Freitagnacht, und der Stolz geht den Bach runter

 

Tagebuch-Auszug

 

16. Mai 1986

Wenn ich bloß wüsste, wie die Schnalle heißt, die ich heut Nacht mit nach Hause genommen hab. Anja..? Möglich. Braver Name für eine abgewichste Nummer. So abgewichst, dass es ja eigentlich keine Rolle spielt, wie sie heißt. Oder ich, wie ich heiße. Fritz Gesichtsverlust. Heinz Penner. Heinz Penner war so randvoll, dass er im Schlaf ins Bett gepisst hat. Das passiert, wenn ich zu viel Schnaps intus habe und die Kontrolle verliere, selbst über die Blase. Da ich aber außer Wodka jede Menge Bier getankt hatte, kam zum Glück nur Wasser heraus. Verflüchtigter Alkohol. Es hat nicht mal groß gerochen. Als sie heut Morgen fragt, warum die Matratze so nass sei, sage ich in höchster Not, mir wäre im Dunkeln ein Glas Wasser umgekippt.

Ja, genau.

Im Bett beschränkte es sich gleich aufs Wesentliche. Keine Küsse, kein Abtasten, direkt in die Vollen. Wie unter zwei abgewichsten Profi-Catchern. Ich lutsche ihre dicken Titten, sie langt nach meinem Schwanz. (Vorher noch auf die Schnelle eine Soul-Kassette aufgelegt, mit Womack & Womack und Al Green, die ich mir anhöre, während sie an mir rumbläst und nuckelt.) Eigentlich wollte ich mir den Schwanz noch waschen, weil sich da ne Menge ansammelt im Laufe eines Kneipenabends, doch zu spät – da bin ich schon in ihrem Mund. Und da sie sich nicht beschwert…

Freitagnacht, und der Stolz geht den Bach runter. Den Kopf zwischen ihren Schenkeln schaue ich zu, wie sie es sich selbst macht. Ich bin zu voll, um außer Peepshow Sex zu spielen. Ich lecke sie, feure sie an, spritze ihr übers Gesicht. Und dann, im dunklen Teil der Nacht, fängt sie an zu schnarchen. SCHNARCHEN! Das macht mich wahnsinnig. Wenn ich irgendetwas nicht ab kann, dann Schnarchen. Ich remple sie an bis sie Ruhe gibt. Dann führe ich ihre Hand an meinen Sack und schlafe auch ein – endlich. Samstagmorgen hänge ich ihr gleich wieder an den Titten. Sie bläst gut. Diesmal spritze ich mir selbst über den Bauch. Ich erkläre ihr den Weg in die Stadt.

„Machs gut“, sagt sie.

Mittags zu meinen Eltern rüber. Es gibt Rindsgulasch. Meine Mutter macht ein göttliches Rindsgulasch.

17. Mai 86

Samstag. Das ist schon merkwürdig. Wenn du eine Frau schlecht behandelst, steht sie am nächsten Abend garantiert wieder am Tresen und wartet darauf, abgeschleppt zu werden. Sie erzählt, dass sie erst seit zwei Tagen aus dem Bau heraus sei, dass sie am Simonshöfchen in Wuppertal ein dreiviertel Jahr abgesessen habe wegen Heroinschmuggels. Was denn? Ist wahr?? „Ja, aber das hab ich dir doch schon erzählt! Oder etwa nicht?!“ Keine Ahnung, sag ich. Jedenfalls passt es gar nicht zu dir, du siehst kein bisschen aus wie ein Junkie.

Sie heißt tatsächlich Anja.

Mir fegen die Bilder der vergangenen Nacht durch den Kopf, und ich bin froh, dass ich nicht in sie eingedrungen bin. Heilfroh sogar, es könnte schließlich sein, das sie Aids hat, Aids ist in diesen Tagen in aller Munde. Moment mal..! Da ist noch ein anderes Bild: Ich war ja doch in ihr drin, wenn auch nur ganz kurz, weil es mir irgendwie falsch vorkam, in ihr drin zu sein und ich ihn sofort wieder rausgezogen habe… verflucht! Drin war drin! Oder nicht?? Wie ist das bei AIDS?

