Ich blick nicht mehr durch in meiner sozialen Buchführung

17. Juni 86

Volle Pulle Hochsommer. Bin nonstop unterwegs, nur zwischendurch mal zu Hause. Direkt geht das Telefon. Lena ist dran, aus einem Hotel in Berlin. Sie ist nicht gut drauf, ich höre es an ihrer verdrucksten Stimme. Sie erzählt, was sie so macht und so, unter welchen Leuten sie sich aufhält, aber kein Wort von ihrem Chef, außer dass er ihr einen weißen Fummel gekauft hat. Irgendwas Pompöses.

„Ne Pelz-Stola?“ werfe ich höhnisch ein. „Vom Kudamm?“

Sie kichert kurz auf, („nee, aus Tüll“), aber sie ist so fern, so weit weg. So komisch drauf, trotz ihrer gewohnten Ironie. Ich erkenne kaum ihre Stimme wieder.

„Was ist los mit dir?“ frage ich.

“Was los ist?! Ich kann dir sagen, was los ist.. Ich hab die letzten Tage bestimmt zehn Mal bei dir angerufen, nie warst du da”, beschwert sie sich.

“Na gut, ich war viel unterwegs.”

“Ah, sieh an, der Herr war unterwegs.. Und wo war der Herr unterwegs? In fremden Frauen, ja? Nicht mal nachts hab ich dich ans Telefon gekriegt..!“ Sie ist geladen wie schon lange nicht mehr. „Hast du bei Marta geschlafen? Du hast bei Marta geschlafen, gib‘s zu. Die dir dauernd Zuckerstangen schenkt.“

Eine Zuckerstange hat sie mir geschenkt, eine einzige. Nicht dauernd welche.”

“Und wenn schon! Hast du bei der blöden Zahnkuh geschlafen oder nicht!?”

Mist. Was jetzt? Ich zögere. Und weil ich zögere, kann ich mich nicht mehr herausreden – mein Zögern verrät alles. Ist wie ein Eingeständnis. Dabei hätte ich es ihr lieber nach Berlin gebeichtet, wenn sie zurück ist. Aber was heißt gebeichtet. Marta ist ein Nettes, sieht supergut aus, aber so richtig gefunkt hat es nicht. Wir sind wie ein gegenseitiges Versprechen, das niemand einlöst. Es fehlt der Widerhaken, der Gegenpart. Bloß – was geht das Lena an?! Sie macht schließlich schon lange, was sie will. Vögelt mit dem Kneipier rum, lässt sich von ihm auf eine Woche nach Berlin einladen. Der olle Beerenweinwirt. Mitte Dreißig, paar Rippen wegoperiert, aber immer auf Zack. Ich hab ihn anfangs gar nicht wahrgenommen. Erschien mir zu farblos, zu schal, zu muffig, genauso wie seine olle Beerenweinschänke. Nicht mal Lena mochte ihn anfangs sonderlich. Sagte sie jedenfalls. Was Menschen so sagen, wenn sie jemanden kennenlernen, der sich um sie bemüht und nicht locker lässt. Der alles auffährt an Möglichkeiten. Und jetzt ist er am Drücker. Die Spinne ist ins Netz gegangen.

Trotzdem fühle ich mich wie ein Verräter an unserer Sache, als ich zugebe, bei Marta übernachtet zu haben.

„ÜBER.. NACHTET!!?“

Falsches Wort. Schon geht die Post ab. Damit hab ich nicht gerechnet. Dass Lena genauso draufkommt, wie ich immer draufkomme, wenn sie irgendwas mit einem anderen Typ am Laufen hat. Sie wird laut, beschimpft mich. Vielleicht liegt es daran, dass sie Marta kennt, dass sie weiß, wie hübsch sie ist. Dass sie Charme hat. Dass sie Konkurrenz ist. Ob ich verliebt bin? Ob ich jetzt mit ihr zusammen sei? Die gleichen verflixten Fragen, meine gleichen genervten Antworten. Nur andersherum. Was soll ich sagen. Bin ich mit Marta zusammen? Ich weiß es selbst nicht. Ach was, natürlich nicht. Natürlich sind wir nicht zusammen, wir sind nicht mal auf dem Weg dorthin. Wir sind auf einer dieser attraktiven kleinen Seitenstraßen unterwegs, die ins Nirgendwo führen. Ich mag Marta, sie gefällt mir, aber mit Liebe hat das nichts zu tun. Sie ist blond und zurückhaltend und genau das Gegenteil der dunkelhaarigen impulsiven Lena. Sie bohrt weiter. Hört nicht auf. Ob ich die Zahnkuh heut Abend treffen werde. Ob ich bei ihr WIEDER ÜBERNACHTE. Ich bin so genervt, dass ich ihr endlich die Antwort gebe, die sie die ganze Zeit provoziert, die sie hören will.

