Mutters Erde

Ich tauche eine Weile ab, ich habe anderes zu tun. Nicht unbedingt besseres, was gibt es besseres als bloggen, aber anderes, zeitintensives. Was schön anstrengendes:

Schreiben.

*

Ich mag das sogenannte Handicap-Prinzip der Natur: Wer sich einen Nachteil leisten kann, wird von Feinden als besonders stark wahrgenommen.

*

Ich mag es Kaffeebohnen von Hand zu mahlen. Wenn ich mal keine Lust habe, weil es mir zu lästig ist, neun Minuten lang die Kaffeemühle zu drehen, halte ich kurz inne und denke an Pozzo di Borgo, einem Querschnittsgelähmten, einem Tetraplegiker, der im Rollstuhl sitzt: „Ich wäre schon froh, wenn ich nur den kleinen Finger bewegen könnte.“ Und in Windeseile zählt Kaffeemahlen mit der Hand wieder zu den schönsten Sachen der Welt.

*

Einmal konnte ich beobachten, wie der mit einer motorischen Behinderung ausgestattete Fotograf unter einem Baum stand, einem gewaltig ausladenden Silberahorn, und einen Vogel fotografierte, der hoch oben in den Ästen zu tun hatte. Wie ein Ornithologe stand er da, der Fotograf, angereist, um einen seltenen Vogel vor die Linse zu bekommen, doch es war nur ein kleiner Alltags-Specht, der oben am Baumstamm seinem Tagwerk nachging – tack tack tack machte es.

Tack tack tack, und die Kamera ging: klack.

*

Ein anderes Mal lief er mir in der Hitze des Sommers über den Weg, an einem Ort, der unter der Bezeichnung Am Sommerberg bekannt, aber auf keiner Karte verzeichnet ist und wo sich eine große Schrebergartenkolonie übers Tal erhebt, wie eine proppere Favela, mit WC- und Kabelanschluss, null Wäscheleinen, null Kindergeschrei. Kein Moped, kein Geknatter, Kühlboxen außer Betrieb, bis zum Wochenende. Deutsche Favela, ordentliche Favela.

Laubenpieperfavela.

Da stand er also am Sommerberg, der gehandicapte Fotograf, der Mühe hatte, seine Kamera zu bedienen, der sich für jedes Foto viel Zeit nehmen musste, und schaute verloren den Hang hinauf, an dem die Gartenhäuschen klebten wie in einem 1000-Teile-Puzzle. Irgendwann war es soweit. Der Mann nahm die Kamera zur Hand, die vor seiner Brust baumelte, und machte ein Foto. Fast ein wenig widerwillig. Ein Mann mit leicht nach innen gedrehtem Fuß, einer verkümmerten Hand, ein Mann in heller Leinenhose.

Und nur ein Foto.

Er machte immer nur ein einziges Foto. Er brauchte elendig lange, um den Bildausschnitt festzulegen, Blende, Weißabgleich, keine Ahnung, was er so lange zu fummeln hatte. Ist ja auch egal. Er brauchte Zeit, er hatte Zeit, er nahm sich Zeit. Er war die Zeit mit Fotoapparat.

Immer, wenn er mir über den Weg lief, war der Fotograf so beschäftigt, dass er nichts und niemanden um sich herum wahrnahm. Er fotografierte keine Menschen. Menschen schienen ihn eher zu stören, abzuschrecken. Er ging ihnen aus dem Weg, in seiner ganzen umständlichen und langsamen Art, er fotografierte Natur, soweit ich das beurteilen konnte. Selbst wenn ich ihn kurzfristig verfolgte, nur um zu sehen, was er eigentlich so trieb, wenn ich also zwei Meter hinter ihm auf meinem Beobachtungsposten war und er mich eigentlich hätte wahrnehmen müssen, so blieb er doch stets abgeschirmt in seiner Zeitlupenwelt und schenkte mir keinen Blick.

