Das Leben ist gekommen, um es hinter sich zu lassen

„Ich glaube, wenn ein Mensch einmal etwas ganz Schlimmes getan hat, ohne dass er dabei erwischt wurde oder vor Scham im Erdboden versunken ist, dann könnte es passieren, dass er sich daran gewöhnt, schlimme Dinge zu tun – immer wieder. Genauso, wie man sich daran gewöhnt, gute Dinge zu tun. Der Unterschied ist nicht so groß, wie man vielleicht glauben mag.“

– Die Gräfin –

*

Es gibt so viel zu erzählen und so oft die Klappe zu halten, manchmal weiß man überhaupt nicht, was gerade an der Reihe ist.

*

Bushaltestelle Gräfrath. Auf der Bank sitzt ein Raucher, um die sechzig, schmales Hemd, halbe Glatze, Plastikschuhe. Insgesamt verwohnt, der Anblick.

Wir warten gemeinsam auf den Bus.

Ich sende eine SMS an die Gräfin, um letzte Modalitäten bezüglich des Montag-Einkaufs zu klären – Basis-Müsli, ja, nein – , als die elektronische Info-Tafel eine 5minütige Verspätung der Linie 83 anzeigt.

„Muss man ja haben“, meint der Raucher unvermittelt.

Er blickt auf das Telefon in meiner Hand.

„Ja?“ sag ich.

„Ja.. Ich hab ja jetzt auch eins.“

Er spricht langsam. Er betont jede Silbe, wie Menschen das gelegentlich tun, die lange daran gearbeitet haben, deutlich zu sprechen. Ein gewisser Stolz schwingt dabei mit. Versteht sich. Ist ja keine leichte Sache, das mit dem späten Lernen.

„Ja. Ich hab auch eins jetzt.“

Gut. Ich sehe da zwar kein Handy in seiner Hand, aber ist ja keine Verpflichtung, eins zu zeigen. Noch nicht. Wir warten auf den Bus. Irgendwas stinkt.

„Hab ich bei der Telekom gekauft.. neunzehn neunzig“, sagt er und widmet sich seiner Filterzigarette. Er raucht nicht, er saugt. Ein Säugetier, ein Filtertier. Seit ich nicht mehr rauche, seit 6 Jahren mittlerweile, genieße ich jede einzelne Zigarette, die in meiner Gegenwart abbrennt, Zug für Zug, Dunst für Dunst. Es sei denn, und das passiert öfter, als man denkt, der schöne blaue Tabakdunst wird vom schlimmen Mundgeruch des Rauchers überlagert.

Obwohl wir gut anderthalb Meter voneinander entfernt sind, kommt ein käsig-warmer Gestank bei mir an, es lässt sich nicht ignorieren. Es kommt tief aus den Eingeweiden des Mannes und wird noch verstärkt von seinen ungeputzten Zähnen, von in den Zahnzwischenräumen eingepressten Weißbrotbröckchen. Frühstücksresten. Ich bin fasziniert und angeekelt zugleich. Ich meine, ich bin schließlich auch nur ein Kameramann. Montagmorgen, neun Uhr.

Er, ein schmales Hemd, um die sechzig.

Chinesische Plastikschuhe.

„Hab ich aber Pech gehabt mit dem Handy. War der Akku kaputt. Wo krieg ich denn einen neuen her, hab ich im Laden gefragt, einen neuen Akku, hier, beim An- und Verkauf am Graf Wilhelm-Platz oben. Ja, und was war? War ich direkt noch mal zwanzig Euro los. Aber ich brauche das Handy ja nicht oft. Nur wenn ich nächstes Jahr in Urlaub bin und meine Schwester anrufe..“

Er saugt schwer an der Zigarette, und der Käse zieht Fäden.

„.. um ihr zu sagen, dass alles in Ordnung ist“, führe ich den Satz für ihn fort, ungefragt, damit der Satz schneller zu Ende ist.

„Genau. Ja. Und wenn ich Freitags beim Gesangsverein bin“, lächelt er, „dann brauche ich das auch.. das Telefon..“

„Meigener?“ frage ich, jetzt doch interessiert.

„Kotter“, antwortet er, und nickt zufrieden.

Ich sehe es vor mir, wie die Chorprobe eines der ältesten deutschen Männergesangsvereine aus dem Ruder läuft, weil ein langjähriger Gesangsbruder aus dem Hals aast. Wie die große Solostimme inmitten seiner wohlparfümierten Sangesbrüder plötzlich Unmengen von Platz hat um sich herum. Der Welten Gestank ist der Welten unendlicher Raum. Das Universum ist schwarzer Käse.

Endlich kommt die Linie 83 angekrochen, den Berg rauf aus Wuppertal-Vohwinkel. Es ist schwülheiß an diesem Montag, echtes Apnoe-Wetter. Die Luftfeuchtigkeit so hoch, man glaubt, man spaziere durch einen langen modrigen Baumwolltunnel. Ich wische mir den Schweiß von der Stirn, mit dem Hemdsärmel.

Manchmal möchte man ein kleines Gegenfeuer zünden, nur um die Sinne zu beruhigen.

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6 Gedanken zu „Das Leben ist gekommen, um es hinter sich zu lassen

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