“Ja. Ja. Ich bin mit ihr zusammen.”

Lena ist völlig daneben, und ich bin so cool. So cool wie sie sonst ist, wenn mir die Felle davon schwimmen. Dennoch gelingt ihr ein Treffer, ein Leberhaken, der mich fast K.O. setzt.

“Ich liebe dich so sehr, dass ich versucht habe, von dir wegzukommen”, sagt sie leise. “Kann man jemanden mehr lieben?”

Sie habe Sehnsucht nach mir. Sie sei so eifersüchtig. Sie wolle mich irgendwann heiraten und ein Baby von mir haben. Ein Baby, kein Kind.

“Möchte ich doch auch”, sage ich und bin selbst überrascht, dass ich das sage. “Also ich meine.. irgendwann mal. Jetzt will ich erst mal ein bisschen.. gucken. Mich umgucken. Den Markt sedieren.”

“Sedieren..? Wie, den Markt sedieren?”

“Ach, sortieren. Sortieren, meine ich.”

Verdammt. Ich blick nicht mehr durch.

 

19. Juni 86

Beim Mitsubishi Boy abgestürzt. Ich besuche ihn am frühen Abend in der Hoffnung, dass er vielleicht etwas Schore auf der Tasche hat, ich würde gern mal einen Gang runterschalten. Mitsubishi ist nicht wirklich drauf, verleiht aber hin und wieder seinen grünen Gangsterschlitten an ein süchtiges Ohligser Pärchen, das nach Holland fährt, um Heroin zu kaufen. Die Provision fürs Ausleihen kann sich sehen lassen, es sind stets einige Gramm allerbester Qualität. Aber nicht heute. Der Wagen steht so brav vorm Haus, als könne er kein Wässerchen trüben, erst am Wochenende ist wieder eine Tour angesagt.

Wir mixen uns einige Lumumba, spielen eine zerfahrene Partie Schach, kiffen Purpfeifen, hören laute Bluesmusik.

„Vielleicht fahr ich am Sonntag selbst rüber“, meint  Mitsubishi, der sein Lieblings-T-Shirt trägt, UNTERKANDIDELTE LEUTE. Au weia, sag ich. Er ist der schlechteste und gleichzeitig lässigste Autofahrer, den ich kenne. Mit ihm im Sommer vor der Ampel stehen, Ray Ban auf der Nase, Ry Cooder im Kassettendeck, dann die Kupplung kommen lassen bis auch der letzte Passant es krachen hört im Getriebe, das bringt niemand so ungerührt wie der Mitsubishi Boy.

Schöne Sachen sagt er auch.

„Es widert mich an, wie das alles immer weitergeht im Leben.“ Oder hier:  „Bevor ich mich draußen in der Lüge bewege, schließe ich mich lieber zuhause ein.“

Spät am Abend fliegt eine Bekannte ein, sie kellnert die Nachmittagsschicht im Kotten, einer Hardcorekneipe in der Innenstadt, und lacht viel. Eine herzliche Person. Vielleicht etwas naiv. Du kannst sagen, was du willst, sie findet es lustig. Nachdem wir zu dritt eine Flasche Cognac leergemacht haben, plus Kakao aus dem Pappkarton, stolpern wir zusammen auf die Matratze, die Mitsubishi uns freundlicherweise zur Verfügung stellt. Ich hab keine Ahnung, wo er abgeblieben ist. Ein Dreier war’s jedenfalls nicht. Ich bin zu betrunken für Sex, auch wenn sich alles wie von allein ergibt. Es endet in einer großen sinnlosen Rumblaserei, bei der mir sowieso keiner abgeht, weil ich zu voll bin.

