Machen die auch Kabarett?

„Sagen Sie mal, wie ist das denn jetzt.. wächst da ein neuer Zahn nach?“ fragte der Chef und zog an seiner HB.

Ich blickte ihn an.

Der Chef, stattliche zwei Meter groß, Übergewicht, Kettenraucher, weißes Oberhemd, Goldkettchen, blies den Qualm in meine Richtung, ohne jegliches Anzeichen von Ironie. Er meinte es ernst. Das war kein Witz. Am Tag zuvor hatte man mir in der Klinik einen Zahn gezogen, in einer Blitzaktion, und nun war der Chef sich nicht sicher, ob Zähne beim Menschen nachwachsen oder nicht.

„Ich glaube nicht“, sagte ich.

Während der Chef vor mir stand und mich beäugte wie eine gutmütige, viel zu groß geratene Milchkuh, versuchte ich mich zu entsinnen, bei welchem Tier die Zähne tatsächlich nachwachsen, aber mir fiel keines an – nicht mit Sicherheit. Je länger ich grübelte, (irgendwelche dicken Fische? Seelöwen?), desto unsicherer wurde ich, ob der Chef nicht vielleicht doch recht hatte. Für einen Moment wurde mir heiß bei der Vorstellung, dass mein Backenzahn schon bald einen würdigen Nachfolger finden möge, auferstanden aus echtem Schmelz und Zement.

Der Chef stammte aus dem Sauerland. Wenn er sich im harten Neonlicht der Rezeption vor mir aufbaute, erinnerte er an einen korrupten Cop des NYPD. Er hatte sein Geld als Hotelier in Winterberg gemacht, mit skifahrenden Holländern und Kegelclubs aus dem Kohlenpott, bevor er mit seiner knubbeligen kleinen Gattin das Turm-Hotel im Bergischen Land übernommen hatte, ein Geschäfts-Hotel garni, wo ich als Nachtportier jobbte.

Es war Sonntagabend, kurz vor acht. Ich hatte ausnahmsweise Spätdienst, weil ich Karten fürs Theater hatte, für die 20 Uhr- Vorstellung.

Ensemble Profan.

„Dass Sie sich für so was interessieren, hätt ich nicht gedacht..“, wunderte sich der Chef.

„Für Zähne?“

„Nee, fürs Theater.“

„Wieso nicht?“

„Na ja, ich persönlich kann mit Theater und so nichts anfangen. Meine Frau sagt immer, Dieter, was Kultur angeht bist du ein Blödmanns Gehilfe.“ Er suchte seine Streichhölzer. „Und was gibts da heut Abend?“

„Valentinaden“, sagte ich.

„Valenti..? Moment. Was zu essen? So Rouladen?“

„Nee, Sketche. Von Karl Valentin.“

„Ach so, Karl Valentin. Den kenn ich. Das ist doch so ein schmaler Hering, oder?“

„Hm. Ja. War.“

„War..?“

„Ja, das war ein schmaler Hering. Ist ja schon lange tot. Ein toter schmaler Hering.“

„Ach soo! Nee, is klar! Der ist toot!“

Eigentlich war der Chef ganz okay. Klotzte seine 60 HB’s am Tag, die allesamt im selben Aschenbecher landeten – sechzig zur Hälfte angerauchte, vor sich hin fiestelnde Filterkippen. Dazu die zwanzig KIM-Zigaretten seiner Gattin, an denen roter Lippenstift klebte, machte insgesamt 80 Kippen, alle in einem einzigen Glas-Aschenbecher, als hätte es im ganzen Hotel nur dieses eine verdammte Ding gegeben. Das ganze war eine große stinkige Zwangshandlung der beiden Eheleute. Wenn ich spät abends zum Nachtdienst erschien, platzte der Aschenbecher aus allen Nähten, eine überfüllte Halde aus Asche, Mundstücken und Lippenstiftgekrümel, ein Schlachtengemälde, ein Abgesang auf die Freiheit. Aber dass ich mir abends ein Theaterstück ansehen wollte, das passte nicht ins Weltbild des Chefs. Das war nicht in Ordnung. Da stimmte was nicht.

„.. gut, ich meine, Sie haben mal gesagt, dass Sie ab und zu in einen Schuppen gehen, wo Kabarett gespielt wird, aber richtig ins Theater..“

„Nee, das ist eine Kneipe mit kleiner Bühne, wo ich hingeh heut Abend. Da kann man als Zuschauer sein Bier trinken oder zwischendurch eine rauchen. Oder an der Freundin fummeln..“

„Also doch ne Kneipe!“ Beruhigt steckte er sich die nächste HB an. „Is mir übrigens schon aufgefallen, Herr Klumpp: Hier in der Gegend trinken fast alle Küppers, ne?“

Ich nickte. „Oder Kölsch.“

„Hä hä“, sagte er und wir machten die Übergabe.

