Was tun Sie eigentlich noch hier, Herr Glumm!?

Nein. Ich hatte nie eine Vorstellung davon, wo mein Platz sein sollte in dieser Gesellschaft, was werden sollte aus mir. Eine Weile wollte ich berühmt werden, ich wusste aber nicht genau womit oder wofür, ich hatte keine Berufs- oder Karrierewünsche. Jedenfalls keine echten. Und dass die Karriere, die ich dann doch hinlegte, exakt die eine war, für die man nicht gefeiert wird, war wohl kein Zufall. Wenn man nicht weiß, was man vom Leben will, nimmt man das am bequemsten zu Erreichende: was im Regal auf Augenhöhe steht.

Was Kindheit und frühe Jugend betrifft, will ER nicht meckern. Ich verbrachte so viel Zeit auf dem Fußballplatz, dass meine gleichaltrigen Kumpel Wupperbusch und Haber mich abends auf dem Nachhauseweg in ihre Mitte nehmen mussten und mühsam den steil ansteigenden Klauberg hochwuchteten, weil ich es allein nicht mehr schaffte, so sehr schmerzten die überlasteten Achillessehnen und der Meniskus. Hätte ich das Kicken nicht irgendwann weitgehend eingestellt, ich wäre heute ein Sammelsurium orthopädischer Nickeligkeiten. (Nicht umsonst hieß mein erster Weblog 500beine.)

Fußball war mein Leben, der große Sandplatz am Klauberg meine Heimat. (In der Nazizeit hieß der Bolzplatz nur der Reitplatz, weil die SA ihn für ihre Pferde umfunktioniert hatte.) Im Sommer gab es kaum einen Abend, wo wir Picos nicht bis zum Einbruch der Dunkelheit spielten, an den Wochenenden standen Punktspiele mit dem RSV an, Montag und Donnerstag kaufte ich mir den Kicker. Auf die Idee, Berufsfußballer zu werden, kam ich dennoch nicht.

„Das hätte auch nicht funktioniert“, rückte Jahre später Ekki, mein Lieblingstrainer beim RSV, meine späten Träume zurecht, als wir am Tresen standen. „Du warst gut, du hattest Talent, aber du hattest keinen linken Fuß.“

Ach so, richtig. Habe ich ganz vergessen: Ich machte alles mit rechts.

Ich war Mitte zwanzig, als ich eines Morgens damit begann, die Dinge aufzuschreiben. Das Drama. Die Maschine hieß Gabriele, der Anschlag tat einem in den Ohren weh. Ich schickte die Texte an ein paar Verlage, ich nahm an Wettbewerben teil. Als mir 1986 in Düsseldorf ein Literaturpreis verliehen wurde, flüsterte mir der später zur Legende gewordene, zu früh verstorbene Dichter Thomas Kling ins Ohr, ich solle mich nicht verheizen lassen. Ich habe mich nicht verheizen lassen. Es war nämlich niemand da, der mich verheizen wollte, weil ich im selben Moment aufhörte mit dem Schreiben, als es losging. Ich war schon immer ein cleveres Kerlchen. (Bleibt mir bloß vom Leib mit eurem Erfolg.)

„Anstatt nach vorn ins Licht zu treten und dich zu zeigen, bist du erschrocken in deinen Schatten zurückgeschnackt, wie ein Haushaltsgummi.“ (Die Gräfin)

Tatsächlich hab ich in den folgenden Jahren lieber gesoffen und gekifft und herzhaft mit braunem Pulver experimentiert und wie nebenbei im höchsten Hotel am Platze als Nachtportier gejobbt und bedröhnt übers finstre Land geglotzt, anstatt zu schreiben und mich verheizen zu lassen.

Clever.

*

Eines Tages steckte sich der Pächter des Turm-Hotels (baumlanger Kerl, silbriges Puffkettchen um den Hals, Kettenraucher) die nächste HB an und bat mich ins Büro. „Herr Glumm, sagen Sie… was tun Sie eigentlich noch hier?“ Er verstand nicht, warum ich so wenig machte aus meinen Möglichkeiten. Das machte ihn nervös. „Ich meine, ein Mann in Ihrem Alter… und dann Nachtportier..?“ Natürlich wusste ich keine Antwort darauf. Ich versuchte erst gar nicht, mir irgendwas zurechtzustammeln, ich schwieg einfach. Aber so einfach ist es nicht. So einfach ist es nie. Schon gar nicht mit den wichtigen Anmerkungen zu deinem Leben. Seine Frage geistert mir seither im Schädel herum, und zwar genau alle 7 Jahre.

Was tun Sie eigentlich noch hier, Herr G.!??

