Arme Leute müssen nicht geizig sein

Mit Pfeifen und Rasseln in der Lunge, es war null Grad und die Luft extrem trocken, erschien ich Anfang Januar zum Nachtdienst, exakt eine Minute zu spät, um zweiundzwanzig Uhr 01.

Der Chef saß hinten im Büro an der elektrischen Schreibmaschine, die Lesebrille auf der Nase.

„N’abend Meister. Frohes neues.“

„Ja“, keuchte ich, „hallo.. frohes..“

Er war dabei, einen Beschwerdebrief an den Verpächter zu formulieren, im Ein-Finger-Suchsystem, genau wie ich, wenn ich an der Schreibmaschine saß. Genau wie ich? Sehr witzig. Ich hatte das Schreiben längst an den Nagel gehängt, im sechsten Jahr als Nachtportier. Und wenn ich doch mal eine Viertelstunde an der Maschine saß, bekam ich Seitenstiche und musste sofort die nächste Verpflegungsstation ansteuern: ne Prise Morphin.

„Hier, lesen Sie mal..“

Der Chef zog das Schreiben aus der Maschine und reichte es mir. Es ging um die Feuchtigkeit in den Wänden, mal wieder. Fünfundzwanzig Jahre nach Errichtung des Turm-Hotels taten sich in vielen der 45 Zimmer störende Risse und Flecken auf. Zwar wurde fast jedes Jahr neu drübergestrichen, doch spätestens zwölf Monate später traten die Schäden wieder auf, in einem Umfang, als hätte es den Anstrich niemals gegeben.

„Das kostet mich jedes Mal zwölftausend Mark“, klagte mein Chef erbost.

Aus einem stattlichen Hotelier war im Laufe der Jahre ein großer behäbiger Bär geworden, er zog die Schultern ein beim Gehen, ein schlurfender Bär.

Ich blickte ihn an. Zwölftausend Mark im Jahr, nur fürs Streichen..? Sehr viel mehr verdiente ich als Nachtportier auch nicht. Ich war meinem Chef also genauso viel wert wie ein paar Eimer Farbe und ein dicker fetter Quast. Der Chef schien zu spüren, in welche Richtung sich meine Gedanken bewegten, und disponierte um. Das machte ihn aus als Chef. Das schnelle Umdisponieren, wenn der Moment es erforderte. Ich hingegen war langsam, ich guckte mir jede Situation genau an, ich nahm Maß, ich verwarf, ich kroch ins Ziel. Das kostete Zeit. Deshalb war ich nicht Chef. Deshalb war ich ein armer Schlucker, der nachts arbeitete. Und dazu war ich auch noch süchtig. Die Dinge hätten besser laufen können.

Eleganter.

„Ich könnte natürlich hergehen und sagen, okay, Dieter, du verzichtest jedes Jahr auf Urlaub, auf Weihnachtsgeschenke für die Enkelchen und auf äh sonst noch was Dickes, und dafür streichst du jeden Winter das Hotel neu, klar. Könnt ich machen. Wär ne Option.“

Er stand vom Schreibtisch auf.

„Kommen Sie mal mit, Herr Glumm, ich zeig Ihnen was.“

Er führte mich an der Rezeption vorbei in die Wäschekammer, deren Wände und Decken es arg getroffen hatte. Ausgerechnet in der Wäschekammer war es dermaßen feucht, dass sich Schimmel bildete. Aber darum ging es dem Chef nicht. Es waren die zwölftausend Mark, die zwischen uns standen, mein karger Lohn, und er versuchte es aus dem Weg zu schaffen, indem er mich ins Vertrauen zog. Damit ich mich besser fühlte, wenn er mir schon nur ein Taschengeld zahlte.

„Hier, schauen Sie mal..“ An der Decke zeigten sich große dunkle Flecken, wie Tinte auf Löschpapier. „Der Gutachter hat gesagt, das käme nebenan vom Badezimmer, das wäre nur Kondenswasser.. Aber jetzt überlegen Sie mal, Herr Glumm. Na, kommen Sie drauf.. Na?“

Ich tat so, als überlegte ich. Ohne Ergebnis. Ich hatte nur eins im Sinn. Wie wurde ich den Chef so schnell wie möglich los, damit ich mir ein Näschen ziehen konnte.

„Hier nebenan ist doch überhaupt gar kein Badezimmer!!“ rief der Chef.

„Ähh“, sagte ich.

„Genau! Hier, kommen Sie mit.“

Wir betraten das Zimmer nebenan, ein Einzelzimmer, die Nummer 14. Auch hier jede Menge dunkler Flecken, hauptsächlich oben in den Ecken.

„Der Anstreicher sagt jedes Jahr dasselbe. Wissen Sie was der sagt?“

Ich zuckte mit den Achseln.

„Das wäre bloß Staub, sagt der Anstreicher immer.“

„Klar“, sagte ich. „Staub.“

„Klar, Staub.“ Der Chef hustete. Ein großer brauchbarer Kerl, braungebrannt, goldenes Puffkettchen am Hals, Sechs-Tage-Bart. „Aber woher kommt der Staub? Jaaa, das weiß der Gutachter auch nicht, und der Anstreicher sowieso nicht. Dem ist das auch egal, der ist froh, wenn er jedes Jahr streichen darf. Ich bin ja der Meinung, der Staub kommt woanders her, wissen Sie woher? Der Staub kommt aus den Lüftungen, die arbeiten hier wie verrückt.“

Er zog eine Schachtel HB aus der Hemdtasche und steckte sich eine Zigarette an. Drei Packungen HB am Tag waren Usus, und alle Kippen landeten in einem großen Glas-Aschenbecher, einem schmauchenden Fiasko aus ausgedrückten Kippen, Asche und Filtern. Dieters Müllkippe.