 

20. Juni 86

Karin aus Wermelskirchen. Vom Sehen ist sie mir schon länger ein Begriff. Auch sie hat eine Zeitlang gekellnert. Sie läuft mir Freitagabend in der Libelle über den Weg, dem Soul-Club in Gräfrath. Und ich spreche sie endlich an. Kann mich kaum an Einzelheiten erinnern, aber irgendwann nach Mitternacht nehmen wir uns gemeinsam ein Taxi. Wir landen im Unox in der City, einer gestylten 08/15-Disco, einem Überbleibsel der frühen Achtziger. Ich bin mal wieder so volltrunken, ich erinnere mich nur noch, dass wir am Rand der Tanzfläche stehen und dass sie die Konversation am Gang hält, wie auch immer. Sie ist zwei Jahre älter als ich, 27, hat langes dunkles Haar und ist keine wirkliche Schönheit, aber ihre Augen haben Feuer. In den kommenden Tagen fliegt sie für eine Woche nach Formentera. Sie verspricht mir eine Karte zu schicken, mit dem ersten selbstverfassten Gedicht ihres Lebens.

Voila.

 

21./22. Juni 86

Das Wochenende mit Marta verbracht, der Zahnarzthelferin. Startschuss Samstagnachmittag auf der Galoppa, einem Grillplatz im Stadtwald. Wer auch immer die Sommerfete organisiert hat, er hat etwas Gutes getan. Leute sitzen ums Lagerfeuer herum und trinken Bier aus Dosen, Joints gehen herum. Ich spiele Straße der Sehnsucht auf der Gitarre, die jemand mitgebracht hat, und der erst spät eintrudelnde dicke Hansen, „WIE, ES GIBT NIX MEHR ZU ESSEN?? IST ZU ESSEN SCHON ALLES WEG?!“, hat solchen Heißhunger, dass er in der Dunkelheit loszieht, um sich Kroketten mit Pfifferlingen zu besorgen. In der Nähe ist das Uhu, ein in der Stadt bekanntes Nacht-Restaurant, das Pfifferlinge als Spezialität auf der Karte führt. Die Frage ist nur, ob der dicke Hansen in der Finsternis den Weg findet, mitten durch den Wald. Es ist weit nach Mitternacht, als Hansen, den niemand mehr auf der Rechnung hat, plötzlich wieder am Lagerfeuer erscheint, die Buxe voller Schlamm, Zweige im Haar und verschwitzt, aber überglücklich und mit gesunden roten Bäckchen.

„PFIFFERLINGE WAREN AUSVERKAUFT, HAB ICH MIR IM WALD PAAR PFIFFERLINGE AUSGEBUDDELT UND GEFRESSEN, HOFFENTLICH WAREN DAS AUCH PFIFFERLINGE, HÖR MAL!“

Marta lacht sich weg, „Ihr verdammten Saufbrüder!“, und ich muss ihr erklären, dass Hansen natürlich keine Waldpilze gefressen hat. Er war wahrscheinlich irgendwo in der Pommesbude und hat den Gag auf dem Rückweg von langer Hand vorbereitet. Marta starrt mich an, als hätte ich ihr gerade den Glauben an den Osterhasen genommen.

Ich frage sie, ob sie diese Nacht unbedingt allein verbringen will.

„Nicht unbedingt.“

Wir fahren zu ihr. Ich geh erstmal unter die Dusche, weil ich schlimme Schweißfüße habe. Im Badezimmer öffne ich das Fenster, stelle die Turnschuhe raus und werfe die Socken in den Busch. Dann liegen wir im Bett. Es ist alles zehr zart. Sehr langsam, die Bewegungen. Die Küsse offen. Ein tolles Mädel. So erhaben irgendwie. Wäre sie nicht blond, sie könnte eine ägyptische Prinzessin sein und den Nil runtergleiten.

Wir frühstücken gegen Mittag. Von der ganzen Sauferei zittern meine Hände. Um den Affen zu verbergen, streichle ich ihren Kater Floh, dem ich in der Nacht seinen angestammten Platz streitig gemacht habe. Er beißt mich in den Finger. Ich öffne das große Küchenfenster zur Straße hin, das wir zuvor von einem Dutzend Pflanzen und Töpfe befreit haben. „Das Fenster hab ich erst einmal aufgemacht, seitdem ich hier wohne“, sagt Marta. Die Bäckerei gegenüber ist geöffnet. Ich hole zwei Stückchen Erdbeertorte. Dann geh ich scheißen. Als ich das Badezimmerfenster öffne, stinkt es von draußen nach meinen Strümpfen.

Nachmittags fahren wir mit dem Bus ins Freibad. Als wir am Busbahnhof stehen, denk ich, Lena fährt vorüber, in ihrem grünen Simca. Aber sie ist ja in Berlin. Anderer Simca, andere Frau. Falscher Alarm.

