Sandy anrufen, paar Bier retten

 

Trinker, Susanne Eggert

*

Über die Zukunft hatten wir uns nie groß Gedanken gemacht. Sie schien immer weit weg zu sein, irgendwo hinter George Orwell und der ersten Rentenzahlung, hinter Aldous Huxley und der Biegung zum dritten Jahrtausend. Die Zukunft erreichte uns nicht, sie würde uns nie erreichen, Zukunft war etwas für Realisten. Wir schwelgten lieber in Möglichkeiten und hielten es mit der Devise, bloß nicht konkret werden. Lieber in der Schwebe bleiben und weiterschwelgen. Dann passiert einem auch nichts. Dann geht auch nichts daneben. Dann schwappt nichts über.

Irgendwann jedoch hatten wir die Nase voll von all der unperfekten Gegenwart. Jemand, der etwas leid ist, macht komische Dinge. Wenn man kaum noch vorankommt und nicht mehr weiß, ob wenigstens die Richtung stimmt, in der man sich bewegt, (wenn man sich bewegt), neigt man zu irrelevanten Entscheidungen, nur um zu spüren, dass man noch lebt. In unserem Fall war es so: Karlos und ich bezogen eine gemeinsame Wohnung. Eine 2er-WG. Die Zukunft rückte uns auf den Pelz, und wir nahmen die Herausforderung an. Es musste die Rettung bringen.

„Wir wollen endlich mal was an den Start kriegen“, erklärte ich allen, die es hören wollten oder nicht schnell genug weghören konnten.

Es war ja nicht so, als wären wir nicht unseren Leidenschaften nachgegangen. Karlos war ins Ensemble Profan eingestiegen, eine Schauspieltruppe, die es mit ihren Stücken ins Programm des städtischen Theaters schaffte, doch jedes Stück wurde nur 3, 4mal aufgeführt, bevor es im Protokoll verschwand und nicht mehr gesehen wurde.

„Warum geht ihr nicht auf Tournee?“ fragte ich so grün- und grauäugig, wie es meine Art war, erhielt aber keine Antwort. Und was mich betraf: ich hatte zwar gerade einen Literaturpreis abgeräumt, stand aber tausendmal lieber abends an der Bar und ließ mich volllaufen als am Schreibtisch zu sitzen. Am Tresen ließ sich die Klappe so ungleich viel lauter und schöner aufreißen als in der Einsamkeit des Tisches, wo einem niemand zuschaute. Wo man im Angesicht von Buchstaben seinem trockenen Broterwerb nachzugehen hatte.

Ohne mich! So hatten wir nicht gewettet, Freunde! Arbeiten, um berühmt zu werden!

Und so ging die Unternehmung, das Leben auf ebenso lässige wie verächtliche Art wegzuschmeißen, weiter.

Und weiter.

Bis dahin.

Oktober 1986. Zusammen sollte nun alles besser werden. Hauptmotiv der Zusammenlegung der zwei Einzel-Wohnungen: uns gegenseitig in den Hintern treten, um voranzukommen.

„Bis dir meine Stiefelspitze oben aus der Kehle rausglotzt“, erklärte ich feierlich, „Wie bei Max und Moritz der knusprige Hähnchenbollen.“

Die Wohnung lag am Alten Kannenhof. 60 m², 2 Zimmer, große Wohnküche,3 Kohle-Öfen. Ein Anruf genügte, und der Kohlenhändler, ein alter Bekannter meines Vaters, parkte seinen mit Säcken vollgeladenen Pritschenwagen direkt vorm Kellerfenster und ließ über eine Rutsche die Eierkohlen und Briketts in den Keller purzeln. Ein archaisches Rumpeln und Donnern, schwarzer Staub in allen Ritzen. Einer der Vormieter hatte clevererweise einen kleinen Bretterverschlag in den Keller gebaut, gleich unterhalb des Fensters, damit die Briketts und Eierkohlen, wenn sie unten ankamen, nicht in tausend Richtungen sprangen, sondern auf einem Haufen landeten. Na, so halbwegs.

Der größte der drei Ofen stand in der Wohnküche, ein Dassel-Dauerbrenner, ein gusseisernes Mordsding mit komplett verkohltem Sichtfenster, das eine geradezu heilige Wärme abgab. Wenn Karlos bei Sandy übernachtete, was schon im ersten Winter gang und gäbe war, saß ich abends in seinem Zimmer, machte es mir mit einer Purpfeife gemütlich und schmökerte in seinen Büchern. Es waren Hunderte, Aberhunderte, Tausende. Während ich stets Platten gesammelt hatte, galt Karlos‘ Liebe der Literatur. Sein Vater hatte ihm extra eine Art Apotheker-Regal angefertigt, das vom Boden bis fast unter die Decke reichte, damit so viele Exemplare wie möglich Platz fanden. Auch die alten Playboy-Schätzchen, Penthouse, Hustler mussten ja irgendwohin. Und die vielen Reclam-Heftchen, die Dramen und Schauspiele. die Shakespeares, die Lessings. Ich blieb meist schon im Hustler hängen.

