Ja wie!? Sie spielen kein Minigolf?

Der Minigolfplatz ist nicht nur längst außer Betrieb, es ist überhaupt kein Minigolfplatz mehr. Es ist ein ex-Minigolfplatz. Nur wenige der einst 18 Eternit-Bahnen existieren noch, und diese wenigen Bahnen sind voller Risse und überwuchert von Unkraut und eingeschwärzten Kaugummikulturen.

Minigolf Bleichstraße, nur 300 Meter von der Stadtmitte – so warb bis in die Neunzigerjahre ein Trailer in den örtlichen Kinos für den von hohen Altbauten und sonstigen Mietskasernen umstellten Platz. Die Anlage wurde von einem freundlichen Rentner-Ehepaar betrieben und besaß eine Zulassung für Europapokalwettkämpfe. Die Frau umhegte die Bahnen wie eine Grande Dame des Minigolfsports, sie hielt alles in Schuss. Ihr Mann, groß und hager und gut zehn Jahre älter, unterstützte sie, wo er konnte, wurde aber mit jeder Saison umständlicher und vergesslicher.

Einmal saß ich auf der Terrasse und bestellte ein Bier. Ich hörte den großen alten Mann in seinem Blockhäuschen am Eingang rumoren, die Kühlschranktür klappte auf und zu, er hustete, er schnaufte, dann hörte man nichts mehr. Erst, als ich schon nicht mehr mit ihm rechnete, kam er angeschlappt.

„Guten Tag“ wünschte er betont zuvorkommend, als hätte er mich nie zuvor gesehen und ließ ein Stofftaschentuch von der Größe einer Männerunterhose in seinen Taschen verschwinden. „Da haben wir heute wieder ein Wetterchen, nicht wahr?“ Er hatte einen mächtig krummen Zinken im Gesicht, wie ein alter Belgier. Große Ohren, Frittenhals. Ein wunderbares altes Pralinengesicht. Ein Veteran.

„Was kann ich Gutes für Sie tun?“ fragte er.

„Ach, ich nehme heute mal ein Bier“ sagte ich.

„Wird gemacht!“ salutierte er spaßeshalber und schlug die Hacken zusammen.

Ich bekam dann mein Bier. Aber es dauerte seine Zeit. Wie alle guten Dinge im Leben.

Auch wenn es in der Besucherstatistik Ausreißer nach oben gab, etwa an lauen Sommerabenden, wenn die bunten Laternen ansprangen und den Hinterhof in eine Lampionseligkeit tauchten, als wäre dies der friedlichste Ort auf Erden, die Zahl der Minigolfer blieb überschaubar. Besonders tagsüber hatte man seine Ruhe. In ihrer Freistunde spielten Oberstufenschüler der nahen Gesamtschule schon mal eine 18er Runde aus, während ich auf der Terrasse saß und die Leute beobachtete.

Zwei Tische weiter hatte ein junges Mädchen Platz genommen, es war vertieft in einen Brief. Es las die Zeilen nicht nur, es verschlang sie regelrecht. Es kam mir vor, als würde es den Brief wieder und wieder von Neuem beginnen, als könne es einfach nicht genug bekommen. Es ließ die Zeilen sinken, der Blick schweifte traurig über den Platz. Die beiden Schüler erreichten die vorletzte Bahn, wo der Hartgummiball mit voller Wucht über eine Rampe geschlagen werden musste, sonst verfehlte er sein Ziel und landete im Fangnetz. Unkonzentriert schaute das Mädchen den Jungs beim Spiel zu, dann griff es wieder zum Brief.

Ich sah aus den Augenwinkeln, wie die kleinen Hände irgendwelche Zeichen in die Luft malten. Ich verstand nicht – war das Zeichensprache? Und wenn ja, wem galten die Handzeichen? Da war niemand. Niemand außer mir, den beiden Schülern und dem alten Platzwart, der in seiner Bude zu tun hatte und in sein Taschentuch trompetete. Vielleicht ist die Kleine ja stumm, dachte ich. Vielleicht war der Brief der Abschiedsbrief ihres Liebsten, den man ihr einst versprochen hatte und der nun mit der langbeinigen quasselnden Konkurrenz auf und davon war.

„Darf ich dir noch ein schönes Glas Coca Cola bringen?“

Der alte Mann stand vor ihr, groß und lieb und ahnungslos. Still schüttelte das Mädchen den Kopf. Plötzlich Getrampel. Ein Junge sprang über den Holzzaun und stürmte die Terrasse, einen endlosen Schlauchschal hinter sich herziehend.

„Gib her den Wisch, Kelly..!“

„Das geht dich einen verdammten Dreck an!“ zischte das Mädchen.

Die beiden Schüler unterbrachen ihr Spiel und sahen herüber. Ich blickte den alten Belgier an, er blickte mich an.

Dann schlappte er zurück in seine Bude.

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3 Gedanken zu „Ja wie!? Sie spielen kein Minigolf?

  1. @Es kam mir vor, als würde es den Brief wieder und wieder von Neuem beginnen, als könne es einfach nicht genug bekommen. “

    Es gibt zwei Blogs, mit denen es mir auch so geht. Welche das sind, behalte ich für mich. Ich hab’s derzeit mit Andeutungen und ungesagten Worten. 😉

    Gefällt 1 Person

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