Blue Jeans Baby

Was die Musik betrifft, mit der man aufgewachsen ist, da schleppt jeder seine eigene Musikbox mit sich herum, seinen privaten kleinen Wurlitzer-Buckel voller Erinnerungen, durchnummeriert von A bis Z: von der ersten Liebe mit 14 bis zum Urlaub 1978 in St. Tropez – alles unterlegt von ganz bestimmten Klangspuren. Kurz angespielt in der privaten Musikbox, und schon rennen die Songs los wie quiekende Schweine, die ihren Schlachthof suchen.

Als ich mit Pepe durch Südfrankreich trampte, schallten aus allen Musikboxen die Bee Gees, es war der Saturday Night Fever Sommer. Jeder, der einen coolen Gang drauf hatte, war John Travolta. Im Sommer 1983 waren alle braungebrannt und trugen weiße Hemden und stürmten die Tanzfläche, sobald die ersten Takte von Michael Jacksons Billie Jean aufflammten

usw usw.

Ich bin ein Freund von klaren einfachen Melodien. Songs wie freundliche Scharlatane, die einem den Bauchraum mit bloßer Hand öffnen und innerhalb drei Minuten wieder verschließen, ohne dass Blut zu sehen ist. Die allerbesten Songs sind ohnehin die zunächst unauffälligen, die man ein paar Mal hören muss bevor sie einen am Wickel kriegen. Und natürlich hat jeder gute Song seine neuralgische Stelle. Die besten Songs sind wie achtlos weggeschnippte Kippen, die eine Weile vor sich hin glimmen bis sie endlich einen Zipfel deines Gemüts zu fassen kriegen und einen Flächenbrand auslösen und alles niederfackeln in deinem inneren Musikzimmer – zurück bleibt ein Klumpen Erinnerung, eingeschmolzen auf alle Ewigkeit.

*

Ihre Plattensammlung umfasste vielleicht siebzig Alben, als wir uns kennenlernten. Oder sagen wir hundert – höchstens. Auch wenn Frauen in der Regel nicht soviel Wert auf ihre Platten legen wie Männer, in den Platten und CD’s einer Frau zu stöbern heißt immer auch etwas über ihr Leben, über ihre Vergangenheit zu erfahren. Eine Plattensammlung ist die Abkürzung ins Herz einer Frau. Man sollte sich Zeit nehmen beim Durchsehen. Auf spöttische Kommentare kann man verzichten, hochgezogene Augenbrauen sind getrost beizudrehen.

Ich fand einige seltene Reggae-Sachen, die mich überraschten. Noch mehr überraschten mich aber die Soundtracks von „Jenseits von Afrika“ und „Flash Dance“. So normale Sachen machten mich stets stutzig. Bis mir einfiel, Moment, das hier war die Plattensammlung einer Frau, hier hatte eine Frau die Finger im Spiel. Frauen hatten andere Finger, sie spielten ihre eigene Musik.

Sie besaß sogar einige wenige Singles, und zwar keine Achtzigerjahre-Extended Versions irgendwelcher Euro Dance Tracks, sondern richtig echte 45er-Singles aus den 70ern, darunter „Too big“ (Honey, I never lose!) von Suzi Quatro. Was mir mächtig imponierte, da „Too big“ nicht gerade das war, was man von Suzi Quatro zu haben pflegte, im Gegensatz zu „48 Crash“ oder „Can the can“, aber selbst die beiden Mörder-Singles hatte sie sich zugelegt.

Und dann war da noch David Dundas Monster-Hit aus dem Jahre 1976, „Jeans on“. Natürlich zählt „Jeans on“ nicht gerade zu den besten 500 Songs der Pop-Historie, nicht mal zu den besten 50.000. Das heißt, es gibt wahrscheinlich 49.999 Nummern, die besser sind als „Jeans on“, ja, ich glaube, darüber sind wir uns einig. Wir, die „Jeans on“ kennen und im Kopf haben. Wobei das im Fall von „Jeans on“ ein und dasselbe ist, kennen und (auf ewig) im Kopf haben. Einmal gehört, nie wieder verlassen.

