Das Ende vom Goldregen


Juni 2007

Ich trete aus der Bäckerei an der Wupperstraße, eine Tüte Crossaints in der Hand, und stoße fast mit Harry zusammen.

„Harry!“ sag ich überrascht.

„Glummmann!“

Er sagt immer Glummmann. Er ist der Einzige, der Glummmann sagt. Ich kenne sonst niemanden, der Glumm-Mann sagt. Glummmann ist Harrys Privileg. Am Stück gesprochen, ohne Bindestrich. Glummmmmmmann. Harry. Wir reichen uns die Hand. Als ich ihn das letzte Mal gesehen habe, war sein Haar noch grau. Jetzt ist es weiß, wie frisch gekalkt. Wie aus dem Hubschrauber besprüht. Gegen die sauren Gedanken.

„Lange nicht gesehen“, sag ich.

„Ja, wa.“

Harry ist der älteste von drei Brüdern. Der jüngste ist tot. Irgendwas geplatzt im Bauch. Der mittlere hat das klobige Gesicht einer Handpuppe und läuft selbst im Hochsommer mit einem schweren grauen Fischgrätmantel und Palästinenserschal durch die Gegend, dazu das breiteste und ordinärste Maul der Stadt, wie eine Auffahrt zur Müllverbrennungsanlage. Immer am Malmen, vom jahrelangen Speedziehen. Wenn er einem früher über den Weg lief, hatte er grundsätzlich eine Line Speed gezogen und zog den Rotz hoch, dass man dachte, gleich spuckt es dich an, das fertige Lama.

Wir unterhalten uns ein bisschen, dann muss Harry los. Er hat es eilig. Ich auch. Die Gräfin wartet aufs Frühstück. Es ist halb zehn.

„Grüß mal deinen Bruder“, sag ich, und füge zur Sicherheit an, „den lebenden.“

„Mach ich.“

„Sag mal, was ist eigentlich mit dem los? Wieso sieht man den gar nicht mehr?“

„Der hat ein dickes Bein. Der kann nicht mehr richtig gehen. Kommt vom Saufen.“

„Wieso vom Saufen..?“

„Na, vom Saufen eben. Der hat ein dickes Bein und zwei so Löcher im Unterschenkel, die nicht abheilen. Hat sich entzündet, die Scheiße. Der hat zu viel gesoffen. Zu viel Jägermeister.“

Auf dem Heimweg muss ich darüber nachdenken, was mit den Leuten so alles geschieht, die man von früher kennt. Der eine baut Kulissen für ein Pro7-Nachmittagsmagazin und ist gut im Geschäft, der andere, der zur selben Zeit Modellschreiner gelernt hat, säuft sich das Bein dick. Dass man sich ein Bein überhaupt dick saufen kann, ist mir neu. Ich kenne zwar Leute, die sich jeden Tag Methadon in die Leiste injizieren, eine ungesunde Geschichte, bei der das Blut mit den Jahren verklumpt und die Beine zu Elefantenbeinen anschwellen und irgendwann abgeknipst werden wie ne olle Zigarre, aber die Beine dick vom Schnaps saufen? Junge, Junge, das ist mir neu. Was es alles gibt, denke ich, ohne dass der Herrgott eine Ahnung davon hat.

Als ich zu Hause ankomme, steht ein Pico vor unser Haustür. Ferrarirote Kappe. Ist das nicht der Kumpan von Paul? Dem Jungen, der über uns wohnt? Er hält einen Fußball in der Hand, eine echte FIFA-Pille.

„Tu mal her“, sag ich und stelle die Tüte Croissants ab.

Der Pico, vielleicht elf, zwölf Jahre alt, zögert einen Moment, dann wirft er mir den Ball zu. Ich stoppe ihn mit dem Oberschenkel, lass ihn vier, fünf Mal tänzeln, dann abtropfen, und gebe ihn per Dropkick zurück, locker und trocken, wie eine schöne Frikadelle vom Tresen. Das ist nicht ohne Risiko, mit Mitte vierzig einen Lederball tänzeln zu lassen, aus dem Stegreif. Ohne sich zuvor warm zu machen. Könnte ja vom Schenkel rutschen, die Pille, und dann steht man da wie ein Anfänger, dem das Leder davontippelt wie eine verdammte Kaugummikugel.

Nein, man sollte es sein lassen, das mit der Ballaufnahme, nur weil der Ball zufällig auf einen zugerollt kommt. Aber ich kann nicht anders. Sehe ich irgendwo einen Ball in Bewegung, muss ich handeln. Ein Fußballerherz lässt sich nicht abschalten, aus Vernunftgründen. Man sieht die Pille auf sich zukommen und ist wieder Mittelstürmer, auf der Stelle. Einmal Mittelstürmer, immer Mittelstürmer. 1:0 für die Ewigkeit.

