Die Geschichte einer Diebin

Abendspaziergang, Mitte Juli. Der Himmel in Phosphorstimmung, der Wind blafft um die Häuser. Es nieselt. Der Hund verdrückt sich mit einem Stöckchen ins Buschwerk am großen Ententeich, als ginge es mit der Zeitung aufs Klo.

„Guck mal dahinten, ist das nicht der Karim?“

„Wo?“

„Na, da vorn..! Im hohen Gras.“

„Das ist doch nicht der Karim“, sag ich.

„Das ist der Karim. Wetten? Komm mit.“

Es ist Karim.

„Hallo ihr zwei.“

Karim, ein kleiner aufrechter Mann aus Teheran, ist schon lange Jahre in Deutschland, mit einer sehr elastischen persischen Grundstimmung. Er hat einen schwarzen Schnurrbart und bis vor einiger Zeit regelmäßig unseren Wagen repariert, er hat geschickte Hände, ein praktisches Gemüt. Da Karim niemals Geld für seine Bemühungen haben wollte, revanchierten wir uns stets mit etwas Haschisch. Seitdem wir nicht mehr kiffen, repariert jemand anderes unser Auto. Jemand, der Geld nimmt. Man gerät schnell in die übliche Maschinerie, wenn man mit dem Kiffen aufhört, aber ich vertrage es nicht mehr. Die Nerven spielen mir einen Streich, sobald ich rauche. Einen Streich nach dem anderen, einen langen, sehr langen Streich, ich wünsche mir irgendwann nur noch, dass die Wirkung endlich abflaut. Und tatsächlich, wenn es nachlässt, wird es plötzlich besser. Aber wenn man jedes Mal erst durch das Chaos hindurch muss, um zur gewünschten Entspannung vorzudringen, das ist zu anstrengend. Das macht keinen Sinn. Andererseits kenne ich Leute, die das Kiffen früher nicht vertragen haben, die aber heute fröhlich ihr Pfeifchen stopfen, mit Mitte Fünfzig. Entwicklung ist selten eine Einbahnstraße. Alles rast hin und her.

Karim steht im hohen Gras und hat eine Plastiktüte in der Hand, vollgestopft mit Löwenzahn.

„Für unsere Meerschweinchen“, grinst er, stolz den Schnurrbart gereckt. Während er Grünzeug rupft und eine zweite Tüte befüllt, erkundigt sich Karim, ob wir das auch schon gehört hätten.

Was?

Na, das mit Runa, sagt er und ist ganz verblüfft, dass wir nicht einmal wissen, wer das überhaupt sein soll. Runa.

„Na, unsere Elster..! Nein? Kennt ihr nicht? Nie von gehört? Die haben wir doch bei uns zu Hause im Garten gefunden, sie konnte nicht mehr fliegen, ganz abgemagert war sie. Der Flügel hatte einen kleinen Knacks, ein Beinchen war angebrochen…“ Er blickt uns um Hilfe heischend an. „Ist aber schon… bestimmt ein Jahr her.“

Karims Familie nahm sie in Obhut und päppelte sie auf. Karim reparierte ihre Federn, schiente das Beinchen mit einem McDonalds-Strohhalm. (Karim kann gut mit Autos und Elstern.) (Seine Frau ist Journalistin.) Ein engagierter Mann, und ein großer Freund von Vögeln. Er ist fest davon überzeugt, dass jeder Vogel beim Landevorgang einmal kurz in die Flügel klatscht, kaum wahrnehmbar, ein kleines Bravo! Hier bin ich, Leute!

Mit der Zeit wurde Runa immer zutraulicher. Sehr ungewöhnlich für eine Elster, betont Karim. Meist saß sie auf ihrem Parade-Baum im Garten und begrüßte keckernd die Kunden, die zum alten Schuster um die Ecke wollten. Der Schuster ist über neunzig Jahre alt und nagelt und besohlt immer noch Schuhe in der eigenen kleinen Werkstatt, weil er sein Leben lang nichts anderes getan hat, der alte Schuster, warum soll er nun damit aufhören, wo er neunzig ist. Das macht doch keinen Sinn. Die Hände des alten Schusters sind ein Geheimtipp in der Stadt, wenn es um die Reparatur von guten Schuhen geht.

„Abends saßen meine Kinder am Fenster und warfen Runa Käseecken in den Garten“, erzählt Karim.

Die Elster wartete schon sehnsüchtig auf die Abendspeisung. Sie schnappte sich die Beute und verteilte sie auf ihr ganzes Revier. Versteckte hier ein Stückchen Gouda, da ein Stückchen Emmentaler, dort den Chester-Ersatz. Was gerade so Ambach war im Käsebusiness am Pappelweg.

„Am Ende lagen locker zwei Pfund Käseecken verteilt im Garten, in allen möglichen Ecken.“

Runa war ein Nimmersatt. Sie nutzte jedes nachlässig geöffnete Fenster in der Nachbarschaft, um Essensreste und Besteck vom Küchentisch zu stibitzen, es verschwanden ganze Münzsammlungen und ein silbernes Schmuckkästchen sowie Klopapier in haushaltsüblichen Mengen. Runa war eine passionierte Diebin. Stibitzen war ihr Leben. Keine fünf Minuten nach dem letzten gelungenen Raubzug saß sie wieder auf ihrem Stammplatz im Paradebaum und totterte mit dem alten Schuster, als wäre nichts geschehen.

