Struktur und Story


 

Geschichten sind alles, was wir haben. Mit dem Erzählen von Geschichten versichern wir uns gegenseitig unsere zufällige Existenz. Erst Geschichten verleihen unserem Dasein die Struktur, die wir benötigen, um wenigstens halbwegs so aus der Nummer rauszukommen, als wäre alles geplant gewesen. Als hätte es gar nicht anders kommen können.

Gäbe es da nicht die Grundschwierigkeit jedes authentischen Erzählens: dieses dauernde Sich-nicht-erinnern-können. Dieses verfluchte Alles-was-man-nicht-sofort-aufschreibt-ist-für-immer-verloren. Dieses verdammte Gedächtnis.

Oder wie mein alter Freund Karlos es mal auf den Punkt gebracht hat: „Diesen Tag werde ich nie vergessen,“ schwärmte er, „obwohl ich mich an nichts erinnern kann.“

Welch ein Satz!!! Welch ein Treffer!! Welch hochrangiger Gast im Landstrich Lakonia!

*

Manchmal sind die Geschichten noch warm, wenn ich heimkomme und mich an den Schreibtisch setze. Es ist wie in der Bäckerei, wenn einem die Verkäuferin beim Verlassen des Ladens aufgeregt hinterherschnattert, „junger Mann, nicht zumachen die Tüte, die sind noch ofenwarm, die müssen noch atmen… sonst werden die weich!“

„Wer..? Die Geschichten?“

„DIE BRÖTCHEN!“

*

Wenn ich mir überlege, wieviel abertausend kleiner und mittelkleiner Erlebnisse schon abgetaucht sind auf den Grund meines Gedächtnisses, wo Unmengen von Schwarzen Rauchern herumsitzen und nur darauf lauern, alles aufzurauchen, was ihnen vor den Schlund kommt, alles, was nicht niet-und nagelfest in irgendeinem Notizbuch abgespeichert ist, in ganzen Sätzen am besten, in dieser elenden Grundschulklaue, diesem Gekritzel, das macht mich noch ganz kirre. Sonst ist alles fort! Alles verflogen! Alles für die Katz erlebt!

Erst wenn mir Jahre später eine längst verschollen geglaubte Anekdote in einem alten Notizbuch begegnet, eher zufällig, weil ich eigentlich etwas ganz anderes gesucht habe, erst dann öffnet sich plötzlich eine alte Tür und eine vage Erinnerung steht auf der Matte und wartet mit großen glänzenden Augen darauf, in die gute Stube gebeten zu werden.

„Alter Halunke..! Komm rein!“

Leg ab!

Und erzähl!!

*

Henrystutzen. Manchmal reicht ein einziges aufgeschnapptes Wort, schon taucht man entschlossen ab in seine eigene Jugendherberge. Oder Halifax.

Admiral Benbow.

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17 Gedanken zu „Struktur und Story

  1. du Schattenspender du!
    ich hatte mal einen Standventilator , der nur im weg rumstand und so
    ich trat ihm öfter auf die Füsse ungewollt , bis der verbeulte Fuss samt gummiproppen
    echt kaum noch gerade stehn konnte
    er wackelte nur so
    stufe 3 ging garnich……dafür hatte ich heute eine art Eingebung
    der neue Tischventilator war schnell am laufen
    trotz Bedienungsanleitung.

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  2. Aus lauter Frust über wegbrechende Erinnerungen hab ich mal eine geklaut. Ich dachte im Ernst, bei einem Rockkonzert dabei gewesen zu sein, bei dem ich objektiv nicht dabei gewesen sein kann, nur weil mein Freund vor vielen vielen Jahren davon so eindringlich berichtet hatte.

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  3. da möchte man an der Uhr drehn um nochmal im Schelle durch die Kabinenlöcher wichsen
    diese einzigartigen Geräusche ,der Klang ,der erste Blick auf den Fünfer und das himmelblaue Schwimmbecken
    man konnte es kaum erwarten
    das abwarten
    in der Schlange morgens um zehn
    ich hab schon schlingel beobachtet ,die unter der Zahlstelle ,wo man sein Ticket kaufen muss
    und die Ähnlichkeit mit einem Kiosk war verdächtig ,einfach abtauchten …
    um denn berühmt abgefangen wurden mit roten Bäckchen
    genau so musste der Tag anfangen -nicht anders
    wenn man sich nach Feierabend noch was mithelfen wollte hatte man für morgen schonmal ne Freikarte.
    genial!!

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  4. und das Knistern natürlich
    diese besondere Spannung am Hang unter der Leitung
    da wurde Strom erzeugt in unseren jungen Herzen
    und mansch Verabredung landete im
    Planschbecken mit Steissbruchrutsche.

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  5. Diese cut-up-Technik macht dem Kurt so schnell keiner nach. Herrliche Kommentare!

    Oder Träne, und schon bin ich wieder der verträumte Libero, der seinen Zenit hinter sich hat.

    Kann alles unterschreiben, was Du zum Schreiben schreibst.

    Gruß vom Bodensee,
    Uwe

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      • ich finde wo ich kann ..
        einmal mussteich beim parken mitansehn wie eine Volleyballpille über den Zaun flog in meine Richtung ,direkt vor der Haube ,landet vor meiner Nase
        ich weiss nicht was ich da zu suchen hatte..?
        vielleicht musste ich mal kurz anhalten
        um die Pille da rauszu buksieren brauchte ich Geduld und Schweiss
        im Hintergrund die Stimmen von Spielern die am suchen sind
        ich gabelte dat Ding , von unten wo sonst hoch und höher
        beim erstebmal hats nich geklappt
        über den fast zwei meter hohen Drahtzaun
        indem ich durchgriff und mich hoch wurschtelte bis ich ihn in Händen hielt
        Volleyballteams kamen aus der ganzen Welt um sich fit zu machen
        für die WM in Brasilien
        und ich hatte die Weltmeisterpille geklaut und eingesackt
        ich hörte noch who is the ball oder so..
        hihi…

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  6. Ich habe ein kleines Diktafon, in das man – wenn man die Batterien nicht vergessen hat zu wechseln – jederzeit reinquatschen kann, aber bisher immer vergessen es mitzunehmen oder es neben das Bett zu legen (für Einfälle nachts oder nach dem Aufwachen). Könnte man ja eigentlich immer dabeihaben und abends abtippen, nä?

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