„Die pennen noch“, sagt der Junge und schaut am Haus hoch.

„Immer noch?“

„Ja. Ich hab eben geschellt. Ich bin mit Paul verabredet.“

Paul ist der Sohn von Gus, dem alleinerziehenden Alt-Punk, der über uns wohnt. Manchmal lebt auch die 14jährige Tochter da oben. Das ist verschieden.

„Die pennen eigentlich immer“, sag ich.

Während wir den Ball hin-und herschießen, mit kleinen artistischen Einlagen, fährt ein grüner Pritschenwagen vor, und hält an. Ich werfe einen kurzen Blick hinein und sehe grüne Latzhosen und Windjacken. Das sind die Siedlungsgärtner, die machen hier öfter Frühstückspause. Der alte Kannenhof ist eine Sackgasse, hier hat man seine Ruhe. Gleich hinterm Sportplatz beginnt Landschaftsschutzgebiet und der bergische Urwald.

„Eigentlich waren wir zum Fußballspielen verabredet“, meint der Pico und bläst sich eine Locke aus der Stirn, die sich unter der Ferrarikappe hervor geschmuggelt hat, wie ein Notenschlüssel. „Aber die pennen ja noch.“

„Klar, die pennen noch. Hör mal, ich muss rein“, sag ich. „Die Frau wartet auf die Brötchen.“

„Okay. Schon klar.“

Ich höre noch, wie Bewegung in den Pritschenwagen der Gärtner kommt, wie die Schiebetür aufgemacht wird, dann schließe ich die Haustür und die Wohnungstür auf, in der Erwartung, dass sich der Hund zur Begrüßung auf mich stürzt, stattdessen relative Ruhe. Die Gräfin kommt gerade aus dem Bad. Auf einem Söckchen. Das andere hat sie in der Nacht vom Fuß gestreift, im wilden Schlaf. Sie steht vor mir wie eine Erscheinung, den schwanzwedelnden Hund im Schlepptau.

„Hab ich tief geschlafen..“, gähnt sie zufrieden und kuschelt sich an mich. „Und du riechst lecker.. nach draußen.“

„Nach Fußball?“

„Nee, nach draußen..“

„Leg dich noch was hin“, sag ich. „Wenn der Kaffee durch ist, wecke ich dich.“

„Okay..“, flüstert sie.

Ich schaue ihr nach. Was gibt es Schöneres als eine verschlafene Frau, die man im Arm hält.

Kaum ist sie in ihrem Zimmer, ein Aufschrei.

„HE!! WAS MACHEN DIE DENN DA DRAUSSEN?! SIND DIE WAHNSINNIG??“

Wir sprinten in ihr Zimmer, der Hund und ich, mit Gebell. Frau Moll ist ein Hütehund, immer bestrebt, die Herde zusammenzuhalten und jeglichen Ärger aus der Welt zu schaffen – zur Not mit Krawall. Die Gräfin steht am Fenster, das Haar aufgeworfen wie ein Rembrandt-Helm. Vor Zorn.

„Die haben sie wohl nicht mehr alle!! Da, guck dir das an! Die wollen unseren Goldregen killen..!“

Wie aus dem Nichts haben sich die drei Siedlungsgärtner im Vorgarten um den Goldregen herum versammelt, der sich jetzt, Anfang Juni, in vollem Wichs präsentiert, mit Dutzenden schwerer gelber Blütenkelche. Bienen summen herum, Hummeln sind zugange, unser hauseigenes Motodrom. Der Gärtnermeister legt ein Seil um den Stamm, zurrt es fest.

„Die sollen aufhören!“ ruft die Gräfin und ballert gegen das geschlossene Fenster. Um es zu öffnen, müsste man zunächst all die Pflanzentöpfe von der Fensterbank räumen, doch dafür ist keine Zeit, dafür sind es zu viele. Allein der zwei Meter hohe Kaktus, der fast bis zur Zimmerdecke reicht, ist nur unter Inkaufnahme von Stacheln im Oberarm abzutransportieren. Nein, jetzt ist Handeln angesagt. Eigentlich kein Fall für mich, doch es gibt Ausnahmen, und jetzt ist so eine Ausnahme. Ich stürme aus der Wohnung, biege um die Hausecke.

„He! Ihr könnt doch nicht unseren Goldregen fällen!“

Der Meister blickt überrascht auf.

„Junger Mann, der.. ist morsch. Der Goldregen muss weg. Das ist unser Auftrag. Hier..“

Seine ebenso fleißigen wie krummen Finger lösen sich vom Stamm und ziehen ein Auftragspapier aus der Gesäßtasche.