Ein Autist mit spärlich-verhaltenen Bewegungen. Ein Arm verkümmert. Wenig Spannung im Körper, aber den Fotoapparat stets schussbereit. Eine Taschenpfändung, dachte ich, würde Behindertenausweis, Traubenzucker und Ersatzfilme ans Licht bringen, Kodak, 36er-Farbfilm. Und es drängte mich tatsächlich, ihn anzusprechen. Ihn zu befragen, ob er digital fotografierte oder altmodisch auf Silberfilm. Zwar wäre mir die Antwort bekannt gewesen. Konnte ich ja sehen. Es war eine analoge Spiegelreflexkamera, mit der er knipste. Aber auf diese Art würde ich seine Stimme hören können. Einmal nur vernahm ich sie schwach und heiser, hustend, Bronchialasthma.

Gestern beobachte ich den milchgesichtigen kleinen Fotografen, Mitte 40, schütteres Haar, wie er in ungefähr zwanzig Metern Entfernung nahe dem Parkteich steht und ein Foto macht. Seine Handhabung der Kamera ist umständlich, es dauert, bis er die richtige Position findet. In halb gebückter, konzentrierter Haltung knipst er etwas, das am Boden liegt. Was sich dort unten abspielt, kann ich von meiner Warte aus nicht erkennen. Und dann schießt er entgegen seiner sonstigen Art ein Bild nach dem anderen, ohne die Position zu wechseln. Klack klack klack. Klack klack. Ich weiß nicht, ob es daran liegt, dass er sonst nur ein einziges Foto schießt und jetzt eins nach dem anderen, aber ich meine so etwas wie Wut herauszuhören, Zorn. Entladung. Gewitterbilder. Ich halte Abstand, präge mir aber die Stelle ein, wo er fotografiert. Als er weiter gegangen ist, zaghaft, aber nicht ziellos, schaue ich sofort nach, was es da so sensationelles zu fotografieren gibt.

Die Rekonstruktion:

Da ist nur ein Loch im Boden nebst einem Hügel aufgeworfener Erde. Als hätte dort ein Hund gebuddelt. Sonst nichts. Nur ein Loch im Erdboden, fünfzehn Zentimeter tief vielleicht – die Art Ort, wo ein Wurm seine Werkbank hat und Aufträge bearbeitet. Oder hat ein Maulwurf sein Näschen herausgestreckt? Aber nein, den Maulwurf hätten die Klackgeräusche der Kamera verschreckt. Den hätte er nur einmal vor die Linse bekommen.

Enttäuscht bücke ich mich, untersuche den Boden genauer. Doch es ist weiter nichts zu sehen, bloß gute alte lockere Erde.

Muttererde.

Hallelujah.

*

Advertisements

25 Gedanken zu „Mutters Erde

  1. Fast ist mir (wären da das Alter und die anderen Einschränkungen) als hättest du den Fotografen Irgendlink beobachtet. Weil … der fotografiert manchmal ähnlich konzentriert und ähnlich „ausblendend“ …

    Auf deine Schreibe bin ich gespannt. Ich hätte ja schon gerne mal ein Buch von dir im Schrank. Oder noch besser: Auf dem Nachtkästchen.

  2. Gutes Gelingen.
    Der behinderte Fotograf ist eine spannende Figur: Eile mit Weile. Die Einschränkung seiner Bewegungsfreiheit ermöglicht vielleicht gerade seine spezielle Art des Fotografierens.
    Die Zeichnung gefällt mir: der Müßiggänger, der mit der Sanduhr kickt, einer Sanduhr, die zugleich wie ein Schmetterling anmutet. Was für eine hintersinnig-anspielungsreiche Figur. Gibt es die als Karte? Würde ich glatt in meine Sammlung aufnehmen.
    Tauch‘ nicht zu tief, sonst verlierst Du das Licht aus dem Blick 😉
    Gruß Uwe

    • Um mich nicht unnötig unter Druck zu setzen, hätte ich wohl besser die Klappe gehalten. Wenn ich aber die Klappe halte, blogge ich einfach weiter und weiter, ohne Ergebnis. Dann lieber so.

