Ein Tag ohne Glück ist ein beschwerliches Leben

Dienstag

Wir alle sind Ermittler, Pathologen und Special Agents, wir sind Profiler und Privatdetektive, gestählt von zigtausenden Kriminalfällen in TV und Kino, auf DVD und Netflix. Keine noch so vertrackte Tatortsituation kann uns verunsichern, wir behalten stets die Übersicht und wissen, was zu tun ist. Wir sind unser eigenes Police Departement.

Abendrunde mit Leo. Er verschwindet im Weizenfeld und saust ausgelassen durchs Brot, während wir den staubigen Feldweg nehmen.

Plötzlich bleibt die Gräfin stehen.

„Da!“

„Wo?“

„Unten!“

„Hä..!?“

„Die Kippe!“

Wir gehen in die Hocke, für eine Erstuntersuchung per Augenschein. Der Leichnam, eine Marlboro Light, ist extrem runtergeraucht. Wie brutal der Täter vorgegangen sein muss, verdeutlicht der Zustand des Zigarettenfilters: Nikotinflecken, massig Zahnabdrücke, Zellulose quillt hervor. Der Eindruck insgesamt: verheerend.

„Da hat aber einer jähzornig auf der Kippe rumgemümmelt!“

„Ja. Wien. Kamel.“

Genau, wie ’n Kamel.

Hier waren militante Kippenhasser am Werk, die zunehmend rigoroser vorgehen. So ähnlich wie Hundehasser, die Hunden öffentlich die Beine abschneiden, rauchen die Ultras unter den Kippenhassern den Rauchern die Kippen weg und lassen es ordentlich qualmen, wie Bengalos in Block C.

Doch in diesem Fall steckt etwas anderes dahinter. Eine einzelne, bis auf den Filter runtergerauchte Fluppe spricht eher für eine Beziehungstat, weniger für Randale.

„Zum Glück ist hier voll Gebiss-DNS dran.“

Die Sau ist bald am Haken. Gerichtsfest.

 

 

Mittwoch

Wer bei schönem Wetter mit seinem Hund unterwegs ist, kommt mit den Leuten ins Gespräch, ob man will oder nicht. Bei regnerischem Wetter auch, aber da bleiben die Leute nicht so lange stehen, da will jeder so schnell wie möglich heim und sich bei Facebook brüsten, wie abenteuerlustig man Wind und Wetter getrotzt hat und wie frech die Regenwürmer sind, wenn sie ans Tageslicht kommen und sich einem in den Weg legen.

Ein leichtfüßiger älterer Herr, den alle nur den Doktor nennen, führt Karli an der Leine spazieren, seinen 10jährigen kleinen Terrier. Der Doktor, unlängst noch Chef einer stadtbekannten internistischen Praxis, hält sich vornehm zurück mit Ratschlägen für die Volksgesundheit und erzählt lieber von seinen Reisen rund um den Globus, als er noch jung war. Er war jung in China, er war jung in Amerika und in Neuseeland, er war jung in den 60ern, aber er war kein 68er, er war ein Doktor, ein Internist, der sich um Leber und Milz und andere innere Angelegenheiten kümmerte, „da war keine Zeit für Steinewerfen und Polizisten verdreschen“, meint er naserümpfend.

Wenn der Doktor beim Spaziergang mit Karli leere Bierflaschen findet, und man findet immer welche, „wenn man sich um die Waldhygiene sorgt“, dann sammelt er das Leergut ein und bringt es seiner Putzfrau mit.

„Da hat sie ein schönes Bierbrot“, verspricht er sich, „na ähm Zubrot mein ich doch“, da müssen wir alle zwei lachen.

Aber nicht so laut.

Eine Weile hat sich der Doktor über die Hinterlassenschaften eines unbekannten Trinkers aufgeregt, der an einer bestimmten Bank am Theegarten eine leergesoffene Batterie kleiner Spirituosen zurückließ. Dass der Doktor sich so aufregte, lag vielleicht auch daran, dass die kleinen Ex-und Hopp-Fläschchen kein Pfand bringen, wenn man sie einsammelt.

„Was für Fläschchen waren das? Underberg?“ rate ich.

„Nee. Nicht Underberg..“

„Jägermeister?“

„Nee. Nicht Jägermeister.“

„Jim Beam? Wurzelpeter? Jagdfürst?“

„Was..?“

„Boonekamp? Chantré?“

„Nein..“

Der Doktor blickt mich hilfesuchend an.

„Ja, in der Quengelzone kenne ich mich gut aus“, sag ich. „Wenn ich an der Kasse stehe und warte, lese ich am liebsten Etiketten.“

Ich bin der Gutenberg der Quengelzone. Interessiert den Doktor nicht die Bohne.

