Man kann nicht alles haben – nur einen schönen Batzen

„Ich weiß bald, wo der Wahnsinn wohnt.“

  • Die Gräfin

*

Ich bin ja der Meinung, wenn schon eine Borderline-Depression, dann eine schusselige Borderline-Depression. Bei der man zwischendurch einfach mal vergisst, wie mies drauf man ist. Damit lässt sich arbeiten.

*

Hitzewelle.

Laut ist es im Bus, laut und mächtig heiß, Montagfrüh, halb acht.

Menschen, mit vom Wochenende verprügelten Gesichtern, Schüler und andere schwitzende Leute mit dicken Rändern unter den Augen, so als hätten sie unermüdlich mit der Nacht-Flex gearbeitet, („übelst geflext!“ so ein Schüler zum anderen Schüler), lassen sich von einem Punkt der Stadt zum anderen Punkt karren. Ob die eigentlich alle immer genau wissen, wohin sie wollen? Ob das allen klar ist.

„ABER WOLLEN WIR NICHT KLAGEN! IST ALLES BESSER ALS FRIEREN!“ schreit die Frau mit dem knusprigen Teneriffa-Teint ihre Banknachbarin an.

Zur Abkühlung überbringen wir uns gegenseitig dem Ozean entliehene Worte, Worte wie ultramarinblau. Per SMS.

„Mhh.. schön kühl“, antwortet sie.

*

„Das war mal ein entspannter Tag heute.. ein Ausatmen-Tag. Ich bin ja nur noch am Einatmen.“

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Wenn ich sie so anschaue, sehe ich es förmlich vor mir, die fieberhafte Prozession ihrer Gedanken.

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Uns fällt auf, dass es im Wald allmählich voll wird. Früher begegneten einem ab und zu Jogger und alte Leute, die ihren Hund ausführten, doch seit einiger Zeit sind ganze Horden junger Pärchen im Wald unterwegs, Wandergruppen, Biker, moderne Schnitzeljäger und was weiß ich alles.

„Vielleicht gibt’s Krieg“, murmelt Sanne, „und alle wollen nochmal Luft schnappen.“

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Luft schnappen

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Damit sie endlich mal Ruhe hat vor den eigenen Gedanken, will sie sich demnächst einen Google-Mini-Fernseher ins Hirn implantieren lassen, den sie jederzeit einschalten kann, wenn sie mal wieder zu viel grübelt.

„Ne schöne Tiersendung ist immer drin.“

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Stellt man dem Leben keinerlei Fragen, kommen die fettesten Antworten.

*

Die Hitze nahm kein Ende. Die Gräfin hatte es sich im Garten unterm Sonnenschirm kommod gemacht, auf der schmalen Campingliege. Wie ein Skispringer lag sie da, kurz nach dem Abheben vom Schanzentisch. Die Arme angewinkelt, auf dem Bauch, regungslos.

Nur ihre Augenlider zuckten leicht im Nachmittags-Traum, wie zwei Vögelchen, die nach innen schweben.

„Komm, wir drehen ne Runde“, flüsterte ich Frau Moll zu, die am Essigbaum lehnte. Man hörte nicht viel von ihr, nur alle paar Minuten knallte ihre lange Hundezunge ins Leere ab – ein dunkles peitschendes Flopp. Im Anschluss: ein nicht enden wollendes Hecheln.

Wir schlenderten durch den schattigen Hinterhof, und ich schaute mir ein bisschen die Unterhosen an, die unsere Nachbarn zum Trocknen rausgehangen hatten, wobei die Unterhosen, die ich an der Wäscheleine sah, nur wenig gemein hatten mit den Unterhosen, die man aus der Werbung gewöhnt ist: Cotton Basics Feinslips, Boxer Shorts Plus, Stretchlimos – nein, die wohnten hier alle nicht.

Frau Moll tapperte lustlos hinter mir her. Die Polin von gegenüber, die Brote backen konnte groß wie Kopfkissen, stand am offenen Fenster, und grüßte.

„Ein Lüftchen, wie wenn man Banane vierzig Mal kaut“, rief sie fröhlich. „Wie warme Brei ist Luft. Grüßen Sie scheene Frau.“

Mach ich.