  3. Als Autistin, die fotografiert – aber digital – ist die Kamera ein wohltuender Filter, wenn ich im Fotomodus bin habe ich im Geiste einen Rahmen im Bild, einen eckigen Tunnelblick sozusagen, je nach verwendeter Brennweite, mal mehr mal weniger Bildwinkel, ich liebe mein Teleobjektiv sehr.
    Manchmal, wenn mir alles zuviel ist, lege ich den Kamerafilter auch ohne Kamera auf, überall sind ja goldene Winkel, Szenen, Situationen, Vordergrund, Hintergrund, Techniken….und Gefühle nicht als erlebt, sondern als etwas, daß man rational analysiert um es darzustellen. Es ist wie früher als Kind, wenn ich in auf der Fensterbank im Kindergarten halb hinter der Gardine saß und beobachtete, weil die Menschen mit ihrem Getue mir schrecklich fremd sind.: „die Menschen“ oder „die Kinder“ – nicht wir nicht ich, als Beobachterin bin ich allenfalls halber Mensch.

    Aber es ist auch noch etwas anderes, mit einer Kamera hast du in der Regel Ruhe, sie ist nach aussen wie der Vorhang hinter dem ich so oft saß, und eine Art Erlaubnis, nicht mitzumachen und doch da zu sein, mit Kamera „darfst“ du beobachten, es fällt nicht auf, wenn du die Interaktion scheust, wird jemand neugierig und droht einen anzusprechen, muss man nur schnell intensiv dran herumfummeln – geh weg, ich bin sehr beschäftigt.

    Wenn es eine Superkraft gäbe, die ich mir aussuchen könnte, es wäre Unsichtbarkeit, niemand kann dann etwas von einem erwarten, so ähnlich ist das mit der Kamera.

  4. »Ich mag das sogenannte Handicap-Prinzip der Natur: Wer sich einen Nachteil leisten kann, wird von Feinden als besonders stark wahrgenommen.«
    Das ist ein wichtiger Satz

  5. wenn man selbst keine rolle spielt
    das letzte blatt beim arschabwischen fehlt
    und ie liebe keine
    rolle rolle macht
    ooh yeah das ist oh yeah i muyt bi look
    the Young Lady withen important kil
    on beginong
    is the cocert wjen is open
    the first
    stand with full power
    bonnie raitt
    a Hammer
    soo hard .
    i dont know where it was
    i thinh in mee.

  6. und wenn du diesen blog verlassen solltet s denn werde ich weiter machen

    weil es verdammt nochmal mein gutes recht ist
    weiter zu leben ohne dich..

  7. wie soll das gehen ohne bilder und Witz
    der Hund bellt weil das gedicht gelungn auswärtz
    der arme köter ist mein Hund er sieht mich an
    was geb ich dem Hund
    bevor du schreibst
    bloss
    nur was für Dich.
    Leo !

  8. wo die widerholten bullen einflogen diese zeit ist vorbei
    auch da Geständnis im fernsehn
    ichhabe diese deutsche getötet -na und
    in vier jahren bin ich frei.
    war halt nur ein stock , fast ein weg zum fenster
    der verlorenen seele mit 17 obwohl er in Deutschland heran wuchs
    mit Fußball und Fahrrad
    sein vater war operiert wegen Herzinfarkt ,das kann ich gut verstehn
    ich kam aus der Haustür und ..hm ..total helle fast