„Na Mensch, wie heißen die kleinen Dinger noch..?! KLEINER FEIGLING! Genau!“

Jeden Morgen standen leere Fläschchen auf der Bank, acht, neun, zehn Stück, wie Zinnsoldaten aufgereiht. Bis letzten Monat. Seither nicht mehr. Seither ist Sense.

„Ich hab den Schweinehund nie erwischt. Wahrscheinlich hat er sich totgesoffen, der Halunke.“

Der Doktor bückt sich zu Leo nieder.

„Du bist ein ganz braver, ein ganz fleißiger, ja, Leon?“

Er hängt Leo stets ein n an und macht Leon draus – schön, warum auch nicht. Mir hat man qua Geburt sogar ein doppel m angehängt. Hab ich auch überlebt.

Aber es war schwer.

 

 

Donnerstag

Ich bin mit Leo allein unterwegs, und da ist dieser andere Hundehalter, ungefähr mein Alter: volles dunkles Haar, schwere Knochen und eines dieser Gesichter, die ich nicht wirklich zuordnen kann. Eine Randfigur aus meiner Vergangenheit. Wir sind nie wirklich miteinander in Kontakt gewesen, dieser andere Hundehalter und ich, aber man kennt sich und grüßt sich vage. Ich habe keine Ahnung, was er macht, wie er sein Leben lebt, wie er heißt schon mal gar nicht. Blödmann wahrscheinlich. Hat er Kinder, was arbeitet er, wäscht er sich die Hände nach dem Kacken?

Was ich aber weiß: Er hat einen großen Jagdhundmix namens Rocky. Rocky hat große Schlappohren und geht ein bisschen steifbeinig daher, wie ein Kamel. (Tatsächlich hat er das Gemüt einer ganzen Karawane.)

„Der Bronko säuft drei Liter Wasser am Tag“, sagt er. „Ich hab schon gedacht, der hat Zucker. War sogar bei der Tierärztin.“

Ach. Ich dachte, der heißt Rocky.

„Und?“

„Nee, hat kein Zucker. Der säuft eben viel Wasser, hat die Tierärztin gesagt. Ist einfach ein Wassersäufer. Bronko läuft nicht nur wie ein Kamel, Bronko säuft auch wie ein Kamel.“

Er mustert Leo.

„Neuer Hund? Ihr habt doch lange Zeit einen Wuschel gehabt, oder nicht, du und deine Frau, oder nicht?“

„Ja, ist tot. Frau Moll. Ist 13 geworden.“

„Frau Moll! Genau!“

Er beguckt sich unseren neuen Hund. „Der sieht irgendwie goldig aus.. wie dieser Schlagersänger früher..“, sagt er und blickt auf Leo nieder, der brav vor ihm sitzt, weil er sich ein Leckerchen verspricht. „Wie hieß der noch, von damals der.. wie hieß er noch, na..“

Wir überlegen ein bisschen.

„Katja Ebstein?“ rate ich aus Spaß. „Underberg?“

„Nee, wie… Christian Anders! Also in Hund jetzt!“

Wir kommen ins Gespräch.

„Du hast doch früher im Kühlhaus gearbeitet, da unten in Kohlfurth“, sagt er.

Dass er sich daran erinnert..

„Stimmt. Ist schon ewig her.“

„Ich weiß, klar. In den Achtzigern. Ich hab euch Brüder damals genau im Blick gehabt, mit dem Fernglas, oben von der Hasseldelle aus.. Ihr habt doch alle geschmuggelt.“

Ich bin baff.

„Geschmuggelt? Was? Wer..?“

„Na, ihr. Haschisch.“

„Häh? Was redest du da?“

„Ach komm, mir brauchst du nichts vorzumachen. Ihr wart doch mit dem Holländer dick im Geschäft. Wenn der Freitagabend mit dem Laster Geflügel angeliefert hat, lag doch unter all den Kartons das Haschisch versteckt..“

„Was..?? Blödsinn.“

Er grient wie ein Krieger. Er fixiert mich.

„Komm, kannst es ruhig zugeben – ist doch schon ewig her. Ist doch längst verjährt.“

„Was redest du da fürn Quatsch.. obwohl, ich mein, ne Idee wär’s ja gewesen..“ Ich muss lachen. „Aber damit kommst du ein bisschen spät rüber, jetzt, nach all den Jahren.“

Jeden Freitag gegen 15 Uhr kam der Tieflader aus Rotterdam an die Rampe gefahren, die Ladefläche voller Kartons mit Hühnerklein aus Vorderkappen und Rückenstücken und mit Hähnchenschenkeln und anderem Frischgeflügel. Klar hätte man da locker Haschisch und Marihuana drunterpacken können unter die verschnürten Kartons – jede Menge sogar, logisch.