Oder sie spazierte mit spitz aufgestelltem Schwanz die Straße rauf und runter und hielt Hof. Ganz die Grande Dame.

„Die Straße war ihr natürlicher Laufsteg, sie liebte Asphalt. Wiesen verabscheute sie. Runa spazierte niemals über weiches Gras, das war nichts für sie.“ Karims Augen leuchten. „Aber so richtig verrückt war sie nach Klunkern und billigem Talmi. Sobald es irgendwo funkelte und glitzerte, war Runa zur Stelle. Wäre sie als Mensch zur Welt gekommen, dann als Taschendiebin.“

Wenn die Kinder mittags nach der Schule angelaufen kamen und nach Runa riefen, keckerte sie fröhlich zurück. Die ganze Nachbarschaft liebte die Elster. „Und Madam war gelehrig.“ Sie tippelte nicht nur gekonnt über den Catwalk, („wie die Klum“, so Karim), nach einem halben Jahr schaffte sie es selbst, den Klingelton des Mobiltelefons nachzuahmen, das Karim benutzte.

„Besser als jeder Papagei. Manchmal wussten wir nicht mehr, wo uns der Kopf stand. Wir fragten uns, ist das jetzt das Telefon, das klingelt, oder will Runa uns wieder mal auf den Arm nehmen…“

Und dann war der Vogel plötzlich verschwunden. Ohne eine Spur zu hinterlassen. Keine ausgerupften Federn, nirgends ein Blutfleck, nichts, was auf den Hinterhalt einer Katze schließen würde.

„Sie ist uns gestohlen worden, unter Garantie, das war Diebstahl auf Bestellung. Eine zahme Elster ist ja etwas besonderes, das gibt’s nicht oft.“ Erst jetzt fallen mir Karims Augen auf, sie sind rot und aufgeschwemmt. Ob nun vom Kiffen oder aus Trauer, schwer zu sagen. „Da hat jemand mitgekriegt, wie geschickt Runa ist, wenn es ums Klauen geht. Jetzt wird sie abgerichtet auf Trickdiebstahl, auf Juwelen und teuren Schmuck. Sie ist ja perfekt für Rififi, unsere Runa.. über den Dächern von Nordrhein-Westfalen.“

Der Gag zündet nicht richtig. Ist zu traurig, die Geschichte. Karim hat genug Grünkram gesammelt für seine Meerschweinchen, zwei dicke Tüten voll. Zum Abschied reicht er uns die Hand, ein fester Druck. Fast ein Quetschen. Als er der Gräfin gegenüber vor Jahren erstmals erwähnte, dass er aus Teheran stammt, war sie verdutzt. Sie hatte ihn für einen Indio gehalten. Irgendwo da oben aus den Anden. Einen Südamerikaner.

„Ich finde immer noch kleine Käsestückchen im Garten, die Runa vergraben hat. Und gestern buddele ich zwei silberne Löffel aus, die wir schon vermisst hatten. War noch getrocknete Marmelade dran, ein bisschen.“

Dass unser Wagen, ein kleiner silberner Hyundai, ein Winzling, neuerdings seltsame Geräusche von sich gibt, wenn er in der Kurve liegt, (es klingt fast, als würde eine trächtige Hündin etwas von den Beatles singen), davon hätten wir Karim vor einer Weile noch erzählt, doch Karim ist nicht mehr unser Schrauber. Er erfährt nichts davon. Lohnt ja nicht, das noch zu erwähnen.

Wir schauen dem kleinen Mann aus Teheran hinterher, bis er den Park verlassen hat.

„Jetzt stehlen die Leute sich schon gegenseitig die Vögel“, meint die Gräfin kopfschüttelnd. „Soll ich dir was sagen? Die menschliche Spezies ist voll schadhaft. Ich glaube, erst wenn alles geklaut und aufgefressen ist auf Erden, ziehen wir weiter.“

Ich bin nicht ganz bei der Sache. Es geht mir oft zu schnell, die Abfolge der Ereignisse, die sich vor meinen Augen abspielt. „Was..? Wohin? Wo ist der Hund hin, sagst du…?“

Leo kommt misstrauisch aus dem Teich-Gebüsch gekrochen, eine braune Entenfeder im Fell, und späht dem Indio hinterher.

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12 Gedanken zu „Die Geschichte einer Diebin

    • Die Geschichte mit der Elster ist wahr. Klahr. Sie stammt aus der Ecke 2008/09 und gehört zu den Stories, die ich wahrscheinlich sofort wieder vergessen hätte, hätte ich sie nicht sofort aufgeschrieben, nachdem sie mir erzählt wurde. Ich bin überhaupt manchmal überrascht, was ich so in meinen alten Notizbüchern entdecke und woran ich mich nicht die Bohne erinnere. Direkt aufschreiben ist King.

      Gefällt 2 Personen

      • Hauptsache du kannst die Klaue noch entziffern
        wo einem der Stift ausrutscht im heftigen anfall von !die Blase ist voll““

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  1. diebische Elster wurde geklaut..-
    oder entführt
    das hat was weises
    wie du mir so ich ……
    die hat den Käse nicht umsonst verbuddelt und sitzt bestimmt bald wieder im Baum mit ihrer neuen Familie.

    Gefällt 1 Person

  2. Mir schwindet auch so manches aus dem Gedächtnis, diese, auch noch wahre Geschichte, wird mir im Gedächtnis bleiben. Elstern, wie alle Krähenvögel, sind so klug!

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