 

23. Juni 86

Montagnacht steh ich schon wieder in der Libelle, erledigt von der ganzen Sauferei. Ich habe langsam das Gefühl, puren Alkohol in den Adern zu haben. Call me Schnaps. Zum Schluss kippe ich zwei Seelentröster hintereinander weg, heiße Milch mit Rum und Weinbrand.

„Du hast sie nicht mehr alle“, meint der dicke Hansen. „Hör doch mal mit der blöden Sauferei auf.“

Auch die Frauen kann ich nicht lassen. Da ist diese Wasserstoffblonde mit der ewigen Sonnenbrille, die sie nicht mal beim Tanzen abnimmt. Eine enorm erotische Tante, die eigentlich nur darauf wartet, dass ich sie endlich anspreche. Gottseidank habe ich es gelassen. Bin eh schon dabei, mich heillos zu verzetteln.

Manchmal glaub ich, ich werde nie in der Lage sein ein selbstbestimmtes Leben zu führen, beschwere ich mich beim dicken Hansen. Ich kann nur reagieren, beziehungsweise ich ziehe mit, was andere Leute initiieren. Das ist wohl auch der Grund, warum ich schreibe. Wenigstens da bestimme ich, wie der Hase läuft, wenigstens da bin ich der Chef.

Hansen, der ein bisschen die Sachen kennt, die ich schreibe, blickt mich skeptisch an.

„Bist du sicher?“

„Bin ich sicher was?“

„Dass du der Chef bist, wenn du schreibst.“

„Ja, natürlich.“

„Du bist aber doch abhängig davon, was im Leben passiert, wenn du autobiografisch schreibst. Oder nicht. Wo bist du denn da der Chef.“

Verdammt. Er hat recht. Nirgendwo bin ich der Chef. Ich bin nie der Chef.

 

27. Juni 86

Gelandet. Bin so platt, dass ich zu Hause bleibe und meine Wunden lecke. Ich liege im Garten hinterm Haus, lese. Abends rufe ich Lena im Nordpol an, sie ist zurück aus Berlin. Beim Telefonieren wird mir bewusst, wie mies ich drauf bin. Sie entschuldigt sich für ihren Anruf von letzter Woche. Aber ich soll nicht immer so empfindlich sein. Sagt sie. Na ja. Ich hab keine Lust auf Stress. Ich bin fro, wenn ich den Telefonhörer in die Höhe gestemmt kriege.

Sie ruft im Laufe des Abends noch zweimal an, ist sehr lieb und wir verabreden uns für morgen Vormittag zum Schwimmengehen. Um 10 Uhr.

„Wenn du nicht pünktlich bist, töte ich dich“, drohe ich ihr.

„Oh ja“, sagt sie, „da freue ich mich schon drauf.“

Nachts geht das Telefon ein letztes Mal. Ihr Wagen ist kaputt. Springt nicht an. Sie kann mich nicht abholen, ich soll um zehn bei ihr vorbeikommen.

 

28. Juni 86

Ich bin früh wach an diesem Freitag und nehme den Fußweg zum Weyersberg. Früher als abgemacht stehe ich vor ihrer Wohnung und wundere mich, dass ihr Rouleau oben ist. Dass sie also schon wach ist. Das passt nicht zu ihr. Ich schelle. Erst normal, dann Sturm. Keiner da. Ich steige auf den Mauerabsatz unter ihrem Fenster und schaue ins Schlafzimmer. Das Bett ist leer. Sieht unbenutzt aus. Na toll, denke ich, und muss lachen. Ein trauriges, ein galliges Lachen. Wie kaputt es zwischen uns ist. Nicht mal eine harmlose Verabredung kriegen wir noch gebacken. Was jetzt? Soll ich allein ins Freibad? Jäh baut sich in mir ein ebenso langer heißer wie einsamer Tag auf, ein Tag ohne Lena. Ein mächtiger Gegner, ohne jede Gnade. Ich stapfe Richtung Innenstadt. Viertel nach zehn bin ich am Graf Wilhelm-Platz und rufe Lena aus einer Telefonzelle an. Sie ist tatsächlich da. Sie hebt ab.

“Gut geschlafen?”

“Ja”, sagt sie.

“Aha. Und mit wem?”

“Wie, mit wem..? Was meinst du?”

“Na, wo du warst.. heut Nacht.”

“Wie, wo ich war..? Was redest du da? Zu Hause natürlich.”

“Wieso lügst du? Ich war eben bei dir. Ich weiß doch, dass du nicht zu Hause warst.”

