heraus, mitten in einer Winternacht, als mir in einer dämlichen Aktion ein Medikament namens Subutex auch noch das letzte Fitzelchen Morphin aus den Knochen saugte und ich vor lauter Schwäche kaum noch gehen konnte, so fertig war ich. (Nur ein paar dumme Stunden.) Was nach einer dämlichen Junkie-Story klingt war mehr als das, es war sogar mehr als ein Freundschaftsdienst, denn Süchtige teilen nicht ihren letzten Stoff, Süchtige teilen gar nichts, das einzige, was sie teilen, sind ihren zerstörten Lebensläufe.

Ringo war anders.

Er war Ringo.

Ein Aufrechter. Er teilte.

Er hatte am alten Bahnhof eine Wohnung ergattert, die sich sehen lassen konnte. Er teilte sie sich mit einem Taxifahrer, der aber so gut wie nie zu Hause war. Immer, wenn ich bei Ringo zu Besuch war und fragte, wo ist dein Mitbewohner, meinte Ringo lapidar, na, der ist nicht da, der ist Taxifahren. Fährt der immer Taxi? ließ ich nicht locker. Ja, antwortete Ringo. „Tag und Nacht?“ fragte ich.

Ja. Na gut.

Komischerweise lernte ich den ominösen Taxifahrer erst auf Ringos Beisetzung kennen. Ein nicht gerade sympathischer Typ, der sich eine Menge aus der gemeinsamen Wohnung unter den Nagel gerissen haben soll, wie man hörte.

Dann, in den frühen Nullern, ich war halbwegs wieder auf den Beinen, was Heroin betraf, fuhren Ringo und ich eine Weile jeden Morgen gemeinsam mit der Bahn, um 7 Uhr 55. Während ich schon in Ohligs ausstieg, wo ich eine Umschulung machte zum Steuerfachangestellten, blieb Ringo sitzen und fuhr nach Düsseldorf, wo er als System-Administrator arbeitete. Er hatte Kokain überwunden, blieb aber auf Heroin. Es waren jeden Morgen nur lumpige 10 Minuten, die wir nebeneinander im Abteil verbrachten, aber wie oft musste ich an mich halten, wenn ich sah, wie ihm das Pulver zur braunen Schnötte verbacken aus der Nase lief, von der ersten Morgenverköstigung.

„Wat is?“ grinste er mich frech an. „Läuft irgendwat schief aus meiner Nase, Miesepeter!?“

(Ab und an klingelte ich natürlich früh um halb acht bei ihm, er wohnte ja am Bahnhof, und legte ihm einen Schein auf den Tisch. „Einmal volltanken, Ringomann!“ Er tat dann nur cool, „Ach nee, du wieder mit deinem Riesen-Rüssel“, und streute eine fette Line.)

Der Ringomann. Er war groß gewachsen und hager, er zog sich gern gut an und war verrückt nach blinkenden Gimmicks. Sobald ein neues Feuerzeug auf dem Markt war, das etwas ganz Besonderes konnte, am besten mit viel Tamtam, Dampf und Leuchtdioden, dann war Ringo der erste, der es sich im Internet besorgte. Und wenn man ihn dann besuchte, präsentierte er die Neuigkeit wie ein stolzer zwölfjähriger Nachwuchszauberer, auf dem Sprung Las Vegas zu erobern.

Natürlich hatte er auch schlechte Eigenschaften. Als seine Mutter hochbetagt mit Krebs im Krankenhaus lag, hatte er nichts besseres zu tun, als ihr sein eigenes Leid zu klagen. Und er war gelegentlich arrogant, aber was solls. Alle Leute, die ein bisschen was auf sich halten, sind arrogant. Ist nur ein Spiel. Ein bisschen Hochtraben. Den Prügel im Wind spazieren führen.

*

Anfang November 2007.

Es war schon dunkel, als mich die Gräfin und Frau Moll zu Fuß vom Institut abholten, begleitet von einem Tross Glühwürmchen, die wie kleine, grüne Ufos der Trasse entlang blinkten.