Schon um elf geh ich nach Hause – allein. Ich bin nicht betrunken genug für eine zweite Nacht. Und ich mag mich nicht besonders, wenn ich noch nicht betrunken bin. Aber wenn ich zu viel trinke, mag ich mich erst recht nicht. Es ist ein schmaler Grat, auf dem ich mich bewege, was die Liebe und die Sauferei betrifft. Der Selbsthass dagegen kennt Balken dick wie Autobahnen, aber es sind Schwebebalken.

Außerdem kann ich HIV wirklich nicht gebrauchen.

Um Mitternacht ruft Lana an. Sie will eigentlich nur gute Nacht sagen, eine Stunde später fährt sie im grünen Simca vor, der kurz vor der Verschrottung steht, und holt mich ab. Wir fahren auf einen Kaffee in die Hütte nach Ohligs. Der Schuppen heißt wirklich so, Hütte, und gehört ihrem neuen Kerl.

„Quatsch. Der Laden gehört ihm nicht, er hat ihn gepachtet“, rückt Lana zurecht.

„Aha. Aber ein Kerl ist er schon, dein Dingsda-Heinz, oder..?.“

„Ja, das ist er.“ Sie pfeift durch die Schneidezähne.  „Aber holla.“

Blöde Kuh. Wir bleiben eine Stunde. Der Typ ist nicht da. Ich nehme zwei Bier, zwei Calvados, sie trinkt Kaffee, dann bringt sie mich wieder nach Hause. Wir sitzen eine Weile im Auto, dann kommt sie auf einen Sprung mit herein, weil sie aufs Klo muss, und bleibt bis halb fünf.  Wir hocken zusammengekauert vorm Nachtstromspeicher in der Küche, und sie tut mir einmal mehr die Klamotten rein.

Dass sie es nicht mehr mit ansehen könne, wie ich ohne Perspektive und mich auf die Loyalität meiner Freunde verlassend in den Tag reinlebe. Dass sie das früher an mir geliebt habe, meine Lässigkeit, aber mittlerweile „hängt es mir zum Hals raus! Weil nichts passiert in deinem beschissenen kleinen Dasein, weil du eine kleine Null bleiben wirst, wenn du nicht endlich den Arsch hochkriegst.“

Wie ich mir das in Zukunft überhaupt vorstellen würde, fragt sie mit all ihrer geballten nächtlichen Energie, und da muss ich passen. Ich muss jedes Mal passen, wenn sie auf der Zukunft herumreitet. Zukunft, das ist vermutlich das Denken über den Tag hinaus, und soweit komme ich erst gar nicht, Ich bleib ständig im Jetzt hängen, ich schaffe es nicht weiter als bis zum Abend des gleichen Tages, ich bin ständig im Jetzt unterwegs, UND DAS JETZT IST IMMER TRANSPORT! sag ich, „ich bin ein Transportarbeiter! Das weißt du doch!“ Aber damit kann ich ihr nicht mehr kommen, das imponiert ihr nicht mehr, so ein Glumm-Zeugs, der Fisch ist geköpft.

„Schöne Worte..“, sagt sie nur und schleudert sie mit einer raschen Geste über die Schulter, wie einen Wodka aus dem Eisfach, weg damit. „Außerdem ist mir etwas aufgefallen.“

Sie macht eine geheimnisvolle Pause.

„Was denn?“

„Mir ist aufgefallen, dass du beim Schreiben niemals ein Semikolon setzt…“

„Ein Semikolon!?“

„Ja, ein Semikolon, genau, großer Meister. Kennst du doch, oder nicht..? Ein Semikolon habe ich bei dir noch nie gesehen. So ein Ding, weniger als ein Punkt und mehr als ein Komma. Das Zeichen, das signalisieren soll, Leser, jetzt kommt etwas Neues, in Anlehnung an das Alte… so ungefähr.“

Und weiter gehts: Dass es ja wohl ein Armutszeugnis darstellen würde, dass ich mit 25 noch auf einen Zuschuss von meinen Eltern angewiesen sei, um die Miete latzen zu können. Dass ich überhaupt der grösste Drückeberger der Welt sei und dass ich das ganze doch hätte kommen sehen müssen, die Misere mit uns beiden…

„Wenn du immer nur an der Bar hockst und die Zeit versäufst mit deinen großartigen Kumpanen!“

Ich halte dagegen, dass Dichter eben Zeit brauchen im Leben, viel Zeit, sehr viel Zeit sogar, um sich zu entwickeln, um das Leben zu verstehen, aber das macht sie nur noch wütender.

