Das Leben ist von langer Hand geplant, erzähl mir nichts

  Bei der Aufarbeitung der Vergangenheit gliedert sich manches neu.  Die Kameras stehen in einem weiteren Winkel, die Dialoge sind verweht, die Kostüme ein Witz, und du erkennst:

Man war eigentlich ein ganz anderer.

*

Einen Monat vor ihrem Tod an Weihnachten 2010 feierte Mutter ihren 83. Geburtstag in der St. Lukas Klinik. Wir hatten einen großen Tisch in der Cafeteria gedeckt und ein bisschen dekoriert. Tannenzweige, schöne Servietten, Glitzersterne. Während die Familie schon Platz nahm, fuhr ich mit dem Aufzug hoch zur Station, um Mutter abzuholen.

Auf dem Weg zur Pflegegruppe kam es zu einer Begegnung mit dem Tod, die ich im Nachhinein als Vorbote der Geschehnisse rund um meine alten Eltern deutete – ein junger Bursche war’s. Blond, vielleicht zwanzig Jahre alt, völlig aufgelöst und verzweifelt. Er kam gerade von derselben Station, auf der auch unsere alte Mutter lag, und er hatte, so schien es, schlechte Nachrichten bekommen – ganz schlechte. Er hetzte der Wand entlang, so nah, als wolle er darin verschwinden, als wolle er eins werden mit dem Mauerwerk und der Wirklichkeit entfliehen. Einer Wirklichkeit, die sich ihm gerade offenbart hatte.

In Situationen, wo sich das Leben vor meinen Augen plötzlich und unerwartet zum Drama verdichtet, versuche ich mich stets zu vergewissern, ob es vielleicht Zeugen gibt, ob Gewährsleute in der Nähe sind, die das Entsetzen im Gesicht des Jungen, sein tonloses Schluchzen ebenfalls beobachten konnten. Die panische Eile, mit der er fortstrebte, weg von der schlechten Nachricht. Er bebte vor meinen Augen, er schrie, ohne einen Ton hören zu lassen. Er floh von der Station, auf der auch Mutter lag.

Ich klopfte nicht an. Ich stieß die Tür auf. Sie saß im Rollstuhl und wartete bereits. Tags zuvor war sie mit meiner Schwester beim Krankenhaus-Coiffeur gewesen, extra für ihren 83. Geburtstag, sie sah richtig schick aus. Ein hübsch gemachtes, ungeduldig lächelndes Großmütterchen.

„Da bist du ja endlich.“

*

Wer es noch nicht mitbekommen hat: Der geschätzte Zeilenstürmer Oliver Driesen hat für die Short Story „Borowiaks Suppe den renommierten Literaturpreis Ruhr 2018 erhalten.

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Ein Gedanke zu „Das Leben ist von langer Hand geplant, erzähl mir nichts

  1. ein Mann geht durch die Wand.

    das ding mit dem Förderpreis , da fühl ich mit den jungen , aufstrebenden Talenten , die sich verarscht vorkommen
    eine kleine Spende nur an den Weihnachtsmann und alles wäre erträglicher
    oder aber die Urkunde an die Wand nageln.

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