Popcorn und Espresso

Dass Frauen älter werden, ja natürlich, davon hatte ich gehört. Dass aber auch Frauen an meiner Seite älter werden, davon war nie die Rede. Und dann kehrt sie eines Tages vom Termin bei der Frauenärztin heim, mit einer Schachtel Hormonpflaster, und teilt mir mit, (wo sie schon mal dabei ist), dass sie demnächst ihren fünfzigsten Geburtstag feiere. (Oder schon den fünfundfünfzigsten? Und wie alt bin ich eigentlich? War ich nicht immer zwei Jahre älter als sie?!) Während ich meine Erschütterung so gut es geht zu verbergen versuche, liest sie mir aus dem Beipackzettel vor. Ich weiß nicht genau, was ich davon halten soll, was ich da höre, und lasse es mir übersetzen, möglich kurz, möglich knapp, fürs Männergehirn.

„Hormone… sind Popcorn für die Gebärmutter“, erklärt sie aufgekratzt.

Nicht, dass ich jetzt wirklich Bescheid gewusst hätte, was sie von nun an regelmäßig schluckt, doch jetzt hört es sich wenigstens nach was an: nach Popcorn. Nach großer Oster-Kirmes, nach gebrannten Mandeln und Zuckeräpfel, nach Autoscooter und Stromabnehmer, nach rieselnden Kokusnussbrunnen, nach Blue Hawaii. Nach 58jährigen Jungs und Mädchen, die über den Rummel ziehen und sich gegenseitig necken.

Tja, da sind wir also tatsächlich erwachsen geworden, und wie lange hat das gedauert.

*

Wir haben zwei klassische italienische Espressokännchen zu Hause, die echten Mokakännchen, ein kleines und ein großes. Wenn das große Kännchen auf dem Herd steht und das Kaffeewasser darin zu brodeln beginnt, klingt es ein bisschen wie ein Motorflugzeug hoch über den Wolken. Im Sommer, wenn das Küchenfenster offen steht, bin ich mir oft nicht sicher, ist das nun der Espresso, der gleich fertig ist, oder will da jemand in Ferien?

*

Ich steh auf und sage: „Dieser Satz muss festgehalten werden!“ und suche das neue Notizbuch, das ich heut Nacht angebrochen habe. Ich liebe es, neue Notizbücher anzubrechen. Den ersten Satz zu schreiben, das hat immer etwas feierliches.

„Was ist der erste Satz da drin?“ fragt die Gräfin ab und an, wenn ich ein Notizbuch in der Hand halte, und dann blättere ich zurück und lese den ersten Satz vor. So beginnt das Notizbuch von März/April 2013 zufälligerweise mit einem ihr zugeschriebenen Zitat: „Ich habe die besseren sozialen Sätze als du!“ (Die Gräfin).

Da soll mal jemand behaupten, das Leben sei kein Wettbewerb.

Ein neues Notizbuch ist jedes Mal ein neues Leben, ein Fest für jede noch so bröckelige Handschrift.

*

Sobald ich das Haus verlasse, sorge ich dafür, dass ein Notizbuch in meinen Taschen steckt. Ich gehe niemals ohne Notizbuch aus dem Haus, nicht mal die vier Meter zur Mülltonne. Ich bin zerfressen von der panischen Angst, dass urplötzlich jemand meinen inneren Kreis betritt und mir das Leben erklärt, und dann ist womöglich niemand da, der mitschreibt.

*

Es bedarf eines Kranken, um einen anderen Kranken zu identifizieren.

*

Je nach Verfassung, bin ich ein hoffnungsloser Hypochonder. Letztens treffe ich den Belgier in der Stadt. Er sieht abgekämpft und blass aus. Da ihm ein Großteil der Zähne fehlt, er aber keine Lust hat, die Prothese einzusetzen, schwimmen seine Worte durch den Mund, wenn er ihn aufmacht und redet. Ohne Zähne fehlt das Handwerkszeug, das man braucht, um Punkt und Komma zu setzen, es gurgelt wie ein Ertrinkender. Aber er ist ein Kämpfer. Er fängt sich. Er hört seinem eigenen Geplansche zu und reißt sich zusammen.

Er war vier Wochen im Krankenhaus, erzählt er, nachdem er mich mit einem etwas zu lauten, zu begeisterten „He, lebst du auch noch!?“ begrüßt. Ich habe das Gefühl, dass er mit dieser Frage nur auf meine prompte Gegenfrage „Und du? Lebst du auch noch?“ spekuliert, was mich irgendwie nervt. Andererseits ist es menschlich. Ich entscheide mich für menschlich und bleibe ein, zwei Minuten stehen.

Vier Wochen im Krankenhaus also, Im Städtischen. Er war zu Hause umgekippt. Einfach so. Von jetzt auf gleich. Schwarzes Loch, bewusstlos. Als er aufwacht, ruft er den Rettungswagen, dann verliert er wieder das Bewusstsein. Die Sanitäter und der Hausmeister brechen die Tür auf, um an ihn ranzukommen. Gut. Nach einer Woche in der Klinik will man ihn entlassen, hoher Blutdruck, Herz kaputt, doch schon am Vorabend beginnt es bei ihm zu kribbeln. Im Nackenbereich, am Bauch. Er hat sich eine Gürtelrose eingefangen. Statt der Entlassung warten 21 Tage auf Quarantäne.

„War aber okay. Ein Zimmer ganz für mich allein, Kabel-TV, was willst du mehr.“

Er krempelt den Ärmel hoch und zeigt mir einige verkrustete Stellen.

„Das hat gejuckt, ich hab mir den Teufel gekratzt.“

„Von der Gürtelrose?“

„Ja sicher.“

„Ist das ansteckend?“

„Nee,  nicht mehr. Nur die ersten Tage.“

Trotzdem. Wir hatten uns kurz die Hand gereicht zur Begrüßung. FEHLER rast es durch meinen Kopf. Die Krusten sehen aus wie fiese Einstecktücher. Als ich zu Hause bin, juckt es mich schon überall.

Wasser!

*

„Weißt du was? Du bist ein Springer“, sagte sie und nahm einen Schluck heißen Espresso.

Es hatte über Nacht geregnet, Wasser tropfte von der Zeltwand. Wir lagen schön gemütlich im Schlafsack, mit krümelnden Croissants vom Vortag und dem frisch gekochten Kaffee.

„Ein Springer..? Wieso? Was meinst du?“

„Na ja. Jahrelang machst du gar nichts, du liegst Amok im Bett, du verknöcherst, du kriegst Atemnot vor lauter Nichtstun, und dann, urplötzlich – innerhalb von Tagen – krempelst du dein ganzes Leben um.“ Sie klopfte drei Mal gegen die Zeltstange am Kopfende „Sa-gen-haft.“

„Mh.. ist wahr?“

„Nö. Aber du könntest so sein. Du könntest ein Springer sein.“

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Ein Gedanke zu „Popcorn und Espresso

  1. „Rein und dumm wie weißes Papier“ …, da bleibt nur noch die Frage: blanko, liniert oder kariert?
    Das Notizbuch: Die Chronik der (weg-)laufenden Ereignisse.

    Gefällt 1 Person

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