Vielleicht lag die Sache anders

Gelesen von Margarete Helminger

Die für mich eher untypische Geschichte mit dem Haupt-Satz Nur weil die Dinge sind, wie sie sind, sind sie nicht daran gebunden, so zu bleiben bis ans Ende aller Tage entstand im Frühjahr 2016, im Rahmen eines Projekts. Ich hatte völlig vergessen, dass ich sie geschrieben habe, und bin nur durch Zufall auf sie gestoßen, als ich eigentlich etwas ganz anderes suchte. Nicht vergessen jedoch habe ich die großartige Stimme von Margarete Helminger, ihre ebenso eingängige wie auf Abstand bedachte knarzende Ernsthaftigkeit, sie hat sich in mein Gedächtnis eingebrannt.

*

Vielleicht lag die Sache anders

Er saß in der Nähe der Bahngleise und korrigierte sich. Das schlimmste, was passieren konnte, war nicht keine Träume mehr zu haben, (die kamen wieder, kräftiger als zuvor), das schlimmste war sein Geheimnis einzubüßen. Zu viel preiszugeben. Kein Rätsel mehr zu sein, nicht mal sich selbst. Ein Geheimnis, einmal in der Welt, brachte alle zum Lachen und erfüllte den ganzen Kosmos mit Scham.

Nein. Wenn es Flügel waren, wenn ihm tatsächlich Flügel gewachsen waren, musste er sie abstoßen. Er musste sie wieder loswerden. Ein Engel, so offensichtlich geheimnislos, (wenn auch vielleicht nicht auf Anhieb und für jedermann erkennbar), hatte das nicht etwas von jenem Stumpfsinn, dem er so verzweifelt zu entrinnen versuchte? War er nicht aufgebrochen, um neue Träume auszuhecken? Neue Worte zu klecksen? Auf neuen Wegen zu schlendern? Brauchte unsere sprudelnde Über-Welt nicht Heilung? O welch maschinenselige Zeit! In der alle Geheimnisse gelüftet, alle Abenteuer geabenteuert, alle Majestäten begrüßt sind.

Und exakt in diesem Moment der Schwebe, der Sehnsucht, (und gewissermaßen der Schwäche), waren ihm Federn gewachsen. Er war in Ohnmacht gefallen, er hatte im Irrenhaus übernachtet, er war ein Engel geworden. Doch ein Engel hatte unsichtbar zu bleiben und nicht mit Gefieder zu protzen. Ein Engel kam aus dem biblischen Off, verrichtete seinen Job auf Erden (hienieden) und verschwand, bevor jemand die Feuerwehr rufen konnte, hier schwebt das Unwesen! So hatte er es gelernt, so war es immer gewesen, warum etwas daran ändern. Warum zur flugfähigen Ikone werden, bei deren Anblick sich alte Weiber bekreuzigten und davoneilten. Engel waren keine Cheerleader, die in der Halbzeitpause die Puscheln schwangen zur Belustigung des Publikums. Nein, die Flügel mussten weg, fertig, aus. Sie hatten nichts zu suchen an ihm, und er hatte sie sich nicht ausgesucht.

Er betrachtete sein Spiegelbild in einer Pfütze. Da war nicht nur das gefiederte Schulterblatt, da war auch das zerknautschte Gesicht – er sah aus wie ein Mix aus Engel und Aborigine, ein Tier, das in die Zivilisation geraten war und zu viel Süßkram futterte. Wind kam auf. Er zog den Schal enger. Hatte er Schals nicht immer gehasst? Waren Schals nicht immer ein, je nun, rotes Tuch gewesen für ihn? Und jetzt, schau dich nur an, dachte er. Vielleicht lag die Sache also anders. Vielleicht hatte er etwas Wichtiges übersehen. Etwas Entscheidendes.

Nur weil die Dinge sind, wie sie sind, sind sie nicht daran gebunden, so zu bleiben bis ans Ende aller Tage.

Wie immer, wenn es auf eine Entscheidung hinauslief, wenn er kurz davor war zu handeln, wurde er unruhig und geriet ins Wanken. Eine einzige kleine Entscheidung konnte alles verändern, das war es, was ihm zu schaffen machte, mehr, als ihm lieb war.

Du kannst jeden Ort verlassen, der unruhig ist, auf der ganzen Welt, aber nicht deinen eigenen Geist, nicht deinen eigenen Körper. Den musst du aushalten. Den musst du dir zum Freund machen, zu einem Ort mystischer Ruhe, sonst hast du ein Problem. Musste er die Flügel also aushalten? Waren sie jetzt ein Körperteil von ihm, egal, ob geliebt, ob ungeliebt?