Karlos hatte eine seltsame Art zu kommunizieren, mit der ich im Allgemeinen gut klarkam, aber manchmal wunderte ich mich schon. Einmal beobachtete ich ihn dabei, wie er morgens den Ofen in der Küche anmachen wollte, was aber auf die Schnelle nicht funktionierte. „Nun brenn schon!“ rief Karlos zornig, „sonst kommst du ins Heim!“ Das war durchaus Ernst gemeint, er konnte nicht ahnen, dass ich hinter der Tür stand und lauschte. Es war Karlos in echt. Oder er ging aufs Klo, vergaß aber zu pissen, was ihn zu der Bemerkung verführte: SCHEISSE! WAS WAR DAS DENN JETZT!

*

Ich schlenderte mit dem Hund den Kannenhof runter. Ein weißer Kastenwagen hielt direkt neben mir, mit Karlos am Steuer. Er hatte seit kurzem den Führerschein, jetzt war er ein gemachter Mann. Dass es nicht lange gutgehen würde, lag auf der Hand. Ich gab ihm eine Woche, dann war der Lappen einkassiert. Einen Monat, Maximum zwei. Das Problem war nicht nur die Trinkerei, das Problem war sein Kripogesicht. Das provozierte echte Polizeibeamte mitunter so sehr, dass sie sich Karlos näher vorknöpften und ins Röhrchen blasen ließen. Fester.

FES-TER!!

„Is los, Glumm? Kommst du mit ins Mumms?“ Karlos‘ Arm baumelte lässig aus dem Seitenfenster – ein kalifornischer Surf Boy. Von wegen Kripo. „Ich geb einen aus.“

Er hatte die vergangenen Tage bei Sandy verbracht und wollte daheim nach dem Rechten sehen. Also im Mumms. Ich brachte den Hund rein, gab ihm was zu futtern, dann fuhren wir in Richtung Stadt.

„Moment“, sagte ich, „halt mal an.“

Hatte ich das richtig gesehen? In Höhe der beiden Lotto-Tanten auf der Wupperstraße öffnete ich die Beifahrertür und bückte mich. In der Gosse lag eine Rolle Knallplättchen.

„Dass es die immer noch gibt“, sagte ich.

„Was?“

„Na, hier, Knallplättchen.“

Ich nahm das Band in die Hand und ließ Karlos daran schnuppern, an diesem feuerroten Mini-Moment Kindheit. Wie vergessene Schwefelmusik.

Und alles abgeknallt, die ganze Rolle.

„Die haben wir früher mit dem Fingernagel bearbeitet und zum Knallen gebracht“, schwärmte Karlos, verloren in alten Zeiten, fing sich aber schnell wieder. „Komm, lass uns losmachen. Ich bin ein durstiger Mann.“

Dass er Sandy kennenlernte, kaum dass wir zusammengezogen waren, hatte sich einfach so ergeben. Im Prinzip hätte er auch gleich bei ihr einziehen können, aber dann hätte mir die Hälfte der Miete gefehlt. Geplant gewesen war ja eine 2er-WG. Aber wir sprachen nicht darüber. So hatte ich an fünf von sieben Tagen die Bude für mich. Anfang des Monats schob Karlos mir regelmäßig seinen Anteil der Miete rüber, das war’s.  Die Dinge kamen, wie sie kamen. Wir waren eh nur Zuschauer im eigenen Leben. Vielleicht war es das, was Karlos und mich verband und was uns in gewisser Weise verbindet bis heute, dieser Fatalismus, der stets ein gewisses Nicht-Eingreifen miteinschließt. Weil ja ohnehin alles so kommt, wie es kommen muss, egal, was man tut, kann man es auch gleich lassen und nichts tun. Oder nur das nötigste. Eine ebenso wahre wie trügerische Ansicht. Zwar kommen die Dinge tatsächlich selten so wie geplant, doch die Richtung, die man vorgibt, entscheidet. Und wer nie etwas vorgibt, landet der nicht irgendwann im bürgerlichen Trauerspiel?

„Sowieso“, sagte Karlos.

