Whatever happened to the Teenage Dream

Der Abschleppdienst nahm den fabrikneuen Datsun Cherry an den Haken und zog ihn aus dem Haufen Schutt – die Schnauze des Wagens war komplett im Schotter verschwunden. Der Wagen gehörte dem dicken Hansen, der eigentlich nicht dick war, nicht wirklich. Er war gemäßigt breit, doch damit kam er nicht durch, nicht bei seinen Kumpeln. Für uns blieb er Zeit seines Lebens der dicke Hansen, und da konnte er zwischendurch noch so viel abspecken – nichts zu machen, Fat Boy. Aus einem Spitznamen lässt sich nicht einfach heraushungern, ein Spitzname ist für die Ewigkeit.

Es dauerte Jahre, bis ich den Totalschaden bis auf den letzten Pfennig beglichen hatte, in schmerzhaften kleinen Raten, in bar, zu Beginn eines jeden neuen Monats, an Hansens Großmutter. Sie hatte den ozeanblauen Neuwagen ihrem dicken Neffen zum 18. Geburtstag geschenkt. Das Gros meiner Schulden beglich ich noch während meiner Zivildienstzeit, obwohl ich da besonders knapp bei Kasse war. Aber wann zum Henker war ich eigentlich mal nicht knapp bei Kasse. Abgesehen von ein paar Ausnahmen.

Etwa als wir in einer Winternacht eine fette Kellnerbrieftasche in der Fußgängerzone fanden, randvoll mit Fünfzigmarkscheinen und zahllosen Fünfmarkstücken. Die riesige schwarze Krösusbrieftasche lag im Lichtschein einer Straßenlaterne, ohne jeglichen Hinweis auf den Eigentümer. Wir teilten die Beute gerecht unter vier Jungs auf. Eine Weile kannte ich keine Sorgen. Immer, wenn ich zu Hause ins Regal griff, zog ich ein, zwei Scheinchen hervor sowie ein Dutzend klimpernder Heiermänner, ein Glücksgriff wurde tägliche Normalität. Es hätte ewig  so weitergehen können. Stattdessen fuhr ich den Datsun zu Schrott und machte Schulden.

Im Morgengrauen lag Hansen in der Wipperaue auf dem Sofa und schlummerte, während ich vorsichtig den Wagenschlüssel aus seiner vorderen Hosentasche frickelte.

“Scheiße, lass lieber”, versuchte noch sein jüngerer Bruder mich von dem Vorhaben abzuhalten, bevor auch er in Pepes ansteckendes leises Gegacker einfiel.

“Psst..”, flüsterte ich, “haltet euer Maul!”

Bis auf den dicken Hansen waren wir alle wach in dieser Nacht, alle waren betrunken und bekifft. Wir waren dauernd betrunken damals und ohne Kiffen ging gar nichts. Schon gar nicht in der Wipperaue. Eine großartige Zeit. Pepe und sein großer Bruder hatten in der Hofschaft an der Wupper ein altes Fachwerkhaus gemietet. Die Decken waren so niedrig, dass wir uns nur mit eingezogenem Kopf bewegen konnten. Mit Süßigkeiten verziert, wäre es als Lebkuchenhaus durchgegangen. Jahrhunderte alte Holzbalken, das Haschisch wurde pfundweise im Pferdestall versteckt.

Es dauerte, bis ich es geschafft hatte, die Autoschlüssel aus Hansens eng anliegender, vom Körperfett eingekeilter Hosentasche zu friemeln, ohne dass er aufwachte. Wir waren zu viert: Pepe, Karlos, der Bruder vom dicken Hansen und ich.

“Fahren!! Fahren!!” rief Karlos, als wir draußen vorm Wagen standen. Er knipste mit Daumen und Mittelfinger, ein aufgeregter Pennäler mit hektischen Bäckchen. Vermutlich meinte er “Lasst mich fahren!”, doch Karlos war definitiv zu stoned, um noch ein halbwegs schlüssiges Satzschema auf die Reihe zu kriegen.

“Erstens: Ich hab Heimrecht!”