„Hier.. lesen Sie. Die knicken dieses Jahr um wie die Fliegen, die Goldregen. Die Straße hoch ist die Tage schon einer umgefallen. Pfokk! – lag er da. Zum Glück stand da kein Auto geparkt.“

„Na, das ist ja immer wichtig“, murmle ich, „ihr und eure scheiß Autos.“

„Und Sie, haben Sie kein Auto?“

„Nee, ich nicht.“

Ich drehe mich um zum Fenster. Frau Moll steht auf ihren Hinterpfoten, daneben die konsternierte Gräfin. Der Goldregen ist ihr Baum. Innen Gold, außen Gold. Er spendet Schatten, wenn sie am Zeichentisch sitzt, er spendet Trost, wenn sie nicht vorankommt. Und den Bienen spendet er Nahrung. Sie liebt den Goldregen. Na gut, sie liebt jedes kunterbunte Wachsen in der Natur, aber ganz besonders alles, was sich unterhalb ihres Fensters abspielt. Ich schalte einen Gang zurück.

„Sagen sie, lässt sich da nichts machen, Chef?“

Die Genossenschaftsgärtner haben hier Verfügungsgewalt. Wenn die der Meinung sind, der Baum hat Mundgeruch, dann weg damit. Dann wird der Zahn gezogen. Man kann sich höchstens an den Baumstamm anketten, wie an eine Wohnung, die nicht geräumt werden soll.

„Nee, junger Mann, der muss weg. Der steht schon ganz schief, sehen Sie hier. Eine kleine Windböe und der liegt auf der Nase, so morsch ist der. Den brauchen Sie nur anzutippen, weg ist er. Werden Sie gleich sehen, wenn wir ihn aus dem Boden holen. Der ganze Kannenhof ist zu feucht für Goldregen, die Wurzeln faulen uns unterm Arsch weg. Man hätte hier keinen Goldregen anpflanzen dürfen..“

Dass die Gegend zu nass ist für viele heimische Pflanzen, haben schon andere erfahren müssen. Der Park vor unserer Haustür, 1926 als Botanischer Garten angelegt, wurde in den frühen Sechziger Jahren wegen widriger klimatischer Verhältnisse zum normalen Stadtpark herabgestuft. Doch noch heute besticht die Anlage durch damals angepflanzte nordamerikanische Amberbäume, die bei Herbstbeginn glutrote Blätter abwerfen, als kämen sie direkt aus dem Pizzaofen. Und bei einbrechender Dunkelheit schwirren Fledermäuse im Zick Zack durch die Luft, dass man sich unwillkürlich wegduckt, als wäre hinterhältiges kleines Militär unterwegs, die Park-Junta. Außerdem gibt es zwei Ententeiche, Hundegebell sowie haufenweise Singvögel, die ob der unmittelbaren Nähe zum Penny-Markt Wupperstraße ihre Lieder knallhart kalkulieren.

„Ist wirklich ein Jammer“, mischt sich Gärtner Nummer Zwei ein. „Früher war die ganze Gegend übersät mit den vielen Goldregen.“

„Ja, früher war alles übersät“, sag ich.

Eine beliebte Wohngegend. Noch heute wird eine Wohnung gern mit dem Hinweis vermietet: nahe dem Alten Botanischen Garten. Die freundliche alte Nachbarin, die im Haus gegenüber wohnt, erscheint im Morgenmantel am Fenster und winkt herüber. Sie lächelt selig. Alte Damen und Hunde auf Hinterbeinen lächeln selig, wenn sie am Fenster stehen. Sie können nicht anders. Sie sehen nur, was sie sehen wollen.

Gärtner Nummer drei ist der Hippie des gärtnernden Trios. Er trägt das Haar strähnig und lang und sieht aus, als wäre er in den Regen gekommen – damals, in Woodstock, 1969. Die löchrigen Arbeitshandschuhe passen zu seinen Zähnen. Insgesamt ein schräger Free Jazz-Saxophonist, der heute noch nichts zu essen gekriegt hat. Wenn drei Männer zusammenarbeiten, gibt es immer einen Meister, eine Nummer Zwei und einen Free Jazz-Saxofonisten, der erst die Klappe hält und dann alles nachplappert.