*

„Nichts ist so sehr auf der Strecke geblieben wie die Poesie“, klagt sie. „Dazu gehört auch, dass nirgendwo mehr Jungs und Mädchen im Regen rumstehen und knutschen. Sieht man nicht mehr.“

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„Weißt du was, Andreas!? Eine Eintagsfliege hat mehr Interesse am Leben als du!“

„Na, logisch hat die mehr Interesse am Leben. Die hat ja auch nur diesen einen Tag. Die muss Interesse haben.“

„Siehst du! Genau das ist dein Problem! Dass du mehr als einen Tag hast!“

*

In Gesellschaft ist der Deutsche oft schinant, er weiß nicht, wohin mit den Armen. Den Händen. Soll er sie in die Hüfte stemmen, während er einen Joke macht? Oder soll er sie einfach baumeln lassen? Doch dazu müsste man locker sein, das Leben auf Autopilot stellen, einfach mal kommen lassen. Ist nicht so einfach, wie es sich anhört. Und am liebsten würde der Deutsche sowieso mit seinen Händen dem Nachbarn ständig an den Kragen gehen, im Supermarkt, am Freitagmittag. 36 Grad im Schatten, die Stimmung ist satt und feindselig. Ich schleppe mich von einer Kühltruhe zur nächsten. Ich bin ein unrasierter Spitzbube, ich schwitze. Viva Las Vegas, singen die Kids. Das ist nicht verkehrt. „Eine Frage hätte ich noch“, sagt die kleine Frau freundlich zum Filialleiter. Der knurrt mit den Armen. „Wat denn.“

*

„Männer sind nicht gut für die Umwelt.“

  • Die Gräfin

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Autisten sind Menschen, die andere Menschen nur in anderen Zimmern ertragen.

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Nichts ist abstoßender als sich selbst beim Lügen zuzuhören.

*

„Warte mal.“

Wir stehen in der Nachmittagssonne. Sie fummelt mir eine ausgefallene Wimper von der Backe und hält sie mir hin, auf einer Fingerkuppe, zur Begutachtung. Dann darf ich die Wimper wegpusten und mir etwas wünschen. Noch bevor ich fertig bin, sagt sie erschrocken: „Scheiße! Jetzt hab ich mir aus Versehen auch was gewünscht. Ich meine, nicht dass das eine Rückkopplung gibt hinterher!“

*

„Was glaubst du, wie viele Leute in der Welt gerade vorm Computer sitzen, auf den Bildschirm starren und das für das Nonplusultra ihres Lebens halten, Andi.“

„Eine Milliarde, vierhundertzwei Millionen, elftausend, zweihundertneunundfünfzig.“

„Und wie viele starren gerade auf das Handy in ihrer Hand?“

„Zwei Milliarden, elftausend, einhundertacht.“

„Macht zusammen?“

„Drei Milliarden, vierhundertzwei Millionen, zweiundzwanzig Tausend, dreihundertsiebenundsechzig.“ 

„Danke.“

(Tischgespräche 126)

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5 Gedanken zu „Man kann nicht alles haben – nur einen schönen Batzen

  1. Auto Pilot iss nich verrkehrt
    plötzlich sitz man in der Schwebebahn bei schwulen 37 grad über der
    wupper
    kann passieren
    Remscheid auch..
    dicke luft
    am dicksten aber ist die glocke im tal
    des bergischen beheimatet
    in Solingen.höhscheid.

    Gefällt 1 Person

  2. auch ich sitze grad am Computer und goutiere die Sätze, die sich mir da zeigen. Sätze, die lauter kleine Welten öffnen, mit Hitze wie Bananenbrei und Polinnen, die eine schöne Frau grüßen lassen und Wäldern und Liebespaare die nicht mehr im Regen knutschen, und vielleicht kommt ein Krieg und eingepflanzten Sendern, um Tierfilme zwecks Ablenkung vom Denken zu sehen und … O, ich lese das gern und freue mich am Kaleidoskop der Bilder, die sich unablässig neu formieren, während sich draußen vorm Fenster die Welt verdunkelt.

    Gefällt 1 Person

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