Landläufig eine graue Maus

Sie war Ende Dreißig, Mutter zweier heranwachsender Töchter und etwas pummelig, aber nicht unansehnlich. Sie war es gewohnt, Dinge zu wiederholen, weil die Kollegen nicht richtig hinhörten, wenn sie etwas sagte. Maria war das, was man landläufig eine graue Maus nennt. Aber sie war sanftmütig und den Menschen zugewandt. Wir konnten es gut miteinander.

Wenn sie morgens im Institut erschien, ging sie gleich durch zum Sozialraum und setzte Kaffee auf – für alle. Das hatte sie vom ersten Tag an getan, und seither hielt es jedermann für selbstverständlich, dass Maria den Kaffee für die gesamte Belegschaft kochte. Sie selbst übrigens auch. Wehe, jemand anderes stand morgens am Mocca-Master, wenn sie ausnahmsweise zu spät zum Dienst aufkreuzte. Dann wurde der Brühvorgang kurzerhand abgebrochen und der Kaffee erneut aufgesetzt.

„Besser ist das“, flüsterte es im Hintergrund.

Einmal stieß ich zur Mittagszeit die Tür zum Sozialraum auf. Ich hatte Kaffeedurst und flötete gutgelaunt vor mich hin, das Wochenende stand vor der Tür. Und da ich mir sicher war, allein zu sein, unbeobachtet, ließ ich schön einen fahren. Keine große Sache, eher klein und kompakt – ein schlanker kleiner Knoblauchsoßen-Schleicher vom Vortag, ihr wisst, was ich meine. Keine militante Blähung, kein Straßenkampfgefurze, aber fies im Abgang. Oder, wie die Gräfin es einst so treffend umschrieb:

... ein Gestank, als ob man einem Stinkkäse die Hose aufmacht.

Au weia. Während ich mich durch den Sozialraum bewegte, zog ich den kleinen Stinker wie an einer Leine hinter mir her. Selbst mir als Verursacher wurde es zu aufdringlich, obwohl einem die eigenen Monster sonst sehr nahestehen, aber nicht in diesem speziellen Thunfisch-Knoblauch-Mix-Fall: ich wurde das Tier nicht los.

Und dann, just in dem Moment, wo ich mich dafür entschieden hatte, mir den Furz  galant vom Hintern zu wedeln, sah ich sie im fahlen Februarlicht am Tisch sitzen – in aller Stille.

Maria.

“Oh..!” machte ich.

Sie lächelte.

“Ich dachte..”, setzte ich an.

“Ja”, sagte sie belustigt, “schon gut. Das denken viele, wenn ich im Raum bin… Dass sie alleine sind.”

Welch ein trauriger Satz. Mit einem Augenzwinkern serviert.

Auch ansonsten eine seltsam doppelbödige Situation. Denn obwohl der Mensch im Schnitt 8 mal am Tag flatuliert, lässt er sich dabei nur ungern in die Karten schauen. Und: wer von uns sitzt nicht mal ein Weilchen im Dunkeln und lässt die Welt als Zimmer Revue passieren. Es stand also gewissermaßen eins zu eins zwischen uns, mit leichten Vorteilen für Maria. Dennoch dauerte es seine Zeit, bis diese dumme kleine Angelegenheit endlich aus der Welt war.

Mein Gott, es war doch nur ein bisschen Gas und Einsamkeit.

Volkssport. Ill.: Susanne Eggert

 

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7 Gedanken zu „Landläufig eine graue Maus

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