König Alkohol und Heroin, Eure Lordschaft

Nüchtern traue ich mir kaum noch was zu. Ich muss schon vergiftet sein, um mich zu lieben.

(Notizbucheintrag Februar 1995)

*

Ich kapiere kein Wort von dem, was ich alles denke. Hoffentlich geht das nicht schief.

(Mitsubishi Boy)

*

Die Neunziger Jahre. Ich bin mir bis heute nicht im klaren, was dieses Jahrzehnt sollte. Wem es gehörte, für wen es gemacht war. Wieso der eine sich gekonnt darin bewegt hat und der andere nicht. Was mich betrifft, so hätte ich mich auch genauso gut Silvester 1989 aufs Ohr hauen können und wäre an Neujahrsmorgen 2000 langsam wieder aufgewacht. Was hätte ich schon groß verpasst – außer hunderttausend Mannstunden und den Krieg gegen mich selbst, den niemand gewinnen kann.

Dabei hatte es sich lange nicht falsch angefühlt. Gefährlich, aber nicht falsch, nicht wirklich. Diese Hingabe mit Haut und Haaren an etwas, das auch der eigene Körper in winzig-kleinen Dosen produziert, wenn er fünfzig Kilometer läuft ohne anzuhalten. Nur dass ich es nicht einsah, jedes Mal fünfzig Kilometer am Stück zu rennen ohne anzuhalten, nur um Endorphine auszuschütten, wenn ich den gleichen Glückszustand, den Flow, nur zig Mal stärker, auch anders haben konnte, bequemer.

*

Wenn ich im Nachtdienst Heroin nahm, zog sich der Schlaf am nächsten Tag bis in den frühen Abend; ein dunkles Geraune endloser Alphawellen. An diesem Montag weckte mich die Gräfin zur Mittagszeit. So war es abgemacht. Wir hatten Karten fürs Kindertheater. Eine spritzige kleine Nachmittags-Aufführung, in der Karlos sehr entspannt einen Riesendummkopf gab, der mit einem Kompagnon eine Würstchenbude eröffnete, mitten in den Wupperbergen.

Karlos war hochtalentiert. Er hatte auf der Bühne alles drauf, vom schlurfenden Greis im Nazi-Drama bis zum lockeren Erz-Hallodri im Kindertheater, doch er schaffte den Absprung nicht. Ende der 90er Jahre hatte er einen Vertrag an einem renommierten Düsseldorfer Theater, nach einer Saison war das Gastspiel beendet. Er war voll auf Koks und kümmerte sich zu wenig um die Karriere, tat nur das nötigste. Ich glaube, wir haben nie so richtig kapiert, wofür es sich zu kämpfen lohnt in dieser Welt. Und vor allem: wofür scheitern. Ich habe auf Heroin nicht einen einzigen Satz geschrieben.

Nachdem ich Karlos in der Maske kurz gratuliert hatte, wollte ich so schnell wie möglich weg, ich wollte an den Tresen. „Premierenfeier ist beim Italiener“, rief Karlos mir hinterher, doch ich wollte mich betrinken und nicht erst umständlich was essen. Nach sieben Nächten im Hotel hatte ich endlich frei, den ersten Abend wollte ich maximal ausloten. Ich machte mich allein auf den Weg an den Tresen, die Gräfin war bereits auf dem Heimweg. Sie hatte mich oft genug betrunken erlebt, das brauchte sie nicht mehr.

„Die langweiligsten Abende meines Lebens waren die Abende, wo ich darauf gewartet hab, bis du endlich mit dem Trinken fertig bist.“

Sie gab mir noch etwas mit auf den Weg.

„Du hast etwas komatöses in deinem Charakter.. Wenn du Pech hast, fällst du eines Tages ins Koma und kehrst nie mehr zurück.“

An diesem frühen Montagabend ließ ich es noch schneller angehen als sonst schon. Da ich in der Nachtschichtwoche keinen Tropfen Alkohol zu mir genommen hatte, war ich nicht nur heiß aufs Trinken, ich war auch ruckzuck voll. In der Regel blieb es beim Bier. Ab und zu kam Gin Tonic dazu und 103er und ein Näschen Schore, und dann endete der Abend im Desaster.

Ein Montag ist natürlich kein Tag zum Ausgehen. Die wenigen Leute, die sich montags an der Bar einfinden, machen sich nach dem dritten Drink aus dem Staub. Eine Ausnahme bilden Leute wie Possehl, die nie ein Ende finden, egal ob Freitags, Samstags oder Montags, oder der Mitsubishi Boy, wenn er in der Stadt ist. Mitsubishi („Wenn du ne große Klappe hast, Glumm, kriegst du direkt Farbe im Gesicht!“) lebt seit Jahren in Hamburg, kommt aber quartalsweise in die alte Heimat und lässt es krachen. Er stand schon angetrunken an der Bar, als ich aus dem Theater kam, nachmittags um fünf.

