Tobi lesen

„Wenn du weiterhin jeden Tag bloggst, kriegst du nie ein Buch zustande“, schimpft die Gräfin. Nachdem ich zunächst in Abwehrstellung gehe und protestiere, „Warum soll das nicht funktionieren?“, legt sie nach. „Weil man ein Buch in Ruhe entwickeln muss, nicht in aller Öffentlichkeit, da entwickelst du gar nichts! Dafür braucht man Ruhe. Du sowieso“, und ich gebe mich schnell geschlagen.

Der Vorwurf ist ja nicht neu. Dass Bloggen meine Junkie-Seele bedient. Alle Blogger, die lange Zeit am Ball bleiben und regelmäßig bloggen, sind irgendwie Junkies und suchen den schnellen Beifall. Es gab in den Achtzigern diesen dämlichen Werbeslogan, ich glaube für Kaffee, Instant-Kaffee, I love Genuss sofort! Ich fand ihn nicht nur dämlich, ich schämte mich regelrecht für seine Existenz, doch es war wie mit den Ohrwürmern von Phil Collins. Den mochte ich auch nie, um nicht zu sagen, ich hasste Phil Collins, aber dann ertappte ich mich eines Tages dabei, wie ich der Straße entlang schlenderte und gutgelaunt „In the air tonight“ pfiff.

I love Genuss sofort! gilt heute wie damals, sowohl für Drogen wie fürs Bloggen: Du wirst auf der Stelle für deinen Post belohnt mit Zuspruch im Kommentarkeller und mit Sternchen und Likes. Das ganze macht ähnlich stoned wie der Verzehr von Pot und Pillen, Bloggen beeinflusst dein Belohnungssystem wie alle Süchte. Oder man wird von seinem Publikum abgestraft, wenn der Stoff schlecht ist oder einfach nicht ankommt. Jedenfalls gibt es stets eine sofortige Reaktion, während die Arbeit des Autors am Schreibtisch zunächst mal ein einsamer Job ist, ohne viel Resonanz.

„Dann bleib doch ewig ein kleiner Blogger!“

*

Sie hat von mir geträumt.

„Du hattest lange Rockstarlocken und ein ganz weiches Gesicht, und dein Zimmer war voller Urwaldpflanzen. Alles war grün um dich herum..“

Im Traumdeutungsbuch findet sie unter Pflanzenträume nur unzureichende Erklärung. „Bloß Schrott“, murmelt sie und klappt das nächste Buch auf. Sie hat vier oder sieben verschiedene Traumdeutungsbücher. Eines hat wenigstens schöne Illustrationen. Mehr anfangen kann ich da schon mit ihrer Vorliebe fürs chinesische Horoskop. 2018 ist das Jahr des Hundes, doch mein chinesisches Sternzeichen ist die Ratte. Ich bin eine Metall-Ratte, 2020 wird mein Jahr. Das hat sie mir schon Anfang 2000 prophezeit, dass es noch 20 Jahre dauern wird, bis ich vorn bin, aber da war 2020 noch weit weg. Jetzt lugt das einst so ferne Datum allmählich um die Ecke, mit diesem vorwitzigen Näschen. I love Edelmetall sofort!

„Nee, nix da, du musst dich schon noch zwei Jahre gedulden, mein Lieber! Und schreiben, schreiben, schreiben. Und nicht bloggen! “

*

Wenn ich also wieder abtauche, verklagen Sie doch die Gräfin.

*

Nachdem ich bereits Vielleicht lag die Sache anders veröffentlicht habe, („Das ist eine Geschichte für die ganze Welt, die muss unter die Menschen fliegen!“, so die Gräfin), schiebe ich „Tobi lesen“ hinterher und vervollständige damit mein gewaltiges YouTube-Output.

©

Tobi

 

Als die Gräfin noch Obst und Gemüse auslieferte für einen Bio-Hof, kam sie regelmäßig an dieser Wiese vorbei, auf der stand Tobi, das Kaltblut. Tobi hatte die Wiese ganz für sich alleine, am Rande der Stadt. Er war alt. Seine Zähne waren schlecht. Meist stand er einfach herum und stierte ins Gnadenbrot. Ein trauriger Anblick. Es wehte einem das Herz an.

Musste die Gräfin während ihrer Tour („Mami, die Biofrau ist dahaa!“) aufs Klo, stoppte sie an der Pferdewiese und stieg aus. Tobi wusste schon Bescheid. Freudig dampfend kam er zum Gatter getrabt. Seine Freundin war da. Endlich. Ob die Frau ein Leckerchen dabei hatte? Eine Möhre?

Einen Apfel?

Mit seinem großen kräftigen Schädel stupste er ihren Nacken, es wurde eng am Zaun.

„Schön aufpassen, Tobi, dass kein Fremder kommt und zuguckt, wenn ich Pipi mache“, flüsterte die Gräfin. Tobi blähte erregt die Nüstern und schnaubte sein leises, aber männliches Möhhööhff, als er mit den Lippen durch ihr langes Haar knabberte, das die Gräfin am Morgen extra für ihn gewaschen hatte, mit Bio-Rosen-Shampoo.

„Der hat bestimmt gedacht, ich wär eine Blume.“

Das war die Sache mit Tobi.

Keine große Sache.

 

*

Tobi entstand 2009 und wurde von meinem Neffen gefilmt, bei dem ich regelmäßig babysittete, in den mittleren 80ern. Ich hab einmal die Woche auf ihn aufgepasst, meist Freitagabend, wenn meine Schwester und mein Schwager mit Freunden Volleyballspielen gingen und danach was trinken.