Alle sieben Jahre, sagt die Psychologie, häutet man sich, alle 7 Jahre ändert sich dein Leben. Alle 7 Jahre meldet sich das Teufelchen und flüstert dir Dinge ein, die dich verunsichern, Dinge wie: Was hast du hier noch zu suchen!!? Erfinden sich immer nur andere neu?! Alle sieben Jahre trifft man jemanden, der einem die Wahrheit geigt, in schlichten Worten, die einen nackig und sprachlos zurücklassen. Auch, weil es meist von unerwarteter Seite kommt. Es kommt immer von unerwarteter Seite, und es erreicht dich wie nebenbei. Man muss schon sehr genau hinhören, sonst verpasst man die wichtigen Lektionen seines Lebens.

Herr Glumm! Was tun Sie eigentlich noch hier? hat die gleiche Qualität wie ein Satz meines Bruders in den mittleren Neunzigern. Wir saßen an der Bar und waren schon reichlich hinüber. Es ging darum, warum zum Teufel ich nicht endlich wieder zu schreiben beginne. Richtig zu schreiben. Basslastig, mit dicker Hand. Wann ich aufhörte zu spielen. Zu tändeln.

„Alles, was du jetzt nicht schreibst, wirst du niemals schreiben!“ zürnte er. „Das ist verloren! Für immer!“

Ich glotzte ihn an wie ein Kalb – ein bisschen dümmlich, ein bisschen unschuldig. Voll der Amateur. Und wenn ich richtig rechne, sind 2019 mal wieder sieben Jahre um. Beziehungsweise zehn Jahre, weil bei mir alles etwas länger dauert. Ich brauche stets etwas länger, wie überhaupt jeder Mensch seinen eigenen sieben Jahren auf die Schliche kommen muss.

„Wieviel Volumen hat eine Seele, Joe?“

“Na, ein Tempel muss schon reinpassen.”

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24 Gedanken zu „Was tun Sie eigentlich noch hier, Herr Glumm!?

  1. Ein interessanter Gedanke, der mit den 7 Jahren. Das wusste ich noch gar nicht. Ich rechne nachher mal zurück, immerhin hat sich ja auch immer mal einiges verändert auf meinem Kurs – und nun möcht ich schon mal wissen, wann meine 7 (oder möglicherweise auch 10, bei mir kommt auch alles immer ein wenig später als bei anderen) Jahre rum sind.

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  2. kann sein das ich da was falsch verstanden hab und suche deswegen auch nach Gründen für das vortreffliche Nichts -unter Millionen von Falschparkern
    deine Arbeit war nicht umsonst
    du hast tausenden Lesern eine Plattform geboten
    sich und ihr Leben mal mit glummschen Augen zu betrachten
    was hier und da bestimmt einiges erfordert und nicht nur Nächstenliebe
    sich nackig zu machen
    deine Fans verehren dich und du ?
    könnte mir gut vorstellen das das erst der Anfang war….

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  3. Dein Leben, dem Du nach-schreibst, ist ja auch kein fest umrissener Gegenstand, sondern besteht eher aus offenen Fragen, denen Du Dich in immer in neuen Anläufen stellst. Insofern könnte man Dich als einen aktiven Zauderer verstehen, was mir persönlich ausnehmend gut gefällt, vor allem weil Du uns mit Deinen Prosamen zugleich auf dem Laufenden und im Ungewissen hälst. So bleiben wir bei der Stange bei deinem Versuch, Dir schreibend auf die Schliche zu kommen.

    Gruß Uwe

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  4. Ja, ja, die 7 Jahre. Das sind wichtige Drehpunkte im Leben. 0-7-14-21-28-35-42-49-56-63-70-77-… Ich denke grad über die nächsten 7 nach. Sind schon die zwölften sieben. Denke mir, da muss doch noch was kommen. Endlich mal nicht in Kladde leben, sondern in Reinschrift.

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  5. Pingback: Flickwerk | Buddenbohm & Söhne

  6. Wie bei jedem anständigen (ha!) Spätentwickler sind es bei mir so runde 10, 11 Jährchen. Und die hässliche und gemeine Schwester der Psychologie ist sowieso die Statistik, ergo würd ich auf diese meschpoke nichts geben, also Cent oder so. Wenn man sich die Kosten für so einen Erfolg mal ansieht, nuja, lieber eine schöne Ausrede. Erstmal.

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  7. Jetzt bloß keine Hektik aufkommen lassen. Läuft doch einwandfrei. Kritikern erzählst du, du würdest an einer ganz großen Sache schreiben, die ersten 700 Seiten wären schon fertig. Und dann verzögert sich einfach BER-mäßig der Erscheinungstermin. So hat sich Truman Capote über die letzten Jahre seines Lebens gerettet und auch noch Vorschüsse kassiert. Nach seinem Tod fand man … – nichts.