„Glühwürmchen im November“, wunderte ich mich, „haben die kein Quartier?“, aber die Gräfin war mit den Gedanken woanders.

„Was würdest du tun, wenn du wüsstest, du hast noch eine Stunde zu leben?“

Seit Ringos Tod ging er uns nicht mehr aus dem Kopf, der Tod. Mit welcher Nüchternheit er zuschlägt. Und wieso es immer die Falschen trifft. Obwohl, das stimmt ja nicht. Auch die Richtigen erwischt es irgendwann.

„Ne Stunde? Ich würde mich erst mal ne Viertelstunde ärgern, glaub ich. Bliebe noch ne dreiviertel Stunde, genau eine Halbzeit. Lang genug, um noch ein Tor schießen.“

„Ein Tor? Wo?“

„Na, unten im Klauberg, auf dem alten Sportplatz. Wo jetzt Kunstrasen liegt. Ich würde ein paar Kumpel anrufen und sagen, macht schnell, ich hab’s eilig. Bringt eine Pille mit. So ne alte, aus richtigem Leder. Obwohl, nee, das dauert zu lang. Bis die Penner einen richtigen Lederball aufgetrieben haben, ist Schlusspfiff.. Tja, keine Ahnung. Und du..? Was würdest du tun, wenn du nur noch ne Stunde zu leben hättest?“

„Nichts.“

„Wie, nichts?“

„Na, nichts. Einfach dasitzen und die Zeit beobachten, wie sie vergeht. Und dann, kurz vor Ablauf der Stunde, mich schnell verabschieden von den wenigen, die ich liebe.“ Sie zündete sich eine Zigarette an, und die grün blinkende UFO-Kolonne löste sich erschrocken auf, in alle Dunkelheit. „Andererseits sollen die sich ja nicht aufregen. Also nee, ich weiß nicht.. Blöde Frage, eigentlich.“

*

Am nächsten Tag, elf Uhr fünfzehn. Auf einer Schiefertafel vor der kleinen Kapelle des evangelischen Friedhofs stand es geschrieben, „Trauerfeier Ringo G.“, mit weißer Kreide.

Was bleibt am Ende eines Lebens? „Er war ein Lieber, aber er war ein Armer“, sagte seine Mutter später. Mütter dürfen so etwas sagen, wenn sie weinen. Auch wenn sie nicht weinen.

„Ringo war ein toller Typ“, kondolierte ich ihr hernach und drückte ihre überraschend warme Hand. Er war ein Aufrechter. Er hat sich niemals klein gemacht. Er hat sich nie für seine Sucht geschämt. Er hat sich nie für irgendetwas geschämt. Er hatte, was man so oft sucht und so selten findet, er hatte Mumm.

An diesem windstillen Freitag im November 2007, als der Nebel sich einfach nicht auflösen wollte und die ganze Stadt aussah wie ein kleines England, an diesem Freitag lag der Sarg, merkwürdig mickrig für so ein langes Elend, aufgebahrt in der Kapelle des evangelischen Friedhofs, den ich so gern als Abkürzung nutze, wenn ich in die Stadt gehe.

Es war eine große, ratlose Gesellschaft, die sich eingefunden hatte. All die Bekannten seiner 87jährigen, beinah blinden und wunderbaren Mutter, die ihm so sehr ähnelte, dazu Verwandtschaft und Freunde, seine hübsche 24jährige Tochter, die Verflossenen und Mary, die Aktuelle, alle waren sie noch einmal aufmarschiert. Selbst ein Dutzend verhuschter Junkies tauchte aus dem Nebel auf, einige mit Blumen in der Hand, und verschwand noch vor der Trauerfeier wieder im Nebel, wie eine Erscheinung.

Nachdem der Pfaffe seinen Psalm runtergemümmelt hatte, den ich schon nach einer halben Minute nur noch als Hintergrundleiern wahrgenommen hatte, wie in einem Totenkaufhaus, in dem ein gelangweilter Sprecher zwanzig Minuten lang ununterbrochen die tote Frau Möcklenburg an die Kasse ruft, wurde ein Ghettoblaster gestartet, verschämt aus der hintersten Ecke heraus. Das Stück hatte Mario, ein Bekannter, am Abend zuvor noch aus dem Internet gefischt – von einer Band namens MASTERS OF REALITY. Ringo hatte es sich so gewünscht.