Wir hatten ein gemeinsames Spiel, der kleine Dennis und ich: Hoch in die Luft werfen. So hoch wie möglich. So hoch wie bis zur Decke. Dazu wurde sein Bett mit Unmengen Decken, Mänteln und Daunenkissen so weich wie möglich hergerichtet, und dann ging’s ab:

Fette Matratzenklatscher aus luftiger Höhe.

„Das Gefühl habe ich heut noch in den Knochen“, erzählt Dennis, mittlerweile selbst Vater eines Jungen, der demnächst drei wird und damit im gleichen Alter ist wie er damals. „Wie ich durch die Luft gewirbelt wurde.. das war, als stünde man in der Brandung und schon kommt die nächste Welle auf einen zu, und die ist eigentlich ein bisschen zu groß für einen kleinen Jungen wie mich, aber dann klatscht das Wasser über einen zusammen und die Welle zieht sich zurück und du stehst da und bist klatschnass und überglücklich.. Es war genau richtig. Es war jedes Mal wie bei den olympischen Spielen, und jedes Mal holte ich Gold.“

Wir haben uns hauptsächlich vor Lachen in die Hosen gemacht, soweit ich mich erinnere.

16 Gedanken zu „Tobi lesen

  1. Also, Herr Graugans sagt, wenn du ein Buch schreiben willst, dann mußt du Dich hinsetzen und ein Buch schreiben, und wenn du bloggen willst, dann mußt Du bloggen … aber nur so paar Blogtexte zusammenheften, das wird nie und nimmer was Gescheites … irgendwie ist das schon eine unheimlich einsame Angelegenheit, diese Buchschreiberei, man verraucht sich praktisch ins ominöse Nichts hinaus, ohne jeglichenKommentar (nicht mal ein blöder!) und ohne die geringste Bewegung bei Zugriffszahlen und diversem Echo, wherever … naja … sei mir gegrüßt!

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  2. “Verfügung für Todesfall: alle Zeugnisse von mir wie Berichte, Briefe, Ringheftchen, sollen vernichtet werden, es stimmt nichts.” (Max Frisch: Homo faber)

    Man kann aber auch den umgekehrten Weg gehen: Weil man keine Lust mehr auf den jährlichen Marathon hat, joggt man nur noch einmal morgens ums Karree. Ich finde die täglichen Kicks mit körpereigenen Drogen nach einer Stunde am Schreibtisch und einem fertigen Text inzwischen besser als die mühselige Arbeit an einem Roman. Das kommt zu den Kicks durch das Feedback noch dazu. Ich habe schließlich auch eine jahrzehntelange Drogenkarriere hinter mir. Smiley.

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    • Es gab mal einen Typ, einen schweren Kiffer, einen echten Psycho, der hier lange durch die Straßen lief und echt einen Hau weghatte. Er war oberfreundlich, er lachte immerzu, er hatte eine Zahnlücke, langes Haar und hieß, jetzt kommt’s, mit Nachnamen Süchtel. Was waren wir alle neidisch.

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  3. mittags kurz ausgeknackt vorm aufstehn
    ich muss hier raus
    krieg noch ne krise Schnee ab oder muss kucken.malsehn
    schnell noch die zähne geputzt man der tut weeh ,die ganze freese tut mir weh ,auch der kopp
    vielleicht muss ich nich mehr kratzen aber ohne Bewegung geht das nich
    da verreckt mir die karre noch
    soll ja noch kälter werden
    kasten Bier bringt da nix
    also kuck ich das die Batterie was aufläd beim fahrn übern weissen Friedhof
    und seh tatsächlich zwei gänse wie sie marschiern hintern an foot stoons
    hätte auch Canada sein könnnen
    wären da nicht die Busse ie mich nerven oder der winterdienst beim freischauffeln
    nirgendwo ist ruhe
    also mach ich die Motorhaube auf und füll nach
    wisch und weg
    riecht man selbst drinnen
    einmal komm ich ins schliddern und mach mir fast in die hose mit Sommerreifen
    denn wurd ich geblitzt mit husten und Grippe
    und mütze
    die Eiszapfen erinnern mich an früher wo die fenster noch bilder hatten
    ich war nich angeschnallt
    das hätte teuer werden gekonnt
    aber es war nur das gesicht eines bedröppelten eisenhannes zu erkennen
    mit spielsucht durchs fenster
    ein verlorener schein
    nur!

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  4. ja
    es war so hell schneeweiss aber heller wie blind
    ich stieg aus ..parkte dumm in der kurve im Schnee
    ging ein paar schritte nur auf gewaltzten erde und die sonne lachte noch kurz als
    der
    den manchen Kreuzen nicht ansehbaren kreuz zu vermeiden auf
    und..
    verzog sich
    der Schneemann
    so hoch lag er schon an speziellen kreuzen am Wegesrand
    viele waren verblüfft ,andere holten die jupix 300 de lux au s semm
    Ärmel man
    selbst die gruft war befreit
    von der soone
    sonne und da waren nur eisige hinterzopfen
    zappfteens
    kleene friefahrt.
    alle an deck.

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  5. die Minuten der überzeit des vergessens im op der Analyse dem trenntag der burschikose mit der kosinatorin
    der umbruch das streben vergiss es
    es lohnt nicht sich nackig zu macht
    en
    das bisschen
    rest
    lebt von allein.

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