„Weißt du, was ich gern mal machen würde?“ nahm er mich beiseite. „Supergern sogar?“

„Du wirst es mir gleich sagen“, antwortete ich eine Spur zu hochmütig, und Mitsubishi drehte beleidigt ab. Er war eine sensible Seele, so wie alle großen Meister, die was zu sagen haben, aber er war nicht nachtragend. Er hatte ein weitmaschiges Herz, in dem nicht jede unbedachte kleine Äußerung hängenblieb.

„Na, nun sag schon..“, meinte ich.

„Ich würd gern mal..“, er prüfte, ob ich tatsächlich an Bord war, „..ner kalten Frau die Schuhe vergraben. So richtig peng! Wo sind die Schuhe? Tief in der Erde! Wie Schillers Glocke! Sogar mit Füßen drin! Mahaaa, Alter!“

Ich hatte keine Ahnung, wovon er sprach. Alles, was der Mitsubishi Boy sagte, hatte etwas rätselhaftes an sich, und er servierte es mit einem süffisanten Lächeln. Ich stieg in eine Runde Skat um kleines Geld ein, nur um schnell zu merken, dass ich mit Kartenspielen an diesem Tag daneben lag. Ich begann mich zu langweilen. Auch Mitsubishi hatte den trübsinnigen Teil des Abends erreicht.

„Ich hab kein Interesse an gar nix mehr, Alter. Ich könnte nicht sagen, was noch Sinn macht. Alles ist zu in mir. Ich bin zu bis obenhin. Alles ist.. zu.“

Hamburg hatte erste Spuren hinterlassen. Er war wegen einer Frau weggegangen, einer hübschen Schweizerin, einer Schauspielerin, doch kein halbes Jahr drauf hatten die beiden sich getrennt, und nun war er allein in der großen Stadt.

„Es ist zu neblig, zu kalt.. und ich bin dauernd zu. Hamburg ist zu nass, zu verworren, zu nachlässig. Eigentlich bin ich ständig.. zu in dieser Stadt.“

Ich guckte in sein schönes betrunkenes Gesicht und ließ ihn reden. Das war das beste, was ich machen konnte. Er umkreiste stets die Wahrheit, er engte sie ein, gab ihr Spiel, fand aber nicht zurück zum ersten sinngebenden Gedanken. Das frustrierte ihn.

„Zu blöd zum Sterben bin ich am Ende wahrscheinlich auch noch.“ Mitsubishi hielt seinen Wodka auf Eis in die Höhe und prostete mir zu. „Wenn man morgens aufsteht und da ist ein süßlicher Gestank im Zimmer, ist man dem Tod wieder ein Stückchen näher gekommen“, sagte er. „In diesem Sinne.. Prosit.“

Nach einer Woche ohne Alkohol brauchte ich keine sieben, acht Bier, schon war ich am Wackeln. Ein Typ steuerte auf mich zu, den ich lange nicht gesehen hatte. Ich wusste nicht mal, wie er hieß, so lange hatte ich ihn nicht mehr gesehen. Aber ich wusste, dass er was auf der Tasche hatte, wenn er so gezielt auf mich zukam.

„Hör mal“, flüsterte er statt einer Begrüßung, „ich hab ein Stöffchen auf der Tasche, das musst du probieren..“

Ohne das aktuelle Bier aufzutrinken folgte ich ihm nach draußen. In seinem verqualmten verbeulten Honda Civic drehten wir eine Runde um den Block. Ich hatte noch einen Fuffie auf der Tasche, den ich eigentlich versaufen wollte, aber jetzt komplett setzte. Da der Knabe keine Alufolie im Handschuhfach rumfliegen hatte, von der ich das Pulver hätte rauchen können, zog ich das Pulver durch die Nase. Das halbe Pack. In einem Haps. Weg damit.

„Und sonst so?“ fragte der Kerl ohne Namen. Er hatte eine Figur wie ein Handballer. Einer, der im Rückraum hochsteigt und zzziipppp zappelt der Ball im Netz und der Torwart hat nicht mal mitbekommen, dass jemand geworfen hat.

„Was meinst du.. und sonst so?“

„Na, wie es dir geht.“

„Geht so. Gut. Glaub ich.“

„Wie jetzt? Geht es dir gut oder nicht?“

Junge, da wollte es aber jemand ganz genau wissen.