Im Mumms war kaum was los, bis auf einige wenige Figuren, die nicht wussten, was man um diese Uhrzeit sonst anstellen sollte – außer Bier trinken, Kippen rauchen oder seinem Dealer hinterhertelefonieren. Figuren wie der lange schmächtige Claude.

„Meine Olle steht wieder unter Müller im Telefonbuch. Wir sind seit gestern offiziell geschieden.“

Vor ihm stand ein Glas Sprudel, unangetastetes Alibiwasser, sollte zufällig seine neue Freundin reinschneien. Claude war die meiste Zeit voll. Vom Trinken war er so dünn und knochig geworden, ihm tat schon nach fünf Minuten Sitzen der Arsch weh. Dann hieß es aufstehen und ein paar Schritte durchs Mumms spazieren, um den Hintern zu entlasten.

„Marina, Schätzchen! Komm her zu mir, hmm? Können wir ein bisschen schmusen. Ein bisschen ferkeln…, nur wir beide..“

Die Zapferin winkte genervt ab. Sie hatte Sade aufgelegt, Your Love is King. Eine tadellose Fummelscheibe, sicher, bloß – was sollte man mit einer Fummelscheibe in einer Kaschemme, wo ein paar Trinker ihren Pegel auffüllten, mittags um zwölf. Das Ganze war schlecht abgestimmt mit den Realitäten zwischen Mann und Frau. Vielleicht hätte Marina lieber Westernhagen aufgelegt, das Lied vom dünnen Hering.

„Ein bisschen Sex wär jetzt nicht schlecht…“, brummelte Claude, und fügte an: „Dekubitus hab ich, vom vielen Saufen den Arsch kaputt.“

Ich sah ihn mir näher an. Irgendetwas störte. Jetzt sah ich es. Er hatte eine frische Kruste auf der Nase.

„Hast du einen draufgekriegt?“

Er überlegte einen Moment, bevor er antwortete.

„Nee, ich bin… die Treppe runtergefallen. Aber du hast recht, ich erzähl lieber, ich hätte was auf die Nase gekriegt. Hört sich besser an.“

Claude, erfolgreicher Landschaftsarchitekt, hatte in München eine Total-Pleite hingelegt und war auf der Flucht vor Gläubigern in seiner alten Heimat gestrandet. Jetzt machte er sein Geld auf großen Flohmärkten mit dem Verkauf von Stehlampen, die er auf antik trimmte. Er hatte ein Händchen dafür, die Leute zu bescheißen, aber auf die freundliche Tour, wobei seine Unterlippe herunterhing wie ein mit Fleisch verfüllter Balkon, voluminöser noch als bei Mick Jagger. Seriös kam das nicht gerade rüber, doch es funktionierte irgendwie, warum auch immer. Claude starb in den frühen Neunzigern, als er hinterrücks die steile Treppe zu seinem ausgebauten Dachgeschoß hinunterfiel. Auf seiner Beerdigung war bestürzend wenig los. Kaum jemand, der sich verabschieden wollte. Nicht mal seine neue Freundin ließ sich blicken. Claude, ein netter Mensch, aber immer traurig und betrunken.

Irgendwann setzte im Mumms die große Mittags-Tristesse ein. Arbeitstitel: Stille Tage in der Klitsche. Allein das Bestellen der Getränke brachte noch etwas Geräusch in die düster-unterkühlte Kulisse. Das Mumms war wie ein L-förmiger Karnickelschlauch gebaut, wir hockten zu dritt am Tresen, wie gründelnde Enten. Jeder für sich. Drei Bier, drei Calvados.

Mach vier draus, Marina.

Und nimm das scheiß Wasser da weg.

In jedem Leben gibt es Momente, die man eins zu eins übernehmen und in einen Kino-Blockbuster einschmuggeln und auf die Leinwand ziehen könnte. Soundtrack drunter, eine knackige Stimme aus dem Off, 1 Million Dollar, unterzeichnen Sie bitte hier – nun ja, solch ein Moment war das hier offenbar nicht.

Micks kam rein. Blieb kurz stehen, sah mich an, „Mensch, hast du kurze Haare gekriegt“, weil ich tags zuvor beim Frisör gewesen war, und marschierte weiter zum Flipperautomaten, Big Towne 2061.

Mit dem ersten Calvados wurde Karlos munter. Er drehte richtig auf. Die Bäckchen glühten. Ich weiß nicht, wie er auf das Thema kam, (vielleicht wegen der Hitze, die seit Tagen über der Stadt brütete, den schwülwarmen Fledermaus-Nächten), jedenfalls war Karlos plötzlich elf Jahre alt und heiß auf Schlittschuhlaufen. Er imitierte sogar das Kratzen der Kufen auf Eis, auch wenn sich das eher anhörte wie Ohrgeräusche.