“Ich fand den Song super”, erzählt sie. “Samstagmorgens Jeans On auflegen, in die Jeans steigen und durchs Kinderzimmer tanzen, darüber ging lange Zeit nichts, das war die Erfüllung meines Mädchentraums. Irgendwie schien immer die Sonne vom Himmel, wenn Jeans On lief, und unten im Hof wartete der blonde Alex auf dem Moped und drehte schon mal ne Runde, bis ich fertig war, denn ich war noch nicht so weit, ich hatte noch zu tun. Ich musste noch schnell die Stelle mit dem tschkk-tschkk hören – auf das tschkk-tschkk in Jeans On war ich total heiss, wenn das tschkk-tschkk kam, rastete ich total aus. Also, ich meine, cool. Ich rastete total cool aus. Ich war 14.”

Ursprünglich war „Jeans on“ nur ein Werbe-Jingle für eine US-Jeans der Marke Brutus, bis man beim Publikum das Hit-Potential erkannte und den Song als Single veröffentlichte. Vom ersten Takt an sitzt eine frisch gewaschene Blue Jeans am Körper, nach Weichspüler duftend und so knalleng, dass man nur mit dem Schuhlöffel reinkommt. Und sobald die Hose einmal am Körper ist, verursacht der Hintern tatsächlich dieses knackige tschk-tschk!-Geräusch von David Dundas, mit dem er die frohe Botschaft, I pull my Upper Jeans on, noch unterstreicht.

Wobei mir lange Zeit nicht klar war, was mit Upper Jeans gemeint sein sollte, denn das war es, was ich damals als Teenager verstand: „I pull my blue jeans on, I pull my upper Jeans on“. Erst bei der Recherche 40 Jahre später lese ich, was er damals tatsächlich gesungen hat: nicht upper Jeans, sondern „I pull my old blue jeans on“. (Schon komisch, was man damals so alles verstanden hat, schon komisch, was man heute so alles versteht.)

Ich wunderte mich nämlich, dass die Penner in England anscheinend Upper Jeans und Lower Jeans unterschieden, also Jeans für drunter und drüber. Doch was zum Henker sollte das sein, ein Jeans für drüber? Eine zweite Jeans für den Winter, wenn es kalt war? Hatten die Engländer sie noch alle? Na, war auch egal, wir sangen ständig irgendwelchen Mist mit, der nicht die Bohne mit dem Original übereinstimmte, das taten wir andauernd, wen kümmerte das schon, solange nur das tschkk-tschkk zur rechten Zeit kam und die Blue Jeans knackeng am Arsch saß und knisterte wie ein Schwung heißer Frachtpapiere

Jeans On, David Dundas – Das Video

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3 Gedanken zu „Blue Jeans Baby

  1. Au weh, jetzt habe ich einen Ohrwurm. Ich hab immer „my oggel Jeans on“ verstanden und hab das mit olle Jeans übersetzt. Die Amis haben ja manchmal solche Slang Worte, die keiner verseht. Die Plattensammlung hast du sehr subtil beschrieben als das, was sie damals war: Für Frauen Herzensangelegen heit. Für Jungs der Nachweis der Coolnes des Besitzers.

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  2. Siebzig Alben hatte sie? Wow, wesentlich mehr, als ich damals hatte. In meiner Erinnerung hatten die angehenden Damen vielleicht 10, oder 20 und dann, die ihrer Meinung nach wichtigsten:“ Leonhard Cohen“, „Angelo Branduardi“, „Cat Stevens“, „Kate Bush“, „Al Stewart“ und die verhassten „Supertramp“. Es gab auch noch geschlechterübergreifende Schnittmengen (Mengenlehre, Du erinnerst Dich?), wie „Mike Oldfield“. „Dirty Dancing“ fanden die Mädels alle toll, kotz. Dieser verkackte Musikgeschmack hat des öfteren zu nicht stattfindendem Sexualkontakt in den besten Situationen geführt. „I pull on my jeans and I feel allright“ habe ich immer noch im Kopp. Ein sehr guter Song, absoluter Pophit, Marke unvergessen!.Das Leben ging weiter, die Kontakte kamen anders und „Feelin´ like a no, no, actin´ like a child“ ist auch Schnee von gestern. Walking in the rain.

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