Pepe wusste, was er wollte. Pepe übernahm die Führung, es sei denn, er sah Schwierigkeiten. So wie in diesem Fall, denn weiter hörte man nichts von ihm. Hansens Bruder hielt sich raus. Nicht ohne Grund: Sein eigener Japaner, ein fabrikneuer Nissan, ebenfalls von der gemeinsamen Oma spendiert, stand um die Ecke, und er war heilfroh, dass es nicht ihn erwischt hatte. Dass nicht er es gewesen war, dem ich morgens um fünf den Schlüssel gezogen hatte, während die Anderen um den Glasbong herumsaßen und krankes Zeugs ausbrüteten. Dann schon lieber sein Bruder.

Die Wipperaue war eine kleine Hofschaft nahe der Wupper und bestand aus Fachwerkhäuschen und einem Pferdestall. Die Häuschen hatten den Schwamm in den Wänden. Wenn ich in der Wipperaue übernachtete, waren meine Klamotten am nächsten Morgen klamm wie nach einer Woche im Moor, und es dauerte jedes Mal seine Zeit, bis man die Moorleiche aus den Kleidern hatte.

Maria war die Lebensgefährtin von Pepes Bruder, ein launisches Flittchen mit kräftigen Waden, das von Zimmer zu Zimmer wuselte und die plärrende Mutti gab. “Kifft nicht soviel! Bringt das Leergut weg! Sagt nicht dauernd Fotze!” etc. Das kam besonders bei Pepe schlecht an, der gerade von zu Hause ausgezogen war und keine Lust auf Vorhaltungen hatte. Doch auch wir anderen Jungs waren genervt. Wir hatten genug Mutti daheim, es brauchte keine plärrende Maria der Wipperaue.

Dann war da noch Snoopy, der Hofschaftshund. Dumm wie ein Union-Brikett, aber immer wie aus dem Ei gepellt, immer wie mit edelster Schere getrimmt, auch wenn nie jemand gesehen hatte, dass irgendwer Hand an sein Fell legte. Snoopy war ein feiner Hund, man konnte ihn wunderbar veräppeln. Man hielt ihm ein Stöckchen hin, Snoopy sprang hoch, ganz narrisch wurde er und aufgeregt, doch kurz bevor er zuschnappte, zog man das Stöckchen fort und seine Zähne schnappten krachend ins Leere, wie eine vergebliche Kastagnette. Wir hatten viel Spaß mit Snoopy. Er war ein Blödmann der Sorte Charlie Brown.

Ich schloss die Fahrertüre auf. “Wir können uns ja abwechseln.” Karlos und Pepe waren einverstanden. Nur Hansens Bruder sagte nichts. Aber er sagte im Allgemeinen nicht viel. Auch jetzt nicht, kurz nach fünf, Sonntagfrüh, Sommer 79.

“Scheiße, wie geht die Mistkarre an?” brüllte ich gegen die Gitarrenriffs an, die aus den HiFi-Lautsprechern schallten. Die Reihenfolge der Songs hab ich heute noch im Ohr. MC 5: KICK OUT THE JAMS/Bowie: YOUNG AMERICANS/T. Rex: DANDY IN THE UNDERWORLD/T. Rex: WE LOVE TO BOOGIE.

“Ich dachte, du hättest schon Fahrstunden gehabt”, brüllte Pepe. “Du musst doch wissen, wie ein Auto anspringt!”

“Hat der Glumm schon alles vergessen”, antwortete Karlos, worauf es etwas ruhiger wurde in dem Viertürer. Dass ich nicht mal wusste, wie man ein  Fahrzeug ans Laufen kriegte, streute erste Bedenken, ob das auch in Ordnung ging, was wir da abzogen, ob das mit dem Gewissen vereinbar war. Pepe beugte sich über mich und drehte den Schlüssel im Zündschloss herum. “Jetzt Kupplung treten, Gang einlegen, langsam Gas geben..!” Ich gehorchte, und der Datsun vollführte Bocksprünge. “LANG-SA-MER!” riefen alle, und die Karre soff fast ab unter dem Gejohle. Ich probierte es weiter, langsam, bis es endlich klappte.

Ich blieb drei Kilometer im ersten Gang.