„Doch, ja. Gut. Glaub schon.“

Er gab nicht auf.

„Hast du einen Job?“

„Nachtdienst. Im Hotel. Weisst du doch..“

„Immer noch?“

„Ja. Immer noch.“

Ab und an hatte er nachts im Hotel geklingelt und gefragt, ob ich was brauchte, wobei er sich stets großzügig zeigte. Man konnte sich aber nie darauf verlassen, wann er kommt, und von Telefonbestellungen wollte er nichts wissen. „Wenn meine Alte zu Hause mitkriegt, dass ich verticke, ist sie auf und davon.“

Als er Jahre später im Rausch einen Polizisten niedergeschossen und Lebenslang kassiert hatte, erfuhr ich, dass er nie mit einer Frau zusammengelebt hatte. Ein komischer Kauz, der die dicksten Packs der Stadt verkaufte, mit einem Kreuz wie ein Auftragskiller. Und doch nur ein weiterer Süchtiger, dessen Körper sich wie ein verhätscheltes kleines Kind aufspielt, das alles daran setzt, mit seiner Lieblingsspeise gefüttert zu werden. Und als das nicht mehr gewährleistet war, drehte er durch und schoss um sich.

Als Gratis-Zugabe streute er eine kleine Straße auf die neueste PENTHOUSE-Ausgabe, die er vom Rücksitz fischte. Gierig sniefte ich das braune Pulver vom Hochglanzpapier.

„Das ist bestimmt psychisch bedingt“, meinte er noch, als er mich an der Kneipe absetzte. „Pass auf dich auf.“ Ich hatte keine Ahnung, was er meinte, fand aber irgendwie, dass er Recht hatte und beliess es dabei. Wahrscheinlich hatten wir über irgendwas gesprochen, das ich im breiten Schädel sofort vergessen hatte. Als ich kurz darauf am Tresen stand, setzte meine Erinnerung ganz aus. Ich weiß nur noch, dass Karlos zur Türe reinkommt und ich ihm mindestens drei Mal hintereinander hocherfreut versichere, dass ich was klargemacht hätte.

„Wir können schön einen blowen, wir müssen nur Alu auftreiben..“

 

Am nächsten Morgen werde ich in der Nachbarstadt wach. Sandy, Karlos Freundin, jobbt als Hostess auf einer Messe in Nürnberg und ist die ganze Woche unterwegs, es ist genug Platz im Bett. Karlos pennt noch. Mir ist speiübel, das ganze Gesicht brandrot. Lauter geplatzte Adern, bis zum Haaransatz. Mein Mund, mein Schädel, der Leib, alles übersäuert.

Als Karlos die Augen aufschlägt, blickt er mich an und hustet.

„Das war knapp, Junge..“

Ich fühle mich hundsmiserabel. Er zündet sich eine Kippe an und erzählt, wie wir nach der Sperrstunde im Wagen saßen und uns eine fette Nase machten. „Junge, knall dir nicht soviel rein“, warnte er noch, „du bist zu besoffen!“, doch es war zu spät, die Nase war bereits intus. The damage was done. Kurz darauf verlor ich das Bewusstsein.

„Dein Atem ging so flach, ich wusste nicht, was ich tun sollte. Ich hab deine Augenlider hochgeschoben, da war nur noch das Weiße zu sehen, ich hab auf dich eingeprügelt, ich hab versucht, dir Luft in die Nase geblasen, ich hab voll die Panik gekriegt, ich dachte, der Glumm verreckt mir hier auf dem Beifahrersitz.“

Erst wollte er mich in die Notfallambulanz bringen, doch auf dem Weg ins Klinikum bog er in letzter Sekunde ab und brachte mich zum Kannenhof.

„Vielleicht kriegt die Gräfin dich wach, dachte ich. Ich war total durcheinander.“

Just in dem Moment, als wir vor der Haustür am Kannenhof zum Stehen kamen, öffnete ich die Augen. „Lass mich in Ruhe, Karlos..!“ Wie das so ist, wenn man eine Weile durchgerüttelt und angeschrien wird, wenn man Ohrfeigen kassiert und eine Art Reanimation genossen hat: Man ist erstmal stinksauer, dass einen irgendeine Knalltüte herausgerissen hat aus dem Flow, zurück ins Leben.