„Du mit deinem heiligen Dichter..! Soll ich dir mal was sagen, Herr heiliger Dichter? Dichter sind heilig und Klos sind dreckig, na ja und?! Das ist alles! Das einzige, was du entwickelst sind Strategien, um dich vor der Wirklichkeit, vor der Arbeit zu schützen! Du bist ein faules Stück Scheiße! Ich meine, dann schreib doch endlich ein Buch! Sei mal ein Schreiber! Aber das tust du ja auch nicht. Du faselst immer nur davon! Halt endlich deinen Sabbel und setz dich hin und schreib!“

 

29. Mai 1986

Nachmittags bei Lana vorbeigegangen. Sie war noch am Schlafen, weil sie die vergangenen Tage bis in die Puppen gekellnert hat, und heute Morgen früh raus musste, um den neuen Wagen anzumelden. Einen gebrauchten gelben Audi, wobei das Gelb größtenteils abgeblättert ist. Es handelt sich also um einen ex-gelben Audi Baujahr 76 oder was weiß ich, es ist der vierte Wagen innerhalb sechs Monate. Entweder sie fährt die Kisten in Klump oder sie fallen von selbst auseinander.

„Ja“, sagt sie, „genau wie du!“

Ein zaghaftes Küsschen zur Begrüßung, vielleicht nicht mal das.  Sie erzählt mir von ihrem Traum, in den ich gerade reingeplatzt bin, ich bin nur mit einem halben Ohr dabei. Irgendwas mit drei vollen Badewannen, die nebeneinander in einem riesigen Badezimmer stehen, und sie durfte sich die schönste Wanne aussuchen.

„Dann hat es geklingelt, und du stehst vor der Tür. Du lässt mich ja noch nicht mal meine Träume in Ruhe zu Ende träumen.“

Nun ja, wir waren halt verabredet. Woher soll ich wissen, dass es gerade hoch hergeht in ihrem Traum. Sie springt kurz unter die Dusche, wirklich nur auf die Schnelle, sagt sie, zum Wachwerden. „Geh doch baden in der dritten Badewanne!“, rufe ich, doch sie hört mich nicht. Früher haben wir zum Wachwerden erstmal gebumst. Aber wen juckt früher, wenn man im anderen Heute lebt. Nach dem Frühstück fahren wir in die Stadt, eine Platte kaufen, auf die so abfährt, Simply Red, „Holding back the years“. Sie ist enttäuscht, dass ich die Nummer schon seit Wochen kenne. Nichts neues, sag ich gelangweilt. Der hat rote Haare. Wer? Simply Red. Ach so. Ich dachte, das wär ne Gruppe, sagt sie. Kann auch sein, sag ich. Vielleicht haben die alle rotes Haar. Sind ja Engländer.

Dann sind wir Einkaufen im Groka, wo wir unsere Fressalien schon immer eingekauft haben. Doch seitdem wir nicht mehr zusammen sind, mache ich einen Riesenbogen um den Laden, weil ich mir allein vor der Fleischtheke blöd und verloren vorkomme. Wir werfen die Zutaten für Scharfen Reis in den Einkaufswagen und fahren zu mir nach Hause. Der Scharfe Reis ist nicht so gelungen wie sonst, es fehlt die Süße der roten Paprika, die im Groka nicht zu haben war, aber immerhin, beim Essen kommt kein peinliches Schweigen auf.

Wir fliegen auf ein Glas Wein ins Garten-Cafe am Schaberg ein, spielen zwei Runden Billard. Dabei passiert es. Wir küssen uns seit längerer Zeit das erste Mal wieder, mit Zunge. Wir gehen in der Nähe eine Runde spazieren, füttern Pferde und Schafe mit ausgerissenen Grasbüscheln samt Wurzelwerk. Auf dem Dach einer Trapper-Hütte steht ein Pfau in seiner ganzen Pracht, er balzt wie ein Champion, doch weit und breit ist keine Frau in Sicht für ihn, er balzt ganz für sich allein, einfach, weil es Spaß macht, so ein buntes Rad zu schlagen auf dem Dach einer Trapperhütte.