„Irgendwas besonderes?“ fragte er mit rußiger Stimme.

„Eigentlich nicht. Bis auf einen der Franzosen vom zwölften Stock. Der wollte unbedingt die Vorwahl wissen von einer Region in Französisch-Guayana, aber die wusste nicht mal die Auskunft. Da war er ziemlich sauer. Der hat hier richtig den Lauten gemacht.“

„Is wahr? Das soll er bei mir besser nicht versuchen, sonst verpass ich ihm gleich eine.“

„Die sind aber zu sechst“, gab ich zu bedenken.

„Zu sechst? Wieso?“

„Na ja, Firma Moulinex. Sechs Einzel. Alle oben auf der zwölften Etage.“

„Ach so. Dann halt ich besser die Klappe.“

Ich zog mir die Jacke an, bereit zum Aufbruch.

„Sagen Sie mal, Herr Klumpp, dann ist das doch kein richtiges Theater, was die da machen, ich mein.. in so ner verräucherten Kneipe..“, liess der Chef nicht locker.

„Na doch, wieso nicht. Das ist eine freie Theatergruppe, die spielt überall, nicht nur im Theater. Auch in der Kneipe. Und heut Abend ist ausverkauft.“

„Ausverkauft? Och! Wieviel Leute gehen denn da rein bei euch?“

„Bei uns?“

„Ich mein, in den Schuppen.“

„Weiß nicht. Zweihundert vielleicht.“

„Zweihundert?“ Die Zigarette glühte wie ein Goldfisch. „Können die denn davon leben, die Schauspieler? Oder machen die das nur nebenberuflich, Herr Klumpp?!“

Nach mehr als drei Monaten hatte der Chef immer noch nicht meinen richtigen Namen gerafft, aber ich hatte keine Lust ihn zu berichtigen. Und er hatte ja nicht mal Unrecht, fühlte ich mich doch zunehmend wie jemand, der im elften Stock des Hotels seine Nächte vor dem Kabelfernseher zu Tode verklumpte. Und was Bühnenschauspieler und ihre finanziellen Nöte betraf: Mein alter Freund Karlos jobbte tatsächlich nebenher als Sargträger. Da konnte es passieren, dass er vor einer Premiere von Albee einen Toten über den Friedhof bugsierte, und wenn es sich um ein Schwergewicht handelte, „einen Wildecker Herzbuben“, wie Karlos es nannte, lösten sich beim Herunterlassen der Kiste schon mal die Seile und dreihundert Pfund sausten mit Radau in die Grube.

Dann sang die Gemeinde.

„Herr Glumm, was machen die denn für Theater?“ trat die Chefin des Hauses hinzu. Sie hatte in der Hotel-Küche einen schönen Beutel mit Wurstresten gepackt, für unseren Hund. (Na toll, dachte ich. Sitz ich gleich mit ner Tüte Wurst im Publikum.) „Machen die auch Kabarett? Kabarett find ich gut. Kabarett guck ich gern.“

„Na, die machen verschiedenes. Wie soll ich sagen, moderne Sachen. Auch mal ne kurze Oper. Ist verschieden. Irgendwie.. Pop.“

„Och, Oper! So richtig mit Dingens? Ähhm.. Orchester?!“ leuchtete der Chef.

Verdammt, ich altes Plaudertäschchen!

„Nee, Orchester nicht. Obwohl.. manchmal sind auch Musiker dabei. Nicht immer..“

„Also, dass Sie sich für so was interessieren, das hätte ich nicht gedacht!“ drohte der ganze Schlamassel von vorn loszugehen, da bekam ich endlich den Dreh.

„Ehrlich gesagt, so sehr interessiert mich Theater gar nicht“, sagte ich, „aber da spielt ein alter Freund von mir die Hauptrolle, schon seit Ewigkeiten, deswegen.“

„Ach sooo!!“ blökte der Chef und knüllte die HB-Packung zusammen. „Nee, dann ist klar..! Also, bis morgen, Herr Klumpp! Tschüß!“

*

Karlos (Markus Henning), hier: 2017

Foto: Michael Tesch, Ensemble Profan

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3 Gedanken zu „Machen die auch Kabarett?

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