„Damals hatte ich die genialsten Gummistiefel der Welt, die waren rutschiger als jede Gleitschuhe. Auf denen konntest du nicht stillstehen, ohne sofort loszurutschen, ganz einfache Dinger waren das, wie so Nikolausstiefel, aber die gingen ab wie ein Zäpfchen. Also… zwei.“

Karlos konnte sich wunderbar begeistern für die einfachen Dinge im Leben, das rechnete ich ihm hoch an. Es sind die einfachen Dinge im Leben, die ins Gewicht fallen, der Rest ist Firlefanz. Er schilderte, wie die städtischen Gärtner im Coppel-Park in den Sechzigern, als es noch echte Winter gab, eigens für die Nachbarschaftskinder eine Eisbahn installierten, „die ordentlich Wummz hatte.“ Kurz vor Feierabend kippten die Gärtner eimerweise Wasser den steilen Gehweg runter, damit er über Nacht zufror.

„Dann standen wir Blagen am nächsten Morgen mit unseren Schlitten am höchsten Punkt im Park und warteten, dass es hell wird, die Tornister in die Ecke geworfen. Ich weiß nicht, wie oft wir von der Piste abgekommen und vorn Baum geknallt sind. Wir sahen alle aus wie Frankenstein.“

„Stell dir das heute mal vor“, meinte Marina. „Die Eltern würden jeden Gärtner bis ans Lebensende verklagen.“

„Damals hatte ich noch Schuhgröße 35“, sagte Karlos.

Claude war mit seinen Gedanken woanders. Er hatte am Abend zuvor eine Wissenschaftssendung gesehen, es beschäftigte ihn immer noch.

„Habt ihr das gewusst, dass der Körper beim Marathonlaufen selbst Opiate produziert, in winzig-kleinen Mengen?“

Karlos blickte vom Tresen auf.

„Vierundvierzig Kilometer rennen nur um den gleichen Effekt zu erzielen wie bei ner Nase Heroin? Nee, lass mal stecken – ich nehm meine Drogen immer noch schön selbst. Hab ich nicht nötig, so‘n Marathon.“

Fünf Minuten später war unsere Kohle versoffen. Wir waren pleite.

„Ich ruf Sandy an, paar Bier retten“, meinte Karlos.

Just in diesem Moment kam Sandy zur Eingangstür rein, wie bestellt.

„Das ging aber schnell“, sagte ich.

Sandy grinste. Wir setzten uns an einen Tisch.

„Du siehst melancholisch aus“, meinte Sandy.

„Wenn man pleite ist.“

„ANDAUERND! MUSS SEIN! ICH BRAUCH DAS!“ rief Claude. Er stand am Münzfernsprecher und telefonierte sich um Kopf und Kragen.

Der Tamile mit der Höckernase, der Rosenverkäufer, der gewöhnlich spätabends durch die Innenstadt von Tresen zu Tresen zog, kam zur Tür rein, sah, dass kaum was los war um diese Uhrzeit und schenkte Sandy eine einzelne, in Zellophan verpackte rote Rose. Dann verschwand er wieder, ohne einen Ton gesagt zu haben.

Micks war vom Flipperautomat zurück. Als er sich nach meinem Befinden erkundigte, berichtete ich ihm von den Fertignudeln, die mich seit Tagen ernährten.

„Die Gräfin ist im Urlaub.“,

„Wo?“

„Auf ner Luftmatratze, in der Sonne. Und dir, Micks? Wie isses dir?“

„Ich komm gerade von der alten Kattwinkel.“

„Ist nicht wahr… die lebt noch?“

Die gute alte Frau Kattwinkel. Seit unseren Kindheitstagen führte sie ein unscheinbares kleines Büdchen am Klauberg, das nur Schulkindern und Anwohnern bekannt war. Lediglich ein alter, vom Regen verblasster blauer Schöller Eiskrem-Wimpel im Vorgarten wies den Pfad ums Haus herum, wo ein Schiebefenster in die Kellerräume eingelassen war. Dahinter befand sich der Kiosk, ein über die Jahre gewachsenes, ständiges Provisorium.

Frau Kattwinkels Spezialität: dich totlabern, wenn man auf die Schnelle nur eine Zeitschrift kaufen wollte, die sie nicht im Programm hatte. Das war ihre Spezialität: nichts im Programm haben, was man gern gekauft hätte, und plappern ohne Ende. Darin war sie ein verdammtes Genie.