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  8. Ich zahl nicht für Stayfriends. Ich bin da einfach. Ereignislos. Das einzige was in den Jahren passiert ist, sind diese Verleihungen von Charakterstereotypen durch zwei Menschen. Zweimal „clever“. Was sagt uns das? Vermutlich nichts. Und ich bin langsam. 7 Jahre? Dass ich nicht lache.

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  9. Wohin der WInd auch weht…gleich bei jedem Wind die Segel setzen ist aber ebenso schicksalhaft wie gleich die Segel streichen, wenn der Wind sich dreht. Schön poetisch geschrieben!

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  10. Die Hochsensiblen entwickeln sich nicht langsamer, sondern gründlicher. Dabei kommt es vor, dass die Zeit sich ausdehnt wie eine Blase, und die Uhren entweder schneller laufen, oder, je nach Perspektive, zum Beispiel vom Mond aus gesehen, langsamer. Deshalb macht es auch keinen Sinn, Jahre zu zählen. Die neue Haut kommt, wenn sie kommt. Nur Drinstecken ist dann eben das.

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  11. „Man muss schon sehr genau hinhören, sonst verpasst man die wichtigsten Lektionen seines Lebens.“ ..that’s the way I like your Words Mr. Glumm

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  12. bei der Wahl wer anstossen darf gabs keinen Schirie
    wir standenden in der Mitte und sortierten das Augebot auf..
    was soll daran Spass machen gegen 5 und vier oder nur Strandläufer
    die Mannschaften wurden gewählt
    wie auch immer
    aber gegen Nulpen gabs keinen echten Sieg.
    es war gerecht
    schöne Zeit !
    auch in Turnschuhn.

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  13. Ihre anscheinend ernstgemeinte Prosa zu Vergleich in SPE….
    beglaubigt hier und ungemein den Satz des Pythagoras “ mal 0 gleich weniger
    macht nur Unsinn
    ich mag ihre Kurzgeschichten und ich glaube das Sie ein wirkliches Talent besitzen , was den Beruf Künstler ausmacht
    wenn (ich) mir so vorstelle wer oder was auf sich hält um ein Buch zu ver fassen
    greife ich oft ins Dunkel undbin mir nicht sicher was? will der Autor uns damit sagen
    oder gar besser was nicht
    inzwischen glaubt ein jeder das Schreiben keine Kunst ist sondern sogar ein Pausenzeichnen von Umrissen der zuletzt geschissenen Tragödie des elendig ,verstorbenen Hamsters mit einbezieht
    so lang es sich um wahre Gefühle handelt
    dem dazu gedichteten Versen beim Frauenarzt zoll ich hier eher weniger Kllöppse
    da ein Ego nie aus banalen Gründen in die Tiefe sinkt oder spinnt
    Sie haben mich dank Ihrer Kunst überzeugt
    ja es gibt vernünftige Tage , wo einen die Kreide schonmal kitzeln tut..mit freundlichem Gruss Ihr Nac

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  14. Ich stelle mir 2 in einer G(l)ummizelle vor:

    Der Eine steht Jahrzehnte rum und macht erst mal gar nichts bis wenig, guckt sich das ganze Spiel an und da kommt auf einmal der uralte Satz hoch:
    „Was machen Sie eigentlich noch hier, Herr G?´´
    Vielleicht der Punkt an dem er merkt, dass er noch was erledigen will, schon lange machen will.
    Aber ein Herr G lässt sich, außer von sich selber, von GAR KEINEM treiben! Gut so!

    Der Andere rennt Jahrzehntelang vor jede Wand in der Zelle, gelegentlich mit Erfolg (was heutzutage lächerlicherweise als Erfolg im Allgemeinen angesehen wird). Mein Haus, mein Auto, meine Zweitschnecke etc…
    Aber auch er kommt letztlich nicht raus, wozu auch? Das Leben kennt kein Pardon, die Zeit vergeht nun mal.
    Wo für also der ganze Karriere Hokus – Pokus?

    Also, ich würde sagen 0:0, bis jetzt.

    Aber Hr. G hat vielleicht noch was im Petto für die Overtime und wartet nur den richtigen Moment ab, um in´s Guiness Buch der Rekorde als ältester Debütant einzugehen.
    Zuzutrauen ist es Ihm allemal, passt auch.

    Viel Glück M

    Wehe, sonst lass ich mich im 16-er fallen (125. min.).

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    • im 16er fallen lassen! so, dass es jeder sieht, dass es sich um eine Schwalbe handelt, und trotzdem vom Schiri einen Elfer kassieren und direkt selbst verwandeln, das ist wahrscheinlich die ganze kunst. mehr geht nicht.

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