Schweigen.

“Also.. gut. Ich hab bei meinem Chef auf der Couch geschlafen. Ist spät geworden gestern. War ganz harmlos. Ist nichts passiert.”

Pff..! Mir doch scheißegal.

„Mach doch was du willst!“

Ich lege auf. Die kann mich mal. Sie macht mir dauernd Vorhaltungen, nimmt sich selbst aber alles Recht der Welt raus. Ich bin so wütend, keine fünf Minuten später rufe ich erneut bei ihr an.

“Ich komm jetzt”, sag ich.

Zurück zur August Dicke Straße. Auf den weitläufigen Rasenflächen am Weyersberg ist Schulsport, die Kids spielen Baseball. Ich könnte so reintreten. Lena sperrt die Türe auf. Na ja. Sie ist müde, noch k.o. vom langen Kellnern gestern Abend, sie will sich noch eine Runde hinlegen, bevor wir Schwimmen gehen. Nach kurzem Zögern lege ich mich zu ihr. Sie holt mir einen runter. Geil und verzweifelt zugleich. Sie bleibt trocken. Das ist noch nie passiert, sie ist noch nie nicht feucht geworden. Sie schläft auf der Stelle ein. Ich bleibe wach. Liege da, und starre zur Decke.

Um eins wecke ich sie auf. Wir frühstücken und rufen, da ihr Auto kaputt ist, ein Taxi Richtung Freibad. Lassen uns vom Fahrer am Bismarckplatz absetzen, gehen den Rest zu Fuß, so wie wir es immer gehalten haben. Der Pfad geht schnurstracks durch den Wald, bis ins Schellbergtal. Die Temperaturen steigen auf 35 Grad, die Holzgatter knacken in der Hitze, wir pflücken wilde Erdbeeren. Ein Marienkäferchen lässt sich auf meiner Schulter nieder, ein Sendbote vergangener glücklicher Tage.

“Irgendwie romantisch”, sag ich.

“Romantisch..? Wenn ich ner Kuh auf der Wiese beim Scheißen zugucke, das ist romantisch”, spottet sie.

Yepp. Das ist mein Mädchen! Das sich beim Spaziergang immerfort auf die Füße schauen muss, damit es nicht auf die Nase fällt. Ich hebe Lena hoch und wirble sie in der Luft herum, wie ein Funkenmariechen.

“He, pass auf, meine Sachen..!”

Im Freibad kommen wir gut zurecht. Im Wasser stehend küsse ich sie auf die Dracula-Stelle am Hals, dahin, wo jede Frau es gern hat, wenn sie ein bisschen getötet wird. Am Hals geküsst weiß eine Frau nie genau, ob der Mann es vielleicht ernst meint mit dem Töten, und sie genießt es. Sie hat neue Sommersprossen bekommen, seit unserem letzten Zusammensein.

“Das sind keine Sommersprossen, das sind Mückenstiche, du Blödmann!”

Auf der Liegewiese im Freibad der übliche Kampf ums Badetuch. Sie schlägt mir vor, ich solle mal ein Märchen schreiben.

“Hä..? Was denn für ein Märchen?”

“Weiß ich doch nicht! Die Prinzessin auf der Saubohne!”

Beim aller Harmonie, eins passiert nicht: Wir verdrücken uns nicht wie früher in eine enge Umkleidekabinen, für ein bisschen Sex im Stehen. Wir kommen gar nicht erst auf die Idee. Wir sind vertrocknet. Aus. Und vorbei. Am späten Nachmittag nimmt uns ein Bekannter im Auto mit in die Stadt. Wir gehen ins Mumms, trinken was. Gerade als wir abhauen wollen, schiebt sich Benzini zur Tür hinein, mit hervortretenden Wangenknochen und Bürstenhaarschnitt.

“Vaffanculo!”

Der alte Sittenstrolch. Er lebt seit Jahren in Köln, wo er mit gebrauchten Straßenkreuzern handelt, doch die Wochenenden verbringt er weiterhin in der alten Heimat. Hier hat er sein Publikum, das dankbar ist für einen wilden Mann mit Einsichten: “Ich bin ein Pechvogel, darum muss ich besonders clever sein.” Benzinis Kinnpartie erinnert an ein Etagenbett, so groß und rechteckig, und er ist stets entschlossen, die nächste Randale anzuzetteln, von Geburt an.

Zu dritt brettern wir nach Gräfrath, ins Metropol. Die Sonnenterrasse ist überfüllt, lauter bekannte Gesichter sind da. Lena genießt es, noch mal unter den alten Leuten zu sein.