“WIILLST DU NICHT LANGSAM MAL IN DEN ZWEITEN GANG SCHALTEN, GLUMM!?” Pepe war genervt, und auch der kleine Bruder vom dicken Hanse verdehte nur noch die Augen. Er fühlte sich in Teilen verantwortlich für die Situation. Schliesslich gehörte der Wagen seinem älteren schlafenden Bruder, und er, der jüngere, hatte den Diebstahl nicht verhindert. Er war die größte Sau im Dorf.

Ich schaukelte die Bande immer der Wupper entlang, bis es rauf nach Wermelskirchen ging und ich schneller wurde, riskanter fuhr. Wenn ich aus dem Seitenfenster blickte, taten sich Abgründe auf. Allerdings sah ich schlecht.

Im Wageninneren ging es hoch her. Aus den Speakern wummerte WHATEVER HAPPENED TO THE TEENAGE DREAM, die berüchtigte Kurz-Oper von T. Rex, die Karlos und ich mitjohlten, als ich vor einer Kurve das Pedal verwechselte. Statt der Bremse drückte ich mit meinem starken rechten Schussbein das Gas durch. Der Motor heulte irritiert auf und wir flogen von der Fahrbahn, rein in die

“.. KARPATEN!”

brüllte Karlos, und Pepe, ganz durcheinander, fauchte noch “FALUTSCHAA VOSICHTIG!”, zu spät. Der Wagen krachte in einen Haufen schwarzen Schotter, der am Waldrand aufgeschüttet war, rrummmzss!, und blieb stecken. Wäre nicht ausgerechnet in dieser Kurve Streusplit aufgeschüttet gewesen, das Tempo hätte uns geradewegs vor den nächstbesten Baum getragen. Die Schnauze des Datsun Cherry verschwand komplett in der anthrazitgrauen Masse. Es war, als steckten wir in einer Höhle: vorne der finstere Tod, hinten Tageslicht. Die Karosserie war so verzogen, wir bekamen die Türen nicht auf und mussten über die Sitze klettern und durch den Kofferraum aussteigen. Überall Schotter und Granulat, Steinchen schoben sich durch jede Ritze. Die Kassette drehte sich die ganze Zeit weiter, ohne Erbarmen:

T. Rex, Jitterburg Boogie.

“Totalschaden!” Karlos glühte wie eine Festpackung Mon Cheri. “Garantiert!”

“Du Idiot!” fluchte Hansens Bruder, die bitteren Vorhaltungen seines großen Bruders schon im Ohr – zu Recht, wie ich fand: “Wie in aller Welt konntest du den besoffenen Glumm ans Steuer lassen?!”

“Aber echt!”

Ich bin danach nie wieder Auto gefahren. Ich hängte das Autofahren an den Nagel. Nur ab und an, wenn sich im Urlaub eine schnurgerade südfranzösische Landstraße vor uns auftat, übergab man mir mit großzügiger Geste das Lenkrad, das ich dann kurz mal vom Beifahrersitz aus halten durfte, doch ans Gaspedal ließ mich niemand mehr ran.

Nicht mal einen Monat später waren wir spätabends im Oberbergischen unterwegs, alle Mann sturzbesoffen, im Nissan von Hansens Bruder. Am Steuer: Karlos, der genauso wenig wie ich einen Lappen hatte. An der Abbiegung von Wermelskirchen runter nach Glüder verlor Karlos die Kontrolle über den Wagen und setzte ihn, ohne groß zu bremsen, VORSICHT! KARLOOOS! frontal vor eine Hauswand und drückte dabei noch einen kirschroten Kaugummiapparat in den dahinterliegenden Ziergarten.

17 Gedanken zu „Whatever happened to the Teenage Dream

  1. Mein lieber Andreas, wie freue ich mich, dass Du wieder so viel schreibst. Du, d. h. Deine Geschichten vermisse ich sofort.
    Solche FreundInnen würde ich mögen, die mir nicht auf die Pelle rücken und mir trotzdem gute Geschichten erzählen!

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  2. Hey Kurt mit dem größten Respekt aber gerade hast du den kleinen Bruder vom dicken Hansen „Kurti“ getauft!!
    Gruß
    Ralle !!

    Hahahaha ..………

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