Während er dem Gedanken nachhing, tat er etwas Überraschendes: Statt sich der Flügel zu entledigen, statt sie in der Luft zu zerreißen und dem Leibhaftigen zu überlassen, (oder vielleicht auch: statt die Flügel zu spannen und aufzusteigen in die Lüfte und sich zu verdünnisieren), holte er aus und schleuderte etwas fort, das seit dem Weihnachtsmarkt in seinen Taschen steckte, seit den Klängen des Akkordeons: die kleine blaue Kugel.

Ein spontaner Entschluss, eine sportliche Entgleisung fast, denn schließlich, was hatte sie ihm groß getan – nichts. Nicht einmal gestört hatte sie, nicht einmal lästig war sie geworden. Nur geglüht hatte sie ein wenig in seinen Taschen, eine wärmende Kugel in einem atemberaubend funkelnden, ja überirdischen Blau…

Idiot, dachte er.

Erst der Welt eine Standpauke halten, dass sie kein Geheimnis zu schätzen weiß, und dann genau das hergeben, das schmucke kleine Mysterium. Er starrte zu den Schienen hinüber, zum Bahngelände, wo er es hingepfeffert hatte. Irgendwo dort musste es liegen. Irgendwo.. hienieden. Er schimpfte, und zog los.

Ein Idiot zu sein war neu. Er war zeitlebens der Überzeugung gewesen, der einzige zu sein, der es blickte. Er hielt sich für die Hausmarke der Götter, während die Menschheit insgesamt nichtsnutzig war, nicht den Penny wert. Dass ihm jetzt Flügel gewachsen waren, war nur folgerichtig – so gesehen. Er war ein Auserwählter, der zunehmend törichte, ja entblößende Dinge tat. Er musste die Kugel zurückholen. Er musste das Geheimnis zurückbringen. An einen fremden Ort.

Er lief den Bahngleisen entlang, stocherte im Schotter nach der magischen Kugel, suchte zwischen allem, was Leute aus fahrenden Zügen werfen. Gepäckscheine, Kakaofläschchen, ein halber Regenbogen, 3 vergammelte Rosen. Eine war noch ein bisschen schön. Er legte sie ins Gleisbett zurück. Vielleicht war hier jemand verunglückt. Vielleicht war das eine Kultstätte. Konnte doch sein. Es konnte so vieles sein.

Und es war so viel.

Pferdegetrappel am Horizont; verirrte Plastiktüten, vom Wind aufgewirbelt, fegten übers Gelände. Ein Streifen Sonne fuhr wie ein plötzliches Bügeleisen über seinen Kopf, die Flügel zwickten. Aus der Ferne betrachtet kraxelte ein Engel übers Bahngelände, zog Holunderbüsche und Sträucher auseinander, warf einen Blick hinein, ging weiter.

Wirklich verrückt sein, das war gleich mal ne andere Nummer als bloß ständig davon zu schwafeln, dachte er. Einer seiner Lieblingsgedanken. Neben ihm ragte ein Baumstumpf aus dem aufgeweichten Boden, wie ein zum ewigen Lachen verdammter Schnabel.

„Da lacht was!“ rief er.

Der nahe Bach, sonst nur ein Rinnsal, zeigte seine lange weiße schäumende Zunge und preschte den Schienen entlang durch die Wiesen.

*

Ill.: Susanne Eggert

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4 Gedanken zu „Vielleicht lag die Sache anders

  1. Nein, mir gefällt diese Lesestimme nicht. Oder sagen wir: Sie passt nicht zu deinem Text. Sie wirkt gequält, fast klagend, nimmt dabei aber gar nicht wirklich Anteil. Die Phrasierung stimmt nicht, das Tempo ist viel zu zögerlich. Und es fehlt dieser gut versteckte, kleine ironisch Abstand, der alle Glumm-Texte auszeichnet. Ich hätte ihn gerne von Harry Rowohlt gehört. (Eigentlich hätte ich jeden Text der Welt gerne von ihm gehört.)

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  2. Lieber Andreas, ich freu mich sooooo, daß Du diesen wunderbaren Text wieder gefunden hast, es gäbe ihn vermutlich gar nicht, wenn Du mich nicht „genötigt“ hättest, ihn für Dich zu lesen … kaum zu glauben, daß „Hört – Hört“ schon wieder zwei Jahre zurückliegt … es war eine so wundervolle Zusammenarbeit an diesem irren Projekt und es war mir eine große Ehre, Deinen Teil der Geschichte zu lesen! Und ich höre mir dabei zu, wie während des Lesens eine fremde Geschichte eine Grenze überschreitet und zu meiner Geschichte wird, das ist eine unglaubliche Erfahrung!
    Und daß Du praktisch meine Version auch noch annehmen konntest … saugut, echt!
    Ich frag mich ja, ob ich mir nicht wieder mal was ausdenken sollte…
    Servus, viele liebe Grüße, ich hoffe, Du hast nichts dagegen, wenn ich das hier jetzt gleich nach FB hinüberbastle, dann gibt´s dort auch endlich mal was G´scheites zu lesen und zu hören!
    Margarete

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