Null Uhr Stammesgebiet

„Bin gerade wach geworden, nach zwei Stunden dünnem Schlaf, wie unter ner Oblate.“

*
I.

Früher haben die Menschen versucht, ihre Schwierigkeiten in den Griff zu kriegen. Heute versucht jeder das Leben auf sich selbst zuzuschneiden.

Und die Schwierigkeiten haben dann die anderen.

*

Auch mit Fünfzig hat man morgens dicke Ränder unter den Augen – aber nicht vom Saufen, sondern vom Durchschlafen.

*

Sie weiß Dinge, von denen ich keinen Schimmer habe. Sie weiß zum Beispiel, was es mit selbstgemachtem Frühlingsquark auf sich hat, warum er so viel besser schmeckt als die Fabrikvariante von Milram. Es fehlt der anerkennende Pfiff der Hausfrau, den sie beim Abschmecken ausstößt, wenn es GENAU JETZT richtig ist mit all den grünen Kräutern und Gewürzen.

„Ich meine, woher soll so eine Maschine denn auch wissen, dass sie GENAU JETZT die Lippen spitzen und pfeifen muss, die hat doch keine Lippen.“

*

„Die 80erjahre waren der letzte Geschmack von Freiheit und Aufbruch in der Welt, und wir hatten das Glück und sind dabei gewesen. Die 80erjahre waren die letzte Feier vorm Erbsenzählen.“

*

„Ich hab mich so an die Person gewöhnt, die ich verkörpere, manchmal weiß ich gar nicht mehr, wer ich wirklich bin..“

*

„Mich stört nicht, dass ich so langsam bin in meiner Entwicklung und Unmengen Zeit brauche. Mich stört, dass das Leben so kurz ist.“

*

„Wir sind alle zu Tode beleidigt, weil das Leben uns nicht streichelt.“

*

„Was ich jetzt noch brauche, das ist unter Aufsicht ausschlafen… EINMAL KOMA, HERR DOKTOR!“

  • Die Gräfin

 

II.

Solingen wurde bei seiner Geburt nicht gerade vom göttlichen Funken begünstigt, Solingen wurde schwerfällig beim Fingerhakeln geboren. Andererseits ist Solingen keine dieser verzärtelten Regionen, die schon beim leisesten Landregen ein 40minütiges Wetter-Extra im Lokalfunk auflegen. Hier wird man noch nass auffem Kopp, weil einem keiner was sagt.

*

Weißt du, wann die Welt echt am Arsch ist? Wenn die Innuit anfangen, Leberkäs zu fressen. Dann war’s das. Dann ist Schluss. Dann wird gekotzt.

*

Man kann ruhig auf Tausendsassa und dicke Hose machen, man kann auf einem Pottwal winkend in New York City einreiten, um bei Bloomingdale’s sein neues Buch zu promoten, alles kein Problem, solange man nur gelegentlich innehält und etwas opfert, das einem am Herzen liegt. Den Göttern opfert, damit sie gnädig bleiben.

*

Worum es sich im Leben eines rechtschaffenen Drogensüchtigen dreht, hat vermutlich nie jemand treffender ausgedrückt als Becks (†):

„Hauptsache es knallt mit Schaum im Arsch.“

*

Becks hatte sieben Brüder, darunter Püppi. Püppi war der zweitälteste. Er hatte ein unbewegliches milchiges Puppengesicht und winzige eingeschlossene Äuglein. Er konnte gar nichts dafür, aber er sah aus wie ein Kindermörder, der früh am Morgen wach wird nach der letzten Tat und schon wieder einen verbotenen Ständer hat. Püppi, manche nannten ihn auch Bizzi, wurde 1995 in Velbert ermordet. Seinen Leichnam fand man auf dem Balkon einer Mietskaserne, man hatte ihn in einen Schrank gestopft, wie einen lästigen Seesack.

*

Im Bus schneuzt sich einen alter Mann, so lautstark, dass sich der Busfahrer umdreht.