„Was hab ich also gemacht..?“ Er wartete, um die Spannung zu erhöhen, und ließ einen Ringel Qualm aufsteigen. „Ich habe einfach einen Bierdeckel oben in die Lüftung geschoben, so richtig quer rein, um den Staub abzuhalten. Und, wissen Sie was?“ Er glotzte in den Dunst, wie ein großes zufriedenes Putzerfischchen. „Hat funktioniert.“

Ich nickte. Wovon sprach der Kerl? Ich hatte definitiv keine Ahnung. Ich fühlte das Briefchen in meiner Tasche. Ich und mein Pack, das war mein Motto in jenen Tagen. Alles andere war nachrangig.

„Nur der Gutachter fand das jetzt nicht so gut, meinen Trick mit dem Bierdeckel. Warum weiß ich nicht. Hat er sich nicht zu geäußert, der Mistkerl. War wohl nicht vorgesehen, der Bierdeckel.“

Wir trotteten zurück in die Wäschekammer.

„Gucken Sie sich die Bescherung an, Herr Glumm, das muss alles wieder gemacht werden..!“

Er war ja kein übler Kerl, der Chef. Geizig, das schon, aber geizig waren alle. Vermutlich wäre auch ich geizig gewesen, wäre ich irgendwie zu Kohle gekommen, aber ich hatte keine Kohle. Arme Leute müssen nicht geizig sein, ein Riesenvorteil.

Der Chef verstand einfach nicht, was ich im Turm-Hotel noch zu suchen hatte. Dass ich hier immer noch meine Zeit vertat. Mehrfach hatte er mich angestachelt, mehr aus meinem Leben zu machen, mir nicht nur die Nächte um die Ohren zu schlagen und den Herrgott einen guten Heroinmann sein zu lassen. Wovon er natürlich nichts ahnte.

“Herr Glumm, sagen Sie.. was machen Sie eigentlich noch hier?” hatte er eines Abends vor mir gestanden, in seiner ganzen Pracht, ein alternder Geschäftsmann im Bärenkostüm, fassungslos, abends bei der Übergabe. “Ein Mann in Ihrem Alter und dann.. Nachtportier..”

Er hatte das Wort mehr geseufzt als gesprochen. Obwohl er und seine Gattin mir oft genug versichert hatten, wie sehr sie meine Dienste schätzten, meine Verlässlichkeit..

Es schellte vorn an der Rezeption. Gottseidank. Die Rettung nahte. Irgendwer hatte am Tresen den vollmundigen Gong gedrückt. Ich ging nachschauen, der Chef kam hinterhergekraxelt. Es waren zwei Musikerinnen vom 14. Stock, sie spielten Violine in einem modernen Streichquartett.

„Guten Abend, die Damen!“

Der Chef war in seinem Element, wenn er Weiber sah, für die er zu alt war. Er deutete eine Verbeugung an, wobei ihm beinahe die Schachtel Kippen aus der Brusttasche des Hemdes fiel. Die beiden Musikerinnen schmunzelten nachsichtig.

„Vorstellung gehabt?“ erkundigte sich der Chef süßlich, während ich die Zimmerschlüssel vom Haken nahm und verteilte.

„Ja, im Kammermusiksaal.“

„Kammermusiksaal.. heyy! Ich sag mal, ich habe auf einem Schützenfest letzten Sommer eine schräge Kapelle gehört, also mit Trompete, Posaune und so einem.. ähh wie heißt das noch, so einem Knie-Bass..?“

Die Damen tauschten einen Blick. Mädels, dachte ich, tapfer bleiben und die Klappe halten. Bloß nicht auf das Gequatsche eingehen. Dann ist der Abend gelaufen. Für euch. Für mich. Für die ganze Welt. Aus der Nummer kommt keiner mehr lebend raus..

„Sie meinen Cello?“ fragte die eine.

Zu spät.

„Cello! Ja genau! Das war ja vielleicht eine schräge Musik, ich sage Ihnen, wie im Mittelalter, so Knöchelverzeichnis sag ich immer zu meiner Frau.. So Knöchelverzeichnis!! Ha haa! Na, Sie sind ja vom Fach. Da dürfte ich das gar nicht so sagen..“

Er schaute zu mir rüber. Bitte nicht, dachte ich.

„So Knöchelverzeichnis“, grinste er und widmete sich wieder den Damen. „Aber.. ich sag mal so: Bringt das denn richtig Geld, mit ner Geige auf Tournee?“ Eine Antwort wartete der Chef erst gar nicht ab. „Auf der Abiturfeier von meinem Thomas hat eine Dixieland-Gruppe gespielt.“ Er strahlte wie ein ganzer Puff in New Orleans. „Da bin ich ja ein gaanz großer Freund von, von Dixieland! Von Mr. Acker Bilk! Kennen Sie den noch, Mr. Acker Bilk? Kennt doch jeder!“

Zwanzig Minuten später. Der Chef hatte sich gerade von den bedauernswerten Damen in den verdienten Feierabend verabschiedet, als ich im Büro erschöpft in den großen Fernsehsessel sank. Ich hatte sogar mein Pack vergessen, so erledigt war ich. Ich hörte noch, wie die beiden Musikerinnen in den Aufzug stiegen, mit bedröppelten Schritten, den Tränen nahe.

Dabei war das bloß eine ganz normale Übergabe gewesen.

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2 Gedanken zu „Arme Leute müssen nicht geizig sein

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