Was folgte, war wie ein groteskes letztes Störfeuer von Ringo. Es war, als baumelten seine langen Beine von Wolke 9 herunter, die knallrote Ted Nugent-Gitarre geschultert. Kaum, dass der Song eingesetzt hatte, eine harte Southern Rock Nummer, so wie Ringo es liebte, begannen die Glocken der Kapelle zu läuten und übertönten den Song, minutenlang. Selbst, als die CD längst handgestoppt war, läuteten die Glocken weiter. Ich sah die Gräfin an, die neben mir saß, auch sie wusste nicht, ob sie nun weinen oder lachen sollte – wir entschieden uns am Ende – für beides.

Was bleibt, am Ende? Was bleibt nach all dem Abstrampeln für ein Schäufelchen Anerkennung? Es bleiben Erinnerungen und ein allerletzter Wunsch, der nicht mehr in Erfüllung gehen sollte.

„Ringo wollte noch mal einen Drachen steigen lassen“, vertraute uns Mary an, seine letzte Freundin, die ihn morgens tot im Bett gefunden hatte. „Jetzt im Herbst.“ Wir standen mit leeren Augen vor der Kapelle, an diesem Freitag im November 2007, an dem nicht der leiseste Windhauch ging, an dem das Laub satt und mirabellengelb von den Ästen fiel, und an dem der bergische, beinah englische Nebel einfach nicht weichen wollte.

 

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15 Gedanken zu „Ringo Schätzchen – Dein 10. Todestag

  1. „Noch im gröbsten Dilemma behielt er sein Mitgefühl für die Welt, wie sie war.“
    Da sprichst Du aber von dir. Oder nicht.

  2. la paloma blanca!
    wielange kannte wir uns vom sehn
    sie mit ihrem rothaardackel und ich mit der rucksackmütze
    oft um die gleiche zeit
    später auch ,als sie im Krankenhaus war ,fast an der grossen Alster
    hab ich sie besucht und die brife und so mitgebracht
    nachdem ich die Blumen gegossen hatte
    es fing harmlos an
    nur ein jucken und denn ferse abschmörgeln
    spöter war denn der ganze fuss weg
    ein haufen offenes fleisch durch keime in brannd gerate
    mit zucker und wasser im körper
    nach etwa 20 -30 Narkosen waren die in st,.georg am ende mit ihrem Latein
    sie wurde verlegt
    dort nahmen sie nicht den kaputten fuss ab sondern den anderen
    inzwischen hat sie geheiratet im Genesungsheim
    ihren Hund musste sie aufgeben
    aber ihr neuer der mann ist ein ganz lieber und spiet gerne schach mit ihr

    so stand das in der Zeitung.

  3. ich weiss nich wie der erste ,quatsch da war ja noch der Schäferhund
    später kam denn blacky als geschenk für die tote maus
    kamen fast alle aussem osten die pudel
    schlaues Kerlchen
    wenn du sagtest hol Nashorn brachte er Nashorn obwohl es ein schwein war
    er brachte immer das richtige mit
    ein braunäügiges fell voll schwarzem Humor
    sylvester sass er bei mir unter der decke am zittern

    frohes neues Chef
    ja

  4. Was für ein Elend, diese verdammt Sucht. In meinem Leben hatte ich es bisher nur mit Alkoholkranken in der Familie und im Freundeskreis zu tun, das ist ähnlich deprimierend, aber nicht ganz so verdammt chancenlos.

  5. Irgendwie muß ich oft zur selben Zeit an die alten Geschichten und verstorbenen Freunde/Bekannten denken wie du. Kannte auch einen von den guten Junks, die Ihren letzten Rest mit einem teilten wenns einem dreckig ging…
    Ist auch gestorben… eine austerbende Rasse.

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