“Fast ein Déjà-vu”, sagt sie.

Wir teilen uns einen dampfenden Champignon-Topf und zwinkern uns zu, die Nase knusprig rot vom Tag im Schwimmbad. Dann muss sie los, kellnern. Wir verabreden, dass ich später in der Nacht zu ihr komme. Oha, denk ich noch so für mich, das geht garantiert nach hinten los. Auch Benzini ist skeptisch.

“Du musst dich entscheiden, ob du sie noch liebst oder nicht”, krächzt er, als Lena fort ist. Zuerst bin ich empört, “ja, aber das Herz entscheidet doch!”, doch je länger wir trinken, desto unsicherer werde ich. Stimmt vielleicht mein ganzer fatalistischer Aufbau nicht. Dass man seinem Schicksal nicht nachlaufen kann, weil es einen so oder so einholt, es ist schließlich deins, wo soll es sonst hin? STIMMT DAS ETWA NICHT!?? Muss man vielleicht tatsächlich selbst aktiv werden im Leben und sich entscheiden??

Ich blick nicht mehr durch.

Um zwei in der Nacht rudere ich betrunken an den Hauswänden entlang zur August Dicke Strasse. Aus einem Vorgarten pflücke ich eine kleine weiße Lilie. Lena öffnet verschlafen die Tür und haut sich gleich wieder hin. Ich lege mich zu ihr und kitzle sie mit dem Stengel unter der Nase.

Sie schreckt zurück. “He! Ich will kein ausgelutschtes Kaugummi..!”

Das hätte sie nicht sagen dürfen, so verschlafen sie auch sein mag. „Ausgelutschtes Kaugummi!“ – wie treffend! Sofort geht – einmal mehr – die Post ab. Sie schreit mich an. Was mir überhaupt einfiele.

“Platzt hier mitten in der Nacht rein und beschimpfst mich wegen so einem Scheiß! Nur weil ich.. deine blöde Blume mit einem scheiss Kaugummi verwechselt habe. Mann, es ist dunkel, ich hab‘s nicht gesehen!”

Sie habe es so nicht gemeint.

“AUSGELUTSCHTES KAUGUMMI!” gifte ich zurück. Ich kriege mich kaum mehr ein. Ich bin besoffen. Dramatisch. „SOLL ICH WIEDER GEHEN?“ Sie antwortet nicht. Aber wie das so ist mit Antworten, auf die man wartet, wenn sie dann kommen, schwingen sie einem entgegen wie ein Weihrauchgefäß in einer großen Kathedrale; eine wahrhaft kathedrale Antwort:

„Ja. Hau doch ab.“

Es ist vorbei, alles läuft nur noch falsch. Sie heult. Ich heule. Dieses Drecksdrama. Diese Dreckswahrheiten. Irgendwann schlafen wir ein, die Fenster sperrangelweit offen. Wie immer werde ich vor ihr wach. Ich geh ins Badezimmer und brause meinen Schädel mit eiskaltem Wasser ab. Zieh mich an. Wecke sie.

“Ich muss los”, sag ich.

Tränen in den Augen. Abschied. Der nächste Abschied. Der letzte.

“Das ist aber doch jetzt kein Abschied”, flüstert sie.

Ich reiße mich los. Pflücke vor ihrem Fenster noch eine Lilie. Werfe sie in ihr Zimmer. Bleibe einen Moment stehen. Warte. Sie kommt ans Fenster. Ich schlage die Hände vors Gesicht.. Bloß weg hier. Als ich eine Stunde später zu Hause bin, geht das Telefon. Ich bin froh, dass sie es ist. Wir machen ab, dass wir uns eine Weile gegenseitig in Ruhe lassen.

“Aber nur einen Augenblick”, sagt sie.

Ja. Nur einen.. Augenblick.

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16 Gedanken zu „Ich blick nicht mehr durch in meiner sozialen Buchführung

  1. man weiss es einfach
    das ist der letzte blick
    ich will es nicht hoffen
    so ein abschied
    unter fremden himmel
    soll mal einer sagen wat morge kütt!

    Auto r kanns auch spannend.

  2. Roaring Twen!
    Fühlt sich schon beim Lesen anstrengend an, diese fliegenden Wechsel und bisweilen unsanften Landungen.
    Den Markt sedieren wäre überhaupt mal eine gute Sache 😉
    Gruß Uwe

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