„Wir müssen den Baum fällen, sonst knallt der auf Autos.. Ist zu nass der Boden hier. Ist alles übersät hier.“

„Aus dem Weg, junger Mann!!“

Die Gärtner vertauen das Seilende an der Anhängerkupplung ihres Pritschenwagens. Sie machen jetzt keine Worte mehr, jetzt gehts ans Eingemachte, jetzt wird entwurzelt, jetzt wird gegärtnert. Ich überlege kurz, ob ich mich anketten soll, ob ich den politischen Aktivisten in mir aktivieren soll, verwerfe den Gedanken aber schnell wieder, weil – womit anketten? Mit Schnürsenkeln vielleicht? Ich verlasse geschlagen den Tatort, zurück in die Wohnung. Keine Frage, beim Abschlachten ihres Lieblingsbaums sollte ich der Gräfin wenigstens beistehen. Wenigstens das! Eisern Union.

Sie sagt nicht einen Ton. Auch Frau Moll erkennt die Tragik der Situation und bleibt stumm. Als der Pritschenwagen anfährt, zeigt sich das mürbe Holz von der kämpferischen Seite, bäumt sich ein letztes Mal auf.

„Da.. der Goldregen wehrt sich!“ bangt die Gräfin und hofft kurz auf ein Wunder, doch kaum gibt der Wagen mehr Gas, kippt der Baum schon zur Seite. Da das Seil die Spannung nicht halten kann, zerreißt es mit einem flitzenden zzzzatss! PFOPPZ!! in zwei Hälften. Der Goldregen liegt jetzt halb auf dem Gehweg, halb im Vorgarten. Die Straße ist ein Meer aus goldgelben Blüten. Ein goldgelbes Totes Meer. Innen tot, außen tot.

„Und was ist mit meinem lauschigen Plätzchen..?“ Die Gräfin starrt ratlos auf den Zeichentisch, auf den jetzt ungehindert die Morgensonne scheint. „Als müsste ich plötzlich in der Steppe leben. So ungeschützt.“

Von Dingen, die ihr ans Herz gewachsen sind, kann sie sich kaum trennen. Im Gegenteil, sie möchte alles, was sie liebt, für immer behalten und mit allen Menschen teilen. Schon als kleines Mädchen lief sie in den Sommerferien den Strand rauf und runter und malte allen Männern, die sich nicht wehrten, (und wer kann sich schon wehren gegen ein 4jähriges Mädchen mit einem charmanten kleinen Leberfleck zwischen Mund und Nase), einen dicken Leberfleck ins Gesicht, genau zwischen Mund und Nase, mit braunem Wachsmalstift.

„Die sind doch sonst nicht vollständig, die Männer“, teilte sie den überraschten Eltern mit.

Ich setze Kaffee auf. Das dicke Espressokännchen. Dann – Klopfgeräusche aus dem Zimmer der Gräfin. Die Stimme des Gärtnermeisters.

„Sagen Sie dem jungen Mann, er soll mal rauskommen und sich das angucken.“

Ich sitze am Küchentisch. Ich will endlich Kaffee trinken. Ich hab die Nase voll von irgendwas angucken und von Aktionen, die nichts bringen.

„Du sollst mal eben rauskommen“, wiederholt die Gräfin resigniert, als hätte ich das nicht gehört. Ich geh ums Haus herum. Ja ja. Ich seh es ja.. Der Stamm war innen hohl, das Fleisch kränkelte, der Baum musste weg, besser heute als morgen, wäre sonst umgekippt, hätte Autos beschädigt, Menschen vielleicht. Hätten Sie dafür aufkommen wollen, nur weil Sie einen schönen Baum vorm Fenster haben wollen? Ach, haltet doch einfach alle eure dämliche durchkalkulierte Fresse.

„Der hätte es nicht mal mehr bis zum Winter gemacht“, meint die Nummer Drei, der Free Jazzer, die Nervensäge, und wirft die Kettensäge an.

„Moment“, tippe ich ihn an, und er schaltet die Maschine wieder aus. Ich seh die Gräfin am Fenster, wild gestikulierend. Sie will ein Stück vom Baum haben, interpretiere ich ihre Geste. Als Andenken.

„Sicher – machen wir.“

Zuletzt bleibt im Boden bloß ein Stumpf zurück, wo vorher ein stattlicher praller Goldregen blühte. Das armdicke Stück Holz, das der Free Jazzer vom Stamm abgesägt hat, bringe ich der Gräfin. Sie macht sich gleich mit der Nase darüber her, und Frau Moll macht es ihr nach – das große Riechen und Schnuppern beginnt.

„Mhm, schön würzig.. wie das Arschloch eines Elefanten.“

Na, Gott sei Dank. Sie kommt wieder auf die Beine.

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6 Gedanken zu „Das Ende vom Goldregen

  1. im Tale grünet Hoffnung
    vom Eisen befreit sind stuck und sturrz
    ja sie schmücken sich zum Tanz
    unten in der kleinen Kneipe.

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