„Hat dahinten jemand Papierstau?!“

*

Schon Wochen vor dem Nervenzusammenbruch hatte ich schlecht geschlafen. So schlecht, die Gräfin meinte, ich hätte nur noch geschnaubt abends im Bett. „So komische Stressgeräusche.“ Nichts ging mehr. Drei, vier schlimme Wochen bestand ich hauptsächlich aus schlechten Gefühlen, aus Angst und einem Herzrasen. „Wenn andere Menschen zu 70 % aus Wasser bestehen, bestehst du zu 70 % aus Angst“, sagte sie. Ich wurde früh um vier wach und lief in den vier Wänden auf und ab wie ein Tier in Gefangenschaft. Ich war nicht nur auf einem Abstiegsplatz Richtung Irrsinn, ich war das Schlusslicht, ich hatte die rote Laterne. Mehr als einmal hatte ich die Finger am Telefon, um einen Rettungswagen zu rufen, weil ich diese Masse an schlechten Gefühlen nicht mehr ertrug, die auf mich niederprasselten, während ich im Zimmer auf- und abging, unablässig den Wahnsinn abwehrend, der sich Stück um Stück, Zentimeter für Zentimeter nach vorne kämpfte, wie ein mit schlechten Gefühlen gedopter Athlet, der nur ein einiges Ziel kannte und verfolgte: den eigenen Niedergang, Das war neu. Das war krank.

*

Wir alle haben Angst davor, eines Tages zu den Menschen zu gehören, die nirgendwo mehr erwünscht sind. Nach denen niemals irgendwer fragt. Die wissen, was es bedeutet, einsam zu sein. Und nicht erwünscht.

*

Ich werde demnächst Bayern München-Fan. Da kann man schön woanders hingucken, wenn im Fernsehen ein Bayern-Spiel läuft, macht ja nichts, die Bayern gewinnen ohnehin. Bayern-Fan zu sein ist total bequem. Man hat nie Sorgen, Geld ist auch immer da, nicht mal groß anfeuern muss man die Mannschaft. Bayern München ist das erste Robot-Team der deutschen Bundesliga. Nicht mal ein menschliches Antlitz ist noch nötig.

*

Schwüles Wetter, gereizte Atmosphäre und immer noch nicht berühmt. Wo soll das bloß enden. Auch Karlos ist sich nicht sicher, wie es weitergeht. „Was machen wir denn jetzt mit dem angebrochenen Leben, Glumm.“ Keine Ahnung. Weiterbrechen. (Standardantwort).

*

Ich glaube, man verbringt die schönste Zeit seines Lebens, wenn man keinen Gedanken daran verschwendet, dass man gerade die schönste Zeit seines Lebens verbringt.

*

Ein Wetterchen ist das heute, als spiele jemand Solo-Trompete in der Weltuntergangs-Combo, und bei jedem neuen Trompetenstoß babbeln olympische Schneekristalle im Schalltrichter. Ein Wetterchen, wie geschaffen für Doktor Schiwago im ZDF, einem der wenigen Spielfilme, wo man noch das Gefühl hat, du schlägst Sonntagnachmittags ein dickes Buch auf, und die ganze Zeit liegt Schnee in Russland.

*

Sobald die Leute sich unbeobachtet fühlen, hebt mein Interesse das Köpfchen. Da ist zum Beispiel die Spaziergängerin mit dem bösen Gesicht, die ihren Hund ständig als „du blöder Wichser!“ beschimpft und nach ihm tritt – bei leichtem Schneefall. Was nun nicht heißt, dass es gleich für eine geschlossene Schneedecke reicht. Aber es glitzert recht knuffig im abendlichen Schein der Laterne…

„Nun zieh nich so, blöder Wichser!“

„Laangsam..! Laangsam, du verfluchter Köter!“

„Blöder Wichser!“

*

Man kann sich das Leben erklären. Aber leichter wird es dadurch auch nicht.

*

Urvertrauen verloren! Belohnung

*

Man muss in der Regel ja nur mal woanders schlafen, schon wird man woanders wach.

Und genau darum ging es mir, wenn ich auf der Rolle war: woanders wach werden, und dann langsam nach Hause schlendern, mit dem Geruch einer fremden Frau am Hals.

 

IMG_-9p49bg

15 Gedanken zu „Null Uhr Stammesgebiet

  1. dosojewski würde auch im Schnee versinken
    in sibirgeinnjin im totenhaus
    kurz vor badabaden
    auf der flucht vor null , die ihn süchtig machte
    im Casino
    auf auf es riecht nach einer Sensation
    alles auf die null
    faites voux jeux ..
    rien ne va plus renne
    die Null gewinnTTT immer
    die schwarze null
    war aber nur die 27 rouhe geh
    der Onus des vergessens
    ich brauch ne brille mit glück.

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.