„Ich saß längst wieder im Auto“, grinste Micks,“ hatte die Scheibe hoch und den Motor am Laufen, aber die Kattwinkel war immer noch am Labern. Ich hab nur genickt und irgendwann Gas gegeben und war weg.“

„Wahrscheinlich ist sie immer noch dran“, sagte ich.

Als Karlos aufs Klo verschwand, fragte mich Sandy: „Warst du beim Zahnarzt?“

„Wieso?“

„Weil du beim Reden den Mund nicht richtig aufmachst.“

„Ich hab Hunger. Vielleicht deswegen.“

Andererseits, ich redete doch kaum. Sie schob mir einen Zehner rüber. Ich dachte nur ein Wort:

PIZZA!

Sandy ähnelte der französischen Schauspielerin Jeanne Moreau und erzählte von ihrer Großmutter, die im Alter von nicht mal sechzig Jahren die Diagnose Alzheimer erhalten hatte. Der Verfall war rapide. Die Großmutter verlor die einfachsten Fähigkeiten. Sie hatte ihr Leben lang geraucht, doch mit einem Mal wusste sie nur noch, dass eine Zigarette beim Rauchen immer kürzer wurde. Als Sandy sie nun am Wochenende besucht hatte, saß die alte Dame am Tisch und hantierte emsig mit der Schere an einer Filterzigarette herum, schnitt sie in viele kleine Stückchen. Dass sich eine Zigarette auch rauchen ließ, um sie kürzer zu kriegen, hatte die alte Dame glatt vergessen.

Schnaat kam aus dem Haus der Jugend, wo er jeden Montag E-Gitarren-Kurs gab. Auch ich hatte Montags im Haus Gitarrenunterricht genommen, 1974, und die Griffe, die ich damals lernte, beherrsche ich heute noch. Doch mir fehlte das wirkliche Talent fürs Musikmachen, es ging nie übers mühsam Erlernte hinaus. Ich war einer der 100.000 kleinen Berti Vogts an der Bluesgitarre, und e-Moll war meine inoffizielle Trauergrätsche.

„Schnaat“, grüßte ich. „Was hast du den Kids heute gezeigt?“

„Wie ein Kinks-Riff geht. All day and all of the night. Kennen die doch gar nicht mehr.“

„Immer noch der wildeste Song der Welt“, sagte ich. „Obwohl, so viel anders als You really got me ist der auch nicht.“

Schnaat zuckte mit der Schulter. Er hatte Feierabend und keine Lust mehr auf Rock’n Roll.

“Trinkst du ein Bier mit?“ fragte er.

Ich trank drei.

Schnaat war nicht nur ein begnadeter Musiker, (seine Soli rasten auf einen bestimmten Punkt zu, und wenn er ihn erreicht hatte, raste er einfach weiter), er sah auch für sein Leben gern alte französische Spielfilme aus den Vierzigern, am liebsten mit Taschendieben, die ihr Handwerk in einer Pariser Schule für Taschendiebstahl erlernt hatten.

Und mit Untertiteln.

In Schwarz-weiß.

Herzklopfen, lief gestern Abend im Dritten. Hast du auch gesehen?“

„Nee“, sagte ich. „Ich hab Hunger.“

„Ich auch“, sagte Schnaat.

Er nahm mich im Auto mit. Wir fuhren zu Wassili: The Best Of Pizzas. Ich bestellte die größte.

„Mit Knoblauch.“

An der Ecke runter zum Kannenhof ließ Schnaat mich raus. Ich im Laufschritt den Berg runter. Der Belag verrutschte in der Pizzaschachtel. Als ich in der Nacht wach wurde, junkerte der Hund im Schlaf und strampelte mit den Beinen. Ich schmeckte einen großen Fleck Knoblauch auf dem Kopfkissen, ging pissen und schlief wieder ein.

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5 Gedanken zu „Sandy anrufen, paar Bier retten

  1. es ist wie ein neuer Ton
    das Jerusalem ..
    Baby Lama nee komm .Baby lasma ..lamaa Baby
    ..-
    achso daily lama ok
    Bremen 2 auch Nordwestradio..
    ich glaub an Kunst.

    schön das du noch leben ….

    Gefällt mir

  2. Wichtige Frage meinerseits: für welche Pizza hatten Sie sich damals entschieden?
    Ich hätte zu Ihrem Erinnerungsbericht noch andere Fragen, aber diese schien mir am unverfänglichsten….
    Mitternächtliche Grüsse aus dem südlichen Bembelland

    Gefällt 1 Person

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