„Blau angelaufen bin ich nicht?“

„Nee, zum Glück nicht“, meint Karlos. „Dann hätte ich dich schleunigst aus der Karre getreten.“

Was er erzählt, treibt mich aus dem Bett, lässt mich den Flur entlangstürzen, ins Badezimmer, kotzen, ich kotze Blut. Erst denk ich noch, das wäre Kaffee, was da so braun in die Kloschüssel spritzt, aber ich hab überhaupt keinen Kaffee getrunken. Und als ich mir die sämige Brühe näher angucke und begreife, was das ist, muss ich gleich noch mal kotzen, tief aus dem Inneren des Körpers heraus.

Das Blut einer ganzen Nacht.

Vierzehn Tage lang war ich clean gewesen, hatte die Finger vom Pulver gelassen. Hatte zu Hause keine verdammten Heroinbriefchen versteckt, als wären es verbotene Pornohefte – mit welchem Ergebnis? Kaum bietet sich die erstbeste Gelegenheit, schmiere ich dermaßen ab, dass der Tod schon mal Maß nimmt. Dabei hätten es sechs, sieben Bier auch getan. Aber erzähle das mal deiner Seele, wenn die Montagnacht den Tresen nach Euphorie absucht und in diesem Moment kommt ein Kerl ohne Namen daher, mit dem Kreuz eines Wasserballers und flüstert was von ich hab ein Bombenstöffchen auf der Tasche.

Ein Bombenstöffchen Heroin? Dass ich nicht lache. Dass ich mich beim Lachen nicht verschlucke, meine ich. Heroin ist nur zum kleinsten Teil im Straßenheroin. Das Gros sind irgendwelche Streckmittel. Die Zwischendealer einigen sich auf irgendeine Pampe, die als Überschrift fungiert, um überhaupt kommunizieren zu können mit der süchtigen Kundschaft. Zwei schlecht heilende Wunden hat mir die Aktion eingebrockt, genau zwischen Mittel-und Zeigefinger der rechten Hand. Wo ich die Zigarette gehalten habe, die mir runterbrannte bis auf die Haut, als ich in Karlos Wagen wegsackte, bewusstlos.

Bewusstlos.

Tags drauf, ich habe der Gräfin von dem Vorfall nichts erzählt, außer natürlich, dass ich in der Nacht bei Karlos gelandet bin, brüllt sie mich während eines Streits an, ich wäre in letzter Zeit zunehmend bewusstlos geworden, meiner ganzen Umwelt gegenüber. „Du Arschloch kriegst überhaupt nichts mehr mit! Pass auf, dass du nicht eines Tages ins Koma fällst.“

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15 Gedanken zu „König Alkohol und Heroin, Eure Lordschaft

  1. Guten Morgen Herr Glumm,

    wieder einmal eine Preziose, ein kleines Kunstwerk.
    Leider verstehen das nur sehr wenige Leute, oder Sie nehmen es mit einem schaurigen Gruseln zur Kenntnis, so wie Sie im TV einen Tierfilm betrachten, in dem ein Löwe eine Antilope erlegt und frisst, oder eine Vogelspinne eine Kakerlake.
    Ich bin so ziemlich genau in Ihrem Alter und habe, wenn auch nur ansatzweise, das Selbe erlebt, nur nie ganz so extrem, ich hatte genug Disziplin um doch noch einen Abschluss zu machen. Wie Sie an der mail Adresse unschwer erkennen können bin ich jetzt in einem anderen Kreis gefangen.
    Morgens im Büro immer erst mal den Rechner hochfahren und dann einen Ihrer Texte lesen. So erträgt man dann den restlichen Tag. Vielen Dank.
    Ein Fan.

    Frank Döderlein
    Pfullingen im Schwabenland.

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  2. ein koma ist immer eine insel. auch wenn ich inzwischen nur noch brav kiffe. ich mag die stille im kopf.
    ähem… und was macht mitsubishi boy heute denn so? wenn er immer noch allein durch hh geistert, will ich mal mit dem kaffee trinken. 😉

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  3. ich bin ein sapinner spinner ich tanze auf echten mülltonnrnnern
    biss uich aufgs mauzl fiel
    leg mich auf( s maul oben
    und tantze
    der auf der Tonne stand#d ich mag mich nicht
    einer Mülltonne am Bahnhof und und was weiss ich

    ich sang den blues auf der Topnne-.

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  4. Bis an den Abgrund gehen und davor Haltung bewahren! Klappt, wenn keiner dahintersteht und dir in´s Kreuz tritt.
    Siehst du, Du verfeinerst die alten Kamellen immer besser, ja, es bekommt einen romantischen Touch, obwohl, viele Sachen waren ja nicht so wirklich toll, manche allerdings schon! Du hast überlebt, immerhin. Grüße Kater Karlo

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