    Hände hoch schrie mich jemand an
    ,im retrospektiven abgegrenten raum durch rotweiss Plastik streifen
    ich hob tatsächlich meine Hände und fühlte mich deplaziert
    kommenn sie mal her.
    im Hintergrund der aufgebauten Horde von kennern dieses ab
    und zu kriminellen
    hatte wider was angestellt

    neee das isser nich ! die meute wollte den jungen mit nicmal 17
    ich durfte denn passieren weil ich ja auch an nix böses dachte
    i
    normal war das ,worum geht’s denn
    ja das war so hell das ich im fernsehn war mit dem licht und der knarre der mp sozudsagen auf Augenhöhe
    ein falscher Moment ohne danke und du bist tot..oder fast Tod umstellt umzingelt
    was denn hier los
    ich wollte nur ein und tabak

    drei Wochen wars denn soweit
    später seine Freundin als hurure
    er beschimmffte das ganze haus vor der tür
    seiner göttlichen art

    herrkunft
    da wurde oft um hilfe geschrien
    seine schwester war noch lauter
    was bist du schlampe geh ficken ich mach dich tit
    tott
    ich dachte erst erst der bruder der länger in Spanien wohnte wär der Übeltäter
    wertö weiss weer
    ich -darum geht’s nicht
    er hatte sie umgebracht eine nur deutsch
    a
    der vater meint gnz lien mädchenn lieb
    mir kam die kotze hoch

    und der arme sohn war nur in spiel
    denn kligelte es an meiner tür
    ja!
    hier ist der Kommissar
    wenn sie uns mal öffnen täten
    war schon komisch ich wusste nmicht was ich angestellt hatte..-
    er sass da auf der treppe und smokte sich eine wo ich aus der tür kam der Mörder
    haben sie irgendwas gehört
    was wie gehörrt
    nein.
    die anderen in weissen schutzkleidern machten mir keine angst
    ich wusste ja nichmal worums gegt.
    der Kommissar sog an seiner kippe als hätte er es nötig
    sowas hatte er noch nie gesehn in seiner kriminelllen Laufbahn
    er sass da und rauchte im Flur oberhalb wo noch keiner sass ohnmächtig
    ies war ein filn ,bloss das es hier war vor ort mit dem Kommissar der auf mich herabblickte und
    meine Ansicht verdoppelte
    er war nicht in weiss
    er trug einen langen dunklen mantel in braun
    mit langen fettigen Haaren
    er war um die zwei meter gross uns seine schuhe strahlten was gespenstisches an
    darf ich jetzt mal los ?
    ich hab noch Termine.
    ich glaub er hat mich nichmal bemerkt.
    ja.

  9. wir werden uns nicht nerven nich mal im himmel
    wir werden
    das umsetzen
    wo mir der arsch kann aber sowas allees beginnt zu frieren
    selbst die haut schrumpelt im ergessen ohne märchemarsch
    geklaute Wahrheit
    das vergiss
    verblwahrt blume den herrlichen strauss den leck mich am arsch film
    wo eine flasche explodiert
    und umfällt mit
    nassen socken opk
    war ja zum glück nix drinn
    hürt zu
    em alltäglichen furzen einer geschichte
    die schleuder
    schmechz Schmach
    schon wider
    ich wollte es nicht
    da hilft nur noch fegen ds alte lied
    mit dem verweichlichten ansichten das der brunnen ja leer ist
    und lieber verdurstet als zu bohren
    mit einer Inspiration von Schönheit
    dessen oder dern unerhört frech darauf hinweisst …esist mir doch sowas von…
    und der atem sich fleisig bemüht angesicht der mentalen brücke hin zum glauben an sich
    zu überwintern im nächsten
    das eweige nichts
    wär brutal
    ich lüg auch nich wenn eine Scherbe mich trifft zum glück
    ja auch socken solln gute Wahl erster güte nur verzeihen zu bluten
    in der Mimose
    um tauschen -kein Problem .nur wer läuft damit rum
    der gelangweilte oberpenner oder das hammel
    adä kvc+genau
    ich hab bild
    ich ha noch blutend socken
    zum ersten und wo is die blöde andere
    paar
    gebieben
    in geht mich nix an
    genau
    hier spricht mein freund in mir.

  10. Seitdem ich gelesen habe, dass du schreibst, habe ich ein grenzdebiles Grinsen im Gesicht. Ich bin so verliebt in die Vorstellung dessen, was du schreiben könntest, dass das hier Geschriebene verblasst. 😉

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s