Oder Rohöl und Juwelen. Hafenratten.

„Ich hab euch jeden Freitagabend beobachtet von meinem Fenster aus.. Und ich hätte gewettet, dass ihr schmuggelt da unten“, sagt er mit Schmand im Mundwinkel, so wie Psychos ihn entwickeln, die zu wenig Wasser trinken. Psychos trinken immer zu wenig Wasser, Wasser trinken bringt nichts, Wasser trinken ist lästig. Von Wassertrinken kriegt man kein inneres High.

Die Hunde stehen doof rum und wissen bei der Hitze nichts mit sich anzufangen. Es ist ruppig heiß. Ich frage mich nur, wie es passieren kann, dass einem bei Leos Anblick Christian Anders in den Sinn kommt – „es fährt ein Zug nach Nirgendwo“ – also in Hund jetzt. Christian Anders hatte langes weiches Haar, Leos Fell ist winterhart.

„Ich hab die Rente durch.“

Der Typ hört nicht auf, mich zu überraschen. Alles, was er sagt, kommt aus heiterem Himmel, und: Er meint es todernst.

„Psychose“, sagt er und die klebrige, weiße Schmandspur in seinem Mundwinkel zieht Fäden. „Ich hab drei Jahre durchgekifft, als ich mit Theo zusammengewohnt hab. Der hat studiert und ich hab gekifft. Nach drei Jahren hab ich aufgehört zu kiffen, von einem Tag auf den anderen und bin voll abgedreht. Ich dachte, ich könnte andere Menschen manipulieren, könnte ihre Gedanken an- und ausknipsen wie einen Toaster. Tatsache. Zuletzt hab ich geglaubt, ich wär der Messias, da bin ich im LKH gelandet. Jetzt hab ich die Frührente durch.“

„Und?“

„Was, und?“

„Warst du der Messias oder nicht?“

„Nee..“

„Hm. Merkt man dir aber nicht an. Ich mein, du machst einen ganz normalen Eindruck.“

„Ich nehm Medikamente. Bin schon runterdosiert, aber so ganz ohne Pillen, nein, das nicht. Ich brauch die Runden schon noch“, sagt er.

Alles geht ratzfatz bei ihm. Eben noch gebauchpinselt, weil ich ihn ganz normal genannt habe, guckt er plötzlich aus der Wäsche, als würde ihm das Gehirn aus dem Gesicht treten – aber er fängt sich wieder.

„Schreibst du noch?“ fragt er.

„Noch..? Wieso noch?“

Und wieso weiß der überhaupt, dass ich schreibe? Aber er geht nicht darauf ein, er sagt nicht, woher er davon weiß.

„Ich hab auch mal ein Exposé geschrieben“, sagt er, „für einen Film mit Götz George. Ist aber nie was draus geworden.“

Leo legt sich zu meinen Füssen, mit einem Stöckchen zum Knabbern zwischen den Vorderpfoten. Wenn Leo am Stöckchen knabbert sieht es aus, als habe er ein Eis im Hörnchen in Arbeit, zu zwei Fuffzig, Nuss und Erdbeer. Als Rocky nun dazu kommt und was abhaben möchte, wird er verbellt.

„Der heißt nicht Rocky..!“ sagt der Typ verärgert.

„Ach so, ja.“

Das Kamel. Hab seinen Namen schon wieder vergessen.

„Bronko. Ein lieber Kerl. Eigentlich wollt ich ja einen reinrassigen belgischen Schäferhund, keinen Mischling. Einen Polizeihund, weißt du. Schutzstaffel. Aber dann stand Bronko vor der Tür und hat Pfötchen gegeben.“

„Klingt wie ein erfolgreiches Vorstellungsgespräch“, sag ich.

Man hört ein Knispeln im Gras. Die Regenwürmer kündigen ein Gewitter an.

Keiner sagt etwas.

„Komm, mal ehrlich.. Wieviel Kilos habt ihr geschmuggelt damals?“

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6 Gedanken zu „Ein Tag ohne Glück ist ein beschwerliches Leben

      • Der Hundegott habe sie selig!
        Na ja, das Buch war ja quasi länger im Ofen als das Baby… nur als letzteres sich ankündigte, hatte ersteres plötzlich eine Deadline 🙂 14 Tage vorm Termin war ich dann fertig… vorher hätte mich auch keiner in den Kreißsaal rollern dürfen 😀

        Gefällt mir

  1. Pingback: Woanders ist es auch schön | READ ON MY DEAR, READ ON.

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