Es ist kühl und windig, wir wärmen einander auf einer Bank am Wegesrand. Sie fährt mich heim, als die Müdigkeit in ihren Augen übermächtig wird. Sie möchte sich noch eine Runde ausruhen, bevor sie arbeiten muss. Als wir vor meiner Tür im Auto sitzen, macht sich Enttäuschung breit in mir, obwohl es gar keinen Anlass dafür gibt. Sie sieht mich von der Seite an, streichelt mir durchs Haar, und als ich auf meinem Beifahrersitz in den Himmel blicke, sagt sie sogar, dass sie mich liebt, das hat sie lange nicht gesagt, und ich spüre, dass sie es so meint, dass es aus ihrem Herzen kommt. Doch es reicht mir nicht, dummerweise.

„Ich will mit dir schlafen“, sag ich, als wir uns küssen, doch sie hat Angst davor. Dass wir uns lieber Zeit lassen sollten. Natürlich liegt sie richtig damit, aber ich hab nur Scheiße im Kopf.

„Ich brauch langsam ne Frau“, bringe ich den blödesten Spruch, den ich überhaupt bringen konnte. „Wobei, am liebsten würde ich ja mit dir…“

Wie sie mich angesehen hat… wie sie von mir fortrückt… Scheiße.

„Du willst dir nur ne schöne Nacht machen??!“

Die Enttäuschung hätte nicht größer sein können. Dass ich genauso drauf bin wie alle Männer, und dass sie das noch nie so empfunden habe… Natürlich versuche ich das Gesagte aus der Welt zu schaffen, den Müll wieder gerade zu biegen, der aus meinem unverbesserlichen Maul geschossen kam. Ich sage, dass sie (immer noch) die einzige Frau sei, mit der ich wirklich zusammen sein will, UND DAS STIMMT JA AUCH, dass ich das nur aus Enttäuschung gesagt habe, weil sie gleich weg müsse, na ja – irgendwie schaffe ich es so eben, sie davon zu überzeugen, dass ich das nicht so gemeint habe, wobei ich den genauen Wortlaut („ich brauch langsam ne Frau…“) umschiffe wie die Titanic besser mal den Eisberg umschifft hätte. Doch wie zum Teufel soll man Müll wieder geradebiegen, Müll bleibt Müll, er setzt sich fest in den Ohren und im Herzen.

Mann, was ein überflüssiger Scheiß alles.

*

dichter³, Susanne Eggert

*

33 Jahre später, beim Schreiben dieser Zeilen, höre ich: „Sie haben noch 627 Megabyte!“, als mir die Guthaben-Hotline den aktuellen Status der Flatrate mitteilt.

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8 Gedanken zu „Freitagnacht, und der Stolz geht den Bach runter

  1. das liebe mehr um sein der Kunst verpfiichtet im Beisein der ersten Ohnmacht
    das Leiden sich , fürsorglicher Weise und artgerechnet dem Zufall abhanden Gerät durch Liebe
    besorgt einenen Blick auf das vermeidbare Vergnügen ein Licht wirft ,was zu allen Zeiten bewusst und unbewusst
    seiner Entsprechung durchgeht und alles nur oder nun zurückgeworfen auf das innere vermeintlich aussetztz
    musss . beie der ganzen leibhaftigen Liebe die sich nicht mehr so anfühlte
    „ich wär ja schon froh wenn wir nur Sex häten “
    eines Nachts kam sie nicht nach Hause
    dr , Satz war ehrlich aber fehl am Platz
    nahm meine Sachen und zog aus.

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  2. Zum Bild der Gräfin nur dies:

    überraschungsgast

    das gedicht kommt
    wie eine katze
    rufen kannst es nicht
    folgsam folge seiner gangart
    (wer weiss wann es dich
    wieder besucht)
    ob du’s hirnzauberei nennst
    oder spiritueller moment
    ein anlass zum staunen
    (Elfriede Gerstl)

    Zum Text: schon damals also der Aufruf – zum Buch, von jemandem, der es ernst mit Dir meinte. Und heute, 33 Jahre später, nimmst Du erneut Anlauf. Wie weit bist Du gekommen? Ist das Ziel schon in Sichtweite? Muss es das überhaupt? Werden die Bytes reichen?😉 Kurzum: Frohes Schaffen weiterhin!

    Gruß Uwe

    Gefällt 1 Person

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