Ein Glumm


Ein kleiner Glumm, 1961/62

*

Der kleine Junge, der inmitten der lärmenden Kindergartengruppe in die Linie 3 Richtung Wuppertal-Vohwinkel eingestiegen war, steuerte zielsicher den freien Platz mir gegenüber an und kletterte auf den Sitz.

Er ließ die Beine baumeln.

Die Schuhe trugen winzige Stahlkappen.

“Wie heißt du eigentlich?”

Er stellte die Frage in einem Ton, als hätten wir uns bereits seit Stunden unterhalten und als wolle er nun endlich wissen, mit wem er es hier zu tun hatte, verdammt noch mal! Das wird man ja wohl noch erfahren dürfen!

“Andreas”, antwortete ich erstaunt.

“Und mit Nachnamen?”

“Ähm.. Glumm.” Ich stellte mich vor. „Andreas Glumm.“

“Wie?”

“Glumm.”

Er kicherte leise. “Glumm? Was ist das denn, ein.. Glumm?”

“Na, das bin ich. Ich bin ein Glumm.”

Er guckte mich verständnislos an, aus großen fruchtigen Augen. “Und wo willst du eigentlich hin?”

„Ja, das möchte ich auch zu gern mal wissen“, sagte ich.

Er verstand nicht. „Wieso..?“

“Ach wo, schon gut. Ich muss ein paar Sachen erledigen. Dann fahre ich zum Krankenhaus. Meinen Vater besuchen.“

„Deinen Vater besuchen?? Warum?“

„Weil der alt ist.“

„Ja? Ist der tot?“

„Nein, er ist alt und krank. Deshalb ist er im Krankenhaus. Da wird er wieder gesund gemacht.“

Man sah die vielen Informationen in seinem Köpfchen hin- und herflitzen, wie beim Air Hockey.

„Und du?“ fragte ich. „Wo willst du hin mit deinen Kameraden?”

“In die Kinder-Uni.”

“Die Kinder-Uni..?”

“Ja. Kinder-Uni.”

“Kenne ich nicht. Wo ist die denn, die.. ?”

“Frau Kaiser..!! FRAU KAISER!!“

„Ja, Moritz?“

„WO IST DENN DIE KINDER-UNI?”

“In Elberfeld, Moritz.”

“In Elberfeld..”

Wir fuhren noch einige Stationen, ohne ein weiteres Wort zu verlieren, dann war mein Ziel erreicht. Sobald ich aufstand und meinen Sitz räumte, nahm ein weiterer kleiner Kommilitone Platz, der bislang im Gang gestanden und stoisch in seinem Comic gelesen hatte, JETZT MIT NOCH MEHR MONSTERN.

“Machts gut, Moritz”, sagte ich, als die Tür aufging.

“Du auch, Glumm.”

Advertisements

4 Gedanken zu „Ein Glumm

  1. Herrlich,
    die „kopflosen“ Eltern (?) im Hintergrund, und vorne das Kind mit einem Gedichtsausdruck, der zu meinen scheint: Ich kann nix dafür, ich bin auch nur ungefragt hier gelandet😉, hier auf dem Bild, im Leben …

    Gefällt 1 Person

  2. Goldig. So was ähnliches ist mir auch mal passiert:

    Fremdes Kind: „Wer bist du denn?“
    Ich: *Rufnamen gesagt* (leitet sich vom Nachnamen ab)
    Kind: „Aber dich gibt’s doch in echt. Ich seh dich doch.“

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.